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Samstag, 28. November 2015

Vom neuen Mut zum alten Melodram – OHRENKNEIFER präsentiert OLD FIREHAND

Diese Rezension wurde unter demselben Titel in den Nachrichten der Karl-May-Gesellschaft Nr. 187, 1. Quartal/März 2016, S. 21-25 veröffentlich.


»In der damaligen Qualität mit so guten Sprechern kann man heute keine Hörspiele mehr produzieren. Die Kosten wären viel zu hoch. Damals hatten wir Auflagen um die 200.000 Stück pro Folge, die heutigen Hörspiele erreichen nur selten 10.000.« So äußert sich kein Geringerer als der Schriftsteller und Journalist Hans Gerhard Franciskowsky (1936-2011), der unter seinem bekanntesten Pseudonym »H. G. Francis« nicht nur als Perry-Rhodan-Autor bekannt wurde, sondern auch für die Kinder und Jugendlichen der 1970er, 1980er und 1990er Jahre zum »Vater der Kassettenkinder« wurde. Ich hatte mit dem berühmten Hörspielautor von über 600 kommerziellen Hörspielen vor allem auch für das Studio EUROPA seinerzeit einen leider viel zu kurzen Briefwechsel und der Satz stammt aus einem Brief vom 27. März 2004.



Das Hörspiel war also bereits damals in eine Krise geraten, aus der es kaum noch, glaubt man Francis hier, herauskommen würde. Und in der Tat, der von großen bekannten Studios dominierte Markt brach ein, viele Hörspielserien, die begonnen wurden, konnten mangels Nachfrage nicht fortgeführt werden, die Sprechergagen waren kaum noch finanzierbar. Dennoch hielten sich hartnäckig vor allem kleine Independant-Labels und parallel zum Hörspiel etablierte sich nach und nach das immer beliebter werdende und wesentlich billiger zu produzierende Hörbuch. Diese Szene lebte und lebt von den einzigartigen Stimmfähigkeiten charismatischer Sprecher wie Christian Brückner (*1943) und Rufus Beck (*1957), die sich allein durch Lesungen einen Namen zu machen verstanden. Das Vorlesen gewann wieder stärker an Bedeutung.


Ein gutes Hörspiel – oder besser: ein gut gemachtes Hörspiel – soll dem Hörer ein einmaliges und unvergleichliches Kopfkino-Erlebnis bescheren. Aber mit der rasanten Entwicklung der Welt kann der heutige Mensch oftmals nur schwer mithalten. Der Preis für die Anpassung ist der Verlust bestimmter Fähigkeiten. Das »Kino im Kopf« können nämlich nur noch wenige Zeitgenossen wirklich erleben und erfahren, egal wie gut so eine Produktion gemacht ist. In der heutigen Zeit ist jene besondere Fähigkeit etwas, das trainiert werden muss, daher kommt es auch immer auf den sozio-kulturellen Hintergrund des Hörers an. Glaubt man modernen Untersuchungen, so hören viele Menschen vor allem kommerzielle Hörspiele zum Einschlafen vor dem Zubettgehen, während langer Autofahrten oder beim Putzen der Wohnung. Sie sind fest abonniert auf ihre Serien, die sie teilweise schon von Kindesbeinen an kennen (Die drei Fragezeichen, Geisterjäger John Sinclair, Perry Rhodan, usw.). Solche Menschen sind irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt und es gibt sogar bereits einen Begriff für sie. Annette Bastian nennt diese Zielgruppe in ihrem Buch »Das Erbe der Kassettenkinder: … ein spezialgelagerter Sonderfall« (1. Auflage, ecomedia: Oktober 2003) eben die »Kassettenkinder«, deren sprichwörtlicher Vater oftmals der oben zitierte H. G. Francis war.


