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Dienstag, 7. März 2017

Das verschleierte Ende der Geschichte – James Mangolds »Logan – The Wolverine«

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»Logan – The Wolverine«, der zehnte Teil der X-Men-Filmreihe ist in vielfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes. Nicht nur dass das römische X für die Zahl 10 steht und somit auf den zehnten Teil hinweist, sondern dass James Mangolds (*1963) zweite Regiearbeit in der X-Men-Filmreihe auch gleichzeitig ein einzigartiger, brutal-dystopischer Abgesang an den Homo-superior-Mythos ist, der von seinen Hauptdarstellern geradezu »gefeiert« wird. Ob der Stoff allerdings das Zeug zu einer waschechten Apokalypse mit biblischem Subtext hat, wie es der eigens für den Soundtrack ausgewählte Song »The Man Comes Around« von Johnny Cash (1932-2003) aus dem gleichnamigen Album »American IV: The Man Comes Around« (2002) suggeriert, soll im Folgenden einer der Schwerpunkte meiner Betrachtungen sein.
 
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Der Song thematisiert das letzte Buch des Neuen Testaments der christlichen Bibel, die »Geheime Offenbarung des Johannes/Apokalypse« und darin insbesondere die vier »apokalyptischen Reiter« (1. Sieg, Reinheit, Gerechtigkeit, 2. Blut, Tod, Kriege, Kriegswaffen, Gewalt, 3. Tod, Hunger, 4. Furcht, Krankheit, Tod) und ihr Handeln, was sich im Tun der Menschen manifestiert. Der Text dieses Songs steht im Folgenden im Originalenglisch und soll diese Besprechung immer wieder gliedernd unterbrechen, um die Bezüge zu verdeutlichen.

»And I heard as it were the noise of thunder.
One of the four beasts saying »come and see«,
and I saw, and behold a white horse.«

Am apokalyptischen Anfang steht das katastrophale Ende in nicht allzuferner Zukunft: El Paso, Texas, 2029. Die Welt steht an ihrem vielbeschworenen, zeitgenössisch-dystopischen Abgrund. Alles ist zerstört, die Schöpfung, wie wir sie kennen, versinkt, wie es sich für ein ordentliches Endzeitszenario gehört, in Ruinen. Nach all dieser Zeit ist die Mutantenfrage immer noch im Alltag präsent, dergestalt, dass es eine Vernichtungsjagd auf alle X-Men gegeben hat, die auch größtenteils erfolgreich verlaufen ist. Die wenigen Überlebenden haben sich in den Untergrund zurückgezogen.

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Ein geheime wissenschaftliche Organisation – natürlich, was auch sonst? – unter der Leitung von Dr. Zander Rice (Richard E. Grant, *1957) und dessen ausführendem Arm Donald Pierce (Boyd Holbrook, *1981) stellt in wissenschaftlichen Experimenten künstlich erzeugte, modifizierte Mutantenkindern her, die allerdings nicht wie Menschen, sondern wie Dinge behandelt werden sollen, eine pervertierte Form des Kaspar-Hauser-Versuchs, eben nur auf Mutanten und genetisch fertilisierte Menschen bezogen. Man erhofft sich Erkenntnisse, die auf der Einstellung basieren, dass die Kontrolle des Phänomens besser ist als dessen Ausrottung. Denn es gilt, den perfekten Soldaten herzustellen. Auch das kommt dem medienerfahrenden Zuschauer von heute alles andere als neu vor. Wozu man allerdings in einer derart am Zahnfleisch gehenden ausgebrannten Welt überhaupt noch Soldaten braucht, bleibt ebenso offen. Aber Apokalypsen folgen ja oft einer eigenen Logik, die sich nicht unbedingt jedem erschließen muss.

»There’s a man going around taking names, 
And he decides who to free and who to blame.
Everybody won’t be treated all the same.
There will be a golden ladder reaching down
When the man comes around.«

»Leck mich, Logan!« Der einst so mächtige, unverwundbare und unsterbliche Logan alias The Wolverine (Hugh Jackman, *1968) ist in die Jahre gekommen. Seltsamerweise altert er und seine Wunden schließen sich nicht mehr so gut und so schnell wie früher. Die Antwort darauf, warum das so ist, bleibt der Film schuldig. Wie viele andere Antworten auch. Vielleicht, weil eine entsprechende Begründung im Rahmen der Figur und ihrer bisherigen Geschichte unlogisch wäre, doch das ist reine Spekulation. Logan fährt in einem 24er Chrysler zwischen Texas und Mexiko hin und her.

