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Samstag, 20. Februar 2016

Von Psycholokalisationen und X-Men-Anleihen: OHRENKNEIFER präsentiert STUMMER WÄCHTER


Wenn ich heute an meine ersten tiefschürfenden Leseerfahrungen zurückdenke, dann fallen mir direkt die vielen bunten Comics ein, die ich als Kind regelrecht verschlang. Vor allem die Superhelden hatten es mir angetan und da machte ich keine Unterschiede zwischen MARVEL und DC, wie es heutzutage üblich ist. Ich mochte BATMAN genauso wie DIE SPINNE und DIE RÄCHER, die heute nur unter ihrem englischen Namen im deutschen Kino bekannt sind. Daneben las ich aber neben meinem eindeutigen Favoritenautor Karl May (1842-1912) auch viel Science-Fiction, insbesondere die deutsche Heftromanserie PERRY RHODAN.

Bei PERRY RHODAN (im Folgenden PR genannt) gab es eine besondere Art Menschen, die spezielle Geisteskräfte entwickelt hatten und Fähigkeiten besaßen, die damals wie heute von den sogenannten Parawissenschaften, allen voran der Parapsychologie, erforscht wurden und werden. Das heißt, sie konnten allein durch ihren bewussten Willen Gegenstände bewegen (Telekinese), Gedanken lesen (Telepathie), anderen Menschen ihren Willen aufzwingen (Hypnokinese) oder sich von einem zum anderen Augenblick von einem an einen anderen, oft sehr weit entfernten Ort versetzen (Teleportation). Das waren so die Hauptfähigkeiten, allerdings wurden in der Serie auch noch viele andere »Mutationen« beschrieben, zum Beispiel die Fähigkeit, Körper und Geist voneinander zu trennen und mit dem Geist in die Zukunft zu reisen (Teletemporation).


Begründet wurden diese Fähigkeiten dadurch, dass die Eltern dieser »Mutanten« sich Ende 1945 in Hiroshima (Ziel des ersten kriegerischen Kernwaffeneinsatzes am 6. August 1945) oder Nagasaki (Ziel des zweiten kriegerischen Kernwaffeneinsatzes am 9. August 1945) aufgehalten hatten. Die so freigewordene Strahlung hatte eine dauerhafte Veränderung der genetischen Erbmasse erzeugt, durch die Kinder ihre jeweiligen Fähigkeiten entwickeln konnten.

Doch nicht nur bei PR wurden diese auf lange Zeit hin die Menschheit traumatisierende Ereignisse ab 1961 verarbeitet, es gab auch eine Comicserie von Stan Lee (*1922) und Jack Kirby (1917-1994), die ab 1963 bei Marvel erschien: die »X-Men«. Hier wurde sogar eine ganze Schule für paranormalbegabte Jugendliche erschaffen, in denen sie lernten, mit ihren besonderen Gaben umzugehen. Auch der Horrorautor Stephen King (*1947) widmete seinen Roman »Carrie« (1977) einem solchen Phänomen. Der »Homo superior« im besten nietzsche’schen Sinn war erschaffen.

Das Label OHRENKNEIFER setzt sich in seiner neuesten Hörspielproduktion »Stummer Wächter« ebenfalls mit einem solchen paranormalen Problem auseinander. Max Blanke (Detlef Tams) wechselt, während er schläft, in Form eines Astralkörpers an Orte, wo er ein schlimmes Verbrechen verhindert. Er verfügt also über eine Gabe, die sich aus den Psi-Fähigkeiten Teleportation, Teletemporation und Translokalisation zusammensetzt. Im Übrigen widmet STAR TREK: VOYAGER in einer Serienepisode (Nr. 3x24 »Translokalisation« vom 7. Mai 1997) sich einem ähnlichen Phänomen.

Das, was die Geschichte allerdings so interessant und hörenswert macht, ist die Tatsache, dass Blanke gerade nicht im Rahmen eines typischen X-Men-Plots als freier Mensch agiert, der Heldentaten vor den bewundernden Blicken aller Menschen vollbringt, sondern, dass er in der Taunusklinik – also in Deutschland, nicht in Amerika oder irgendwo auf der Welt – zur therapeutischen Behandlung untergebracht ist, und zwar schon seit Jahren. Er gilt als autoaggressiv, paranoid und schizophren. Erst das Eintreffen der neuen Ärztin Dr. Lichte (Katja Pilaski) bringt den Stein ins Rollen und ändert alles, nicht nur für Blanke, auch für alle anderen Beteiligten.


