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Sonntag, 25. September 2016

Westerndämmerung – Antoine Fuquas »Die glorreichen Sieben«

Wieder mal ein Remake! Wieder mal eine Neuinterpretation! Wieder mal der Versuch, ein klassisches Meisterwerk in die aktuelle Gegenwart zu tragen! Ich habe mich ja bereits an anderer Stelle über die Unfähigkeit des aktuellen Hollywood-Kinos ausgelassen, neue erregende Stoffe zu finden, zu schreiben und zu verfilmen. Deshalb muss ich darauf hier nun nicht mehr eingehen. Aber wie das mit Durststrecken nun mal so ist, man muss sie durchstehen und, um wenigstens die Speichelproduktion anzuregen, am besten Kieselsteine lutschen.
Diesmal also ein Westernklassiker, der auf ein einen japanischen Samurai-Film zurückgeht. Wir erinnern uns: 1954 bringt der japanische Meisterregisseur Akiro Kurosawa (1910-1998) den Historienfilm »Die sieben Samurai (Shichinin no samurai)« in die Kinos und landet einen umjubelten Welterfolg. Kritiker feiern ihn und der Film wird zu einem der einflussreichsten und bekanntesten japanischen Filme. Sechs Jahre später, 1960, macht der US-amerikanische Regisseur und Produzent John Sturges (1910-1992) aus dem Eastern einen Western, überträgt so »Die sieben Samurai« auf amerikanische Verhältnisse und landet ebenfalls einen großen Erfolg mit »Die glorreichen Sieben (The Magnificent Seven)«. 2015 folgt dann die Reminiszenz an diese beiden großen Filme in Form einer zynischen Überhöhung in Quentin Tarantinos (*1963) »The Hateful Eight«, über den ich mich auf diesem Blog ebenfalls schon ausführlich geäußert habe. Wieso nun also ein Rückschritt? Wieso ein Remake, eine Neuinterpretation des Stoffs?
Doch zuerst noch ein Wort zum Genre. Antoine Fuquas (*1966) Film ist ein Western; das Genre ist durch den eindeutigen Bezug auf das große Vorbild zwingend gegeben. Fuqua versucht mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, das bereits fast verstorbene Genre Western wiederzubeleben, doch sein Versuch gleicht dem verzweifelten Bemühen eines Rettungssanitäters durch Faustschläge auf die Brust des zu Rettenden das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Ein vielleicht etwas heftiger Vergleich, aber er trifft es meines Erachtens nach recht gut. Auch über den Abgesang auf den Western habe ich mich hier auf diesem Blog im Zuge der Besprechung von Seth MacFarlanes (*1973) »A Million Ways To Die (In The West)« (2014) schon zur Genüge ausgelassen. Doch ein Abgesang auf das Genre ist Fuquas Film nicht, er ist dessen, mit Richard Wagner gesprochen, Götterdämmerung. Denn – und hier zitiere ich mich selbst aus einem früheren Blogbeitrag – sein Film zeigt, »dass der Western heutzutage nicht mehr funktioniert, ja, vielleicht sogar einfach nicht mehr funktionieren kann. Das beweist das klägliche Scheitern von Gore Verbinskis „Lone Ranger“ (2013) ebenso, wie die scheinbaren Erfolge „True Grit“ (2010) der Coen-Brüder und Tarantinos „Django Unchained“ (2012), aber seien wir mal ehrlich, so richtige Western waren das auch nicht wirklich, von „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990), „Erbarmungslos“ (1992), „Dead Man“ (1995), und „The Missing“ (2003) einmal ganz abgesehen. Es fehlen die John Waynes, die Dean Martins, die Gary Coopers, eben jene Typen-Schauspieler, die den echten Westernhelden noch Leben einhauchen können …«
Kommen wir zum Plot. Der ist auch nichts wirklich Neues. Natürlich geht es um Rache, um Rache, die, wie so oft, im Gewand einer Vergeltungsgerechtigkeit daherkommt. Der teuflische Großgrundbesitzer Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard, *1971) drangsaliert die Bewohner des kleinen Örtchens Rose Creek. Dabei geht er über Leichen. Als er vor der Kirche den mutigen und aufrechten Matthew Cullen (Matthew Bomer, *1977) und mehrere Bewohner einfach niederschießt und anschließend die Kirche niederbrennt, geht er damit eindeutig zu weit. Cullens couragierte Frau Emma (Haley Bennett, *1988) engagiert sich Hilfe. Ihr Motiv ist natürlich Rache, aber auch Gerechtigkeit, worin sie sich aber letztlich nicht wirklich sicher ist, was wohl daran liegen dürfte, dass Rache mit Gerechtigkeit nicht wirklich viel zu tun hat. Sie heuert – ganz im Sinne des alttestamentarischen »Auge um Auge, Zahn um Zahn« (2 Mose (Ex) 21, 23-25) – sieben Profis an, die Rose Creek von Bogue befreien sollen: den Kopfgeldjäger Sam Chisholm (Denzel Washington, 1954), den Spieler Josh Farraday (Chris Pratt, *1979), den Scharfschützen Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke, *1970), den Fährtenleser Jack Horne (Vincent D’Onofrio, *1959), den Auftragskiller Billy Rocks (Lee Byung-hun, *1970), den Krieger Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo, *1981) und den Gesetzlosen Red Harvest (Martin Sensmeier, *1984). Bemerkenswert an dieser Besetzung, die einen großen Querschnitt der amerikanischen Ethnie darstellt, ist der Einsatz des in Alaska geborene Tlingits, Koyukon-Athabascan, Martin Sensmeier, der ursprünglich in die Fußstapfen von Pierre Brice (1929-2015) treten sollte und für die Neuverfilmung von Karl Mays (1842-1912) »Winnetou« vorgesehen war, diese Rolle dann aber zugunsten des hier thematisierten Remakes absagte.