Karl May (1842-1912) war immer ein gern vertonter Stoff, der bereits früh (1935) für das Radiohörspiel bearbeitet und eingerichtet wurde, als auch dann später immer wieder zu kommerziellen Produktionen herangezogen wurde. Berühmte Ikonen der deutschen Schauspielriege liehen wiederholt Karl Mays Figuren ihre bekannten Stimmen und erfüllten diese so in der Phantasie vieler Kinder und Jugendlicher des 20. Jahrhunderts mit unverwechselbarem Leben. Es gab auch Stimmen, die, ob gewollt oder ungewollt, auf einzelne Rollen festgelegt wurden, wie zum Beispiel der unvergessene Konrad Halver (1944-2012) auf die Figur des »wohl berühmtesten und gefürchtetsten Indianers zwischen Sonora und Kolumbien« Winnetou, des Häuptlings der Apatschen und Blutsbruder Old Shatterhands.


Um originelle May-Hörspiele hat sich in den letzten Jahren vor allem Meike Anders bemüht, aber schon lange hat es keine Produktion mehr gegeben, wie die hier zu besprechende aktuelle Produktion des kleinen Labels OHRENKNEIFER, das von dem deutschen Synchron- und Hörspielsprecher Dirk Hardegen (*1969) gegründet wurde. Diese Label fiel mir bereits im letzten Jahr durch ein außergewöhnliches Hörspiel mit dem Titel »Blutige Pfährten« (November 2014) auf, eine interessante Mischung aus Western und Thriller, hervorragend und hochprofessionell produziert. Bei diesem Hörspiel passierte es mir als passioniertem und erfahrenem Hörspielhörer, dass ich, wie ich es schon lange nicht mehr getan habe, das Hörspiel gleich mehrere Male hintereinander hörte – einfach, weil ich nicht genug davon bekommen konnte. So behielt ich das Label im Auge und war sehr neugierig, als man ein neues Hörspiel ankündigte, das dann auch noch ein Karl-May-Hörspiel sein sollte. Als der Titel »Old Firehand« feststand, und das dem klassischen Erscheinungsbild des Karl-May-Buchs nachempfundene Cover, das von Wolfram Damerius gelayoutet wurde, auf Facebook die Runde machte, wuchs die Neugier ins Unermessliche.

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Hardegen legt seiner Produktion einen der ganz frühen May-Texte aus dem Jahr 1875 zugrunde. Unter dem Titel »Aus der Mappe eines Vielgereisten. von Karl May. Nr. 2. Old Firehand« erschien der Text erstmals im ersten Jahrgang der Zeitschrift »Deutsche Familienblatt. Wochenschrift für Geist und Gemüth zur Unterhaltung für Jedermann« 1875 im Verlag H. G. Münchmeyer in Dresden, dessen Redakteur Karl May war. Es handelt sich sozusagen um den Ur-May, um den frühesten Entwurf seines Wildwest-Settings und einiger berühmter Hauptfiguren, wie Old Firehand, Sam Hawkins, Dick Stone, Will Parker, Winnetou und natürlich seines Ich-Erzählers, der aber noch nicht den Namen Old Shatterhand trägt. Es ist die erste längere Erzählung, die Karl May im Wilden Westen spielen lässt. Und in ihr taucht auch das berühmte Pferd Swallow (Schwalbe) auf, nach dem Erich Loest (1926-2013) seinen berühmten Roman über Karl May »Swallow, mein wackerer Mustang« (Das Neue Berlin: Berlin 1980 und Hoffmann und Campe: Hamburg 1980) benannt hat. Ein Anfang? Ein Neubeginn? Ein Startschuss? Sie erscheint zwischen 1885 und 2006 in diversen Publikationen, für die sie entsprechend angepasst und verändert wird. May selbst integriert sie später stark bearbeitet in die Reiseerzählung »Winnetou. Zweiter Band«. Er konturiert in dieser frühen Erzählung seine Helden, lässt sie aber, was wohl auch seinem Alter und dem Zeitgeist geschuldet ist, noch viel roher, rauher, urtümlicher und wilder erscheinen, als er das später in seinen Reiseerzählungen und Reiseromanen tun wird.