Herrlich sind die Namen der Protagonisten, die alle dem alten lateinischen Prinzip »nomen est omen« zu folgen scheinen – der Name ist ein Vorzeichen. Da gibt es den bereits erwähnten Max Blanke, dessen Namen auf groteske Weise mit dem des berühmten deutschen Physikers und Begründers der Quantenphysik Max Planck (1858-1947) korreliert. Dann Dr. Lichte, die letztlich Licht in die Sache bringt, und schließlich der Kommissar Engler (Dirk Hardegen), der die Funktion des rettenden Engels übernimmt.

Das Skript des Bad Homburger Autors Franjo Franjkovic (*1979) ist rasant und schnell, ebenso wie die Inszenierung. Der Hörer wird durch einen Alptraum an Eindrücken und Kopfkino-Attacken gejagt, wird als Teil der Gedanken Blankes in Form eines Stream of Conciousness an dessen unmittelbarem Erleben beteiligt. Zeit, sich auszuruhen, über das Gehörte zu reflektieren, findet sich erst im Nachhinein. Erst nach dem Ende kann man alles sacken lassen. Erst dann, so paradox es klingen mag, entfaltet dieses Hörspiel seine Wirkung – und die ist immens.

Die einzelnen Charaktere sind, jeder für sich genommen, äußerst tiefgründig, doch dieser Tiefe wird kaum Zeit zur Entwicklung eingeräumt. Alles wird unter dem sich wie ein Virus ausbreitenden Konflikt begraben und erstickt. Die Macher wären gut beraten, die Charaktere in weiteren Hörspielen noch tiefer auszuloten und sie ihr volles Potential ausschöpfen zu lassen. Denn dieses Potential ist definitiv vorhanden. Eine gute Option dafür bietet auch der offene Schluss, der hier gerade dazu einlädt, Max Blanke wiederkehren zu lassen, und ihn erneut mit Dr. Lichte, dem Klinikleiter Dr. Vosshagen (Gordon Piedesack) und dem vielversprechenden ›modernen‹ Kommissar Engler zu konfrontieren.

Die Besetzung, die bis in die kleinste Nebenrolle aus Ohrenkneifer-Stammpersonal besteht, ist, wie gewohnt, äußerst engagiert bei der Sache und was bei vielen großen Blockbuster-Hörspielen leider schon hörbar wird, nämlich die Abnutzung der Spielfreude aufgrund massenproduktionsorientierter Gegebenheiten bei der Aufnahme, hat dieses Ensemble gottlob noch nicht befallen. Man hat das Gefühl, dass es den Sprechern richtig Freude bereitet, in die einzelnen Rollen zu schlüpfen. In weiteren Rollen sind Robert Missler als Erzähler, Tom Steinbrecher als Pfleger Holger, Alianne Diehl als Schwester Anna, Yeșim Meisheit als Bianca Engler, Patrick Steiner als Kommissar Winker, Horst Kurth als Pfleger Roland, Karin M. Schneider als ältere Dame, Marc Schülert als U-Bahn-Techniker, Sven Matthias als Polizist, Sabine Hardegen, Viktor Hacker und Werner Wilkening zu hören. 

Die Soundkulisse wie die Musik ist gottlob unaufdringlich und stilsicher. Unaufdringlich meint hier passend und nicht überfrachtet. Sound kann, wenn er zu stark übertrieben wird, ebenso wie überladene Musik, das Hörvergnügen trüben. Genau das hat man hier vermieden.


Das Cover von Wolfram Damerius, das wieder einmal sehr gelungen ist, und wunderbar dunkel und mysteriös daherkommt, bezeichnet den »Stummen Wächter« als Mystery-Thriller. Obwohl natürlich im Rahmen einer solchen Handlung Elemente des Thrillers und des Mysteriösen vorhanden sind, ist es meines Erachtens nach eher eine actionlastige Superheldenstory. Das mag man mir als beckmesserisches Denken auslegen, aber auch hier bin ich gerne pedantisch.

Das Ganze ist in sich stimmig und hoch professionell gemacht. Cover und CD fühlen sich wertig an. Sie machen optisch einen sauberen, soliden Eindruck, der Lust auf das Hörspiel einerseits macht und das Interesse an weiteren Produktionen andererseits weckt. Ein schönes Stück zu einem angemessenen Preis, das einen besonderen Platz in jeder Hörspielsammlung einnehmen sollte. Was diese letzte Feststellung hier bedeutet, kann man vor allem dann erahnen, wenn man bedenkt, dass der OHRENKNEIFER ein kleines Independent-Label ist und alles in liebevoller von einem idealistischen Team getragener Handarbeit produziert wird. Weiter so! Ich freue mich schon sehr auf das nächste Mal, wenn mich wieder ein solches Hörspiel ins Ohr kneift.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Die »neverending story« des Fixers Eddie – Ethan und Joel Coens Filmgeschichtsbewältigung »Hail, Caesar!«