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Dort, jenseits der Grenze hat er sich eines alten Mitneuzigers angenommen, mit dem ihn eine besondere Geschichte verbindet. Charles Xavier (Patrick Stewart, *1940), wird von ihm, an einer seltsamen unheilbaren Krankheit leidend, in einem Tank versorgt und gepflegt. Wie es zu dieser Erkrankung gekommen ist und was es genau damit auf sich hat, ist ebenfalls etwas, was der Film offenlässt, was natürlich viel Raum für Fanspekulationen gibt. Und das ist marketingtechnisch und verkaufsstrategisch ja auch so gewollt.

»The hairs on your arm will stand up
At the terror in each sip and in each sup.
Will you partake of that last offered cup?
Or disappear into the potter’s ground
When the man comes around?«

»Niemand sollte allein in einem Tank leben müssen!« Der einst so bedeutende und mächtige »Professor X«, ehemaliger Leiter der »School for gifted Youngsters«, ist ein Wrack, körperlich wie seelisch. Er vegetiert vor sich hin, er, das vielleicht »gefährlichste Gehirn der Welt«, leidet an einer degenerativen Erkrankung (der deutsche Wikipedia-Artikel spekuliert auf Alzheimer, aber das ist nichts anderes als eben eine Vermutung, die durch nichts belegt ist) seines wichtigsten Organs und Instruments. Er hat Anfälle, mit denen er seine Umgebung in die Knie zwingt, die er aber nicht oder nur dank gewisser Medikamente kontrollieren kann. Um welche Medikamente es sich handelt und wie diese wirken, bleibt nebulös.

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Logan beschafft diese Medikamente nicht nur, er sorgt auch dafür, dass der Professor diese Medikamente nimmt, jedenfalls meistens. Er wird dabei unterstützt von Caliban (Stephen Merchant, *1974), einem nach einer Figur aus Shakespeares »Der Sturm« benannten Mutanten, dessen Kräfte – die Fähigkeit, andere Mutanten aufzuspüren, und übermenschliche Kraft – zunächst nicht erkennbar sind. Er ist ein Albino und wirkt mit seiner weißen, anämischen Hautfarbe und seinem Äußeren wie »Nosferatu unter Deck«, besitzt aber beileibe nicht das Wesen des berühmten Vampirs. Er taucht bereits im neunten Teil der X-Men-Reihe auf, wird in »X-Men: Apocalypse« (2016) allerdings von Tómas Lemarquis (*1977) verkörpert.

»Hear the trumpets, hear the pipers.
One hundred million angels singing.
Multitudes are marching to the big kettledrum.
Voices calling and voices crying,
Some are born and some are dying.
It’s Alpha and Omega’s kingdom come.«

»Früher war ein Scheißtag einfach nur ein Scheißtag.« Die Isolation ist Gift für den Professor, dessen Gehirn von Rice und Pierce als der Prototyp einer Massenvernichtungswaffe angesehen wird und somit extrem interessant und erstrebenswert ist. »Professor X« ist für die beiden Bösewichte bis dahin nur eine Legende, jemand, von dem sie zwar wissen, aber eben nichts Genaues und vor allem nicht, wo er zu finden ist. Dafür haben Logan und Caliban gesorgt.

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Doch da tritt ein junges Mädchen in das Leben der Altmutanten: Laura Kinney alias X23 (Dafne Keen, *2005). Laura ist ein im Labor gezüchteter, weiblicher Klon von Wolverine. Sie hat statt drei nur zwei Krallen an den Händen, dafür aber eine zusätzliche Kralle, die sie aus ihrem Fuß wachsen lassen kann, natürlich ebenso mit Adamantium überzogen, wie bei Wolverine. Laura ist durch die Hilfe des Pflegepersonals in der Einrichtung, in der sie mit anderen Mutanten »gezüchtet« wurde, vor einer »Säuberungsaktion« gerettet worden und nun auf der Flucht. Ihre Pflegerin gibt sich als ihre Mutter aus und sucht den Kontakt zu Logan, den sie als Wolverine anspricht und den sie um Hilfe bittet, die dieser zunächst ablehnt.