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Und genau das reizt den Hörspielmacher Dirk Hardegen ganz besonders, eröffnet diese Figurendarstellung doch einen neuen, frischen und vielleicht gerade heute wieder eher zeitgemäßen Zugang zum Werk des sächsischen Volksschriftstellers. Hardegen möchte »einen NEUEN Sound etablieren« und »May neu erfinden ohne Nostalgie und ohne Referenz«. Das gelingt ihm außergewöhnlich gut und doch auch wieder weniger, denn seine eigene Stimme als Ich-Erzähler, als »Old Shatterhand«, erinnert irgendwo an den legendären Uwe Friedrichsen (*1934) und auch ein wenig an Peer Augustinski (1940-2014) und lässt den versierten Hörspielkenner in eine gewisse Melancholie versinken, die gut zum Thema passt. Aber auch für den Winnetou findet er in Marc Schülert einen charismatischen Sprecher, der tatsächlich an Konrad Halver und Michael Hinz (1939-2008) erinnert. In weiteren Rollen sind Bernt Hahn als Old Firehand, Detlef Tams als Parranoh, Marco Göllner (=> Homepage) als Dick Stone, Mirko Thiele als Sam Hawkens, Bert Stevens als Lokführer, Werner Wilkening als General vom Fort Wilkes, Sönke Strohkark als Indianer und Oliver Kube als Wirt Fenders zu hören. Besonders herausheben möchte ich aber noch Sprecher, die eine unglaubliche Leistung erbringen und die mit ihrer Performance das Hörspiel wirklich zu einem Ohrenschmaus werden lassen. Die Rede ist von Gordon Piedesack als Ölprinz Forster und von Christiane Marx als Firehands Tochter Ellen, der einzigen Frau in der Castlist.

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Diese Sprecher erwecken – und das ist das nächste wirklich Gravierende, Wichtige und Bedeutsame – den Mayschen Originaltext zum Leben. Nicht etwa ein neues Skript ist hier geschrieben worden, nein, in beeindruckender Manier vertont Hardegen den Originaltext, sozusagen O-Ton Karl May, und beweist damit, dass es durchaus möglich ist, den Karl May so umzusetzen, wie er geschrieben wurde. Ebenfalls behält er die heute etwas altertümlich anmutende Sprache bei, die dem Ganzen einen zusätzlichen Flair verleiht. Das ist die eigentliche, großartige Leistung und das Verdienst der Macher dieses Hörspiels. Natürlich erfährt der Text einige Kürzungen und Anpassungen, dennoch sind diese Abänderungen nur geringfügig und ordnen sich den Zwängen des Mediums unter. Die Originalgeschichte wird nicht verändert, nicht unter Ausnutzung der bekannten Namen und des Labels »Karl May« neu erfunden, sondern in wunderbar altmodischer Art und Weise umgesetzt. Dazu gehört viel Liebe zum Detail. So macht sich Hardegen zum Beispiel Gedanken darüber, wohin der Rappe Swallow eigentlich beim Sprung in den New Venango verschwindet, was May völlig offen gelassen hat. Es braucht eine gehörige Portion Mut zum Melodram, wenn die Liebesgeschichte zwischen Ellen und dem Ich-Erzähler entwickelt wird, und auch zum Wilden bzw. Wildromantischen, denn das Skalpieren hat meines Wissens nach noch nie jemand so drastisch in einem Hörspiel hörbar gemacht hat.

Die Soundkulisse und die eigens für das Hörspiel komponierte Originalmusik ist glänzend aufeinander abgestimmt. Die Musik erweist zum einen dem großen Martin Böttcher (*1927), dem Komponisten der legendären Film-Musiken, ihre Reminiszenz, andererseits beschwören die sentimentalen Gitarrenklänge den alten Wilden Westen herauf, wie man ihn aus den »Western von gestern« kennt und – wer das Genre mag, wer Fan ist – auch liebt. Aber es ist eben keine platte Attitüde, es ist kein Kopieren oder Imitieren, es ist nur das leise Anzupfen einer Saite, die in uns allen irgendwo anklingt und vorhanden ist, man mag sie verdrängt haben oder nicht.

