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Donnerstag, 8. Dezember 2016

Vom mystischen Klang des Llano estakado – OHRENKNEIFER präsentiert UNTER GEIERN



Etwas über ein Jahr ist es jetzt her, dass ich an dieser Stelle das erste Karl-May-Hörspiel vom OHRENKNEIFER-Label vorstellte und besprach. Damals hieß es, es werde erstmal keine weitere Karl-May-Adaption geben, man scheue sich davor, Serien zu produzieren, da man sich den Zwängen eines solchen Unterfangens nicht aussetzen wollte. Nun, es mag wohl dem großen Erfolg und dem vielen positiven Zuspruch geschuldet sein, ganz sicher aber auch dem großen Lob für »Old Firehand« (2015), das vor allem auch aus der Karl-May-Szene kam, dass ich nun hier mit der neuesten Produktion von Dirk Hardegen (*1969) und seinen Mitstreitern in den Händen halten darf. Denn es ist wieder ein Karl May geworden.
Dieses Mal handelt es sich um eine Umsetzung des berühmten Jugendromans »Der Geist des Llano estakado«, die der Mayster zwischen Januar und September 1888 für Spemanns Illustrierte Knabenzeitschrift »Der gute Kamerad« schrieb. 1890 wurde »Der Geist des Llano estakado« dann zusammen mit der ein Jahr früher (1887) entstandenen Erzählung »Der Sohn des Bärenjägers« unter dem Reihentitel »Die Helden des Westens« in Buchform herausgebracht. Wer den Text heute genießen will, greift am besten zu Band 35 »Unter Geiern« der Gesammelten Werke Karl Mays im Karl-May-Verlag, Bamberg. Allen anderen, vor allem den wissenschaftlich Interessierten und den Liebhabern der Sprache und des Duktus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, seien die zahlreichen Reprints wärmstens ans Herz gelegt.
In diesem Jugendroman spielt der Schauplatz, der wilde Llano estakado eine wichtige Rolle. May beschreibt ihn so:
Zwischen Texas, Neu-Mexiko, dem Indiana-Territorium und dem nach Nordosten streichenden Ozarkgebirge liegt eine weite Landesstrecke, über welche die Natur nicht weniger Schauer gelegt hat, als wie dergleichen die asiatische Gobi oder die afrikanische Sahara dem Menschen furchtbar machen. Kein Baum, kein einsamer Busch giebt dem brennenden Auge einen willkommenen Anhaltepunkt; kein Hügel, keine einzige namhafte Erhöhung unterbricht die todesstarre, eintönige Ebene; kein Quell erquickt die lechzende Zunge und bringt Errettung vor dem Verschmachten, dem Jeder anheimfällt, der aus der Richtung geräth und den Weg verfehlt, welcher nach den Bergen oder einer der grünenden Prairien führt. Sand, Sand, wieder Sand und nichts als Sand ist hier zu sehen, und nur zuweilen stößt der kühne Jäger, der sich in diese Oede wagt, auf eine Strecke, welcher ein vorübergehender Regen eine scharfe, stachelige Kaktusvegetation entlockt hat, die der Fuß meidet, weil sie ihn verletzt, die Thiere verwundet und keinen Tropfen Saft enthält, welcher die glühende Zunge nur auf einen Augenblick zu kühlen vermöchte. Und doch durchziehen einige wenige Straßen dieses furchtbare Land. Der Mensch ist Meister der Schöpfung und macht sich selbst ihre starrsten, widerstrebendsten Punkte unterthan. Hinauf nach Santa Fé, an die Creeks, Springs und Goldfelder der Felsenberge und hinunter über den Rio Grande nach dem reichen Mexiko führen sie; aber es sind keine Straßen, wie die Civilisation sie dem Verkehre bietet, sondern was man so nennt, besteht in Nichts als dürren Stangen, die man von Zeit zu Zeit in den Sand gesteckt hat, um die Richtung anzuzeigen, welcher der langsam dahinschleichende Ochsenkarrenzug oder der schnellere Trapper und Squatter zu folgen hat. Wehe ihm, wenn er diese Zeichen, von denen dieser Theil des Südwestens den Namen Llano estacado erhalten hat, verfehlt oder wenn sie von wilden Indianerhorden oder räuberischen Jägerbanden entfernt wurden, um ihn in die Irre zu führen. Er ist verloren! – (KMW-I.7-95:32, 506-507)
Quelle