Edgar Joseph „Eddie“ Mannix (1891-1963), ein US-amerikanischer Filmproduzent und Filmstudio-Manager, war in den 1950er Jahren das, was man einen ›Fixer‹ nannte, also jemand, der jedes noch so delikate Problem lösen konnte. Dass das oftmals nicht mit rechten Dingen zuging und die Grenzen der Legalität bei weitem überschritt, ist ein nicht wegzudiskutierender Bestandteil der Filmgeschichte, der heutzutage mit einem Lächeln quittiert wird und eben nur noch zu einer Komödie taugt, denn ernsthaft will sich mit einer solchen Thematik nun wirklich keiner mehr auseinandersetzen.

»Hail, Caesar!« ist ein Film über einen Film, über Filme, über das Filmgeschäft, über das Hollywood der 1950er Jahre und über die Machenschaften, die hinter den Kulissen abliefen. Im Charakter einer Kurzgeschichte werden wichtige Momente im Leben von Mannix streiflichtartig rund um die Produktion eines Films über Jesus Christus aus der Sicht eines römischen Centurios dargestellt.

Mannix trägt während der gesamten Handlung, die etwas länger als ein Tag dauert, einen Konflikt mit sich selber aus, nämlich den, ob er auf dem Posten im Filmgeschäft bleiben oder dem Angebot einer ›hochseriösen‹ Luftfahrtfirma folgen soll, die ihn abwerben will und während dieser Abwerbeversuche ständig die Filmwirtschaft nach allen Regeln der Kunst schlechtzumachen sucht. Diese Entscheidung muss er ganz allein treffen, niemand kann ihm dabei helfen, selbst seine Frau hat keine wirklich helfende Meinung dazu, weswegen der zaghafte Versuch, den Mannix startet, mit ihr darüber zu reden, auch im Ansatz steckenbleibt.

Und er trifft diese Entscheidung letztlich, doch erweckt der Film den Eindruck, dass er das ganz nebenbei erledigt, als sei es nicht wirklich wichtig. Ebenso erledigt er nebenbei typische Schwierigkeiten am Set mit Schauspielern, Regisseuren, Anwälten, der Presse, ja sogar die Entführung des Hauptdarstellers von »Hail, Caesar!« durch politisch motivierte Kommunisten, die die Gruppe der Drehbuchautoren verkörpert, bewältigt er einfach so nebenbei, ebenso wie er diesen Hauptdarsteller – herrlich naiv und dämlich – mit einigen Ohrfeigen zum Schluss wieder von seiner ›politischen Verirrung‹ kuriert, denn der hatte sich von seinen Kidnappern während seiner ›Gefangenschaft‹ doch glatt von deren Zielen und Ideen überzeugen lassen. 
Zu Beginn und am Ende findet man Mannix im Beichstuhl wieder, wo er seine Sünden bekennt, die er jeden Tag begeht, und die der sichtlich von Mannix genervte Priester lapidar mit fünf Ave Marias ahndet, nicht ohne darauf hingewiesen zu haben, dass man nicht alle 24 Stunden zur Beichte kommen muss. Einen Rat hinsichtlich seines Konflikts erhält er nur in Form der stark verallgemeinernden Aussage, dass Gott will, dass wir das Richtige tun. Doch bleibt die Frage letztlich offen, was genau das Richtige ist – und ob es das ist, was man persönlich als richtig empfindet und was sich »richtig anfühlt«. Und so wird es am nächsten Tag im Leben von Mannix weitergehen. Es wird eine niemals endende Geschichte sein, die »in einem ganz anderen Licht« als dem Gottes steht.
Das eigentlich Komödiantische des Films, der im Endeffekt doch über einen sehr speziellen Humor verfügt, für den man einiges an Fachkenntnis der Filmgeschichte mitbringen muss, um ihn nachvollziehen zu können, ist der Eindruck, dass all das, wie weiter oben bereits festgestellt, eben nur wie nebenbei geschieht. Nichts hat, sei es nun die zu vertuschende Schwangerschaft einer berühmten Schauspielerin, die Entführung des berühmten Schauspielers vom Set durch die Kommunisten oder die üblichen Produktionsprobleme mit Statisten, Bühnenbau oder dem Zeitplan, hinter dem immer hergehinkt wird, eine tiefere Bedeutung, alles ist nur Teil des großen Ganzen, der kompletten Maschinerie, die durch des Fixers Kunst am Laufen gehalten wird.
Die Bilder, die Kameraführung, die Ausstattung sind eine große Hommage an diese Ära der Filmindustrie Hollywood, eine verehrende Verbeugung vor den Filmschaffenden dieser Zeit, aber gleichzeitig auch eine augenzwinkernde satirische Kritik an den Zuständen und Missständen, mit denen die große Familie Hollywood immer wieder zu kämpfen hatte und heute wohl noch zu kämpfen hat. Das man dies am Beispiel einer realexistierenden Person verdeutlicht, schafft Authentizität und Glaubwürdigkeit.
Wenn die Coen-Brüder rufen, dann kommt die Elite und sei es nur für klitzekleine Rollen und Momentauftritte. So ist die Allstarbesetzung hier auch zugegen, angeführt von George Clooney über Josh Brolin, Alden Ehrenreich, Ralph Fiennes, Jonah Hill, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton und Channing Tatum.