»And the whirlwind is in the thorn tree,
The virgins are all trimming their wicks.
The whirlwind is in the thorn tree,
It’s hard for thee to kick against the pricks.«

»Sie ist nicht mein Kind, aber ich liebe sie! Sie lieben sie vielleicht nicht, aber sie ist ihr Kind!« Diese Behauptung der »Mutter« Lauras wird nach deren Ermordung zum zentralen Konflikt des Films. Logan will seine Vaterrolle zunächst nicht akzeptieren, und auch das bekannte Zitat aus Star Wars »Es ist noch Gutes in Ihnen!« will da zunächst nicht greifen. Er philosophiert lieber mit dem Professor über die Stellung der X-Men in der Schöpfung: »Sind wir Gottes Fehler oder ein Teil von Gottes Plan?« Dabei ist Lauras Kampfkraft und ihre konditionierte Kaltblütigkeit und Grausamkeit in Kombination mit ihrem Überlebenswillen beispiellos und sie rettet die Altmutanten mehrmals aus tödlichen und schier aussichtslos erscheinenden Situationen, obwohl es doch eigentlich anders herum sein müsste. Doch auch hier stellt die Zukunft die Vergangenheit bildlich gesehen auf den Kopf: das Kind rettet die Erwachsenen.

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Sie ist auch die treibende Kraft, die den sich ständig innerlich und äußerlich verweigernden, über den gesamten Handlungszeitraum des Films sterbenden Helden Logan dazu bringt, etwas zu tun, was völlig gegen seine erwachsene Einschätzung geht: er macht sich wider besseres Wissen mit ihr und Charles Xavier auf den Weg nach »Eden«. Im übertragenen Sinn gesehen, sucht er, wenn auch widerstrebend, bereits zu Lebenzeiten nach dem Paradies, in das ihn theologisch folgerichtig nur ein Kind führen kann – »Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« (Mt 18,3b) –, wenngleich auch ein Kind, das mit der Brutalität und Abgeklärtheit eines Erwachsenen vorgeht, um sein Ziel zu erreichen.

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Mit Xavier freundet Laura sich schneller und leichter an, nur mit Wolverine ist es kompliziert. Seine Vaterschaft, auch wenn sie nur auf rein genetischer Basis vorhanden ist, anzuerkennen, ist die zentrale Krise des titelgebenden Helden, dessen Ego, um mit Christopher Vogler zu sprechen, schon vor Beginn des eigentlichen Films gestorben ist.

»Til Armageddon, no shalam, no shalom.
Then the father hen will call his chickens home,
The wise man will bow down before the throne.
And at his feet, they’ll cast the golden crowns,
When the man comes around.«

»Niemand verändert sich wirklich!« Das Böse gewinnt hier zwischenzeitlich durch erzwungenen Verrat und rechtfertigt das mit der Behauptung, dass jeder Mensch im Kern immer derselbe ist, sich, so gern er das auch möchte, nicht wirklich verändert, sondern das bleibt, was er einmal war. Eine zugegeben zwanghafte und fatalistische Sicht der Welt, die immer zweckgebunden bleibt und sich die freiheitliche Selbstbestimmung des Menschen und dessen seelische Entwicklung unterjochen will. Sie ist in diesem Kontext teuflisch, weil Jesu Botschaft eindeutig die Entscheidungsfreiheit des Menschen als höchstes Gut selbst über den Willen Gottes stellt (vgl Mt 19,22).

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Die Schatten der pseudologischen Wissenschaft sind dem ungleichen Helden-Trio dicht auf den Fersen und bemächtigen sich Calibans, den sie durch Folter dazu bringen – wieso drängt sich mir hier wohl bei einem amerikanischen Film direkt der Vergleich mit Guantanamo auf? –, dass er den Aufenthalt der Gesuchten erspäht und an sie verrät. Auch für Caliban bleibt letztlich nur der Tod in Form der Selbstopferung, um sich von der Folter und seiner Schwäche, seinem Verrat, reinzuwaschen.

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Charles, Laura und Logan haben sich eine Auszeit gegönnt, da sie unterwegs einer Familie bei einer Panne auf der Interstate geholfen haben. Diese Familie lädt sie zum Abendessen und zum Bleiben ein. Die drei erfahren ein allerletztes Mal in ihrem Leben das, was sie nie wirklich hatten und was ihnen doch so teuer ist: Normalität und eine Familie.

»Whoever is unjust, let him be unjust still.
Whoever is righteous, let him be righteous still.
Whoever is filthy, let him be filthy still.
Listen to the words long written down
When the man comes around.«

»Wut ist nicht anerziehbar.« Logan hilft dem Familienoberhaupt bei Nachbarschaftstreitigkeiten. Charles schläft unruhig in einem Zimmer des Hauses in einem normalen Bett und kann das alles gar nicht genießen, weil er sich in Schuldgefühlen suhlt. Er glaubt, das alles nicht zu verdienen. Doch diese Schönste aller Nächte, die er zu verbringen glaubt, endet tragisch.

