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Freitag, 25. März 2016

Surreale, alptraumartige Filmkunst – Zack Snyders »Batman v Superman: Dawn Of Justice«


Um es gleich vorwegzusagen, dieser Film ist Kunst. Aber wie bei jeder Art von Kunst kommt es auf drei Dinge an: Erstens den Sender, sprich: den Künstler, zweitens die Übertragung, also die Umsetzung, und drittens den Empfänger, den Betrachter, das Publikum. Weiterhin verhält es sich auch hier wie bei vielen Kunstwerken, sie werden entweder falsch oder gar nicht verstanden. Ihre Intention bleibt unklar, vor allem im Bereich des Abstrakten. So auch hier. 
War ich bereits mit einem unguten Gefühl ins Kino gekommen – mich hatten weder die bisherigen Trailer noch die Tatsache, dass die Helden meiner Kindheit sich gegeneinander wenden sollten, sonderlich überzeugt –, so verwirrten mich diese surrealen, alptraumartigen Bilder zunächst völlig und ich tappte über weite Strecken total orientierungslos in diesem grundsätzlich so negativen »DC-Extended-Universe« (es geht auch anders, man werfe nur einen Blick auf die aktuellen Serien »The Flash« (seit 2014) und »Supergirl« (seit 2015)), das sich selbst, im Gegensatz zum großen Konkurrenten »Marvel Cinematic Universe«, so fürchterlich ernst nimmt, umher. Und dann diese beiden Backfische neben mir, die mir bereits in der Werbephase vorher, sich ungeniert über die neuesten Computerspiele unterhaltend und dann während dem Film munter Popcorn schmatzend, unangenehm aufgefallen waren. Diese Kids, die, sich aus großen Pappeimern vor sich bedienend, pausenlos und knirschend die Futterluke bewegend, ein Actionspektakel erwartet hatten – »Popkornkino« eben –, wurden enttäuscht, zumindest über drei Viertel des Films.
Worum geht es? – Da geht es dann schon los. Es ist einerseits ganz einfach gesagt, andererseits nicht unkommentierbar zu verstehen: Metropolis, die Hauptwirkungsstätte Supermans (Henry Cavill (*1983)), und Gotham, die Heimat Batmans (Ben Affleck (*1972)), sind, wie wir ja schon aus »Man Of Steel« (2013) wissen, direkte Nachbarn. Gotham hat nach den Ereignissen aus »Man Of Steel« sehr gelitten, unter anderen wurden viele Menschen getötet oder verletzt, die Angestellte von Wayne Enterprises waren. Somit fühlt sich Bruce Wayne (alias Batman) selbst für deren Schicksal verantwortlich. Er schiebt wütend die Schuld für all das Leid auf Superman und beschließt, dessen Treiben als Batman ein Ende zu setzen. Es kommt zum Kampf der Titanen. Soweit, so gut. Das ist der Plot.
Doch – natürlich – damit nicht genug. Das wäre der platte Actionreißer, den die Kids neben mir erwarten. Ein Haufen tumber Gewaltszenen, die man sich einfach nur anschaut, ab und an ein bewunderndes Stöhnen über die ach so faszinierende Tricktechnik von sich gibt, das halbe Popcorn vor Begeisterung auf den Zuschauer in der Reihe vor einem spuckt, und dann befriedigt wieder nach Hause geht. So einfach macht es Jack Snyder den Kids und den übrigen Zuschauern nicht. Das Narrativ des Films ist der Alptraum und die Rückblende, deren surreales Moment in die Wachzustände der handelnden Figuren hinüberschwappt. Dunkel, düster und hyperdystopisch erscheint die Welt, in der beide Helden agieren.
Wir erleben zum hunderttausendsten Mal die Tragödie des Jungen Bruce mit, sehen durch seine Augen den Mord an seinen Eltern und die Entdeckung seines Symbols, der Fledermaus, das ihn schließlich in Scharen aus der Dunkelheit der Verzweiflung, aus der tiefsten Höhle, in ein graues, nebelhaftes Licht einer zweifelhaften Existenz hebt. Wir sehen einen gealterten Bruce Wayne, einen an der Gesellschaft und ihrer Verderbtheit verzweifelnden Batman, einen, der sich selbst und ebenso Superman aufgrund ihres Tuns für kriminell hält, und dies mit seinem Butler Alfred (Jeremy Irons (*1948)) immer wieder diskutiert. – Kriminelle Superhelden? – Wo stehen Superhelden eigentlich im Rahmen der Gesetze dieser Welt?
Auf der anderen Seite steht nämlich der fast schon gottgleiche Superman, der die Menschen unterstützt, wo er nur kann, der hilft, der aber dadurch auch andere Katastrophen erst herbeiführt, natürlich ohne es zu wissen und zu wollen. Vor allen Dingen auch durch die sehr menschliche Beziehung zu Lois Lane (Amy Adams (*1974)), mit der er fest zusammen ist und die er naturgemäß aus jeder Gefahr befreit. Er erfährt in bibelfilmartigen Bildern eine geradezu göttliche Verehrung, die schon einer Anbetung gleichkommt. Dabei wird immer betont, dass er ein Alien ist und bleibt, ein Außerirdischer, denn kein Mensch vermag das, was Superman kann. Doch angebetet werden darf nur Gott, so die Forderung der Theologie, Menschen, egal wie besonders sie sind, dürfen nur verehrt werden.
Der Film führt eine ständige philosophisch-theologische Diskussion darüber, was ein Superheld – oder ein entsprechend begabter, tätiger Mensch – tun kann und vor allem tun darf. Gibt es moralische Grenzen für einen Übermenschen? Friedrich Nietzsche (1844-1900) hätte seine helle Freude daran gehabt. Die Einzige, die dieses Problem, mit den Mitteln der Demokratie, zu lösen versucht, ist US-Senatorin Finch (Holly Hunter (*1958)). Sie stößt die öffentliche Debatte darüber an, erkennt das Dilemma, lädt Superman vor den Senat, um ihn dazu zu bewegen, seine Aktionen mit den Menschen abzustimmen und nicht eigenmächtig zu handeln. Denn das, so die Überzeugung der Senatorin, tut man in einer Demokratie, man redet miteinander. Doch die ganze schöne Demokratie wird mit allen Beteiligten in einer Riesenexplosion vernichtet. Superman, der natürlich dem Inferno unbeschadet entkommen kann, konnte diese Katastrophe nicht voraussehen und macht sich bittere Vorwürfe. Er ist also doch kein allwissender Gott ... und so stirbt das amerikanische Gewissen, oder ist es schon längst tot? Ein Schelm, wer darin eine Anspielung auf aktuelle politische Geschehnisse erkennt.
»Es naht die Nacht!«: Auftritt des Bösewichts, des Erzschurken: Alexander »Lex Luthor« (Jesse Eisenberg (*1983)), ein zunächst unbedarft und freundliche wirkender junger Mann mit langen gewellten Haaren (sic!) entpuppt sich nach und nach als geistesgestörter, ränkeschmiedender Psychopath, dessen Wahlspruch »Macht ist unschuldig« von ihm selbst als die älteste Lüge Amerikas korrumpiert wird. Er verlässt sich voll und ganz darauf, dass »Menschen hassen, was sie nicht verstehen«. Er macht sich auf die Suche nach grünem Kryptonit, um daraus eine Waffe zu bauen. Er erpresst Superman, indem er dessen Ziehmutter Martha Kent (Diane Lane (*1965)) entführt, deren Vorname derselben ist wie der von Bruce Waynes ermordeter Mutter Martha Wayne, und zwingt ihn, Batman umzubringen. Doch allein der gemeinsame Vorname der Mütter »Martha« (Joh 11, 21-22) beendet später den Zwist. Außerdem erweist er sich als »moderner Prometheus«, als eine Art Frankenstein, denn er züchtet aus der DNA des toten General Zod (in »Man Of Steel« gespielt von Michael Shannon (*1974)) und seiner eigenen ein Monster, eine scheußliche Kreatur mit der Kraft eines Kryptoniers und nur durch Kryptonit zu besiegen. Mary W. Shelley (1797-1851) hätte an dieser modernen Adaptation ihres Klassikers von 1818 sicher ebenso wie Nietzsche ihren Spaß gehabt.
Nach dem unvermeidlichen Kampf der beiden Superhelden gegeneinander, den Batman mit einem Speer, dessen Spitze aus puren Kryptonit besteht, und Kryptonit-Gas lange im Gleichgewicht halten kann, eilt den beiden, die sich – natürlich – auch wieder zusammenraufen, eine Frau zu Hilfe, die als die eigentliche Entdeckung dieses Films gelten kann: Wonder Woman (Gal Gadot (*1985)) Die eigentlichen Kräfte dieser scheinbar unsterblichen Amazone mit Schwert, Schild, magischem Lasso und Brünne, werden nicht ganz enthüllt, dennoch kann sie mit ihrem Schwert dem Monster empfindliche Wunden beibringen und ihr Schild entwickelt enorme Abwehrkräfte. Sie würde sich sicher glänzend mit Captain America verstehen. Ebenso wird der Weg für die »Gerechtigkeitsliga« die »Justice League« freigemacht, denn man sieht zu ersten Mal, wenn auch nur kurz, die neuen alten Helden »The Flash« (hier nicht der charismatische Publikumsliebling aus der Serie Grant Gustin (*1990), sondern Ezra Miller (*1992)), »Aquaman« (Jason Momoa (*1979)) und »Cyborg« (Ray Fisher (*1988)).
Der Film endet in einem scheinbaren Disaster. Obwohl das Monster besiegt werden kann, in dem ihm Superman Batmans Kryptonit-Speer durch die Brust rammt, wird Superman doch vorher noch von dem Monster tödlich verletzt und stirbt. Am Grab – Superman erhält natürlich ein Staatsbegräbnis mit allen Ehren und zusätzlich ein Begräbnis im kleinen Kreis in Smallville – beschließen Bruce Wayne alias Batman und Diana Prince alias Wonder Woman, in seinem Namen weiterzukämpfen. Doch ob Superman wirklich tot ist? Batmans äußert abschließend bewusst rätselhaft »Und all das für eine leere Kiste!« Und in der allerletzten Szene vibriert die Handvoll Erde, die Lois Lane zutiefst trauernd ins Grab geworfen hat, noch einmal ordentlich auf dem Sargdeckel. Es gibt also noch Hoffnung ... Stirbt die nicht zuletzt? Wie war das noch gleich mit solchen Klischees?
Welches Fazit lässt sich nun aus alledem ziehen? Zac Snyder (*1966) hat hier eindeutig ein filmisches Kunstwerk geschaffen, allerdings hält er diesen Anspruch nicht konsequent durch. Zu groß sind die Kompromisse, die man eingehen muss, wenn man bei einem solchen Riesenfranchise, das in der Regel auf actionlastige Unterhaltung und nicht auf philosophisch-theologisch tiefschürfende geistige Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten aus ist, den entsprechenden Tiefgang einbringen will. 

