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Freitag, 25. März 2016

Surreale, alptraumartige Filmkunst – Zack Snyders »Batman v Superman: Dawn Of Justice«


Um es gleich vorwegzusagen, dieser Film ist Kunst. Aber wie bei jeder Art von Kunst kommt es auf drei Dinge an: Erstens den Sender, sprich: den Künstler, zweitens die Übertragung, also die Umsetzung, und drittens den Empfänger, den Betrachter, das Publikum. Weiterhin verhält es sich auch hier wie bei vielen Kunstwerken, sie werden entweder falsch oder gar nicht verstanden. Ihre Intention bleibt unklar, vor allem im Bereich des Abstrakten. So auch hier. 
War ich bereits mit einem unguten Gefühl ins Kino gekommen – mich hatten weder die bisherigen Trailer noch die Tatsache, dass die Helden meiner Kindheit sich gegeneinander wenden sollten, sonderlich überzeugt –, so verwirrten mich diese surrealen, alptraumartigen Bilder zunächst völlig und ich tappte über weite Strecken total orientierungslos in diesem grundsätzlich so negativen »DC-Extended-Universe« (es geht auch anders, man werfe nur einen Blick auf die aktuellen Serien »The Flash« (seit 2014) und »Supergirl« (seit 2015)), das sich selbst, im Gegensatz zum großen Konkurrenten »Marvel Cinematic Universe«, so fürchterlich ernst nimmt, umher. Und dann diese beiden Backfische neben mir, die mir bereits in der Werbephase vorher, sich ungeniert über die neuesten Computerspiele unterhaltend und dann während dem Film munter Popcorn schmatzend, unangenehm aufgefallen waren. Diese Kids, die, sich aus großen Pappeimern vor sich bedienend, pausenlos und knirschend die Futterluke bewegend, ein Actionspektakel erwartet hatten – »Popkornkino« eben –, wurden enttäuscht, zumindest über drei Viertel des Films.
Worum geht es? – Da geht es dann schon los. Es ist einerseits ganz einfach gesagt, andererseits nicht unkommentierbar zu verstehen: Metropolis, die Hauptwirkungsstätte Supermans (Henry Cavill (*1983)), und Gotham, die Heimat Batmans (Ben Affleck (*1972)), sind, wie wir ja schon aus »Man Of Steel« (2013) wissen, direkte Nachbarn. Gotham hat nach den Ereignissen aus »Man Of Steel« sehr gelitten, unter anderen wurden viele Menschen getötet oder verletzt, die Angestellte von Wayne Enterprises waren. Somit fühlt sich Bruce Wayne (alias Batman) selbst für deren Schicksal verantwortlich. Er schiebt wütend die Schuld für all das Leid auf Superman und beschließt, dessen Treiben als Batman ein Ende zu setzen. Es kommt zum Kampf der Titanen. Soweit, so gut. Das ist der Plot.
Doch – natürlich – damit nicht genug. Das wäre der platte Actionreißer, den die Kids neben mir erwarten. Ein Haufen tumber Gewaltszenen, die man sich einfach nur anschaut, ab und an ein bewunderndes Stöhnen über die ach so faszinierende Tricktechnik von sich gibt, das halbe Popcorn vor Begeisterung auf den Zuschauer in der Reihe vor einem spuckt, und dann befriedigt wieder nach Hause geht. So einfach macht es Jack Snyder den Kids und den übrigen Zuschauern nicht. Das Narrativ des Films ist der Alptraum und die Rückblende, deren surreales Moment in die Wachzustände der handelnden Figuren hinüberschwappt. Dunkel, düster und hyperdystopisch erscheint die Welt, in der beide Helden agieren.
Wir erleben zum hunderttausendsten Mal die Tragödie des Jungen Bruce mit, sehen durch seine Augen den Mord an seinen Eltern und die Entdeckung seines Symbols, der Fledermaus, das ihn schließlich in Scharen aus der Dunkelheit der Verzweiflung, aus der tiefsten Höhle, in ein graues, nebelhaftes Licht einer zweifelhaften Existenz hebt. Wir sehen einen gealterten Bruce Wayne, einen an der Gesellschaft und ihrer Verderbtheit verzweifelnden Batman, einen, der sich selbst und ebenso Superman aufgrund ihres Tuns für kriminell hält, und dies mit seinem Butler Alfred (Jeremy Irons (*1948)) immer wieder diskutiert. – Kriminelle Superhelden? – Wo stehen Superhelden eigentlich im Rahmen der Gesetze dieser Welt?
Auf der anderen Seite steht nämlich der fast schon gottgleiche Superman, der die Menschen unterstützt, wo er nur kann, der hilft, der aber dadurch auch andere Katastrophen erst herbeiführt, natürlich ohne es zu wissen und zu wollen. Vor allen Dingen auch durch die sehr menschliche Beziehung zu Lois Lane (Amy Adams (*1974)), mit der er fest zusammen ist und die er naturgemäß aus jeder Gefahr befreit. Er erfährt in bibelfilmartigen Bildern eine geradezu göttliche Verehrung, die schon einer Anbetung gleichkommt. Dabei wird immer betont, dass er ein Alien ist und bleibt, ein Außerirdischer, denn kein Mensch vermag das, was Superman kann. Doch angebetet werden darf nur Gott, so die Forderung der Theologie, Menschen, egal wie besonders sie sind, dürfen nur verehrt werden.