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Die Organisation hat das Farmhaus gefunden. X24, eine jüngere originalgetreue Kopie von Wolverine, ein jüngerer Klon von Logan, der durch eine unstillbare und ungebändigte Wut angetrieben wird, tötet Xavier und ermordet anschließend die ganze Familie. Nur Laura und der später hinzugekommene Logan können sich des Monstrums durch ein Adamantiumgeschoss vorübergehend entledigen.

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Beim Kampf wird Logan allerdings so schwer verletzt, dass Laura ihn zu einem Arzt bringt. Wider den Rat des erfahrenen Arztes setzt Logan am nächsten Tag mit Laura den weiteren Weg nach »Eden« fort. Egal, was auch passiert, das Streben des Menschen nach dem Paradies ist ungebrochen und unbezwingbar. Die Seele setzt dafür den Körper aufs Spiel, ähnlich einem Reiter, der sein Pferd zu Tode hetzt. Ein mehr als apokalyptisches Motiv, denn das Weltende mündet in der Verklärung des Lebens im Reich Gottes beziehungsweise im Hervorbringen neuen Lebens, im Schließen des ewigen Kreislaufs von Geburt und Tod, von Leben und Sterben.

»In measured hundred weight and penny pound,
When the man comes around.«

Am katastrophalen Ende steht die Offenbarung als hoffnungsvoller (Neu-)Anfang. Das offene Ende suggeriert den gerade erwähnten ewigen Kreislauf des Lebens und des Schicksals, sofern man denn an ein solches glaubt. Die Mutantenkinder entkommen über die Grenze, wie es mit ihnen weitergehen wird, bleibt ungewiss. Die Organisation, die sie verfolgt hat, wird zurückgeschlagen, aber ob sie endgültig besiegt wurde, ist keineswegs sicher.

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Wolverine stirbt, nachdem er durch ein Elixier für kurze Zeit noch einmal seine alte Kraft und Stärke erlangt und entscheidend zur Rettung seiner Mutantenschützlinge beigetragen hat, einen heldenhaften Tod. Besiegt wird er lediglich von X24 und seiner »Altersschwäche«, also letztlich durch sich selbst. Wolverine hat sich selbst überlebt, hat sich, wie es sich gehört, im übertragenen Sinn verjüngt, in eine bessere Extended Version verwandelt.

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Mit dieser Gewissheit geht er, auf einen Baumstumpf inmitten einer grünen, fruchtbaren Waldatmosphäre gespießt, und auf diesem Bett aus lebendiger Hoffnung als seinem Sterbebett bekennt er sich zu seiner Tochter und seine Tochter sich zu ihm, was den zentralen Konflikt wohltuend aber erwartungsgemäß tröstend auflöst. Es ist wie ein Versprechen, was beide einander geben, wie einer Staffelstabübergabe an der Ziellinie, also ein wahres und echtes Erlösungszeichen für Wolverine und in gewissem Sinne auch für Laura, die einen wichtigen Schritt auf dem Weg hin zu ihrer Selbstfindung getan hat.



Die Tochter begräbt den Vater in der fruchtbaren Erde des Waldes und ihre letzte Handlung ist, dass sie in ihrer Trauer das christliche Kreuz, was aus zwei lose zusammengeschnürten Ästen am Kopfende von Logans Grab errichtet wurde, umkippt und als X stehenlässt. Eine deutungsschwere und gewichtige Geste, sich in tiefster Trauer auf das zu besinnen, was der Verstorbene im Leben gewesen ist und wofür er stand. Ein Bekenntnis nicht nur zum Wesen des Vaters, sondern auch zum eigenen Ich.



»And I heard a voice in the midst of the four beasts,
and I looked and behold, a pale horse.
And his name that sat on him was Death, and Hell followed with him.«

Die theologisch bedeutsame Umdeutung des christlichen Kreuzes durch Schrägstellung zum X, ist neben seiner erneuten, nun auch bildlichen Betonung des X. also 10. Films der Reihe natürlich in mehrfacher Hinsicht interpretierbar. Den ewigen Pessimisten in uns bestätigt diese Umwandlung sicherlich in der Ansicht, dass das Christentum mit all seinem Gerede von Menschenliebe, Barmherzigkeit und Glauben an eine höhere Gerechtigkeit endlich gescheitert und ad absurdum geführt worden ist. Das Gute hat am Ende strenggenommen ja nicht gesiegt, das große Ziel, das »Eden« (vgl. 1 Mose 2.3) genannte Paradies für Mutanten, das ja nach Auffassung Logans eine bloße Comic-Idee, eine Erfindung war, wird nicht erreicht. Das Unsterbliche, das Unverwundbare, stirbt mit Logan den tragischen Heldentod.