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Die Erzählweise ist unorthodox und modern und überfordert so den klassischen Kinogänger, der auf pures, buntes Unterhaltungskino aus ist. Alptraumartig, düster, psychologisch kompliziert und mit Flashbacks durchsetzt, kaleidoskopartig in narrativen Puzzleteilen bleibt dennoch, bei aller, dem Geschmack der Zeit anzulastenden, Dystopieversessenheit die Frage nach Gott immer gleich. Was ist Gott? – Ist Gott gut? Böse? Allmächtig? – Kann ein Wesen angesichts der Dialektik des Seins, sei es nun mit Superkräften ausgestattet oder der übliche Ottonormalverbrauchertyp, nur gut oder nur böse sein?


Lex Luthor bekommt am Ende im Knast symbolisch den Kopf rasiert und erhält so das »gewohnte« Luthor-Erscheinungsbild. Die Menschen beerdigen Superman und bekommen die Weisung »Wenn ihr sein Monument sucht, seht euch um!«. Steckt also in uns allen ein Superman, ein gottgleiches Wesen, wie es die Bibel ja von Anfang an beschreibt: »Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. (...) Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; / als Abbild Gottes schuf er ihn. / als Mann und Frau schuf er sie.« (Gen 1, 26a.27) – Oder schaffen wir Menschen uns unsere Götter selbst? – Was ist das Wesen Gottes?