Der Film führt eine ständige philosophisch-theologische Diskussion darüber, was ein Superheld – oder ein entsprechend begabter, tätiger Mensch – tun kann und vor allem tun darf. Gibt es moralische Grenzen für einen Übermenschen? Friedrich Nietzsche (1844-1900) hätte seine helle Freude daran gehabt. Die Einzige, die dieses Problem, mit den Mitteln der Demokratie, zu lösen versucht, ist US-Senatorin Finch (Holly Hunter (*1958)). Sie stößt die öffentliche Debatte darüber an, erkennt das Dilemma, lädt Superman vor den Senat, um ihn dazu zu bewegen, seine Aktionen mit den Menschen abzustimmen und nicht eigenmächtig zu handeln. Denn das, so die Überzeugung der Senatorin, tut man in einer Demokratie, man redet miteinander. Doch die ganze schöne Demokratie wird mit allen Beteiligten in einer Riesenexplosion vernichtet. Superman, der natürlich dem Inferno unbeschadet entkommen kann, konnte diese Katastrophe nicht voraussehen und macht sich bittere Vorwürfe. Er ist also doch kein allwissender Gott ... und so stirbt das amerikanische Gewissen, oder ist es schon längst tot? Ein Schelm, wer darin eine Anspielung auf aktuelle politische Geschehnisse erkennt.
»Es naht die Nacht!«: Auftritt des Bösewichts, des Erzschurken: Alexander »Lex Luthor« (Jesse Eisenberg (*1983)), ein zunächst unbedarft und freundliche wirkender junger Mann mit langen gewellten Haaren (sic!) entpuppt sich nach und nach als geistesgestörter, ränkeschmiedender Psychopath, dessen Wahlspruch »Macht ist unschuldig« von ihm selbst als die älteste Lüge Amerikas korrumpiert wird. Er verlässt sich voll und ganz darauf, dass »Menschen hassen, was sie nicht verstehen«. Er macht sich auf die Suche nach grünem Kryptonit, um daraus eine Waffe zu bauen. Er erpresst Superman, indem er dessen Ziehmutter Martha Kent (Diane Lane (*1965)) entführt, deren Vorname derselben ist wie der von Bruce Waynes ermordeter Mutter Martha Wayne, und zwingt ihn, Batman umzubringen. Doch allein der gemeinsame Vorname der Mütter »Martha« (Joh 11, 21-22) beendet später den Zwist. Außerdem erweist er sich als »moderner Prometheus«, als eine Art Frankenstein, denn er züchtet aus der DNA des toten General Zod (in »Man Of Steel« gespielt von Michael Shannon (*1974)) und seiner eigenen ein Monster, eine scheußliche Kreatur mit der Kraft eines Kryptoniers und nur durch Kryptonit zu besiegen. Mary W. Shelley (1797-1851) hätte an dieser modernen Adaptation ihres Klassikers von 1818 sicher ebenso wie Nietzsche ihren Spaß gehabt.
Nach dem unvermeidlichen Kampf der beiden Superhelden gegeneinander, den Batman mit einem Speer, dessen Spitze aus puren Kryptonit besteht, und Kryptonit-Gas lange im Gleichgewicht halten kann, eilt den beiden, die sich – natürlich – auch wieder zusammenraufen, eine Frau zu Hilfe, die als die eigentliche Entdeckung dieses Films gelten kann: Wonder Woman (Gal Gadot (*1985)) Die eigentlichen Kräfte dieser scheinbar unsterblichen Amazone mit Schwert, Schild, magischem Lasso und Brünne, werden nicht ganz enthüllt, dennoch kann sie mit ihrem Schwert dem Monster empfindliche Wunden beibringen und ihr Schild entwickelt enorme Abwehrkräfte. Sie würde sich sicher glänzend mit Captain America verstehen. Ebenso wird der Weg für die »Gerechtigkeitsliga« die »Justice League« freigemacht, denn man sieht zu ersten Mal, wenn auch nur kurz, die neuen alten Helden »The Flash« (hier nicht der charismatische Publikumsliebling aus der Serie Grant Gustin (*1990), sondern Ezra Miller (*1992)), »Aquaman« (Jason Momoa (*1979)) und »Cyborg« (Ray Fisher (*1988)).
Der Film endet in einem scheinbaren Disaster. Obwohl das Monster besiegt werden kann, in dem ihm Superman Batmans Kryptonit-Speer durch die Brust rammt, wird Superman doch vorher noch von dem Monster tödlich verletzt und stirbt. Am Grab – Superman erhält natürlich ein Staatsbegräbnis mit allen Ehren und zusätzlich ein Begräbnis im kleinen Kreis in Smallville – beschließen Bruce Wayne alias Batman und Diana Prince alias Wonder Woman, in seinem Namen weiterzukämpfen. Doch ob Superman wirklich tot ist? Batmans äußert abschließend bewusst rätselhaft »Und all das für eine leere Kiste!« Und in der allerletzten Szene vibriert die Handvoll Erde, die Lois Lane zutiefst trauernd ins Grab geworfen hat, noch einmal ordentlich auf dem Sargdeckel. Es gibt also noch Hoffnung ... Stirbt die nicht zuletzt? Wie war das noch gleich mit solchen Klischees?
Welches Fazit lässt sich nun aus alledem ziehen? Zac Snyder (*1966) hat hier eindeutig ein filmisches Kunstwerk geschaffen, allerdings hält er diesen Anspruch nicht konsequent durch. Zu groß sind die Kompromisse, die man eingehen muss, wenn man bei einem solchen Riesenfranchise, das in der Regel auf actionlastige Unterhaltung und nicht auf philosophisch-theologisch tiefschürfende geistige Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten aus ist, den entsprechenden Tiefgang einbringen will. 

