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Donnerstag, 13. August 2015

Sherlock Bond und James Holmes im Kalten Krieg – Guy Ritchies Codename U.N.C.L.E.



„Gott sei Dank, mal keine Drei-D-Brille!“ Die Mitarbeiterin im Kino lacht leise, als mir dieser Ausruf entfährt. Sie reißt meine Karte ab und wünscht mir viel Spaß. Dabei lächelt sie hintergründig. Oder bilde ich mir das nur ein? Wie jetzt, wenn sie gar keine einfache Angestellte des Kinos wäre, sondern … doch halt, sonst gehen mal wieder die Gäule mit mir durch. Während ich in Richtung auf das am anderen Ende des Ganges liegende Kino Neun zusteuere, denke ich über den Film nach, für den ich gerade die Karte gelöst habe.


Dieser Guy Ritchie (*1968), von dem ich vorher kaum Notiz genommen hatte, war mir zum ersten Mal so richtig 2009 mit seiner Sherlock-Holmes-Variante aufgefallen, die herrlich frech und unglaublich jung mit dem staubtrockenen Stoff des viktorianischen Englands umzugehen wusste und die wie das Sequel von 2011 (s. a. meine Besprechung hier auf diesem Blog) eindrucksvoll bewies, dass man in unserer heutigen Zeit aus einer reinen Kunstfigur des Geistes jederzeit einen Actionprügelknaben machen kann. Sei's drum. Ritchie war allerdings mit dem Holmes-Stoff ebenfalls so liebevoll und honorig umgegangen, hatte sich quasi filmisch mit Zitaten und Anspielungen vor dem Original so tief verbeugt, dass ich ihm den neuen Charakter, den er da erschaffen hatte, nicht übelnahm, im Gegenteil, ich wurde ein Fan, wenn man das einmal so ausdrücken will.


Ich erreiche den Kinosaal mit der Nummer Neun und suche im diffusen Halbdunkel des nur spärlich erleuchteten Raums meinen Platz. Es sitzen nur wenige Zuschauer in der Vorpremiere. Bereits nach dem ersten seiner beiden Holmes-Filme stellte ich mir die ungemein spannende Frage, was wohl daraus werden würde, wenn Ritchie sich eines Protagonisten wie James Bond oder Ethan Hunt  (Mission Impossible) annehmen würde. Bei dieser Vorstellung kribbelte es in mir und ein wohliger Schauer krabbelte mir den Rücken herauf.


Ah, endlich, Platz gefunden, hingesetzt, die Crocs von den Füßen gestreift, Handy ausgeschaltet und den Werbeblog genossen. Es kommen tolle Filme auf uns zu, so viel versprechen die Werbetrailer, große Themen wie Unsterblichkeit und zum x-ten Male der Untergang der Welt … Guy Ritchies Film spielt zu Beginn der 1960er Jahre, also etwa fünfzehn Jahre nach dem Ende des ZweitenWeltkriegs in einer Zeit, in der sich der Westblock mit Amerika als Hauptmacht und der Ostblock mit Russland als tonangebender Nation feindlich gegenüberstanden. Man belauerte sich argwöhnisch, lebte in ständiger Angst vor einem drohenden Atomkrieg, der durch das Wissen um die Atom-Bombe als ultimativer Waffe zur Vernichtung des ganzen Planeten geprägt war. Da allerdings beide Seiten den offenen Kampf scheuten, um nicht dafür verantwortlich zu sein, wenn es zum Weltuntergang kommen würde, fand vieles im Verborgenen und Geheimen statt, die Geheimdienste hatten Hochkonjunktur, den „Kalten Krieg“ nannte man das. 


Doch Ritchie begnügt sich nicht mit dem bloßen Verlagerung seiner Handlung in diese Zeit, nein, auch filmisch arbeitet er mit Versatzstücken von Originalfilm- und Fernsehbeiträgen dieser Zeit (Kennedy und andere berühmte Zeitgenossen sind zu sehen), er passt das Licht an und teilweise hat man auch das Gefühl, dass der Film von einem alten Zelluloid-Band und einem entsprechenden Projektor vorgeführt wird. Alles ist liebevoll bis ins kleinste Detail arrangiert. Die Vorlage bildet die US-amerikanische Fernsehserie „The Man From U.N.C.L.E.“ (4 Staffeln, 105 Folgen, 1964-1968), deren Vorgeschichte der Film erzählt.


