Translate/Übersetzung

Sonntag, 15. Januar 2017

Das »ICH« in tausend Gestalten – Philipp Stölzls »Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May« im Staatsschauspiel Dresden

Quelle

»Oh, it’s something totally different!«
Der sympathische Albaner mit den markanten Gesichtszügen, der Wollmütze und dem Dreitagebart lacht, als ich ihn nach dem Unterschied zwischen dem soeben gesehenen nagelneuen Theaterstück »Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May« und den neuen Winnetou-Filmen frage. Und recht hat er. Es ist etwas ganz anderes. Ich habe ihn kurz vorher im Foyer des Staatsschauspiels in Dresden (=> Homepage) gesehen und angesprochen, denn er ist ja seit kurzem kein Unbekannter mehr und seit Weihnachten 2016 in aller Munde: Nik Xhelilaj (*1983), der neue Winnetou. Wir unterhalten uns auf Englisch. Das Deutsch des so smarten und bescheiden auftretenden Stars ist noch nicht so gut. Xhelilaj betont immer wieder, dass er Karl May vorher gar nicht kannte und immer noch nicht wirklich kennt. Er hat in Tirana Schauspiel studiert und in der Türkei in Jugendfilmen und Soaps einige Erfolge verbuchen können. Regisseur Philipp Stölzl (*1967) hat ihn eingeladen, der den dreiteiligen Fernsehfilm »Winnetou - der Mythos lebt« genauso zu verantworten hat wie die aktuelle Theaterproduktion, bei deren Uraufführung ich nun dabei sein durfte. Und noch einmal Karl May (1842-1912)? Darüber wird an anderer Stelle noch zu reden sein. 

Quelle


Wie bereits schon 2014 bei der Karl-May-Oper »Raum der Wahrheit« von Manos Tsangaris (*1956; => Homepage) und Marcel Beyer (*1965; Büchner-Preisträger 2016) bin ich eigens dafür nach Dresden gereist und diese Fahrt hat sich wirklich gelohnt. Nicht nur, dass ich zufällig direkt neben Philipp Stölzl zu sitzen kam und somit die Ehre hatte, an seiner Seite, zur Rechten des Regisseurs also, die Inszenierung verfolgen zu können, nein, ich denke, ich habe das wohl beste Stück seit Jahren gesehen. Und ich komme nun wirklich selten ins Schwärmen. Denn Schwärmen hat immer so etwas Zweischneidiges an sich. Denn lobt man zu sehr, gerät man leicht in den Ruf, in irgendeiner Art und Weise befangen und nicht mehr objektiv zu sein. Man wird in eine Schublade mit all denen gesteckt, die nur um des eigenen Vorteils willen eine Laudatio oder einen Verriss schreiben und nicht um des Stücks und der Kunst willen, wie es ja eigentlich sein sollte. Darüber hinaus ist das Aufdecken vieler negativer Aspekte immer einfacher zu fassen als das Beschreiben eines nahezu perfekten Projekts.
 


Dennoch, so viel sei schon von vornherein gesagt, es war einfach großartig. Es hat eine Menge in mir bewegt, mich wieder mit vielen Dingen rund um Karl May versöhnt und somit, und das halte ich für das Wichtigste überhaupt, mir nach all den Jahren wieder einmal ganz bewusst vor Augen geführt, was mich an den Werken und dem Leben des großen sächsischen Volksschriftstellers so begeistert und fasziniert, dass ich ihm, mit einigen wenigen Unterbrechungen, seit frühester Kindheit die Treue halte. Denn wie schrieb Karl May einst so schön:
»Zufall oder Schickung? Lieber Leser, was von diesen beiden ist wohl richtig? Hoffentlich gehörst du nicht zu denjenigen, welche an den ersteren glauben, sondern zu denen, welche wissen, daß, wie die heilige Schrift sagt, kein Haar ohne ›Seinen‹ Willen von unserem Haupte fällt.« (KMW-IV.26, 323) 
Doch schön der Reihe nach.
 

