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Sonntag, 4. Oktober 2015

Kongressnachlese - 4. Tag: Von Geschlechteroszillationen und dem »phantastischen« Karl May



Der Himmel weinte, als ich an diesem vierten und letzten Kongresstag in meinem Hotelzimmerbett erwachte. Hatten wir an den bisherigen Veranstaltungstagen einen wunderschönen sonnigen Herbst erlebt, regnete es nun leicht und graue Wolken ließen kaum Sonnenlicht hindurch. Ich fühlte mich eigenartig müde und gerädert. Dabei war es doch am gestrigen geselligen Abend gar nicht so spät geworden. Nach meinem Absacker im Plückers war ich noch bis gegen ein Uhr wach gewesen und hatte den letzten Blogeintrag fertiggeschrieben und hochgeladen. Die letzten drei Tage waren wirklich außergewöhnlich, voller wunderbarer Erlebnisse und Begegnungen. Und trotzdem fing ich nun an zu schwächeln? 



Aufgrund der Tatsache, dass der Beginn der heutigen Vorträge eine halbe Stunde früher angesiedelt worden war, quälte ich mich früh aus dem Bett, versuchte, unter der Dusche wach zu werden, räumte dann mein Zimmer und bezahlte meine Rechnungen. Nach dem Frühstück begab ich mich wieder in die Kongresshalle und baute ein letztes Mal Kamera, Ton und Stative auf.



Zwei Vorträge sollten diesen, mit Dr. Johannes Zeilingers Worten, »sehr schönen« Kongress abschließen. Zwei Vorträge zu Themen, die, jedes für sich genommen, als ungewöhnlich und außergewöhnlich grenzwertig gelten durften, legte man einmal den gängigen thematischen Kanon der bisherigen Forschung an. 

Rudi Schweikert



Zuerst sprach der deutsche Schriftsteller, wissenschaftliche Publizist und freie Lektor Rudi Schweikert (*1952) aus Mannheim unter dem Titel »Karl Mays Figuren des ›Dritten Geschlechts‹ - Überblick und Analyse« zu einem seiner favorisierten Themen im Rahmen der Karl-May-Forschung und enttabuisierte damit einen vor allen Dingen in den letzten Jahren verstärkt in der Öffentlichkeit – und nicht nur der literarischen – sehr emotional und kontrovers diskutierten Sachverhalt. Homophobie, Homophilie, Androgynie, Travestie, als Männer verkleidete Frauen und als Frauen auftretende Männer sind nicht nur in Zeiten von Conchita Wurst (*1988; => Homepage) ein Reizthema. Das 19. Jahrhundert kannte eine Menge solcher Menschen, die sich in Clubs und Logen zusammenschlossen und sich u. a. ›Oranier‹ oder ›Tanten‹ nannten. 



Solche Formen von Geschlechteroszillationen finden sich auch und zuhauf bei Karl May, vor allem in seinen komischen Figuren wie ›Tante‹ Droll, Hobble Frank, Dick Hammerdull und Pit Holbers, Sam Hawkens usw., die in närrischen Frauenkleidern auftreten und sich einer hohen Fistelstimme bedienen, tauchen sehr oft im Werk Mays auf und wie der Vortragende bewies, durchaus nicht zufällig und auch nicht ausschließlich des Humors wegen. Das abschließende Fazit dieses etwas anderen Blicks auf viele geliebte und beliebte Figuren des sächsischen Volkschriftstellers lautet dann auch im Großen und Ganzen ohne an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen zu wollen, dass May das Aufweichen der Geschlechtergrenzen favorisierte und das Spiel mit der homoerotischen Verwechslung auf die Spitze trieb, was im eigentlichen eine Frage nach der wahren geschlechtlichen Identität in einer verkehrten Welt war. 

