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Samstag, 3. Oktober 2015

Kongressnachlese - 2. Tag: Neoromantische Sehnsuchtsorte – »a very famous pleasure«

Fassade Welcome Kongresshotel Bamberg

Nein, was haben wir gelacht! So geistvoll und gemütlich wie der erste Abend im Plückers verlaufen war, so wunderschön sonnig und hell begrüßte uns die Natur am zweiten Tag. Ich war beizeiten wach und begab mich zum Frühstück in die Hotellaunch, wo ein reichhaltiges Buffett aufgebaut war. Ich bediente mich ausgiebig und wurde von der Gattin meines Doktorvaters eingeladen, mich doch zu ihr und ihrem Mann zu setzen, was ich dankend annahm und so ein sehr nettes und von regem Austausch geprägtes Frühstück verbrachte.

Auf den Gängen

Im Anschluss machte ich mich für den Tag fertig. Fünf Vorträge sollten zwischen 9:30 Uhr und 17:00 Uhr stattfinden und um 19 Uhr abends war – nur für die Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft – die obligatorische Buchauktion mit Christoph Blau (*1967) und Wolfgang Hermesmeier (*1970; => Homepage) angesetzt, zu der ich, und da will ich mir selbst schon einmal vorgreifen, dann aber doch nicht gegangen bin.

Hans Grunert


Zu Beginn stand ein doch vermeintlich düsteres Thema auf der Tagesordnung: Dr. Johannes Zeilinger aus Berlin, selbst ein renommierter Facharzt für Chirurgie und Autor, führte seine Zuhörer in das schwierige, wissenschaftlich nicht immer klar zu beschreibende Phänomen des Scheintods und der Nahtoderfahrung ein. Unter dem Titel »Ich war gestorben gewesen und hatte dies doch bemerkt – Scheintod und Nahtoderfahrungen bei Karl May« sprach er in begeisterten und fast schon enthusiastisch zu nennenden Worten über diese (vor)letzten Dinge, die die empirische Wissenschaft auch heute noch doch vor einige Rätsel stellt. Er führte anhand vieler konkreter Beispiele durch die Medizingeschichte und besprach dann anhand konkreter Beispiele aus Mays Werk und aus seiner Biographie dessen Umgang mit dem Phänomen.

Dr. Johannes Zeitiger
Prof. Dr. Rumen Neykov, Sofia


Im Anschluss sollte eigentlich Prof. Dr. Ralf Georg Czapla aus Heidelberg (=> Homepage) einen Vortrag zum Thema »Außenseiter – Kauz – Sonderling – Zur narrativen Inszenierung sozialer Normabweichung bei Karl May, Ludwig Ganghofer und Kuni Tremel-Eggert« halten, doch war dieser Programmpunkt bereits am Vortrag abgesagt worden, der sich Czapla bei einem Fahrradunfall verletzt hatte und folglich gar nicht am Kongress teilnehmen konnte.

Prof. Dr. Rudolf Lüthe


Dafür wurde der eigentlich für 17 Uhr geplante Vortrag des Bulgaren Prof. Dr. Rumen Neykov aus Sofia zu »Winnetou – Ein Musical nach Karl May« vorgezogen, eine brilliante Entscheidung. Neykov, sprach begeistert über sein Musical-Projekt, teilweise war es schwer, ihm zu folgen, da sein bulgarischer Akzent dem Zuhörer sichtlich Verstehensprobleme bereitete. Das kompensierte der weltgewandte Bulgare allerdings durch einen zeitlich verhältnismäßig knapp gehaltenen Vortrag – er sprach etwa eine Viertelstunde – und durch die Einsprengsel seiner Musik, die er in Ausschnitten von der CD abspielen ließ und sie kurz kommentierte. Die CD konnte man dann auch käuflich erwerben.



Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen von zwei außergewöhnlichen Vorträgen, die sich wieder der exakten Textanalyse des May‘schen Oeuvres annahmen. Zunächst sprach Prof. Dr. Rudolf Lüthe (*1948; => Homepage), dessen besonderes Interesse der philosophischen Reflexion von Geschichte und Geschichtserfahrung sowie der Philosophie der europäischen Aufklärung – insbesondere David Hume (1711-1776) und Immanuel Kant (1724-1804) – gilt. Der Kulturphilosoph aus Koblenz – was mich mit besonderen Stolz erfüllt, lehrte Lüthe doch bis zu seiner Emeritierung an meiner alten Alma Mater – der sich in seinem Wirken insbesondere mit Status und Funktion von Kunst und Literatur in der Gegenwart auseinandergesetzt hat, sprach als jemand, der zwar Karl May gelesen hat, dennoch aber nicht zum Kreis der ausgewiesenen Karl-May-Forscher zählt, über »Sehnsuchtsorte – Kultur- und rezeptionstheoretische Anmerkungen zu einem Aspekt der Reiseromane Karl Mays«. Seinen klugen und nicht ohne Augenzwinkern (»Die Einleitung haben Sie schon mal hinter sich!«) erfolgten 45-minütigen Ausführungen folgte dann aber eine Fragerunde, die erste des Kongresses bisher, in der was die Antworten betrifft, Lüthe zu voller Form auflief und wortgewandt und humorvoll seine eigentliche Qualität demonstrierte, was schließlich zu einem öffentlichen allerhöchsten Lob durch Prof. Dr. Claus Roxin (1931) führte, was Lüthe mit dem Hinweis auf seine »Rührseligkeit« goutierte.

Prof. Dr. Hartmut Vollmer


Dr. Florian Schleburg (*1972; => Homepage), Anglist und Linguist aus Regensburg, bekannte sich in seinem folgenden Vortrag, dem letzten des Kongresstages, offen zu der Problematik, wie er einen solchen Vortrag denn nun noch toppen solle. Doch das gelang ihm bravourös; er sprach zu »Alles merschtenteels ganz von alleene gelernt« über die Sprachenkenner Karl May und Arno Schmidt. Nein, was haben wir gelacht! Selten hat mich eine sprachwissenschaftliche Untersuchung so gefesselt und so erheitert wie diese Auseinandersetzung, die über einen Vergleich von Texten beider Autoren funktionierte, und in der Schleburg hemmungslos die Sprachenhochstapelei der beiden Autoren aufdeckte. Allerdings machte er dem Auditorium auch klar, dass beide, wenn sie auch nicht wirklich Ahnung von den Sprachen hatten, die sie in ihren Werken benutzten und zu können vorgaben, doch ihre helle Freude an den Verballhornungen hatten und vor allem an dem »so tun als ob«. Der Vortrag, wie ein Mitglied der Karl-May-Gesellschaft aus Erlangen bemerkte, sei wohl in dieser Form nur hier, im Rahmen eines Kongresses von Karl-May-Kennern möglich, was Schleburgs Fähigkeit beweist, seine Erläuterungen auch auf sein jeweiliges Publikum speziell auszurichten.

Dr. Florian Schleburg


Am Rande der Veranstaltungen dieses Tages wurde noch auf zwei Publikationen hingewiesen, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte. Dr. Hermann Wohlgschaft (1944; => Homepage) stellte leider nur kurz sein neues dreibändiges Buchprojekt vor: »Unsterbliche Paare. Eine Kulturgeschichte der Liebe« Außerdem verteilte Jenny Florstedt (*1976) vom Freundeskreis Karl May Leipzig e.V. eine kostenlose Sondernummer der Zeitschrift »Karl May in Leipzig«, die Einblicke in die Ausgaben der letzten fünf Jahre bietet, und der Schweizer Lorenz Hunziker (*1977) präsentierte seine relativ neue Zeitschrift »Lagerfeuer«, eine Karl-May-Veröffentlichung der Karl-May-Freunde des helvetischen Bundes.






Auch diesen Tag beschlossen wir im Plückers. Was soll ich noch sagen? Es war fröhlich, gemütlich, süffig, musikalisch und einfach sehr schön, womit sich der Kreis schließt … Nein, was haben wir gelacht!

Dieses Kind war ungeheuer tapfer! Es hat bis jetzt beide Kongresstage durchgehalten! ;-)



Ekkehard Bartsch, die Karl-May-Legende, und seine Tochter

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