»Man wird noch ganz andern und viel größeren Unsinn über mich schreiben und auch drucken; (...) Ich fordere aber, dass der, welcher mich kritisiert, mich nicht nur gelesen, sondern studiert hat, und zwar von der ersten bis zur letzten meiner Arbeiten, die so organisch zusammenhängen, dass sie nur im Ganzen zu beurteilen sind.« (May, Karl: May gegen Mamroth. Antwort an die ›Frankfurter Zeitung‹. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974, Hamburg 1973, S. 131-152 (135)))
»Studiert« haben die Macher des Stücks ihren May ganz hervorragend. Neben Stölzl, der die Idee lieferte und die Regie übernahm – seine zweite May-Arbeit nach dem Weihnachtsdreiteiler –, fungiert der Komponist, Dramaturg und Dirigent Jan Dvořák (*1971; => Homepage) als Autor des Stücks. In Zusammenarbeit mit Heike Vollmer (Bühne; => Homepage), Kathi Maurer (Kostüm; => Homepage), Thomas Mahn (Musikalische Leitung), Michael Gööck (*1959, Licht; => Homepage), Beate Heine (*1964) und Julia Fahle (*1985) (beide Dramaturgie) legt man hier eine weit ausgreifende, am May’schen Originaltext – sowohl Werk als aus Briefwechsel und entsprechende andere Quellen mehr – ausgerichtete, von menschlichem Verständnis für den aus armen Verhältnissen stammenden Autor zeugende, zutiefst gereifte Verdichtung seines Lebens und Strebens vor, in der alles glückt, weil alles stimmt.
 
Quelle



Zeitlich orientiert man sich am Zeitraum 1890 bis 1912. Man zeigt »Dr.« Karl May auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft genauso wie auf dem »absolut highest peak of his decline«, um ein Wort des berühmten amerikanischen Musikers Leonard Bernstein (1918-1990) zu bemühen. Dabei verbeugt man sich vor den großen Vorgängern in der Aufarbeitung des Lebens von Karl May – wie zum Beispiel Hans-Jürgen Syberberg (*1935), dessen Kunstfilm »Karl May« (1974) direkt in der Eröffnungssequenz eine bildliche Reminiszenz erfährt – genauso, wie vor berühmten filmischen Umsetzungen seiner Werke im Allgemeinen.



Das Grundkonzept bildet hierbei das Ineinandergreifen von literarischer und biographischer Realität, das zu einem Sud von phantastischen Ereignissen collagiert, der nicht nur den Autor May, sondern auch sein Umfeld, insbesondere seine erste Ehefrau Emma, geborene Pollmer (1856-1917), in den Strudel des depressiven, desperaten Wahnsinns zieht. Denn der Ich-Erzähler Karl May ist nicht nur eine einzelne authentische Person, er erschafft sich immer wieder in anderen Rollen neu. Wer ist also dieser Karl May und wenn ja, wie viele, muss man in Anlehnung an Richard David Precht (*1964; vgl. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?, Goldmann: München 2007) fragen. Ist er tatsächlich ein pseudologischer Phantast und wenn, wie äußert sich das sogenannte Münchhausen-Syndrom bei ihm? Wie stellt man so etwas dar, wenn der Protagonist Realität und Phantasie nicht mehr wirklich auseinanderzuhalten vermag? Ein ähnliches Konzept verfolgte ich bereits 2012 mit meiner szenischen Collage »Rosensieg. Der Tod Old Shatterhands«, die ich anlässlich des Karl-May-Gedenkjahres schrieb, und die den Todestag Mays zeigt.



Alles beginnt im Nebel seiner Reiseerzählungen mit der Eröffnungssequenz von Band 1 »Durch die Wüste« und endet auch wieder im Nebel, allerdings dieses Mal im mystischen Nebel des »trivial verklärten Sterbens« (Hart Nibbrig, 1995). Karl May stirbt in Winnetous Armen dessen Tod, genauso wie früher in der Handlung Winnetou in seinen Armen. Er wird also noch im Tod von seiner eigenen idealisierten Schöpfung umfangen. Eine herrliche, tiefbewegende Idee, die die Schlusssequenz des Syberberg-Films zunächst konterkariert, dann aber überhöht und zu neuen »lichten Höhen« führt.
 