Thomas Le Blanc


Thomas Le Blanc (*1951) aus Wetzlar, der Begründer der »Phantastischen Bibliothek« arbeitet schon seit geraumer Zeit an einem Werk, von dem nach eigener Aussagen schon 400 Seiten fertiggestellt sind und das letztlich über 600 Seiten umfassen soll. In diesem Werk widmet er sich seiner These, nach der Karl May grundsätzlich ein phantastischer Autor gewesen sein soll. In seinem Vortrag unter dem Titel »›Darum will ich Märchenerzähler sein ...‹ Karl May als phantastischer Autor« ließ er die Karl-May-Freunde an seinen diesbezüglichen Überlegungen und Untersuchungen ausführlich teilhaben. An ausgewählten Perikopen aus allen Schaffensperioden Karl Mays beginnend mit dem sogenannten Alterswerk über das Frühwerk, die Kolportageromane bis hin zu den bekannten Reiseerzählungen wies Le Blanc eindrucksvoll nach, das Karl May im Prinzip ein Wegbereiter der Phantastik und Phantastischen Literatur war, ein Autor, der diese Interpretation seiner Werke selbst wohl strengstens von sich gewiesen haben würde, der aber trotzdem mit dem Werkzeugen der Phantastikforschung untersucht werden kann und muss. May konstruierte Welten, Personen und Konstellationen, die es so in dieser Form niemals gegeben hat und niemals geben wird. Er erschuf mit den Mitteln des Märchens und der zeitgenössischen Psychologie Traumwelten, man denke nur einmal an den Stern Sitara, auf dem die großen Alterswerke spielen, die einen mit Tolkiens »Herr der Ringe«, C.S. Lewis »Chroniken von Narnia« oder J. K. Rowlings »Harry-Potter« vergleichbaren Weltenbau aufweisen. Er erfand idealisierte Typenfiguren und Charaktere, die so nie gelebt haben und auch so nie leben könnten, da sie viel zu idealistisch und unrealistisch geschildert sind: Winnetou ist eine solche ideale Lichtgestalt, Old Shatterhand einer jener Superhelden, wie sie sonst nur Marvel und DC zu erschaffen vermögen. Jedenfalls machte dieser letzte Vortrag Lust auf mehr, Lust auf das Buch, das, wenn es fertig ist, mit Sicherheit einen ganz neuen Ansatz mit ganz neuen frischen Aspekten zu liefern verspricht.




Und so ging dieser 23. Kongress der Karl-May-Gesellschaft e.V. in Bamberg zuende. Es war ein rundum gelungener, sehr schöner Kongress, der durch viele sehr gute Vorträge, Gespräche, Begegnungen und regen Austausch geprägt war. Bamberg als Kongressstandort war ideal gewählt, das Ambiente sehr angenehm und die Unterbringung superb. Die Abende im Plückers und der gesellige Abend im Hegel-Saal waren inoffizielle Höhepunkte der fröhlichen Geselligkeit und guten Laune. Was will man mehr? Ich denke, wir werden in zwei Jahren auf dem nächsten Kongress noch von den vielen positiven Eindrücken der vergangenen vier Tage zehren. In diesem Sinne, auf Wiedersehen in 2017 in Naumburg an der Saale.


Kongressnachlese - 3. Tag: Von der Kluft zwischen hohem Anspruch und dem Sumpf des Trivialen

Der bisherige Vorstand


Jetzt ist es mittlerweile fast 23 Uhr und ich sitze im Plückers noch am Tresen. Ich sitze dort allein, vor mir ein Dunkles und ein Bushmills. Ich bin müde, so langsam zehrt der Kongress doch ein wenig an meinen Kräften, und denke über den vergangenen Tag nach. Es gab heute eigentlich nur drei Programmpunkte, aber die hatten es gewaltig in sich. 

Hartmut Wörner, der neue Geschäftsführer


An erster Stelle war da die Mitgliederversammlung, die mit ihren immerhin sechzehn Tagesordnungspunkten von halb zehn mit einer kurzen Pause bis ein Uhr mittags ging – viel zu lang, wie nicht nur ich fand, dennoch aber in einigen strittigen Punkten sehr notwendig. Einiges nur will ich erwähnen, was mir besonders wichtig erschien. 