Quelle
Die Erzählweise ist unorthodox und modern und überfordert so den klassischen Kinogänger, der auf pures, buntes Unterhaltungskino aus ist. Alptraumartig, düster, psychologisch kompliziert und mit Flashbacks durchsetzt, kaleidoskopartig in narrativen Puzzleteilen bleibt dennoch, bei aller, dem Geschmack der Zeit anzulastenden, Dystopieversessenheit die Frage nach Gott immer gleich. Was ist Gott? – Ist Gott gut? Böse? Allmächtig? – Kann ein Wesen angesichts der Dialektik des Seins, sei es nun mit Superkräften ausgestattet oder der übliche Ottonormalverbrauchertyp, nur gut oder nur böse sein?


Lex Luthor bekommt am Ende im Knast symbolisch den Kopf rasiert und erhält so das »gewohnte« Luthor-Erscheinungsbild. Die Menschen beerdigen Superman und bekommen die Weisung »Wenn ihr sein Monument sucht, seht euch um!«. Steckt also in uns allen ein Superman, ein gottgleiches Wesen, wie es die Bibel ja von Anfang an beschreibt: »Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. (...) Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; / als Abbild Gottes schuf er ihn. / als Mann und Frau schuf er sie.« (Gen 1, 26a.27) – Oder schaffen wir Menschen uns unsere Götter selbst? – Was ist das Wesen Gottes?


1 Kommentar:

  1. Wir waren am Ostermontag mit ganz niedrigen Erwartungen ins Kino gegangen, weil ich noch in den YouTube-Verriss von "Die Filmanalyse" reingesehen hatte. Aber dann wurden wir sehr positiv überrascht. Um nicht zu sagen, ich war hin und weg. Für mich ist das zwar immer noch Popkornkino - aber solches wie ich es mir vorstelle. :)

    Den Vorgänger "Man of Steel" fand ich abgesehen von Ausstattung und Design ganz grauenhaft. Ohren-, augen- und hirnbetäubendes Effektgezappel. Nicht so diese Fortsetzung. Vieles erinnert mich hier an Snyders "Watchmen", einen meiner liebsten Superheldenfilme. Die philosophischen Ansätze und Gedankenexperimente zum Thema Superhelden sind zwar extrem theoretisch, aber dennoch ein höchst anregender Zeitvertreib. :) Zudem war es optisch eine unglaublich kraftvolle Bebilderung, ein lebendig gewordener Comic, der meine Erwartungen auch in dieser Hinsicht übertroffen hat.

    Mit dem Begriff "Kunst" wäre ich zurückhaltender und würde es eher als "gutes Handwerk" bezeichnen, aber ich bin weit entfernt von dem Shitstorm, den Filmanalyst Wolfgang M. Schmitt da lostritt. Als selbsternannter 5-Sterne-Gourmet sollte man vielleicht nicht so oft zu McDonalds latschen, um dann jedes mal wonnig über das flache Essen herzuziehen.
    Ich habe jedenfalls schon eine Vielzahl an Filmen gesehen, die extrem viel schlechter und deutlich weniger unterhaltsam waren als "Dawn of Justice". Also, ich würde wieder reingehen und den Film auch ein weiteres Mal genießen können.

    cu
    Randy Peh

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