Ritchie schickt seinen Haupthelden, den amerikanischen Spion Napoleon Solo – irgendwie erinnert mich der Name an Han Solo – auf einen Einsatz nach Ostberlin kurz vor dem Mauerbau. Henry Cavills (*1983) Darstellung – er kann auch hier den stählernen Supermann nicht ganz ablegen – erinnert sehr stark an den Charme von Sir Sean Connery (*1930) in der Rolle des wohl berühmtesten Agenten vom englischen Geheimdienst, Sie ahnen sicher, wen ich meine, den mit der Doppelnull, der Lizenz zum Töten. Und einige Male habe ich während des Films den Eindruck gehabt, dass wir den nächsten Bond-Darsteller wohl nicht mehr zu suchen brauchen, sollte DanielCraig (*1968) nach „Spectre“  (2015) diese Rolle an den Nagel hängen wollen.


Solo soll eine junge Mechanikerin namens Gaby Teller, die Tochter eines Atomwissenschaftlers, in den Westen entführen. Alicia Vicander (*1988), ein neues und trotzdem schon mit wichtigen Rollen ausgestattetes Gesicht, verfügt über den entsprechenden weiblichen Charme und eine geradezu umwerfende Unschuld, um aus einer Osterberliner Göre eine Frau von Welt zu machen, deren Geheimnis später doch einigermaßen überrascht.


Diese, scheinbar so leichte Aufgabe für Solo wird zur Herausforderung, als sich der russische Agent Ilya Kuryakin an die Fersen der beiden Flüchtlinge heftet. Armie Hammer (*1986) bedient in dieser Rolle jedwedes westliche Klischee über die intelligenten aber tumben muskelbepackten Riesenbären des Ostblocks.


Nach einer derartigen Exposition ist es dann doch sehr vorausschaubar, was passieren wird: Aufgrund der akuten Atom-Bomben-Bedrohung müssen Solo und Kuryakin eine Zwangsunion eingehen, eine Zusammenarbeit beider Regierungen nur zu dem einen Zweck, die Bedrohung für die Welt abzuwenden. Natürlich wird das Ganze zu einem Messen der Kräfte und Fähigkeiten, in denen sich beide zwar nicht ebenbürtig sind, sich aber dennoch lebensrettend ergänzen. Dabei merken die beiden selbstverliebten Gockel gar nicht, dass sie letztlich von den Waffen der Frauen immer wieder geschlagen werden, sei es nun die geheimnisvolle Gaby oder auch der Hauptbösewicht in Gestalt von Victoria Vinciguerra, aalglatt und bösartig von Elizabeth Debicki (*1990) verkörpert – das der Rollenname soviel wie „Siegerin, die den Krieg besiegt“ bedeutet und ihre Trägerin genau das Gegenteil versucht, ist nur ein angenehmes Detail, das die Intelligenz des Regisseurs aufs Neue beweist.

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Sogar in kleineren Nebenrollen tummeln sich Stars wie Hugh Grant (*1960), sichtlich gealtert, aber dadurch markanter und männlicher, Jared Harris (*1961) und Luca Calvani (*1974), ansonsten erfrischt die Besetzung durch allerlei noch unbekannte und frische Gesichter.


Das Fazit, so man denn eines ziehen will und soll, subsumiere ich, in dem ich auf die lapidare Frage eingehen will, ob eine intelligente Popcornkinounterhaltung machbar sei. Ja, natürlich, das beweist Guy Ritchie mit dieser liebevollen Hommage an die alten Agententhriller mit komödiantischem Einschlag. 


Einziges Manko ist die Darstellung des Kalten Krieges als Spielplatz für im Geheimen agierende Agenten, die sich gegenseitig die Türklinken in die Hand geben, wenn es darum geht eine Bedrohung für die gesamte Menschheit auszuschalten. Da war der Wunschtraum eindeutig Vater des Gedankens. So plakativ und schwarzweißmalerisch war diese Zeit denn nun doch nicht, dennoch ist die Vorstellung einer derart harmonischen Zusammenarbeit zwischen Amerika und Russland mit einer kleinen Romanze zwischen England und Russland, einem sich gegenseitigen Ergänzen, wenn man die Fähigkeiten des jeweils anderen anerkennt und zu nutzen weiß, eine schöne und sehr moderne Hoffnung auf eine bessere Welt. Allerdings liegt gerade in dieser Verharmlosung hier wenngleich der einzige so doch auch der Hauptkritikpunkt: Wenn man historische Ereignisse mit dem heutigen Wissen betrachtet, tut man sich keinen Gefallen, wenn man sie wirklich verstehen will. Das kann nur aus dem Zeitgeist heraus geschehen. Das sollten wir nie vergessen.


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