Mittwoch, 23. März 2016

»Ein Tag ohne Tod« – Kevin Reynolds Bibelpastiche »Auferstanden«

»Am nächsten Tag gingen die Hohenpriester und die Pharisäer gemeinsam zu Pilatus; es war der Tag nach dem Rüsttag. Sie sagten: Herr, es fiel uns ein, daß dieser Betrüger, als er noch lebte, behauptet hat: Ich werde nach drei Tagen auferstehen. Gib also den Befehl, daß das Grab bis zum dritten Tag sicher bewacht wird. Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden. Und dieser letzte Betrug wäre noch schlimmer als alles zuvor. Pilatus antwortete ihnen: Ihr sollt eine Wache haben. Geht und sichert das Grab, so gut ihr könnt. Darauf gingen sie, um das Grab zu sichern. Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort.« (Mt 27, 62-66)
Die Karwoche. Die letzte Woche der Fastenzeit, die in der Passion Christi, in seinem Leiden und Sterben am Kreuz auf der Schädelhöhe vor Jerusalem, ihren gleichsam grausamen wie erlösenden Höhepunkt findet, ist gemeinhin die Zeit, in der wir im Fernsehen und im Kino immer wieder auf die unterschiedlichste Art und Weise mit den Vorkommnissen von vor zirka 2000 Jahren konfrontiert werden. Dies geschieht dann in entweder sehr drastisch naturalistischer Weise, man denke an Mel Gibsons (*1956) »Die Passion Christi« (2004), oder in George Stevens (1904-1975) trivial verklärter Art, »Die größte Geschichte aller Zeiten« (1965).
Immer wieder wird uns dieselbe Geschichte erzählt, wie sie weitestgehend in den Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes Konsens findet. Erzählt wird sie uns als Synopse, als narrativ geschlossene Einheit der vier kanonischen, biographieähnlichen Schriften über das Leben Jesu des Neuen (Zweiten) Testaments. Bei vielen Menschen schleicht sich da eine gewisse Gewöhnung ein, wenn dieselbe Geschichte immer und immer wieder so erzählt wird, man stumpft ab gegen die Gewalt, die dieses Geschehen zeigt, und Langeweile breitet sich aus.

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Mein Sitznachbar im Kino liest vor dem Film noch auf seinem Kindle die ZEIT, während ich mir Gedanken über die Uhrzeit mache: 23:15 Uhr. Ich schaue in der App meines Kinos nach und stelle fest, dass der Film die ganze Woche nur um diese Uhrzeit läuft. Da bekommt der Titel eine ganz andere Bedeutung: »Auferstanden«, oder sollte ich besser formulieren: »Aufgestanden«? Es ist eben mal wieder ein Bibelfilm, das kennen wir ja alles schon. – Aber tun wir das denn wirklich? – Um eine einigermaßen zufriedenstellende Antwort auf die Frage zu erhalten, bietet sich ein Perspektivwechsel, wie ihn der texanische Filmregisseur und Drehbuchautor Kevin Reynolds (*1952), im Übrigen ein ehemaliger US-amerikanischer Rechtsanwalt, in seinem neuesten Film unternimmt, geradezu an.

Im englischen Original heißt der Film »Risen«, die deutsche Übertragung »Auferstanden« ist also durchaus annehmbar, allerdings beinhaltet das englische Partizip Perfekt »risen« noch einige weitere Deutungsmöglichkeiten. »to rise« kann neben seiner ursprünglichen Bedeutung »(Auf)Steigen, Anwachsen, Anschwellen« auch noch viel mehr aussagen, u. a. »sich erheben, aufstehen, aufbrechen«, aber auch »Erhöhung, Zuwachs, Ursprung, Anfang«, »auferstehen« oder hier besser »auferstanden« ist da nur eine der vielen Übersetzungsmöglichkeiten.
Der römische Centurio Clavius im Rang eines Militärtribunen (Befehlshaber, Kommandeur), der von dem religionsfilmerfahrenen Joseph Fiennes (*1970) gespielt wird (man erinnere sich an seiner Darstellung des Kirchenreformators Martin Luther (1483-1546) in Eric Tills (*1929) gleichnamigem Film aus dem Jahr 2003), versieht seinen Dienst in Jerusalem unter der Präfektur von Pontius Pilatus (Peter Firth (*1953)). Es ist eine unruhige Zeit, in der sein Hauptarbeitsgebiet die brutale Niederschlagung von Aufständen und die Hinrichtung durch Kreuzigung ist. Clavius verehrt den römischen Kriegsgott Mars (Ares) und sein Ziel ist, wie er Pilatus im Bad erklärt, nach Rom zu kommen, dort ein hohes Amt zu bekleiden, viel Geld zu verdienen, sich ein schönes Haus auf dem Land leisten zu können und eine tolle Familie zu haben. Er strebt ein Ende aller Mühsal an, er sehnt sich nach einem Tag ohne Tod, einfach nach Frieden.

Eines Tages überwacht er die Hinrichtung von drei Verbrechern, von denen einer, nämlich der, der in der Mitte gekreuzigt wurde, bereits tot zu sein scheint. Clavius führt den Befehl des Pilatus aus, der besagt, er soll dem Schauspiel ein Ende bereiten und den Delinquenten die Beine zerschlagen, damit sie schnell sterben, denn der Kreuzestod ist dem Wesen nach ja ein Erstickungstod. Bei dem Mittleren jedoch befiehlt er dem Soldaten, ihm eine Lanze unter die Rippen zu jagen und so Herz und Lunge zu zerstören, damit der Tod absolut sicher ist. Die Toten werden in eine Grube befördert und mit Kalk überschüttet. Nur jener Mittlere wird, durch ein Schriftstück des Pilatus legitimiert, von dem »Arimathäaer« Joseph (Antonio Gil) in dessen Familiengrab beigesetzt.
Auf Wunsch des jüdischen Hohepriesters Kaiaphas (Stephen Greif (*1944)), der Pilatus politisch gekonnt unter Druck setzt, und auf dessen Befehl hin, lässt Clavius das Grab dieses Mannes, von dem er nur erfährt, dass er Jeschua (Cliff Curtis (*1968)) hieß und ein Messias gewesen sein soll, versiegeln und bewachen, da der dringende Verdacht besteht, dass seine Jünger, seine Schüler, seinen Leichnam rauben, um behaupten zu können, er sei von den Toten auferstanden.