Und trotzdem lässt mich der Film, wenn ich ganz ehrlich bin, ein wenig unbefriedigt zurück. Denn ich weiß nicht wirklich, was das Ganze soll. Wozu dreht man einen solchen Film? Was ist der tiefere Sinn? Oder bin ich dafür einfach nur zu blöd? Erschließt sich mir die hohe Kunst der Coen-Brüder in diesem Film einfach nicht ganz? Muss man Amerikaner sein, um das wirklich nachvollziehen zu können? Oder Filmgeschichtsenthusiast? Keine Frage, Geschichtsbewältigung ist notwendig und wichtig, aber muss ein solches Kapitel der Filmgeschichte unbedingt »bewältigt« werden? Ich erlaube mir an dieser Stelle, die Antworten schuldig zu bleiben – genau wie der Film. Hail, Caesar! Die Filmgeweihten grüßen dich!


Dienstag, 9. Februar 2016

Konfrontation mit den eigenen Dämonen - Rob Letterman's Kinderbuchadaption »Gänsehaut«

»Herr Wayand, kann ich auch das hier nehmen?« Der 12-jährige Schüler reicht mir ein kleines schmales Buch, das ein grün-blau-buntes Cover hat und auf dem in Grusellettern der Begriff »Gänsehaut« gedruckt ist. Ich schaue skeptisch auf das Büchlein. Besonders wertig scheint mit das ja nicht gerade zu sein. Für eine Buchvorstellung in der sechsten Klasse sollte schon eine andere Lektüre her. Ich will schon lapidar ablehnen, aber dann halte ich inne und überlege. Warum eigentlich nicht. Ich kenne das Buch zwar nicht, aber als mir dann erklärt wird, es sei eine sehr erfolgreiche Kinderbuchreihe, werde ich neugierig. Nicht neugierig genug, um selbst so ein Buch zu lesen, auch wenn ich das als Deutschlehrer vielleicht machen sollte, aber neugierig genug, um mir den gleichnamigen Film anzusehen, der nach diesen Büchern gedreht wurde.

Quelle
Eine Literaturverfilmung zu sehen, ohne vorher das Buch gelesen zu haben, kann Glück und Pech bedeuten. Pech in dem Fall, wenn es ein wirklich hervorragendes Buch ist, dass man wieder einmal darüber schimpft, dass der Film das Buch verstümmelt, die Handlung verändert und sonst was damit angestellt hat, oder Glück, wenn man den Film als eigenständiges Kunstwerk begreift, das eigenen Regeln und Gesetzen folgt und deswegen immer etwas Neues und Eigenständiges ist, egal, wie gut die Vorlage ist.

Quelle
Trotz allem will ich nicht ganz unvorbereitet auf das treffen, was mich im Kino erwartet. Nennen Sie es berufliche Skepsis oder die trügerische Gewissheit, der eigenen Neugier immer einen Schritt voraus zu sein. Also google ich; zunächst nach der Buchreihe und dann nach dem Autor. Und da finde ich einige interessante Details, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte.