In Wahrheit ist der Llano ein relativ flaches baumloses und trockenes Tafelland in dem ein ein semiarides Klima herrscht.
Wer nun also heute Hörspiel macht und sich einen solchen Stoff zum Vertonen aussucht, der muss sich bei der Produktion neben der Suche nach dem richtigen Klang die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal gefallen lassen, muss sich selbst immer wieder klarzumachen trachten, warum gerade sein Produkt eine Daseinsberechtigung hat, sich in wohltuender Weise vom Mainstream abhebt oder sich explizit für ein Kino-im-Kopf-Erlebnis eignet. Und um den Wert der neuen OHRENKNEIFER-Produktion erkennen zu können, muss man einen Blick auf die aktuellen Geschehnisse und neuen Richtungen der zeitgenössischen Karl-May-Forschung und Karl-May-Welt tun.

Auf einem Symposium zum Thema »Karl May in den 1960er Jahren« im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn im September zeichnete sich ganz klar eine Öffnung nach außen ab. Man war bestrebt, sich nicht mehr in Kleingruppen zu unterteilen, die unterschiedliche Interessen (Filme, Festspiele, Comics, Forschung) jeweils für sich betrachteten, sondern sich eben gegenseitig zu unterstützen und den berühmten Blick über den Tellerrand zu wagen. Dazu zählte auch die Diskussion um die neue Karl-May-Verfilmung durch die Ratpack Filmproduktion und den privaten Fernsehsender RTL aus Köln.
Die Wogen waren im Vorfeld schon hochgeschlagen. Was würde auf den treuen Karl-May-Fan und Leser zukommen? Wieder eine freierfundene Geschichte wie bereits in den 1960er Jahren? Eventuell eine werkgetreue Umsetzung?
Mit dem Produzenten Christian Becker (*1972) und dem Regisseur Phillipp Stölzl (*1967) sollte das aber etwas ganz anderes werden. Eine Neuinterpretation unter Herauslösung des Kernmythos, wie sich Stölzl und Becker ausdrückten. Und was bleibt, wenn man beispielsweise den Kern aus den Winnetou-Erzählungen freilegt? Genau, die Geschichte zweier junger Männer aus Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein können, und deren grandiose Freundschaft.


Hier tut der OHRENKNEIFER nun etwas, was geradezu kongenial zu nennen ist. Dirk Hardegen bleibt sich nämlich selber und seiner einmal eingeschlagenen Linie treu. Er vertont den Original Karl-May-Text. Er beweist, dass das Original allemal das Zeug hat, eins zu eins umgesetzt zu werden und heute noch begeistern zu können. Er belässt den May’schen Llano wie er ist, er versucht gar nicht erst, modernisierend einen Bezug zur Wirklichkeit herzustellen. Er begreift Mays Vorlage als genau das, was es ist, nämlich ein literarischer Text aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Den einzigen Zusatz, den er sich erlaubt und der dem Hörspiel sehr guttut und den nötigen Einstiegsdrive gibt, ist die Eröffnungssequenz, in der er dem Zuhörer begreifbar macht, wer und was die Geier des Llano sind und warum ihnen unbedingt das Handwerk zu legen ist. Außerdem nimmt er sich in der dramatis personae die Freiheit, anstelle der weniger bekannten Snuffles den langen Davy und den dicken Jemmy zu bemühen, was als eine Reminiszenz an die »modernere« Buchfassung des Karl-May-Verlags verstanden werden kann.

Apropos Karl-May-Verlag. Das ist das richtige Stichwort, um auf eine weitere Besonderheit der neuesten OHRENKNEIFER-Produktion hinzuweisen. Auf Betreiben und Anregung von Thomas Le Blanc (*1951), dem Gründer der Phantastischen Bibliothek Wetzlar (seit 1989) und Organisator der Wetzlarer Tage der Phantastik (seit 1981, immer im September), wofür er mit dem Deutschen Fantasy Preis ausgezeichnet wurde (1990), beschreitet der Karl-May-Verlag mit Publikationen unter dem Motto »Karl Mays magischer Orient« oder »Auf phantastischen Pfaden« einen neuen Weg. Man versucht, sich den – inzwischen wieder rückläufigen – Boom der phantastischen Literatur zunutze zu machen und hat bei verschiedenen Autoren neue Geschichten mit Karl Mays Figuren in Auftrag gegeben, die aber nun magische und phantastische Dinge erleben.