Den Optimisten hingegen steht das X für den hoffnungsvollen Neuanfang. Die misshandelten und malträtierten Jungmutanten, die künstlich erschaffen worden sind, haben überlebt, die X-Men sind folglich nicht ausgelöscht. Der Einsatz Logans und des Professors war nicht umsonst. »Das Zeichen unserer Hoffnung, das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, sei aufgerichtet über deinem Grab.« oder »Im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus ist Auferstehung und Heil.« lautet das Gebetsversprechen des christlichen Priesters in der Begräbnisliturgie. Wenn dieses Kreuz also zu einem aufgerichteten X umgedeutet wird, so bedeutet das trotz aller Dystopie den Sieg der Hoffnung und das Heil für alle Menschen, eben auch für die, die anders sind als der Rest der Menschheit. Welche Deutung der geneigte Leser und Zuschauer als die für sich Passende annehmen wird, bleibt selbstverständlich ihm selbst überlassen.

Sonntag, 15. Januar 2017

Das »ICH« in tausend Gestalten – Philipp Stölzls »Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May« im Staatsschauspiel Dresden

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»Oh, it’s something totally different!«
Der sympathische Albaner mit den markanten Gesichtszügen, der Wollmütze und dem Dreitagebart lacht, als ich ihn nach dem Unterschied zwischen dem soeben gesehenen nagelneuen Theaterstück »Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May« und den neuen Winnetou-Filmen frage. Und recht hat er. Es ist etwas ganz anderes. Ich habe ihn kurz vorher im Foyer des Staatsschauspiels in Dresden (=> Homepage) gesehen und angesprochen, denn er ist ja seit kurzem kein Unbekannter mehr und seit Weihnachten 2016 in aller Munde: Nik Xhelilaj (*1983), der neue Winnetou. Wir unterhalten uns auf Englisch. Das Deutsch des so smarten und bescheiden auftretenden Stars ist noch nicht so gut. Xhelilaj betont immer wieder, dass er Karl May vorher gar nicht kannte und immer noch nicht wirklich kennt. Er hat in Tirana Schauspiel studiert und in der Türkei in Jugendfilmen und Soaps einige Erfolge verbuchen können. Regisseur Philipp Stölzl (*1967) hat ihn eingeladen, der den dreiteiligen Fernsehfilm »Winnetou - der Mythos lebt« genauso zu verantworten hat wie die aktuelle Theaterproduktion, bei deren Uraufführung ich nun dabei sein durfte. Und noch einmal Karl May (1842-1912)? Darüber wird an anderer Stelle noch zu reden sein. 

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Wie bereits schon 2014 bei der Karl-May-Oper »Raum der Wahrheit« von Manos Tsangaris (*1956; => Homepage) und Marcel Beyer (*1965; Büchner-Preisträger 2016) bin ich eigens dafür nach Dresden gereist und diese Fahrt hat sich wirklich gelohnt. Nicht nur, dass ich zufällig direkt neben Philipp Stölzl zu sitzen kam und somit die Ehre hatte, an seiner Seite, zur Rechten des Regisseurs also, die Inszenierung verfolgen zu können, nein, ich denke, ich habe das wohl beste Stück seit Jahren gesehen. Und ich komme nun wirklich selten ins Schwärmen. Denn Schwärmen hat immer so etwas Zweischneidiges an sich. Denn lobt man zu sehr, gerät man leicht in den Ruf, in irgendeiner Art und Weise befangen und nicht mehr objektiv zu sein. Man wird in eine Schublade mit all denen gesteckt, die nur um des eigenen Vorteils willen eine Laudatio oder einen Verriss schreiben und nicht um des Stücks und der Kunst willen, wie es ja eigentlich sein sollte. Darüber hinaus ist das Aufdecken vieler negativer Aspekte immer einfacher zu fassen als das Beschreiben eines nahezu perfekten Projekts.
 