Quelle
»Gänsehaut« (»Goosebumps«) ist eine Gruselserie für Kinder im Taschenbuchformat, die seit 1992 erscheint. Sie umfasst aktuell um die einhundert Bändchen, in Deutschland sind etwa siebzig in Übersetzung erschienen. Sie gilt als die zweiterfolgreichste Buchreihe nach Joanne K. Rowlings »Harry Potter«-Septologie. Wir reden hier von weltweit 300 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in rund 30 Sprachen. Also durchaus ein Phänomen, dem man, gerade als Lehrer und Literaturwissenschaftler, sein Interesse nicht verwehren sollte.
Der Erfinder dieser Reihe, die sich an ein Lesepublikum zwischen 10 und 14 Jahren richtet, ist der US-amerikanische Kinder- und Jugendbuchautor Robert Lawrence Stine (*1943), kurz: R. L. Stine, der auch unter dem Pseudonym Jovial Bob Stine publizierte. Er gilt mit einer Verkaufszahl von 350 Millionen seiner Bücher als einer der erfolgreichsten Schriftsteller weltweit. Er steht sogar als »MOST PROLIFIC AUTHOR OF CHILDREN’S HORROR FICTION NOVELS« im Guinness-Buch der Rekorde. 
Was die Wertung seiner Texte angeht, so mache ich es mir hier einmal leicht und zitiere aus dem gut recherchierten Wikipedia-Artikel über Stine, und zwar den Abschnitt »Kritische Würdigung«, der sich im Wesentlichen auf einen Artikel von Sigrid Tinz in der ZEIT vom 29. April 2004 bezieht, die wiederum ihre Angaben aus der Diplomarbeit von Beate Busse schöpft: »Robert Lawrence Stine mixt in seinen Büchern nachvollziehbare Szenarien aus der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen mit Horror und Gruseleffekten sowie einer Prise Ulk und Witz, was bei den jugendlichen Lesern, wie Umfragen belegen, äußerst gut ankommt. Sein meist parataktischer Sprachstil – vornehmlich in Hauptsätzen der Umgangssprache formulierend – ist sehr schlicht und geschickt an den Jugendjargon (auch in der deutschen Übersetzung) angepasst, ohne dabei auf ein niedriges Niveau herabzusinken. Viele Jugendliche, die sonst nie ein Buch in die Hand nehmen würden und selbst die Harry-Potter-Bände als zu anspruchsvoll empfinden, finden durch R. L. Stine zum Lesen und können teilweise dadurch sogar ihre Lese- und Schreibkompetenz in der Schule verbessern. Das wissen selbst Pädagogen und Bibliothekare, die dem Werk R. L. Stines eher kritisch gegenüberstehen, durchaus zu schätzen.« (Vgl. https://de.m.wikipedia.org/wiki/R._L._Stine, Abschnitt »Kritische Würdigung«)
Also im Endeffekt sind es didaktisch wertvolle Geschichten, weil sie lese- und rechtschreibschwache Schülerinnen und Schüler zum Lesen animieren, ohne platt und sprachlich eine Zumutung zu sein. Aber ob das Lesen um jeden Preis – und diese Anmerkung sei mir hier gestattet –, auch um den Preis der Aufgabe jedweder intellektueller Hürde während des Leseprozesses anzustreben ist, wage ich zu bezweifeln. Wollen wir dumme und tumbe Rezipienten einer absolut unkomplizierten, einfachen Literatur? Oder wollen wir junge Menschen, die gelernt haben, ihr Hirn anzustrengen und die sich auch mit vermeintlich ungeliebten Kompliziertheiten auseinandersetzen wollen? Doch das ist eine andere Diskussion, die an entsprechend exponierter Stelle zu führen sein wird.
Wie allerdings kann man nun ein solches Oeuvre filmisch adaptieren? Ganz einfach, in dem man das ganze Werk auf eine Metaebene hebt und den Autor und seinen Schreibprozess in seine Geschichten hineinbringt. Das klingt kompliziert? Ist es aber gar nicht. Wir begegnen in dem Film dem Autor R. L. Stine (Jack Black, *1969) selbst, der ein an der Welt verzweifelnder, verbitterter Mensch ist, der immer mal wieder umzieht und die Manuskripte seiner Werke abschließt. Wie kam er dazu, all die schrecklichen Dinge zu erfinden, die er in seinen Geschichten beschreibt? Nun, er hatte eine schlimme Kindheit – wie klischeehaft! –, eine Allergie zwang ihn, zuhause zu bleiben, und die anderen Kinder haben ihn dafür gehänselt. Da hat er sich einfach an ihnen gerächt, in dem er Monster erfand, die diesen bösen Kindern schlimme Dinge antun. Geschrieben hat er seine Sachen mit einer magischen alten Schreibmaschine, die den Gestalten aus den Geschichten unheiliges Leben eingehaucht hat.
Durch einen dummen Umstand öffnet der neue Nachbarsjunge Zach Cooper (Dylan Minnette, *1996) eines der Bücher und befreit so eines der Monster, das wiederum alle anderen Monster befreit, die ab da die kleine Stadt Greendale, Delaware, terrorisieren. Die vielfältigen Spukgestalten können nur dadurch besiegt werden, dass sie in die Bücher zurückgesaugt werden, allerdings vernichtet die besonders böse Bauchrednerpuppe Slappy die Bücher. Stine muss eine neue Geschichte schreiben, »die Beste, die du je geschrieben hast und in der alle deine Kinder vorkommen«. Stine muss sich schließlich schreibend seinen Dämonen stellen, er muss »um sein Leben schreiben«, um die Welt, von der er sich eigentlich abgewendet hat, retten zu können.
Neben dem aus »School of Rock« (2003) bestens bekannten Jack Black und Dylan Minnette, der seine ersten Erfolge mit »Saving Grace« (2007-2010) und »Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.« (2014) feierte, brilliert noch Odeya Rush (*1997), bekannt durch ihre Hauptrolle in »Hüter der Erinnerung - The Giver« (2014) in der Rolle von Stines erfundener Tochter Hannah – es sei noch angemerkt, dass es im Film immer wieder liebenswerte, augenzwinkernde Anspielungen auf frühere Filme der Stars gibt, die durchaus als ironische Selbstreflexionen gelten können.