Wenn man denn ein klein wenig, aber auch wirklich nur ein klein wenig, kritisch werden möchte, wenn man denn etwas zu beanstanden sucht, dann ist es vielleicht die Aufteilung auf zwei Erzähler, die hier als einziges Manko erscheint. Karl May lässt ein »Ich« erzählen. Hardegen bricht das auf, weil ihm ein Erzähler eventuell zu einseitig erscheint und lässt Heiko Grauel, der durch die Hörbücher des Karl-May-Verlags bekannt wurde, den übrigen Erzähltext im Wechsel mit dem Ich-Erzähler sprechen. Hardegen gibt im Bonusmaterialtrack zum Hörspiel gute Gründe dafür an, warum er das so gelöst hat. Er will Monologstrecken durchbrechen und für mehr Abwechslung sorgen. Für mein Empfinden ist das aber ein wenig zu viel des Guten. Es bringt Unruhe in die Erzählpassagen und oftmals wirkt es aufgesetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hardegen da ein ganz außergewöhnliches Hörspiel gelungen ist, eine Reminiszenz, ein modernes positiv sentimentales wildromantisches Melodram, das die Messlatte für zukünftige May-Hörspiele enorm hochlegt und nicht nur den echten Karl-May-Fans wärmstens ans Herz gelegt werden muss, sondern generell jedem, der sich seine Phantasie bewahrt hat. Und nicht nur für Hörspiele. Selbst zukünftige Filmversuche werden diesen Beweis dafür nicht ignorieren können, dass man den Original-May künstlerisch umsetzen kann und nicht neu erfinden muss. Ein Hoffnungsschimmer für den größten Dichter deutscher Zunge, eine Perle für die Hörspielwelt. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieser Produktion, über die H. G. Francis hocherfreut gewesen wäre, noch viele folgen werden, denn sie beweist, dass es keinen Qualitätseinbruch geben muss und dass der eingangs zitierte Befund gottlob durch dieses Hörspiel entkräftet wird. Weiter so, OHRENKNEIFER, zwickt uns ruhig, wir werdens genießen.

Freitag, 6. November 2015

Reaktionäre Systemdämmerung – James Bond 007: SPECTRE

SPECTRE – Dieses Wort allein weckt Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Als kleiner Junge – das muss so Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre gewesen sein – sah ich meinen ersten James-Bond-Film noch bei einem Nachbarsjungen. Der hatte bereits eines dieser tollen neumodischen Geräte namens ›Videorekorder‹ und nahm damit viele Filme aus dem Fernsehen auf. Ich weiß noch genau, dass meine Eltern darüber berieten, ob ich »James Bond 007: Liebesgrüße aus Moskau« (1963) sehen durfte, denn immerhin rangierte dieser Film damals in der Kategorie »äußerst brutal«. Trotzdem erhielt ich das Plazet und es wurde eine der einschneidendsten Filmerlebnisse meiner Kindheit.

Am Anfang gab es eine Szene, in der ein russischer Agent einen anderen mit einem Würgedraht gnadenlos umbrachte, was mich schockierte und entsetzte, aber auf der anderen Seite zog er den Würgedraht aus einer Armbanduhr! Das wiederum fand ich cool und ich wollte unbedingt auch so ein Teil … Sean Connery (*1930) spielte James Bond und vielleicht wird er gerade deswegen auch immer der beste Bond für mich sein, weil er mein erster Bond war. Ich mochte zwar Roger Moore (*1927) auch, Timothy Dalton (*1946) weniger, dafür aber tat Pierce Brosnan (1953) es mir doch wieder sehr an.