Quelle



In dieses literarisch-phantastische Geschehen greift die harte biographische Wirklichkeit auf zwei Arten ein: zum einen entpuppen sich die literarischen Gegner als wirkliche und wahrhaftige Feinde, die sich leider nicht so leicht abschütteln oder besiegen lassen, wie in seinen Büchern – auch hier zeigt das Stück die berühmte Schmetterfaust Old Shatterhands in geradezu zynischer Überspitzung, wenn damit seine Gegner scheinbar zu Boden gestreckt werden –, und zum anderen ist da sein Arbeitszimmer und seine realen Gegebenheiten, die sich aus dem Bühnenhinterhalt an seine erdachten Seelenhandlungen anschleichen und ihn so immer wieder in seinem andauernden Phantasietrip unterbrechen.
 
Quelle



Die große Tragik dieser letzten Lebensjahre, die durch die schockierende Wirklichkeit der Orientreise 1899/1900 eingeleitet wird – der Orient stinkt, aus Hassan wird Seijid Omar –, sich in der Trennung von Emma entlädt, die letzten großen Kämpfe, die gegen seine juristischen Gegner in zahllosen Prozessen geführt werden – auch das wird famos und brillant inszeniert, indem ihn seine Gegner einkesseln, seine Erklärungen, seine »Beichte« verlachen und ihm seine Bücher, seine Werke, gerade zu um die Ohren hauen – und schließlich der größte Triumph, des todkranken Dichters, sein Vortrag »Empor ins Reich der Edelmenschen«, den er im Wiener Sophiensaal am 22. März 1912, acht Tag vor seinem Tod, hält, alles ist enthalten, alles entfaltet sich und bleibt dabei doch keine zusammenhanglose und somit zur Belanglosigkeit verdammte Aufzählung von Fakten, sondern vermischt sich zu einem großen (Alp)»Traum eines Lebens«, zum »Leben eines Träumers« (Battaglia, 1931), eines Phantasten, »des (vor)letzten Großmystikers unserer Literatur« (Schmidt 1956/1957), des ICHs in tausend Gestalten (vgl. Joseph Campbell (1904-1987): Der Heros in tausend Gestalten, 1949).



Dieses szenisch-dialogische Grundgerüst geht dann eine wunderbare Symbiose mit der Musik ein, die ja auch des Dichters große Leidenschaft war. Es sind neben dem deutschen Volkslied »Kein schöner Land in dieser Zeit« (1840) vor allem sein »Ave Maria« (1883), das, von einem »Männergesangverein« (Jörg Birkenbusch, Peter Cassier, Albrecht Ernst, Tobias Ernst, Julius Evers, Andreas Hubricht, Friedemann Jäckel, Oliver John, Hartmut Kunze, Dieter Leffler, Robert Müller, Thomas Sauer, Martin Zitzmann) auf der Bühne stimmlich hervorragend intoniert, die Gestaltung einzelner Szenen intensiviert und von einem melancholisch-rauen Solocello (Christoph Hermann, Dietrich Zöllner), das die Erinnerung an Ernest Blochs (1880-1959) Rhapsodie »Schelomo« (1916) wachruft, unterstützt wird. Ebenso erklingt, leider nur kurz, eine Vertonung des Gedichts »Kennst du den unergründlich tiefen See«. Ähnlich wie bei Richard Wagner (1813-1883) ist aber die Musik hier nicht bloße Begleitung. Sie kommentiert vielmehr leitmotivisch das Geschehen, mal ironisch, mal dramatisch, ganz im Stil des Chores der Griechischen Tragödie. Sophokles, Aischylos und Euripides hätten ihre helle Freude daran gehabt.



Viel zu verdanken hat das Stück natürlich den Schauspielern, die alle, ohne Ausnahme, ganz ausgezeichnet aufgelegt waren und eine wirkliche Glanzleistung abgeliefert haben. Sie spielten so frisch und intensiv, dass dieser doch im eigentlichen recht trockene und ernste Stoff dem Publikum so manchen lauten Lacher entlockte und auch leicht und natürlich den gegenteiligen Katharsis-Effekt, freilich ohne zu dick aufzutragen, erzeugen konnte.