Quelle


Regisseur Rob Letterman verfilmt also nicht eine einzelne von Stines Geschichten oder bastelt sich aus mehreren Texten ein Drehbuch zusammen, nein, er hebt Stine als Schriftstellerphänomen auf eine Metaebene, von der aus er sich selbst betrachten kann und sich selbst zu seiner eigenen Romanfigur macht, die auch noch die ultimative Gänsehaut-Geschichte aller Gänsehaut-Geschichten schreibt – ja, er schreibt sich quasi von seiner literarischen Schöpfung, von den Kindern seiner Phantasie los, er besiegt seine Misanthropie, seine Verbitterung und wird zu einem fast schon netten, sympathischen Kerl: Ein böswilliger Schelm, wer darin eine absolute Selbstbeweihräucherung eines egozentrierten Erfolgsschriftstellers sieht, denn das Ganze hat eine unfreiwillig komische Note und wirkt schließlich nur mit einem Augenzwinkern und als total überdrehte Horrorparodie.
Der handwerklich solide gemachte Film, der alle Erwartungen erfüllt und alle zu erwartenden Klischees bedient – und wenn ich das richtig verstanden habe, tun das die Bücher ja auch – ist eine gute, kurzweilige Unterhaltung für Kinder und auch für Kindgebliebene. Ein Wermutstropfen allerdings bleibt. Schade, dass, wie in den meisten Unterhaltungsfilmen, die für Kinder gemacht werden, der Tiefgang fehlt. Anscheinend trauen die Filmemacher Kindern dahingehend nur sehr wenig zu. Sie würden sich wundern, was Kinder und Jugendliche mit etwas Anspruch und einer etwas höheren intellektuellen Herausforderung zu leisten imstande wären ... –

Mittwoch, 3. Februar 2016

Zimmertheater in Minnies Miederwarenladen - Tarantinos Kammerspiel »The Hateful Eight«