Als dann aber 2006 im 21. Film der offiziellen Bond-Filmreihe der Brite Daniel Craig (*1968) als sechster Darsteller in die Rolle des Doppelnull-Agenten schlüpfte, war sofort klar, dass man mit dieser Produktion den bisher eingeschlagenen Weg verließ. Dieser Eindruck intensivierte sich mit den darauf folgenden Produktionen »Ein Quantum Trost« (2008) und »Skyfall« (2012), der zum 50. Jubiläum der Reihe erschien. Hatte man 2006 noch auf eine literarische Vorlage gebaut, nämlich den allerersten Bond-Roman gleichen Titels des britischen Autors Ian Fleming (1908-1964) von 1953, so nutzte bereits die Produktion von 2008 nur noch den Titel der Fleming-Story »Ein Minimum an Trost (»Quantum of Solace«)« aus dem Sammelband »007 James Bond greift ein (»For Your Eyes Only«)« (1960/1965) in der Abwandlung »Ein Quantum Trost«. Der englische Originalfilmtitel blieb bei dem Originalstorytitel, allerdings hatte die Handlung nichts mehr mit der Kurzgeschichte zu tun. »Skyfall« hingegen wurde komplett als Film geschrieben, ebenso wie der aktuelle Film »SPECTRE«, um den es im Folgenden gehen soll.

»SPECTRE«! Auf diesen Namen als Bezeichnung für eine mächtige Terrororganisation war ich bereits in meinem oben erwähnten ersten Bond-Film gestoßen. Das Bild der Katze, die, groß im Bild, von zwei Händen liebkost und gestreichelt wird, während die Stimme der Person, die nicht zu sehen ist, unter anderem Mordbefehle erteilt, ist wohl legendär. An der rechten Hand prangte ein mächtiger Ring. Und obwohl Andreas Borcholte (*1970) vom SPIEGEL Daniel Craigs Darstellung des Geheimagenten mit der von Sean Connery verglich – »In manchen Szenen schafft er es sogar, jenes Virile, brutal Animalische zu verströmen, über das Sean Connery in seinen ersten Auftritten als Bond verfügte« (vgl. Artikel auf Spiegel online Kultur vom 10.11.2006) – und ihn Paul Arendt von der BBC als ein »Schwein« und damit als die Verkörperung James Bonds, wie Ian Fleming ihn in seinen Büchern beschrieben hatte (vgl. Artikel auf BBC Home vom 17.11.2006), bezeichnete, ist Craigs Bond kein »klassischer« Bond, kein Gentleman-Agent, sondern er hat etwas Unberechenbares und zutiefst Menschliches.

Craigs Bond kämpft nicht mehr im Kalten Krieg gegen Russen oder Asiaten, er kämpft gegen die Globalisierung, die totale Überwachung, wie sie George Orwell (1903-1950) schon in »1984« aus dem Jahr 1949 voraussagt, in Form der weltumspannenden Vernetzung durch das Internet. Diese schöne neue Gegenwart mit ihren gläsernen Menschen, wie sie 1932 bereits von Aldous Huxley (1894-1963) in »Schöne neue Welt (»Brave New Word«)« karikiert wurde, unterteilt sich kaum noch in verschiedene Nationen, sondern einzig und allein in unersättlichen Magnaten, die Informationen und die vielfältigen Möglichkeiten ihrer Beschaffung als neue erstrebenswerte Quelle von Reichtum und Macht ansehen. Ihr oberstes Prinzip heißt Kontrolle. In einer solchen Gegenwart scheint das Doppelnull-Programm antiquiert und überholt. Wozu eine Einrichtung wie der MI-6 in einer Zeit, da sich die Agenten der ehemals verfeindeten Nationen gegenseitig die Türklinken in die Hand geben? Der Kalte Krieg ist endgültig vorbei. So scheint es zumindest.

Von einer solchen Entwicklung muss sich die konservative Gesellschaft ja geradezu bedroht fühlen. Deswegen wird die zunächst eigentlich gute Idee einer Vernetzung aller Geheimdienste der Welt, einer Bündelung aller Kräfte zu Verbrechensbekämpfung als Brutstätte des wahrhaft teuflisch Bösen konterkariert. »Big Brother is watching you!« Immer und überall. Und der Vertreter dieser Entwicklung, der sich später dann doch als ein eingeschleuster Handlanger SPECTREs entpuppt, muss sich darüber aufklären lassen, dass die Lizenz zum Töten auch immer eine Lizenz zum Nichttöten ist, denn der Agent muss über Leben und Tod entscheiden. Die Doppelnull befähigt also ihren Inhaber zur alleinigen Entscheidung über Leben und Tod und damit ist sie eine Lizenz zum Gott spielen.