Dennoch, so viel sei schon von vornherein gesagt, es war einfach großartig. Es hat eine Menge in mir bewegt, mich wieder mit vielen Dingen rund um Karl May versöhnt und somit, und das halte ich für das Wichtigste überhaupt, mir nach all den Jahren wieder einmal ganz bewusst vor Augen geführt, was mich an den Werken und dem Leben des großen sächsischen Volksschriftstellers so begeistert und fasziniert, dass ich ihm, mit einigen wenigen Unterbrechungen, seit frühester Kindheit die Treue halte. Denn wie schrieb Karl May einst so schön:
»Zufall oder Schickung? Lieber Leser, was von diesen beiden ist wohl richtig? Hoffentlich gehörst du nicht zu denjenigen, welche an den ersteren glauben, sondern zu denen, welche wissen, daß, wie die heilige Schrift sagt, kein Haar ohne ›Seinen‹ Willen von unserem Haupte fällt.« (KMW-IV.26, 323) 
Doch schön der Reihe nach.
 

»Man wird noch ganz andern und viel größeren Unsinn über mich schreiben und auch drucken; (...) Ich fordere aber, dass der, welcher mich kritisiert, mich nicht nur gelesen, sondern studiert hat, und zwar von der ersten bis zur letzten meiner Arbeiten, die so organisch zusammenhängen, dass sie nur im Ganzen zu beurteilen sind.« (May, Karl: May gegen Mamroth. Antwort an die ›Frankfurter Zeitung‹. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974, Hamburg 1973, S. 131-152 (135)))
»Studiert« haben die Macher des Stücks ihren May ganz hervorragend. Neben Stölzl, der die Idee lieferte und die Regie übernahm – seine zweite May-Arbeit nach dem Weihnachtsdreiteiler –, fungiert der Komponist, Dramaturg und Dirigent Jan Dvořák (*1971; => Homepage) als Autor des Stücks. In Zusammenarbeit mit Heike Vollmer (Bühne; => Homepage), Kathi Maurer (Kostüm; => Homepage), Thomas Mahn (Musikalische Leitung), Michael Gööck (*1959, Licht; => Homepage), Beate Heine (*1964) und Julia Fahle (*1985) (beide Dramaturgie) legt man hier eine weit ausgreifende, am May’schen Originaltext – sowohl Werk als aus Briefwechsel und entsprechende andere Quellen mehr – ausgerichtete, von menschlichem Verständnis für den aus armen Verhältnissen stammenden Autor zeugende, zutiefst gereifte Verdichtung seines Lebens und Strebens vor, in der alles glückt, weil alles stimmt.
 
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Zeitlich orientiert man sich am Zeitraum 1890 bis 1912. Man zeigt »Dr.« Karl May auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft genauso wie auf dem »absolut highest peak of his decline«, um ein Wort des berühmten amerikanischen Musikers Leonard Bernstein (1918-1990) zu bemühen. Dabei verbeugt man sich vor den großen Vorgängern in der Aufarbeitung des Lebens von Karl May – wie zum Beispiel Hans-Jürgen Syberberg (*1935), dessen Kunstfilm »Karl May« (1974) direkt in der Eröffnungssequenz eine bildliche Reminiszenz erfährt – genauso, wie vor berühmten filmischen Umsetzungen seiner Werke im Allgemeinen.



Das Grundkonzept bildet hierbei das Ineinandergreifen von literarischer und biographischer Realität, das zu einem Sud von phantastischen Ereignissen collagiert, der nicht nur den Autor May, sondern auch sein Umfeld, insbesondere seine erste Ehefrau Emma, geborene Pollmer (1856-1917), in den Strudel des depressiven, desperaten Wahnsinns zieht. Denn der Ich-Erzähler Karl May ist nicht nur eine einzelne authentische Person, er erschafft sich immer wieder in anderen Rollen neu. Wer ist also dieser Karl May und wenn ja, wie viele, muss man in Anlehnung an Richard David Precht (*1964; vgl. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?, Goldmann: München 2007) fragen. Ist er tatsächlich ein pseudologischer Phantast und wenn, wie äußert sich das sogenannte Münchhausen-Syndrom bei ihm? Wie stellt man so etwas dar, wenn der Protagonist Realität und Phantasie nicht mehr wirklich auseinanderzuhalten vermag? Ein ähnliches Konzept verfolgte ich bereits 2012 mit meiner szenischen Collage »Rosensieg. Der Tod Old Shatterhands«, die ich anlässlich des Karl-May-Gedenkjahres schrieb, und die den Todestag Mays zeigt.