Unter den Juden der damaligen Zeit war der Glaube an einen von Gott gesandten Erlöser, einen maschiach, einen Gesalbten, weit verbreitet, der sie vom Joch der Besatzungsmacht Rom befreien sollte. Gesalbt wurden damals allerdings nur Könige, so dass dieser »König der Juden« zum einen den israelischen König selbst und zum anderen den römischen Kaiser bedrohte.

Clavius hält das zwar für Unsinn, denn für ihn »war er tot«. Trotzdem wird das Grab mit einem schweren Stein, für den sieben Männer nötig sind, um ihn zu bewegen, verschlossen, dieser mit Stricken umwickelt und mit rotem Lack und dem Stempel des Pilatus versiegelt. Clavius stellt auch noch zwei Wachen ab. Am nächsten Morgen sind die Wachen verschwunden, der Stein liegt weit vom Grab weg und der Leichnam ist weg. Einzig und allein ein Schweißtuch mit dem Gesichtsabdruck des Gekreuzigten findet sich im Grab.
Und hier setzt die eigentliche Handlung des Films ein. Es wird das erzählt, was bisher nie Thema in einem Bibelfilm – war mit Ausnahme vielleicht von Henry Kosters (1905-1988) »Das Gewand« (1953) – nämlich das Geschehen nach der Kreuzigung über die Auferstehung bis hin zur Himmelfahrt. – Warum man es nie wirklich angepackt hat? Nun, vermutlich war man eher auf die Fakten aus: Man weiß – und man weiß das aus nichtchristlichen Quellen (Flavius Josephus in seinem Testemonium Flavianum und Sueton, Tacitus und Plinius der Jüngere in Randnotizen) –, dass es in etwa zur Regierungszeit des Kaisers Tiberius in Jerusalem einen Volksaufstand gegeben hat, den ein gewisser Chrestos (vgl. Sueton) anführte, der aber blutig niedergeschlagen wurde und dessen Rädelsführer man kreuzigte; und Chrestos klingt doch verdächtig nach dem griechischen christos, was wiederum die Übersetzung des hebräischen maschiah ist.

Die Theologie, und damit auch die Bibelwissenschaft, unterteilt sich in zwei große Bereiche. Der eine ist die Empirie, also alles, was wissenschaftlich exakt und einwandfrei nachweisbar ist. Das wären die Geschehnisse bis zur Kreuzigung. Alles was danach kommt, gehört in den Bereich der Offenbarung, des Glaubens, wofür es keine Beweise gibt. Deshalb ist die Auferstehung Christi, oder die Auferweckung, wie manche mit eindeutiger Akzentverschiebung sagen, ein so schwer zu fassender Teil der biblischen Geschichte, dass man sie wohl andeutet, selten aber wirklich ausführlich darstellt.
Die Juden interpretierten die Auferstehung als ausgemachten Schwindel, für sie war Jeschua, der Nazoräer, nicht der Sohn Gottes, sondern lediglich ein verwirrter Prophet und Gotteslästerer, der den Weg allen Fleisches gegangen war. Um die Auferstehung als Lehre dieser neuen Sekte der Christen zu etablieren, sei der Leichnam aus dem Grab gestohlen worden. Reine Propaganda also, da Leichendiebstähle dieser Art zur damaligen Zeit wohl öfter vorkamen.

»Auferstanden« entpuppt sich also zunächst als historischer Krimi. Eine Ermittlung beginnt. Wo ist der Leichnam Jeschuas abgeblieben? Wer sind seine Jünger, seine Schüler? Wer weiß etwas? Wer sagt etwas? Wer bringt Licht in die Angelegenheit. Clavius dreht buchstäblich jeden Stein um, er exhumiert jede in Frage kommende Leiche. Pilatus übt Druck auf ihn aus, da der Besuch des Kaisers Tiberius bevorsteht und er dem Kaiser eine befriedete Provinz demonstrieren will. Der Präfekt drängt auf rasche Erfolge.
Reynolds geht dabei teilweise sehr frei mit der biblischen Vorlage um, Barabbas zum Beispiel, wird gleich zu Beginn von Clavius bei einem Aufstand erschlagen, nachdem er sich eindeutig als Anhänger der Messiaslehre geoutet hat. Auf der anderen Seite ist er aber unglaublich bibeltreu, was die Geschehnisse nach der Kreuzigung betrifft. Seine Hauptquelle ist ohne Frage das Matthäus-Evangelium, allerdings bringt er auch Inhalte der anderen Synoptiker, vor allem des Johannes, mit ein.

Die Wachen, die bei Matthäus von den Frauen bestochen werden, erleben hier die Auferstehung als Blitz, der den Stein wegsprengt und als Sonne, die im Grab aufgeht. Allerdings haben sie vorher auch ordentlich getrunken, was die Möglichkeit zulässt, dass sich auch alles ganz anders zugetragen haben könnte und ihre Schilderung nur einer Alkoholphantasie entspringt, ganz ähnlich, wie es Lukas auch in der Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte aufzeigt: 
»Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.« (Acta 2, 13)
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Maria Magdalena (María Botto (*1974)), die stadtbekannte Prostituierte, die in nicht näher geklärter Beziehung zu Jeschua steht, und die die halbe römische Kohorte kennt, rät Clavius in der Befragung, er solle mit seinem Herzen sehen. Bartholomäus, herrlich einfältig dargestellt, erklärt ihm frink und frei, dass Jeschua, wenn er überlebt hätte, ihn als Bruder umarmen würde, obwohl er ihn getötet hat. Clavius, wendet sich in seiner Verzweiflung, weil er mit der Suche nicht weiterkommt, vor der Statue des Mars stehend, an Gott Jahwe und verspricht ihm, wenn er sich ihm deutlich zu erkennen gäbe, ihm Tempel zu bauen. Dies ist eine herrliche Allegorie auf die Stelle im Buch Exodus, wo es heißt: 
»Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, der Herr.« (Ex 12, 12b)
Nachts sieht Clavius dann sogar in einem starken Traumbild das Kreuz mit dem toten und durchbohrten Jeschua inmitten eines stürmischen Meeres.