Der Weg zu SPECTRE ist für Bond überraschenderweise nicht allzu weit. Schnell findet er heraus, wer dahintersteckt. Es ist sein Stiefbruder Franz Oberhauser, der Sohn des Mannes, der Bond als Kind aufgezogen hat, und der sich jetzt Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) nennt. Blofeld, wieder so ein Name aus den alten Tagen … Hinzu kommen bereits bekannte Motive des Genres: Ein ehemaliger Bösewicht entwickelt ein Gewissen und versucht seine Tochter, das einzige, was ihm noch von seiner Familie geblieben ist, zu retten, und opfert sich für sie. Bond bekommt es mit einem körperlich ungeheuer starken Gegner zu tun (Dave Batista), der ihn aber, obwohl er vor Muskelkraft nur so strotzt, nicht wirklich aufhalten kann, obwohl er ihm bedrohlich nahe kommt. Außerdem ist das obligatorische Bond-Girl wieder mit von der Partie (Léa Seydoux) – die Tochter des Bösewichts mit Gewissen, der sich opferte –  doch hier entwickelt sich tatsächlich so etwas wie Liebe zwischen ihr und ihm und – wohltuend – sie überlebt den Film, was man von ihren Vorgängerinnen leider nicht sagen kann. Bond verliebt? Bond ein Mensch? Ein Bruch mit Traditionen ...

Eine Prise Selbstironie findet sich auch: Die Wunderwaffen funktionieren alles andere als einwandfrei und das Finale gipfelt in einem absolut untypisches Verhalten: Bond verzichtet darauf, den mittlerweile mit einer langen Schnittnarbe über das linke Auge entstellten Blofeld – wieder eine Reminiszenz an die Zeiten des kalten Kriegs – zu erschießen. Dieser Gewaltverzicht, Diese Entscheidung zum Nichttöten, die er, trotz der flapsigen Bemerkung, er habe etwas Besseres zu tun, sehr bewusst trifft – der Lauf seiner Pistole schwebt sekundenlang über dem Kopf des besiegten Gegners, dessen Schicksal letztlich trotzdem offen bleibt – ist ein deutliches Signal des Wandels innerhalb des Franchises, keine bloße Modernisierung oder Anpassung an das moralische Empfinden der Gegenwart, sondern eine Art von reaktionärer Agenten-, ja sogar Systemdämmerung.

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Erzählt wird das Ganze in geradezu poetisch-lyrischer Bildsprache von großer Intensität, die sich vor allem in für das moderne Actionkino untypischen langen bis sehr langen Einstellungen manifestieren. Das ist ungewohnt für die heutigen Seegewohnheiten. Es fehlen schnelle Schnitte und das führt bei einer Gesamtdauer von 148 Minuten unweigerlich zu einigen als Längen empfundenen Sequenzen, in denen man das Gefühl hat, der Film stockt, hängt und kommt nicht von der Stelle. Hier bricht auch die Spannung ein. Aktion- und Gewaltszenen finden sich im Verhältnis gesehen eher weniger, ganz so, als käme es darauf auch gar nicht an, als sei das nur schmückendes Beiwerk. Der psychologische innere Konflikt ist das, was die Macher hier eindeutig mehr interessiert.


Fazit: »SPECTRE« ist eher psychologischer Kunstfilm als actionlastiges Unterhaltungskino, ein Pseudoactionfilm, bei dem einem das Popcorn im Hals stecken bleibt, in dem die vielen offenen Handlungsfäden der drei vorherigen Filme zusammengeführt und auf einen Ursprung ausgerichtet werden. Mit dieser Abkehr von seinen Ursprüngen ist SPECTRE ein Abgesang, eine reaktionäre Systemdämmerung, ein fulminanter letzter Akt. Bildgewaltig wird der Zuschauer mit der Nase darauf gestoßen, wenn gegen Ende das alte MI-6-Building gesprengt wird und in sich zusammenstürzt. Eine Ära ist zu Ende. Ob die Ära der James-Bond-Filme allerdings damit beendet ist, darf bezweifelt werden.