»When I see murders, I do not stand by … I have to call a murder a murder, and I have to call the murderers the murderers.« Diese Aussage Quentin Tarantinos (*1963) bei einer von Black Lives Matter organisierten Demonstration im Oktober 2015 gegen überproportionale Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in Amerika bescherte seinem neuen Film »The Hateful Eight« (2015) einen Boykottaufruf durch diverse Polizeigewerkschaften. Und das, obwohl er in diesem Film den einzigen Afroamerikaner als Mann zweifelhaften Rufs darstellt und ihm am Ende sogar die Genitalien wegschießen lässt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Doch der Reihe nach.
Tarantino kehrt mit seinem achten Film - man beachte die feine Wortironie im Titel, der frei übersetzt soviel wie »Die hasserfüllten/hassvollen/hassenden Acht« bedeutet - noch einmal zu dem Genre zurück, zu dem er seit »Django Unchained« (2012) eine besondere Liebe zu hegen pflegt, dem Western. Aber ist dieser Film tatsächlich ein Western? Oder täuscht hier der oberflächliche erste Eindruck eventuell? 
Sicher, der Titel ist eine Hommage an »Die glorreichen Sieben (The Magnificent Seven)« (USA 1960) und gleichzeitig eine Art Fortsetzung. Der Film wurde auf 65 Millimeter Film im Format Ultra Panavision 70 gedreht. Die extra aus dem Panavision-Archiv geholten anamorphen Objektive wurden in den 1950er und 1960er Jahren bei Großproduktionen wie »Ben Hur« (1959) und »Meuterei auf der Bounty« (1962) eingesetzt. Ebenso wurde vollständig auf digitale Nachbereitung oder entsprechende Zwischenschnitte verzichtet. Die Handlung spielt westerntypisch kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (Sezessionskrieg 1861-1865), also irgendwann zwischen 1865 und 1870. Doch er ist so vieles mehr.
Der Schauplatz ist der nördliche US-Bundesstaat Wyoming im Winter. In der verschneiten Einsamkeit eines Gebirgspasses treffen in der Herberge »Minnies Miederwarenladen« einige skurrile Charaktere aufeinander und liefern sich ein Psychoduell vom Feinsten. Im Theater spricht man bei einer solchen Darbietung von »Zimmertheater«, einer besonderen Form des »Kammerspiels« (vgl. a. »Kammerspielfilm«).
Unter »Zimmertheater« versteht man laut Gero von Wilpert (1933-2009) eine »in der Nachkriegszeit zum Teil aus Raumnot entstandene moderne Kleinstform der Kammerspiele (...), die durch Intimität und Intensivität besondere Anforderungen an die Stücke wie die Schauspieler stellt.« Ein »Kammerspiel« ist wiederum nach Wilpert die »Bezeichnung für ein meist psychologisches Drama intimeren Charakters mit geringerer Personenzahl und Betonung der Sprachwirkung (...)« (Vgl. Gero von Wilpert (2001): Sachwörterbuch der Literatur, 8. verbesserte und erweiterte Auflage, Stuttgart: Kröner, Seiten 395 & 922)
Die Charaktere sind Major Marquis »Der Kopfgeldjäger« Warren (Samuel L. Jackson, *1948), der einzige Farbige, der einen gefälschten Brief von Abraham Lincoln mit sich führt, den jeder sehen will und der ihm einen ungeahnten Respekt einbringt, John Ruth, genannt »Der Henker« (Kurt Russell, *1951), ebenfalls Kopfgeldjäger, Chris Mannix (Walton Goggins, *1971), der sich selbst als den neuen Sheriff von Red Rock bezeichnet, Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh, *1962), die Gefangene von Ruth, die er zu ihrer Hinrichtung nach Red Rock bringen will, Oswaldo »Der kleine Mann« Mobray (Tim Roth, *1961), der sich als durchreisender Henker ausgibt, Joe Gage (Michael Madsen, *1957), der sich als einfacher Cowboy darstellt, der seine Mutter zu Weihnachten besuchen möchte, General Sandy »Der General« Smithers (Bruce Dern, *1936), ein alter Südstaatenoffizier, der seinem totgeglaubten Sohn in Red Rock ein symbolisches Grabmal gekauft hat, und O. B. Jackson (James Parks, *1968), der Kutscher. Ebenso spielt noch »Der Mexikaner« Bob (Demián Bachir, *1963) eine gewichtige Rolle, der einen prekär-brillanten Bezug zum gegenwärtigen Verhältnis der USA zu Mexiko herstellt, denn »Minnie hätte alles reingelassen, nur keinen Mexikaner«.
Misstrauen, Argwohn, Vorsicht, Verachtung, Mordlust und Gewaltbereitschaft prägen die Interaktionen der auf engstem Raum durch den Schneesturm zusammengepferchten Menschen. Die Natur begünstigt hier die Konfrontation, erzwingt Streit. Die klaustrophobe Situation fordert Opfer. Auf engstem Raum werden Traumata der amerikanischen Geschichte verarbeitet. Der Innenraum wird zum Schlachtfeld der Nord- und Südstaaten, zur Bewältigung des Sezessionskrieges (1861-1865), doch der emanzipatorische Befreiungsversuch des Farbigen endet in der Entmannung, in der Kastration als mächtige Metapher der Entmachtung. Der Schankraum ist eine vorbereitete Todesfalle, die nur einem Zweck dient, nämlich die Gefangene aus den Händen des Henkers zu befreien.
Die Figuren führen Diskurse über Themen wie Gerechtigkeit, das Verhältnis des Henkers zum Delinquenten, die Sklaverei und die Situation der Farbigen. Das Kopfgeldjägertum wird beleuchtet und auch die Macht der sich zu marodierenden Banden zusammenschließenden Outlaws. Seltsam seelenlos bleiben diese kurzen Schlagabtausche, seltsam nutzlos für beide Seiten. Und letzten Endes führt es für keinen der Beteiligten zu einem guten Ende. Alles kumuliert in der biblischen Erkenntnis: Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Gewalt ist keine Lösung und doch die Lösung für alles. Und alles lastet auf den Schultern des Gekreuzigten, der für die Sünden der Welt sein Blut hingab und sich opferte. Ob wohl genau das die Kreuzmetapher zu Beginn des Films aussagen will, wenn auf den Schultern des Corpus Christi eine Schneelast liegt?
Die Abrechnungen überschreiten bewusst die Schamgrenzen und damit auch die Grenzen des guten Geschmacks. Homoerotische Sexualpraktiken werden als Bestrafungs- und Demütigungsmaßnahmen zwischen den Rassen entlarvt und pornographische Klischees enttabuisiert. Aber gerade dadurch wird der die Dialoge beherrschende und die Handlungen bestimmende schwarze Humor, der sich bis hin zum bodenlosen Zynismus steigert, ad absurdum geführt. Eine Szene zum Beispiel, in der der Farbige dabei hilft, die Weißen zu entwaffnen, deren Schießeisen auseinandergenommen und in der Latrine versenkt werden, gewinnt eine interessante Deutung, wenn man sich Barack Obamas - immerhin der erste farbige Präsident - Kampf gegen die etablierte Waffenlobby in den USA betrachtet. Und durch alles zieht sich leitmotivartig virtuos der gefälschte, aber als echt angesehene Brief, den Abraham Lincoln (1809-1865), der bekanntlich ein gemäßigter Gegner der Sklaverei war, dem Major Marquis geschrieben haben soll.
Zur Auflösung des Ganzen ist der für Tarantino typische Bruch der linearen Erzählweise nötig. Die sechs »Kapitel« seines Films, die auch hier wieder, wie bereits bei früheren Werken, einen litarischen Anspruch suggerieren, sind nicht chronologisch angeordnet. Erst in der Rückblende, metaphorisch gesprochen in der Rückbesinnung auf Vergangenes, erschließt sich der Sinn oder, wenn man so will, der Hintergrund eines genialen Plots, bei dem alles ineinandergreift und sich gegenseitig durchdringt und bedingt. Tarantino überlässt nichts dem Zufall. Alles wird aufgeklärt. Oswaldo, Joe und Bob gehören zu einer Bande Outlaws, die unter der Führung von Daisys Bruder Jodie Domingray (Channing Tatum, *1980) Minnies Bar überfallen und alle Insassen umgebracht haben, um Daisy aus den Händen des Kopfgeldjägers zu befreien. 
Den Regeln der klassischen Tragödie folgend, überlebt keiner der Charaktere. Daisy wird letztlich ihrer von Ruth bestimmten Bestrafung gemäß aufgeknüpft, jedoch ihre Henker, ihre Vollstrecker sind so stark verletzt, dass sie das auch nicht überleben können und werden, was jedoch nicht mehr gezeigt wird. Also vielleicht doch ein offenes Ende? Man wird am Ende des Films an Shakespeares berühmtes Wort »The first thing we do, let's kill all the Lawyers!« (Heinrich VI., 2. Teil, 4. Akt, 2. Szene / Dick) erinnert.