Alles beginnt im Nebel seiner Reiseerzählungen mit der Eröffnungssequenz von Band 1 »Durch die Wüste« und endet auch wieder im Nebel, allerdings dieses Mal im mystischen Nebel des »trivial verklärten Sterbens« (Hart Nibbrig, 1995). Karl May stirbt in Winnetous Armen dessen Tod, genauso wie früher in der Handlung Winnetou in seinen Armen. Er wird also noch im Tod von seiner eigenen idealisierten Schöpfung umfangen. Eine herrliche, tiefbewegende Idee, die die Schlusssequenz des Syberberg-Films zunächst konterkariert, dann aber überhöht und zu neuen »lichten Höhen« führt.
 
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In dieses literarisch-phantastische Geschehen greift die harte biographische Wirklichkeit auf zwei Arten ein: zum einen entpuppen sich die literarischen Gegner als wirkliche und wahrhaftige Feinde, die sich leider nicht so leicht abschütteln oder besiegen lassen, wie in seinen Büchern – auch hier zeigt das Stück die berühmte Schmetterfaust Old Shatterhands in geradezu zynischer Überspitzung, wenn damit seine Gegner scheinbar zu Boden gestreckt werden –, und zum anderen ist da sein Arbeitszimmer und seine realen Gegebenheiten, die sich aus dem Bühnenhinterhalt an seine erdachten Seelenhandlungen anschleichen und ihn so immer wieder in seinem andauernden Phantasietrip unterbrechen.
 
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Die große Tragik dieser letzten Lebensjahre, die durch die schockierende Wirklichkeit der Orientreise 1899/1900 eingeleitet wird – der Orient stinkt, aus Hassan wird Seijid Omar –, sich in der Trennung von Emma entlädt, die letzten großen Kämpfe, die gegen seine juristischen Gegner in zahllosen Prozessen geführt werden – auch das wird famos und brillant inszeniert, indem ihn seine Gegner einkesseln, seine Erklärungen, seine »Beichte« verlachen und ihm seine Bücher, seine Werke, gerade zu um die Ohren hauen – und schließlich der größte Triumph, des todkranken Dichters, sein Vortrag »Empor ins Reich der Edelmenschen«, den er im Wiener Sophiensaal am 22. März 1912, acht Tag vor seinem Tod, hält, alles ist enthalten, alles entfaltet sich und bleibt dabei doch keine zusammenhanglose und somit zur Belanglosigkeit verdammte Aufzählung von Fakten, sondern vermischt sich zu einem großen (Alp)»Traum eines Lebens«, zum »Leben eines Träumers« (Battaglia, 1931), eines Phantasten, »des (vor)letzten Großmystikers unserer Literatur« (Schmidt 1956/1957), des ICHs in tausend Gestalten (vgl. Joseph Campbell (1904-1987): Der Heros in tausend Gestalten, 1949).



Dieses szenisch-dialogische Grundgerüst geht dann eine wunderbare Symbiose mit der Musik ein, die ja auch des Dichters große Leidenschaft war. Es sind neben dem deutschen Volkslied »Kein schöner Land in dieser Zeit« (1840) vor allem sein »Ave Maria« (1883), das, von einem »Männergesangverein« (Jörg Birkenbusch, Peter Cassier, Albrecht Ernst, Tobias Ernst, Julius Evers, Andreas Hubricht, Friedemann Jäckel, Oliver John, Hartmut Kunze, Dieter Leffler, Robert Müller, Thomas Sauer, Martin Zitzmann) auf der Bühne stimmlich hervorragend intoniert, die Gestaltung einzelner Szenen intensiviert und von einem melancholisch-rauen Solocello (Christoph Hermann, Dietrich Zöllner), das die Erinnerung an Ernest Blochs (1880-1959) Rhapsodie »Schelomo« (1916) wachruft, unterstützt wird. Ebenso erklingt, leider nur kurz, eine Vertonung des Gedichts »Kennst du den unergründlich tiefen See«. Ähnlich wie bei Richard Wagner (1813-1883) ist aber die Musik hier nicht bloße Begleitung. Sie kommentiert vielmehr leitmotivisch das Geschehen, mal ironisch, mal dramatisch, ganz im Stil des Chores der Griechischen Tragödie. Sophokles, Aischylos und Euripides hätten ihre helle Freude daran gehabt.