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Dann geschieht das Unfassbare und Clavius begegnet bei einer Hausdurchsuchung tatsächlich dem Auferstandenen, der ihn im Kreis seiner Jünger willkommen heißt. Er lässt demonstrativ das Schwert aus den Händen gleiten und sinkt zu Boden. Er hat zwei Dinge gesehen, die er nicht zusammenbringen kann. Er hat den Gekreuzigten sterben sehen, er hat ihn durchbohren lassen, so etwas überlebt niemand, dieser Mann war tot. Absolut tot. Und nun sitzt er lebendig vor ihm und präsentiert seinen Jüngern seine Wunden. Trotz gut gemeinter Absicht ist dieses Bild des vor dem Herrn, vor der Glaubenserkenntnis in die Knie sinkenden Sünders nicht neu und verliert daher hier ein wenig an Kraft. Ab diesem Moment kippt der Film ein wenig. Man hat das Gefühl, der Plot hat seinen Höhepunkt erreicht und was nun noch folgt, ist eher vertiefendes und leicht vorauszusehendes Beiwerk.

Clavius quittiert – natürlich – den Dienst und macht sich auf, diesem Jeschua zu folgen, diesem Propheten, diesem Sohn Gottes. Er zieht eine Weile mit den Jüngern, bewahrt sie vor der Vernichtung durch die römischen Soldaten und führt am Abend vor der Himmelfahrt ein sehr persönliches Gespräch mit Jeschua, der ihm verziehen hat, und ihn fragt, wonach er wirklich sucht. Jeschua weiß das vom Ende aller Mühsal, vom Tag ohne Tod, ein erneuter Schock für Clavius, denn das kann dieser Mann eigentlich gar nicht wissen, denn Clavius hat das Pilatus im Vertrauen gesagt.

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Im Übrigen sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass die Namen hier ganz bewusst gewählt sind. Getreu dem lateinischen Grundsatz nomen est omen heißt Clavius eben Clavius, was eine seltsame Mischung aus dem lateinischen clavis für Schlüssel, Riegel oder Treibstock und clavus für Nagel, Steuerruder u.a. ist. Im Zusammenklang kling da auch irgendwie das gladius, das Schwert mit. Ebenso sein junger Adjutant: Ein Jungspund namens Lucius Beneficiarius (Tom Felton (*1987), besser bekannt als Draco Malfoy aus den Harry-Potter-Verfilmungen), dessen Nachname zum einen  einen von niedrigen Arbeiten befreiten Soldaten, einen Gefreiten bezeichnet, zum anderen aber eben auch »zur Wohltat gehörig« meint. Und eben dieser Beneficiarius ist es auch, der ihn am Ende mit den Jüngern ziehen lässt, ohne ihn an die anderen römischen Soldaten zu verraten, ihm und den Jüngern also eine Wohltat erweist.

Es folgt nach dem berühmten Lämmer-Schaf-Dialog mit Petrus (»Weide meine Schafe!« Joh 21, 15-17) die Himmelfahrt. Nach dem Sendungsbefehl: 
»Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.« (Mt 28, 18b-20), 
der auch an ihn ergeht, schließt er sich allerdings nicht den Jüngern an, er geht seinen eigenen Weg. Dieser letzte Teil verschießt eine Menge Pulver. Man hat das Gefühl, Reynolds arbeitet hier nur die Erscheinungsberichte der Bibel ab. Der Zuschauer steht immer ein wenig ratlos hinter dem eben so ratlosen Clavius und sieht eigentlich nur zu. Selbst an den charismatischen Simon Petrus kommt man nicht wirklich heran. Die Jünger bleiben, wie Jeschua selbst, ein Stück weit unnahbar, unbegreifbar. Clavius begreift, dass, obwohl der Ruf auch an ihn ergangen ist, er nicht – vielleicht noch nicht – dazugehört. Ihm ist wohl ein anderer Weg bestimmt, nicht das Menschenfischen.
Folgerrichtig lautet die abschließende Frage des Films, der in eine kleine Rahmenhandlung gebettet ist: »Glaubst du all das denn wirklich?« Und Clavius antwortet nicht eindeutig: »Ich glaube, ich kann nie wieder sein wie früher!« Das ist herrlich unkonventionell, denn es lässt die Möglichkeit offen, dass Clavius trotz allem, was er erlebt hat, trotz der großen Beweiskraft, die das Geschehen unweigerlich haben muss, doch nicht direkt zum Christen wird, sondern nur zu einem Menschen, den die Begegnung mit dem auferstandenen Jeschua verändert hat – für immer verändert hat.


Der Schluss bleibt also gewissermaßen offen. Die Entscheidung, ob man glaubt oder nicht, bleibt in der persönlichen Verantwortung und Entscheidung des Menschen, der zwar nicht unbeeindruckt und unbeeinflusst bleibt, dennoch aber seinen freien Willen behält. Und das ist doch das Schöne am christlichen Glauben, nämlich dass niemand zu etwas gezwungen wird, was er nicht will, sich aber trotzdem frei dazu entscheiden kann. Das ist wahre Liebe, das ist das unglaubliche Geschenk Gottes an die Menschheit. Das ist das Ostergeheimnis in seiner reinsten Kultur. Eine tolle Botschaft, gerade in der heutigen Zeit.


Donnerstag, 3. März 2016

Nur eine Kerbe in der Mauer des Schweigens – Tom McCarthys SPOTLIGHT (2015)



»Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’ anni ’mpaci«/
»Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.« 
(Sizilianisches Sprichwort)

Investigativer Journalismus ist ein beinhartes Geschäft und durchaus nicht ungefährlich für diejenigen, die unangenehme Wahrheiten aufspüren, aufdecken und enthüllen. Die Darstellung dieser Arbeit im Film, vor allem dann, wenn es um tatsächliche, wahre Begebenheiten geht, ist immer ein schwieriges Unterfangen, für das Schauspieler, Regisseur und das komplette Filmteam sehr viel Fein-, Takt- und Fingerspitzengefühl benötigen, wenn sie es nicht vermasseln wollen.