Fazit: Tarantino hat mit »The Hateful Eight« ein erregendes knapp dreistündiges Meisterwerk geschaffen, dass so ungeheuer vieles ist: In erster Linie ein psychologisch raffiniertes Zimmertheater (Minnies Miederwarenladen als alleiniger Schauplatz) voll schwärzesten Humors, der einige Male die Grenzen des guten Geschmacks eindeutig überschreitet, ein naturgestütztes Kammerspiel (Schneesturm als Konfrontationszwang), dann eine amerikanische Geschichtsbewältigung mit Gegenwartsbezug (Sezessionskrieg 1861-1865, Lincoln-Ära, Sklaverei, die Frage der Farbigen, das Verhältnis der modernen USA zu Mexiko und zur Waffenlobby), eine Reminiszenz an die alten analogen Filme der 1950er/1960er Jahre, eine Kritik am Kopfgeldjäger- aber auch am Outlawbandentum und die Entlarvung der Sinnlosigkeit von Gewalt durch ihre zynische Überhöhung und die naturalistische Darstellung ihrer Folgen. Trotz seiner Länge wird der Film zu keinem Zeitpunkt langweilig, allerdings darf man ihn nicht als actiongeladenes Popcornkinoprodukt sehen und Splatter-Fans werden enttäuscht sein. Aber Niveau ist auch im Film keine Handcreme und der gebildete Zuschauer wird von diesem Kunstwerk eine Menge profitieren, vor allem in der kritischen Auseinandersetzung mit Amerika. 



Das besondere i-Tüpfelchen erhält der Film noch durch die Original-Filmmusik von Ennio Morricone (*1928), der erstmals seit 1981 wieder für einen Western eine Originalmusik geschrieben und eingespielt hat.