Wer da nun pikiert die Nase rümpft und meint, Karl May habe nie Fantasy geschrieben, der sei an das Alterswerk erinnert, worin er sogar einen ganzen Stern/Himmelskörper, »Sitara« mit Namen, erfindet, dessen Kontinente auf’s Genaueste beschreibt und die Handlung mit seinen Figuren ganz bewusst und offiziell von der irdischen Realität weg in eine andere »seelische« Welt transferiert, die sich auf und in Sitara manifestiert, wobei seine Figuren allerdings die bleiben, die sie sind.
Schaut man in die Reiseerzählungen, so wird man dort eine Menge »phantastischer« Elemente finden, so sei an dieser Stelle nur an den »Ruh ’i kulyan« (KMW-IV.2, 546), den »Geist der Höhle« erinnert, der sich dem Leser wenig später als die mystisch verklärte Marah Durimeh zu erkennen gibt, die May selbst aus »die Verkörperung der Menschheitsseele« bezeichnet:
Wie bereits gesagt, bildete die fremdartige Lichterscheinung jetzt einen gewaltigen Halbkreis am südlichen Himmel. Da, wo der Bogen dieses Halbkreises links auf dem Horizonte lag, erschien jetzt plötzlich die Gestalt eines riesigen Reiters. Das Pferd war schwarz, aber der Reiter war weiß. Er hatte die Gestalt eines Büffels. Man sah ganz deutlich den Kopf mit den beiden Hörnern, den Nacken mit der struppigen, halblangen Mähne, welche hinterher flatterte, und den Leib, welcher sich nach rückwärts mit dem Hinterteile des Pferdes vereinigte. Die Konturen dieses Bildes waren von lichtfunkelnden Linien eingefaßt. Das Pferd befand sich in geradezu rasendem Galopp. Es bewegte sich nicht etwa auf einer ebenen Linie, also auf dem Durchmesser dieses lodernde Halbkreises, sondern es stieg innerhalb des Kreisbogens empor und galoppierte längs desselben weiter. Es hatte ein Stück Boden unter sich, der ihm auch stets unter den Füßen blieb. So jagte es in runder Linie aufwärts bis zum höchsten Punkte und dann an der rechten Seite der glühenden Halbscheibe wieder herab bis da, wo der Kreisbogen den Horizont berührte. Dort verschwand es so plötzlich, wie es erschienen war. (KMW-III.1-191:41, 650)
Im Frühwerk sind es eben solche aus der indianischen Mystik übernommene und abgeleitete Legenden wie »der Geist des Llano estakado«, der berühmt-berüchtigte »Avenging-ghost«, die sich zwar als reale Menschen erweisen, dennoch aber als Verkörperungen und Idealisierungen von Sitte, Moral und Gerechtigkeit erweisen und aufgrund ihres Geistermäntelchens und ihres Erscheinungsbildes – hier ist es der den Indianern heilige Bison/Büffel – durchaus auch als »phantastische« Elemente bezeichnet werden dürfen.
Und wieder springt Hardegen hier auf den aktuellen, modernen Zug auf, ob er es nun wissentlich tut oder nicht, das lässt sich nicht genau sagen, in dem er für die Umsetzung genau eine solche Geschichte wählt, in der es dieses mystische, mythische, phantastische Moment gibt, das er genussvoll herausarbeitet, und die eben keine klassische Reiseerzählung ist.
Udo Schenk - Quelle