Noch komplizierter wird es, wenn es nicht unbedingt um ein politisches, sondern um ein religiöses Problem geht, das die äußerst empfindliche Intimsphäre des Menschen angeht. In diesem Fall geht es um die Aufdeckung eines Massenmissbrauchsskandals an Kindern durch katholische Geistliche in Boston. Ein Reizthema, ganz ohne Frage. Aber eben auch ein Thema, dem man sich als religiöser, theologisch gebildeter Mensch ebenso stellen muss, wie als ethischer, philosophisch humanistischer Atheist.

Quelle
»Spotlight« zeigt in halbdokumentarischer halbspielfilmischer Form die Arbeit der gleichnamigen Abteilung des »The Boston Globe«, die in 2001 in zeitlicher Nähe zu den Geschehnissen vom 11. September zu mehreren Fällen von Kindesmissbrauch in Boston seit den 1970er Jahren recherchieren. Veranlasst dazu wird Spotlight durch einen neuen Herausgeber, einen Juden namens Marty Baron (Liev Schreiber). »Manchmal braucht es einen Außenseiter«, um verkrustete Strukturen aufzubrechen, und eine solche Arbeit zu erledigen, heißt es da. In diesem Sinne ist der einzige Anwalt, der die Sache der Opfer vertritt, Mitchell Garabedian (Stanley Tucci), folgerichtig ein Armenier. 

Das Spotlight-Team (u. a. Mark Ruffalo, Rachel McAdams, John Slattery) um Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) macht sich an die Arbeit und stößt überall auf eine Mauer des Schweigens, die sie zwar mit viel Mühe letztlich für die Stadt Boston durchdringen können, in die sie aber angesichts der globalen Ausweitung des Problems letztlich doch nur eine Kerbe schlagen können. 

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Es kommen sowohl Opfer als auch Täter zu Wort. Da fallen Sätze wie »Als armer Junge aus einer armen Gegend ist Religion sehr wichtig.«, »Kann man Gott etwas abschlagen?« und »Die Kirche denkt in Jahrhunderten.« Es werden die kirchliche Machenschaften, die sich vor allem auf das Wirken des renommierten Kardinals Bernhard Francis Law (*1931), dem Erzbischof des Erzbistums Boston, beziehen, auf eine Ebene gerückt mit säkularen Anwaltszirkeln, für die der Kindesmissbrauch durch die Priester ein lukratives Geschäft zu sein scheint. Das Ganze erinnert sehr an die sizilianische Mafia und deren ehernes Gesetz der Omertà

Die Missbrauchsopfer werden oft nach dem Grad der Scham ausgewählt. Je mehr sie sich schämen, desto geringer das Risiko, dass sie etwas dagegen unternehmen. Und ein Missbrauchsdelikt verjährt im amerikanischen Recht bereits nach wenigen Jahren. Und die, die sich am meisten schämen, sind die Ärmsten der Armen, die, die im sozialen Gefüge ganz weit unten stehen. Dadurch werde der sexuelle Missbrauch gleichzeitig ein »spiritueller Missbrauch«, was noch viel schlimmer sei. 
Sollte sich doch ein Opfer dazu entschließen, den Peiniger anzuzeigen, gibt es in der Regel sogenannte »private Mediationen«, das heißt, es kommt zu direkten Verhandlungen mit der Kirche, ein weltliches Gericht wird gar nicht erst zwischengeschaltet, es erfolgt keine Anzeige, sondern die Kirche regelt das intern durch »krankheitsbedingte« Versetzungen oder ähnlich gelagerte Begründungen. Die Kirche unterhält sogenannte »Behandlungszentren«, in denen pädophile Priester behandelt und therapiert werden.

Eines der wichtigsten Argumente für das Verhalten der Kirche in diesen Fällen ist hier der Zölibat, der »eine Atmosphäre der Geheimhaltung schafft, die wiederum die Pädophilie schützt«. Gleichzeitig wird aber die umgebende weltliche Gesellschaft nicht aus der Pflicht genommen, denn »wenn viele helfen, ein Kind großzuziehen, helfen auch viele, es zu missbrauchen«.
Der Film, der auf einem Drehbuch von Tom McCarthy und Josh Singer aus dem Jahr 2013 basiert und seine Uraufführung bereits am 3. September 2015 bei den 72. Internationalen Filmfestspielen von Venedig erlebte, wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet (Golden Globe Award 2016, Critics Choice Awards 2016, British Academy Film Awards 2016, u. a.) und erhielt jüngst den Oscar für den besten Film und das beste Originaldrehbuch sowie Nominierungen in vier weiteren Kategorien.

Was hier wohltuend auffällt, ist, dass der Film keine effekthaschende Klischeereiterei, sondern eine nüchterne und trotzdem nicht verharmlosende Darstellung der Geschehnisse zeigt. Er bemüht sich um größtmögliche Objektivität, die dem Zuschauer als mündigem Christen und Bürger nach Vorlage aller Fakten ein eigenes Urteil zutrauen und ermöglichen. Die Folgen für die Kirche, dass eine Menge Menschen ihr nicht mehr vertrauen, in massive Glaubenskrisen geraten und austreten oder den Gottesdienst nicht mehr besuchen, wird genauso dargestellt, wie die Tatsache, dass die Kirche eine Institution von Menschen ist, die menschliche Fehler und Schwächen haben. Respektheischend ist hier auch die Reaktion der Katholischen Kirche auf den Film zu nennen. So findet sich in einem Artikel von John L. Allen Jr. in »Crux« folgende Passage, die für sich selbst spricht: »A Vatican Radio commentator also said the Globe’s reporting, upon which the film is based, helped the Church in the United States “to accept fully the sin, to admit it publicly, and to pay all the consequences.”«
Trotz allem, und das soll hier nicht die Schwere des Themas und die Not und das Leiden der Opfer schmälern, möchte ich doch anmerken, dass der Film in mir persönlich nicht die Betroffenheit auslösen konnte, die er definitiv auslösen wollte, obwohl er absolut sehenswert ist und bleibt. Dafür ging man wiederum zu objektiv an die Sache heran, die Emotionalität blieb komplett auf der Strecke, wodurch die vereinzelten Gefühlsausbrüche von Mark Ruffalo aufgesetzt und unecht wirkten. Man schaute eben investigativen Journalisten bei der Arbeit zu, die zwar wichtig und hochbrisant war und ist, die den Zuschauer aber eben in gewisser Weise außen vor lässt. Hier wurde meines Erachtens nach eine Menge Potential verspielt.