Viel zu verdanken hat das Stück natürlich den Schauspielern, die alle, ohne Ausnahme, ganz ausgezeichnet aufgelegt waren und eine wirkliche Glanzleistung abgeliefert haben. Sie spielten so frisch und intensiv, dass dieser doch im eigentlichen recht trockene und ernste Stoff dem Publikum so manchen lauten Lacher entlockte und auch leicht und natürlich den gegenteiligen Katharsis-Effekt, freilich ohne zu dick aufzutragen, erzeugen konnte.


Als Dr. Karl May glänzte der 1963 in Pirna geborene deutsche Schauspieler Götz Schubert, der auch aus vielen Film- und Fernsehproduktionen bekannt ist, und dem man den Karl May in jeder Minute, ohne zu zögern, abnahm. Er war so sehr in der Rolle, dass er noch im Schlussapplaus den May nicht wirklich ablegen konnte.
 
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Im zur Seite standen Nele Rosetz (*1972) als verstörte, unglückliche Emma May, geborene Pollmer, die das pathologische Moment der ersten Ehefrau Mays differenziert herausarbeitete, Laina Schwarz (*1982; => Homepage) als jugendlich frische Klara May, verwitwete Plöhn, die eine gewisse Hörigkeit dem alternden Dichter gegenüber geradezu unschuldig mimte, Ahmad Mesgarha (*1963; => Homepage), der als Winnetou in der eigentlich recht kleinen Rolle doch eine schier überwältigende Bühnenpräsenz besaß und einen echten, wahren, ultimativ may’schen Winnetou verkörperte und darüber hinaus stimmlich sehr passend agierte, sowie in weiteren Rollen als Sadek, Polizisten, Kritiker, Wirt, Fotograf, Hadschi Halef Omar usw. Sebastian Pass (*1977; => Homepage), Simon Käser (*1986) und Alexander Angeletta (*1990). Minutenlanger begeisterter Beifall belohnte dann auch die große schauspielerische Leistung der Darsteller, die immer wieder herauskommen mussten, um im frenetischen Applaus ihres Publikums zu baden.
 
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Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es doch möglich ist, Karl May als ernsthafte und ernstzunehmende Bühnenfigur auf dem Theater zu etablieren und dass man es so anstellen kann, dass es frisch, dynamisch und attraktiv so ans Publikum gebracht wird, dass es diesem zu keinem Zeitpunkt während der ohne Pause durchgespielten zwei Stunden langweilig wurde, und, was noch viel wichtiger ist, dass es von jedermann gut verstanden werden konnte, nicht nur von Karl-May-Fachleuten, was wiederum das Interesse an Person, Leben und Werk neu wecken bzw. steigern dürfte.

mit Nik Xhelilaj


Philipp Stölzl ist hier ein absolutes Meisterwerk geglückt, dass allerdings nach reiflicher Überlegung und einigermaßen kritischer Betrachtung die Frage aufwirft, welchen Stellenwert die drei neuen Winnetou-Filme im Schaffen eines derart genialen Regisseurs in Zukunft einnehmen werden, die ja, abgesehen mal davon, dass sie natürlich eine ganz andere Kunstform darstellen, vom Niveau und der Qualität meilenweit von dem entfernt sind, was er mit »Der Phantast« auf die Beine gestellt hat. Meine diesbezügliche Frage quittierte Stölzl im Anschluss an das Stück mit einem süffisanten Lächeln und der kryptischen rhetorischen Frage »Vielleicht sollte ich doch besser Theaterregisseur werden?«, wonach er hochzufrieden, wie es schien, sich in die Premierenfeier verabschiedete.



Die kleine Gruppe von Karl-May-Freunden, die sich im Anschluss noch auf einen Absacker stilecht in der Karl-May-Bar traf, und der ich mich spontan anschloss, war sich jedenfalls absolut einig und voll des Lobes. Geäußert wurde auch die Hoffnung, dass dieses Stück bitte auf Tournee durch ganz Deutschland und das deutschsprachige Ausland gehen möge, denn das haben die Macher und die Darsteller sich verdient. Und wenn, angesichts unserer unverdrossen regietheaterversessenen modernen Theaterlandschaft ein solches Stück keine Chance erhielte und keinen großen Zuspruch erführe, dann wäre das nicht nur sehr schade, es wäre ganz allgemein kein gutes Aushängeschild für die bedrohte Kulturinstitution Theater. Hoffen wir, dass dieser Wunsch Gehör findet und man dieses Stück bald schon auf vielen Bühnen wieder und immer wieder zu sehen bekommt.