Als Dr. Karl May glänzte der 1963 in Pirna geborene deutsche Schauspieler Götz Schubert, der auch aus vielen Film- und Fernsehproduktionen bekannt ist, und dem man den Karl May in jeder Minute, ohne zu zögern, abnahm. Er war so sehr in der Rolle, dass er noch im Schlussapplaus den May nicht wirklich ablegen konnte.
 
Quelle



Im zur Seite standen Nele Rosetz (*1972) als verstörte, unglückliche Emma May, geborene Pollmer, die das pathologische Moment der ersten Ehefrau Mays differenziert herausarbeitete, Laina Schwarz (*1982; => Homepage) als jugendlich frische Klara May, verwitwete Plöhn, die eine gewisse Hörigkeit dem alternden Dichter gegenüber geradezu unschuldig mimte, Ahmad Mesgarha (*1963; => Homepage), der als Winnetou in der eigentlich recht kleinen Rolle doch eine schier überwältigende Bühnenpräsenz besaß und einen echten, wahren, ultimativ may’schen Winnetou verkörperte und darüber hinaus stimmlich sehr passend agierte, sowie in weiteren Rollen als Sadek, Polizisten, Kritiker, Wirt, Fotograf, Hadschi Halef Omar usw. Sebastian Pass (*1977; => Homepage), Simon Käser (*1986) und Alexander Angeletta (*1990). Minutenlanger begeisterter Beifall belohnte dann auch die große schauspielerische Leistung der Darsteller, die immer wieder herauskommen mussten, um im frenetischen Applaus ihres Publikums zu baden.
 
Quelle



Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es doch möglich ist, Karl May als ernsthafte und ernstzunehmende Bühnenfigur auf dem Theater zu etablieren und dass man es so anstellen kann, dass es frisch, dynamisch und attraktiv so ans Publikum gebracht wird, dass es diesem zu keinem Zeitpunkt während der ohne Pause durchgespielten zwei Stunden langweilig wurde, und, was noch viel wichtiger ist, dass es von jedermann gut verstanden werden konnte, nicht nur von Karl-May-Fachleuten, was wiederum das Interesse an Person, Leben und Werk neu wecken bzw. steigern dürfte.

mit Nik Xhelilaj


Philipp Stölzl ist hier ein absolutes Meisterwerk geglückt, dass allerdings nach reiflicher Überlegung und einigermaßen kritischer Betrachtung die Frage aufwirft, welchen Stellenwert die drei neuen Winnetou-Filme im Schaffen eines derart genialen Regisseurs in Zukunft einnehmen werden, die ja, abgesehen mal davon, dass sie natürlich eine ganz andere Kunstform darstellen, vom Niveau und der Qualität meilenweit von dem entfernt sind, was er mit »Der Phantast« auf die Beine gestellt hat. Meine diesbezügliche Frage quittierte Stölzl im Anschluss an das Stück mit einem süffisanten Lächeln und der kryptischen rhetorischen Frage »Vielleicht sollte ich doch besser Theaterregisseur werden?«, wonach er hochzufrieden, wie es schien, sich in die Premierenfeier verabschiedete.



Die kleine Gruppe von Karl-May-Freunden, die sich im Anschluss noch auf einen Absacker stilecht in der Karl-May-Bar traf, und der ich mich spontan anschloss, war sich jedenfalls absolut einig und voll des Lobes. Geäußert wurde auch die Hoffnung, dass dieses Stück bitte auf Tournee durch ganz Deutschland und das deutschsprachige Ausland gehen möge, denn das haben die Macher und die Darsteller sich verdient. Und wenn, angesichts unserer unverdrossen regietheaterversessenen modernen Theaterlandschaft ein solches Stück keine Chance erhielte und keinen großen Zuspruch erführe, dann wäre das nicht nur sehr schade, es wäre ganz allgemein kein gutes Aushängeschild für die bedrohte Kulturinstitution Theater. Hoffen wir, dass dieser Wunsch Gehör findet und man dieses Stück bald schon auf vielen Bühnen wieder und immer wieder zu sehen bekommt.