Quelle
Was bleibt nun, wenn man einen Vergleich zwischen den oben genannten Filmen anstellt – Tarantinos »A Hateful Eight« lasse ich bei dem Vergleich vorerst einmal heraus: Bei Kurosawa ist die Handlung im Japan der Azuchi-Momoyama-Zeit, also im 16. Jahrhundert. Ein Bauerndorf wird Opfer von Banditen. Sieben Samurai sollen es retten. Kurosawa zeigt ein gesellschaftliches Sittengemälde dieser Zeit, er zeigt, wie durchtrieben die dienende Klasse war, ja sein musste, um zu überleben. Er kehrt die Vorzeichen um, indem er die herrschende Klasse der Samurai ganz in der Bedeutung des Wortes »Samurai« zu »Dienern« und »Beschützern« der Bauern macht. Er zeigt, was es eigentlich bedeutet, zu herrschen. 
Sturges hingegen transportiert die Handlung ins Mexiko des 19. Jahrhunderts, genauer an die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Auch hier sind es Bauern – Farmer – in einem kleinen mexikanischen Dorf, die durch eine Gruppe wild um sich schießender Bandoleros um den finsteren Calvera (Eli Wallach, 1915-2014) drangsaliert werden. Die Farmer engagieren Chris (Yul Brynner, 1920-1985) und sechs weitere Revolverhelden, um sich gegen Calvera zur Wehr zu setzen. Hier sind es amerikanische Revolverhelden, Männer, die das Gesetz selbst in die Hand nehmen, die mexikanischen Farmern helfen. Das ist immerhin bemerkenswert, bedenkt man den bis heute schwelenden Konflikt zwischen Mexiko und den USA. Sturges zeigt Amerikanern und Mexikanern, dass es besser und heilbringender ist, sich gegenseitig zu helfen. Er setzt bewusst auf die Darstellung familiärer Umstände und gerade die Kinder spielen bei ihm eine sehr große Rolle, zum einen in der Entlarvung der harten Schale der Revolvermänner als Maskerade und zum anderen leider auch in der Verursachung von Leid. Der Selbstjustiz als Form der Konfliktlösung erteilt Sturges hier eine deutliche Absage. Chris formuliert dies gegen Ende des Films so: »Nur die Farmer konnten gewinnen. Wir haben verloren! – Wir verlieren immer!«
Fuqua verschiebt den Handlungsort nun in eine fiktive Stadt irgendwo in den USA irgendwann im 19. Jahrhundert. Sein Bösewicht ist industrieller, er handelt aus Habgier, einem der niedersten Motive und Beweggründe heraus, ein Menschenleben gilt ihm nicht viel. Die angeheuerten Sieben um den Kopfgeldjäger Chisholm sind Freischärler mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und den unterschiedlichsten indigenen Hintergründen. Fuqua verzichtet auf jedwede sozialkritische oder gesellschaftskritische Aussage. Er reduziert das Geschehen schlicht auf den Racheakt im Namen der Bewohner, selbst die Zerstörung der christlichen Kirche des Ortes, worin große interpretatorische Möglichkeiten liegen, dient lediglich dazu, die teuflische Bösartigkeit Bogues zu zementieren. Zaghafte Versuche, die Rache zu rechtfertigen, etwa wenn der Pfarrer des Ortes abends auf dem Balkon Chisholm erklärt, was sie alles entbehren mussten, oder der ganz kurze Einsatz von Kindern des Ortes, die es zu retten gilt, geht letztlich unter. Schade, hier wurde im wahrsten Sinne des Wortes viel Pulver verschossen.


Aber genau darin liegt die Tragik dieses untergehenden Genres. Der Western funktioniert heute einfach nicht mehr, nicht mehr als Erzählstruktur, nicht mehr als Transportmöglichkeit von Erkenntnissen und Einsichten in die moderne Zeit. Wir erleben, trotz wirklich positiver Ausnahmen wie Tarantinos »The Hateful Eight« den Niedergang eines Genres, den die ständigen niveauschwachen Wiederbelebungsversuche wie dieses Remake, die Neuinterpretation, auch nicht wirklich aufhalten können. Schauspielerisch bekommt man eine tolle Leistung geboten, auch wenn, so hart sich das jetzt anhören mag, ein Denzel Washington an das Charisma und die Ausstrahlung eines Yul Brynner nicht heranreicht. Und so bleibt am Ende nur, Inhalt und Bedeutung mit dem Satz kommentierend zusammenzufassen, den Josh Faraday den Bewohnern von Rose Creek entgegenruft, als diese bei den Schießübungen kläglich versagen: »Geht nach Hause, poliert die Gewehre, vielleicht schreckt das Glitzern sie ab!«

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