Pädophilie ist und bleibt ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht nur einseitig auf die Kirche, und hier insbesondere auf die Katholische Kirche, bezogen werden sollte, sondern eben als gesamtgesellschaftliches Problem wahrgenommen werden muss. Dass es als doppelt verderblich gilt, wenn es durch Vertreter der Kirche, die ja als Seelsorger der Menschen agieren, verursacht wird, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pädophilie alle Gruppen der menschlichen Gesellschaft ohne Ansehen der Person, der Herkunft oder der ideologischen Weltanschauung betrifft, wofür die Menschheit eine wirkliche Problemlösung anstreben und nicht mehr nur einzelne Gruppierungen oder Personen verantwortlich machen sollte.



Dienstag, 1. März 2016

Von der Einsamkeit der Fiktion in der Realität – Bill Condons »Mr. Holmes« (2015)

»I fear that Mr. Sherlock Holmes may become like one of those popular tenors who, having outlived their time, are still tempted to make repeated farewell bows to their indulgent audiences. This must cease and he must go the way of flesh, material or imaginary. One likes to think that there is some fantastic limbo for the children of imagination, some strange, impossible place where the beaux of Fielding may still make love to the belles of Richardson, where Scott’s heroes still may strut, Dickens’s delightful Cockneys still raise a laugh, and Thackeray’s worldlings continue to carry on their reprehensible careers. Perhaps in some humble corner of such a Valhalla, Sherlock and his Watson may for a time find a place, ...« Mit diesen hoffnungsfrohen, im Stillen aber doch wohl mit einem Augenzwinkern niedergeschriebenen Worten verabschiedet sich Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) 1927, drei Jahre vor seinem Tod, im Vorwort von »The Case-Book of Sherlock Holmes« von seiner Schöpfung, dem also fiktiven beratenden Detektiv Sherlock Holmes. 
Was aber, wenn das dort angesprochene ›Valhalla‹ eben nicht ein ›fantastic limbo for the children of imagination‹ wäre, sondern die Realität, die Wirklichkeit, die natürlich in diesem Fall auch nur eine fiktive Wirklichkeit abbilden würde? Eine literarische Gestalt, egal wie populär auch in dieser Realität, wäre mit Sicherheit sehr einsam. Und um diese Einsamkeit geht es in Bill Condons (*1955) filmischer Romanadaptation »Mr. Holmes«, der in England bereits im Juni 2015 anlief, hier in Deutschland allerdings leider erst jetzt in die Kinos kommt, wohl, weil es ein sogenannter Kunstfilm ist, ein filmisches Gesamtkunstwerk, das einen intellektuellen Zuschauer braucht, das einen durch literarische Studien Gestählten benötigt, um es zu verstehen, nicht nur einen eingefleischten Sherlock-Holmes-Fan.
Doch worin genau besteht nun diese Kunst? Sie besteht definitiv in dem methodischen Interpretationsansatz des Spiegels im Spiegel, was sich durch den ganzen Film zieht, wie die Aorta durch den menschlichen Körper, und das in Deutschland der Autor Michael Ende (1929-1995) in seiner surrealistischen Geschichtensammlung »Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth« (1983) zur Kunstform erhoben hat. 