Und genau diese Mischung ist es, die dem Hörspiel einen einzigartigen Charakter verleiht. Hinzukommt eine absolut professionelle Umsetzung, atmosphärisch dichte, wiederum extra komponierte Musik, sorgfältig ausgewählte Sprecher, die dieses Mal nicht nur aus den OHRENKNEIFER Stammsprechern (Dirk Hardegen, Detlef Tams, Marc Schülert) bestehen, sondern um bekannte Synchronikonen wie Friedhelm Ptok (*1933) als John Helmers und Udo Schenk (*1953) als Tobias Preisegott Burton erweitert werden. Ausnehmen darf man eigentlich keinen aus der ungeheuer gut aufgelegten, frisch aufspielenden Crew, unter anderen Sibylle Nicolai (*1950) als Sanna, Hennes Bender (*1968) als Bob, Heiko Grauel als Gibson und Kai Schwind (*1976), Horst Kurth, Achim Barrenstein, Robert Frank, Gordon Piedesack (*1972), Christoph Gottwald, Sven Buchholz, Bert Stevens, Patrick Steiner, Oliver Kube, Bernd M. Nieschalk, Tom Steinbrecher (*1980), Jörg Bielefeld, Gabi Eichmeier, Karsten Schäfer, Sabine Hardegen, Nicolas Kurth und last but not least der Youngster in der Runde Christopher Albrodt als Bloody Fox.
Die Covergestaltung oblag wieder den bewährten Händen von Wolfram Damerius, der hier eine sehr stimmungsvolle myaeske Optik erschaffen hat.

Wiederum lüftet ein ausführliches Bonus-Material, das nur den Käufern der CD-Version vorbehalten ist, den Schleier der Hintergründe, die Gedanken der Macher und deckt dieses Mal neben so interessanten Fragen wie »Wie klingt der Llano?« einen textimmanenten Konflikt auf, der fast dazu geführt hätte, das Christopher Albrodt den Part den Bloody Fox gar nicht übernommen hätte.
Die political correctness verbietet dem gebildeten Zeitgenossen von heute, Begriffe wie »Neger« oder gar »Nigger« in den Mund zu nehmen, da sie in der jetzigen Gesellschaft eindeutig rassendiskriminatorisch verortet werden. Und so entstand unter den Sprechern und Produzenten die wichtige Diskussion darüber, ob man das heute in einem Hörspiel so noch machen dürfe, ob man das nicht abändern oder weglassen müsse, damit man keine ungewollte Provokation hervorrufe.
Die Einstellung der Macher aber sind literarhistorisch klar nachvollziehbar. Karl May hat den Text zu seiner Zeit so geschrieben, er hat es nicht anders gekannt, also wird, ebenso wie seine Vorstellung des Llano estakado, das Vokabular belassen, wie es ist. Der Text verlöre ansonsten seine Authentizität, was das Hörspiel ziemlich beliebig machen würde. Außerdem ergreift May, auch wenn er die Begrifflichkeiten, die heute verpönt sind, nutzt, dennoch Partei für den Farbigen, den »Neger Bob«, da er ihn als »colored gentleman« bezeichnet und ihn nicht wie einen Sklaven sondern wie einen freien Mann agieren lässt. Für damalige Verhältnisse eine ungeheure Leistung.

Fazit: Nunmehr zum zweiten Mal ist es dem OHRENKNEIFER gelungen, mit einem kommerziellen Karl-May-Hörspiel in vielerlei Hinsicht einen großen Wurf zu landen. Professionell produziert, atmosphärisch dicht komponiert, am Puls der Zeit durch seine Bezüge zur aktuellen May-Szene und zur Phantastik, aber eben auch authentisch und originalgetreu. Dirk Hardegen hat erneut bewiesen, dass der originale Karl May durchaus zeitlos in seinen Themen und seinen Charakteren ist. Zeitlos gut ist dieses Hörspiel, aktuell, modern, aber auch klassisch und traditionell. Bleibt zum Schluss neben dem aufmunternden »Weiter so!« nur die Hoffnung, dass der OHRENKNEIFER nicht müde werden wird, solche tollen Produkte auf den Markt zu bringen. Denn genau so etwas braucht es, um die Begeisterung für einen Autor wie Karl May hochzuhalten.
»Good day, Ladies und Mesch’schurs,« antwortete dieser mit voller, sonorer Stimme. »Ich träumte von der Llano estacado und von abhanden gekommenen Stangen und Nuggets. Good bye!« (KMW-I.7-95:33, 524)

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