Der neugewählte Vorstand
Prof. Dr. Claus Roxin


Die Karl-May-Gesellschaft hat aktuell derzeit 1659 Mitglieder (Stand September 2015). Ich kann mich schwach erinnern, dass, als ich in den 1990er Jahren in die KMG eintrat, die Mitgliederzahl bei über 1900 lag. Eine Fluktuation gibt es natürlich immer. Aber es ist doch ein gewisser Rückgang der Mitgliederzahlen festzustellen. 



Nach den obligatorischen Rechenschaftsberichten wurde der Vorstand neu gewählt. In ihren Ämtern bestätigt wurden als erster Vorsitzender Dr. Johannes Zeilinger, als Schriftführer Joachim Biermann und als Schatzmeister Udo Lippert. Zum ersten Stellvertreter wurde Prof. Dr. Hartmut Vollmer und zum zweiten Stellvertreter Dr. Florian Schleburg gewählt. Prof. Dr. Helmut Schmiedt wechselte auf die Position des wissenschaftlichen Mitarbeiters. Der neue Geschäftsführer heißt Hartmut Wörner (*1962), ein sympathischer, sehr humoriger Mensch, wie mir scheint. Ebenfalls bestätigt wurden die drei Kassenprüfer Anja Tschakert, Dr. Sina Stenglein und Rolf Cromm.

Prof. Dr. Christoph F. Lorenz

Ehrenmitglied Ekkehard Bartsch
Über eine Anhebung des Mitgliedsbeitrags wurde ausgiebig gesprochen, letztlich wurde er auf 36 Euro angehoben. Eine von den Mitgliedern absolut mitgetragene und sinnvolle Erhöhung angesichts des Einnahmen-Ausgaben-Verhältnisses der Gesellschaft.





Über die Stiftung eines Karl-May-Preises wurde heftig und kontrovers debattiert, schließlich wurde aber der Vorstand damit beauftragt, für den nächsten Kongress ein Arbeitspapier zu erstellen, mithilfe dessen man dann in zwei Jahren nochmals genauer über dieses Thema beraten können wird.

Podiumsdiskussion


Drei Gründungsmitglieder der Gesellschaft wurden zu Ehrenmitgliedern erhoben: Die lebende Karl-May-Enzyklopädie Ekkehard Bartsch (*1943; => Homepage), der Musiker, Organist und Kantor emeritus Hartmut Kühne (*1935) und Dr. Ulrich Freiherr von Thüna (*1935); die beiden letzteren waren leider durch Krankheit verhindert.

Thomas Le Blanc und Prof. Dr. Hans-Joachim Jürgens (Münster)

Prof. Dr. Ulf Abraham und Prof. Dr. Helmut Schmiedt


Der nächste 24. Kongress der Karl-May-Gesellschaft wird 2017 wieder in etwa um dieselbe Zeit in Naumburg an der Saale stattfinden. Das war ja bereits in Radebeul so beschlossen worden. Die Stadt und ihre Vorzüge wurden in einer filmischen Dokumentation noch einmal vorgeführt. Schließlich bewarben sich Bad Kissingen und Mainz um die Ausrichtung des 25. Kongresses in 2019. Mainz machte das Rennen.




Für eine Mittagspause blieb dann leider nur noch etwa eine Stunde Zeit. Werner Kinkel, der Vater der Erfolgsschriftstellerin Tanja Kinkel (*1969; => Homepage), hatte mich zu einer Stadtführung durch Bamberg eingeladen, was dann aufgrund der knappen Zeit leider nichts mehr wurde, aber, wir werden das nachholen, das haben wir uns fest vorgenommen.