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Doch zunächst einige kurze Worte zur literarischen Vorlage. »A Slight Trick Of The Mind« ist der sechste Roman des amerikanischen Autors Mitch Cullin. Er wurde 1968 in New Mexico geboren und hat schottische, irische und indianische Vorfahren. Seine bisher sieben Romane, diverse Kurzgeschichten und sein Versepos sind in Deutschland bisher kaum rezipiert und übersetzt worden. Bezeichnenderweise hat er keinen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag, obwohl er in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurde, unter anderen ins Französische, Italienische, Polnische und Japanische. Die amerikanische Fachpresse bezeichnet ihn als »brillant und wunderschön« (Jim Lewis in The New York Times). 
Der Roman wurde erstmals 2005 bei Nan A. Talese, einem Imprint von Doubleday, was wiederum zu Random House Inc. gehört, veröffentlicht. 2014 erfolgte dann die Publikation bei Canongate Books Ltd. in Edinburgh. Bisher existiert, meines Wissens nach, keine Übertragung ist Deutsche. Cullin folgt in seinem sprachlich wunderschön zu lesenden Text, den er im Jahr 1947 ansiedelt, für einige Zeit dem recht einsamen Leben eines mittlerweile 93-jährigen Sherlock Holmes, der auf einem Anwesen in Sussex lebt, Bienen züchtet und langsam aber sicher dem Vergessen anheimfällt, dem Vergessen sowohl im Sinne von vergessen zu werden, als auch sich nicht mehr an alles erinnern zu können. Die allzuschnelle Diagnose ›Altersdemenz‹ wird hier bewusst vermieden, denn danach sieht es nicht wirklich aus. Zur Seite stehen ihm ein Arzt, der ab und an nach ihm sieht, und eine Haushälterin mit ihrem Sohn, zu dem der alte Holmes eine fast schon innig zu nennende Beziehung eingeht. Eine faszinierende Idee, eine äußerst interessante Vorlage, nicht nur für Holmesianer oder Sherlockians.
Bill Condon setzt den Fokus bei seiner filmischen Adaptation zum einen auf die Einsamkeit des Alters und zum anderen auf die faszinierende Frage, was wohl geschähe, wenn Sherlock Holmes eben nicht in einem ›Valhalla‹ für fiktive Erfindungen und Personen seine letzten Tage verbringen würde, sondern eben in der Realität, in der die Berichte seines verstorbenen Chronisten John H. Watson gelesen wurden in der Annahme, es handele sich bei Holmes um eine realexistierende Person, die wirklich gelebt hat. Condon nimmt also die Leser des Strand Magazines und die Sherlock-Holmes-Fans auf der ganzen Welt sehr ernst, in dem er ihren innigsten Wunsch, der Meisterdetektiv sei eine wirkliche Person aus Fleisch und Blut, erfüllt.
Doch wie empfindet eine solche Figur sich selbst in der realen Wirklichkeit? Es wirkt hier schon extrem befremdlich, wenn Mr. Holmes im Kino sitzt und auf der Leinwand sich selbst sieht, wie er einen Fall löst. – Wie geht die Figur damit um, wenn sie, wie ihr Schöpfer prognostizierte, den Weg allen Fleisches gehen muss? Die krampfhafte Suche nach Anispfeffer verdeutlicht hier das sich Aufbäumen gegen das Unvermeidliche. – Welche seelischen Kämpfe ficht eine solche Figur aus, wenn sie Mensch wird und sich als Mensch mit allen Schwächen und Gebrechen des Alters begreifen und anzunehmen lernen muss? Die Bewegungen sind kürzer und eingeschränkter. Nein, Altwerden ist nichts für Schwächlinge oder Feiglinge. – Was wird sie bereuen, welche Fehler wird sie noch gutzumachen suchen? Er nimmt keine Fälle mehr an. – Kann ein Sherlock Holmes überhaupt Fehler haben oder machen? – Warum zieht er sich mit einem Mal nach dem sechzigsten von Watson dokumentierten Fall aus der Öffentlichkeit zurück und ging in Rente, um Bienen zu züchten? Er hat durch die nach seinen strengen Maßstäben moralisch einwandfreie Lösung eines Falles den Tod eines Menschen verursacht und wirft sich diesen Sachverhalt indirekt vor, kreidet es sich als Versagen an.
All das und noch viel mehr bietet dieser stille, ruhige und absolut unaufgeregte Film, in dem es nicht eine Action-Sequenz gibt, in dem es nur die reine, klare Verstandeslogik gibt, die durch menschliche Bedürfnisse in arge Bedrängnis gerät. Und immer wieder sieht sich Mr. Holmes (Sir Ian McKellen, *1939, in einer wahren Glanzrolle) im Spiegel: Er sieht seine fiktive Existenz im Spiegel der Wirklichkeit, die ihrerseits natürlich dadurch, dass er sich darinnen aufhält, selbst einen fiktiven Charakter erhält. – Er sieht sich und sein Leben, seine aktive Zeit, im Spiegel des Jungen Roger (Milo Parker, *2002), der eine große Begabung in ›seiner‹ Wissenschaft der Deduktion zu sein scheint, und dem er etwas mitgeben will, den er vielleicht sogar ›ausbilden‹ will. Roger könnte ihn einmal ersetzen, er könnte ein neuer Mr. Holmes werden. – Und er sieht sich schließlich und endlich im Spiegel der Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney, *1964), der Mutter von Roger und damit irgendwie auch ›seiner‹ Mutter. Er sieht seine Einstellung zu Frauen, die auf ihn zurückgespiegelt wird und mit der er zu lernen hat, umzugehen. 
Aber all die Spiegelungen relativieren sich, als er erkennt, dass er schlicht einsam ist, nicht nur weil er alt, sondern eben auch eine Kunstfigur ist, die scheinbar ausgedient hat; eine Kunstfigur, die selbst zur ewigen Nummer zwei, zu Watson, werden muss, um einen letzten Fall, der ihm schwer zugesetzt hat, so schwer, dass er sich danach zur Ruhe setzte, selbst niederzuschreiben, und zwar so, wie es gewesen ist, nicht wie der Chronist Watson es in verklärter Freundschaft dargestellt hat.

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Die Aufarbeitung dieses Falles erfolgt in Rückblenden, die immer wieder durch Anfälle von Gedächtnisverlust des einst so brillanten Geistes von Mr. Holmes unterbrochen werden. ›Senilität‹ nennt Mr. Holmes das selbst im Film mit spöttischem Unterton. All das zeigt das oft Unmenschliche der Logik, der sich Holmes zeitlebens verschrieben hatte. Sie zeigt, dass man selbst in der besten Absicht scheitern kann. An dieser Stelle lässt sich, so paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag, eine andere fiktive Gestalt aus einem anderen fiktiven Universum zitieren, nämlich den Vulkanier Mr. Spock (Leonard Nimoy, 1931-2015) aus der Serie »Star Trek: Raumschiff Enterprise«. Er formuliert im Film »Star Trek VI: Das unentdeckte Land« (1991) im Gespräch mit seinem Schützling Lieutenant Valeris den rätselhaften, oft interpretierten und zitierten Satz, der für Mr. Holmes in Condons Film zur Maxime wird: »Logik, Logik, Logik! Die Logik ist der Anfang aller Weisheit, Valeris, nicht das Ende. (Logic, logic, logic! Logic is the beginning of wisdom, not the end!)«


Dieser letzte Fall, seine Aufarbeitung und die daraus resultierende Erkenntnis hält den Plot des Films wie Gelee zusammen. Und es ist nicht so, wie man vielleicht erwarten mag, wie es vielleicht die Logik einer solchen Geschichte diktieren könnte, nämlich dass Mr. Holmes am Ende erlöst sterben kann, dass er der Demenz anheimfällt und nicht mehr weiß, wer und was er ist. Nein, der Zuschauer verlässt in der letzten Einstellung einen äußerst lebendigen Mr. Holmes, der Steine zur Erinnerung an die Weggefährten seines Lebens ins grüne Gras legt. Es ist die Hoffnung, die am Ende steht und die der Anfang von etwas Neuem sein kann. Hoffnung darauf, dass es weitergeht, egal wie alt die literarische Figur noch werden mag, egal, was ungezählte Pastiches und Neu- und Nachschöpfungen mit ihr noch anstellen mögen.