Bernhard Schmidt


Der zweite Programmpunkt des Tages war eine Podiumsdiskussion. Prof. Dr. Helmut Schmiedt moderierte und führte seine Mitstreiter Prof. Dr. Ulf Abraham (*1954; Bamberg), den Gymnasiallehrer Roy Dieckmann (Obenstufenleiter am Königin-Luise-Gymnasium, Erfurt), Prof. Dr. Hans-Joachim Jürgens (Münster), den Leiter der Phantastischen Bibliothek Wetzlar (=> Homepage) Thomas Le Blanc (*1951) und den Karl-May-Verleger Bernhard Schmid durch das schwierige Thema »Karl May und die Jugend«. Die knapp zweistündige Diskussion führte von den Höhen des intellektuellen, universitären Anspruchs zu den Niederungen des trivialen Sumpfs und förderte die Kluft dazwischen sehr deutlich zutage. Das Hauptaugenmerk lag auf der Frage, die Dr. Hagen Schäfer bereits in Radebeul aufgeworfen hatte, wie man denn Kinder und Jugendliche heute für Karl May begeistern könne. Es wurde darüber gesprochen, ob man Karl May an der Universität mit Studenten, vor allem mit Lehramtsstudenten, besprechen solle, ob Karl May ein Thema für die Schulen sei – wobei man hier nur auf die Gymnasien einging, die Sekundarschulen wurden mit keinem Wort erwähnt – und wie man angesichts einer leseverdrossenen und leseunlustigen Jugend überhaupt noch das Interesse an Mays Werken wecken kann. 


Roy Dieckmann (Erfurt)


Die Meinungen gingen weit auseinander, die Möglichkeiten von Verfilmungen wurde an aktuellen Filmprojekten wie der gerade sich im Dreh befindlichen RTL-Produktion und dem Kinofilmprojekt im Auftrag des Karl-May-Verlags abgearbeitet. Eine entsprechende Präsentation von Mays Werken wurde mit J.K. Rowlings »Harry Potter« und J.R.R. Tolkiens »Herr der Ringe« verglichen und die doch recht einseitige Fixierung des Produktnamens Karl May auf die Wildwest-Erzählungen gerügt. Am eigentlichen Thema ging das dann doch meines Erachtens nach ein wenig vorbei, wenngleich gegen Ende der honorige und verdiente Prof. Dr. Claus Roxin das Positive heraushebend die gesamte Problematik dann doch relativierte. Aber das kommt eben dabei heraus, wenn Erwachsene über das glauben, reden zu können, was Kinder und Jugendliche direkt angeht. Wichtig ist aber in jedem Fall, und das wurde besonders betont, die Weitergabe der Karl-May-Bücher als Geschenk der Alten an die Jungen und damit eine Weitergabe von echter Begeisterung, von der sich Kinder und Jugendliche insbesondere dann anstecken lassen, wenn diese Begeisterung von den nächsten Verwandten gelebt wird.




Den Abend beschlossen ein ökumenischer Gottesdienst in St. Otto und ein geselliger Abend im Hegel-Saal der Kongresshalle. Bei einem reichhaltigen Buffett kam man ausführlichst miteinander ins Gespräch und der Karl-May-Verlag sorgte mit zwei kurzen Einlagen, dem Winnetou-Live-Hörspiel »Wo Büchsen knallen und Fäuste sprechen. Mit Karl May auf den Spuren seiner Helden« mit den Schauspielern Lukas Aue, Susanne Barth und Mikel Wegener des Ensembles »vor dem theater« aus Ansbach und der kurzen Filmdokumentation »Die Karl-May-Verleger«, den Bernhard Schmid selbst geschnitten hatte, für fröhliche Abwechslung.



Gegen halb elf verließ ich ziemlich müde den fröhlichen Reigen. Nun sitze ich im Plückers am Tresen. Über meinen Erinnerungen an diesen Tag ist das Bier leer und der Whiskey alle geworden. Ein deutliches Zeichen für mich, nun auf mein Zimmer zurückzukehren und diesen dritten Bericht abzuschließen. Also gute Nacht, Karl-May-Welt, morgen ist auch noch ein Tag.

Lukas Aue, Susanne Barth und Mikel Wegener von vor dem theater