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Samstag, 15. August 2015

Faniasco fo(u)r … what? – Josh Tranks „Fantastic Four“-Reboot

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„Ich hatte mehr erwartet“, äußert eine junge Frau unzufrieden, als der Abspann über die Kinoleinwand flimmert. Dann erhebt sie sich entschlossen, um mit ihrem Freund den Saal zu verlassen. Kurz vor ihr hatte ein junger Mann seinem Unmut in ähnlicher Weise Luft gemacht, nur war seine Wortwahl wesentlich drastischer: „Was'n Scheiß!“ Auch er geht – hallo? Wie mittlerweile jeder eingefleischte Marvel-Fan weiß, wartet in der Regel nach dem Abspann noch ein Bonbon, ein filmischer Hinweis auf den Zuschauer. Doch die, wenn es hoch kommt, zehn Zuschauer, die noch mit mir im fast leeren Kino sitzen, scheinen an dieser „Tradition“ nicht interessiert zu sein. Sie wollen nur weg. Und ja, ich kann sie verstehen. Leider.


Wundern Sie sich jetzt nicht, dass ich mit dem Schluss des neuen „Fantastic Four“-Films von Josh Trank (*1984) begonnen habe, aber diese beiden Aussagen kommen der traurigen Vorführung, die ich hier über mich ergehen lassen musste, noch am nächsten. Aber ich bleibe sitzen, denn ich bin ja ein Marvel-Fan. Ich will das Bonbon, ich will es, deshalb sitze ich, und warte. Der Abspann läuft weiter zu einer relativ unspektakulären, uninspirierten Musik, ich warte weiter – nein, ich erliege nicht der Versuchung und stehe auf – und warte. Der Typ vom Kinopersonal stellt seine Abfalltüte bereit, setzt sich zu mir, grinst mich an, wir warten gemeinsam, und … – NICHTS! Kein Bonbon, kein filmischer Clip – ich bin sprachlos. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Doch das Fehlen des Clips ist nicht nur eine definitive Aussage, es spricht geradezu Bände.


Dabei fing alles so vielversprechend an. Ein nerdiges Kind erzählt in der Schulklasse davon, was es mal werden will, und wird nicht ernstgenommen. Es hat sein Schulheft vollgekritzelt mit irgendwelchen mathematischen Formeln und Zeichnungen, die sowieso keiner versteht. Es will der erste Mensch sein, der sich teleportieren kann. Kurze Info: Teleportieren gehört zu den Parafähigkeiten und beschreibt die Möglichkeit, durch reine Gedankenkraft Materie von einem Ort zu einem anderen zu transportieren. Und unser kleiner Nerd möchte das mit wissenschaftlichen Mitteln mechanisch bewerkstelligen. Eine schöne Idee, die wir zwar in etwas abgewandelter Form schon sehr oft gesehen haben – zuletzt übrigens in Chris Columbus' (*1958) PIXELS (2015) –, die aber immerhin das Potential zu einer guten Story hat. Der Rest ist dann auch schnell erzählt. Das Nerdkind namens Reed Richards (Miles Teller (*1987), Owen Judge) macht gemeinsam mit Kumpel Ben Grimm (Jamie Bell (*1986), Evan Hannemann) Experimente in seiner Garage, die schon mal der ganzen Stadt den Strom abdrehen, aber er wird bei einem Schulwettbewerb entdeckt und der Philanthrop und Exzentriker Dr. Franklin Storm (Reg E. Cathey (*1958)) ermöglicht ihm, zusammen mit seinem Sohn Johnny (Michael B. Jordan (*1987)) und seiner Adoptivtochter Sue (Kate Mara (*1983)) sein Projekt im großen Stil umzusetzen – natürlich im Auftrag der Regierung und des Militärs. Damit wäre das bekannte Team komplett.


Der Bösewicht in Gestalt des von vornherein unsympathisch gezeichneten Victor Domashev (Toby Kebbell (*1982)) stößt hinzu und gemeinsam ist man erfolgreich. Das Tor zu einer fremden Dimension wird geöffnet und die erste Expedition gerät zu einem Fiasko. Reed, Ben und Johnny können nur mit knapper Not zurückkehren, während Domashev in einen eruptiven Energiesee stürzt und zurückbleibt. Bei der Rückkehr wird Sue ebenfalls von den Ausläufern der Dimension erfasst und wie die anderen drei verändert. Sie verfügen nun über Superkräfte, Bens Körper hat sich sogar mit Felsengestein aus der anderen Welt verbunden, er wird zukünftig als „Das Ding“ zusammen mit Sue, der „Unsichtbaren“, Johnny, der „menschlichen Fackel“ und Reed, „Mr. Fantastic“ ein Einsatzteam bilden. Das Militär übernimmt und man öffnet das Tor ein Jahr später erneut. Domashev, der kurioser Weise überlebt hat, kehrt als Monster „Dr. Doom“ zurück und löst damit fast den Weltuntergang aus …


Soweit, so gut. Die bekannte Story dürfte, wenngleich sie auch den veränderten Parametern der Comicreihe Ultimate Fantastic Four (2004-2009) folgt, zumindest in den Grundzügen wiederzuerkennen sein. Und genau hier beginnt das Dilemma. Es ist nämlich eine gute Story, ein Plot, der über eine Menge Konfliktpotential verfügt und den Charakteren den nötigen Raum zur Entfaltung und zur notwendigen Entwicklung lässt. 


Die beiden Verfilmungen „Fantastic Four“ von 2005 und „Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer“ von 2007, die – für mich nicht nachvollziehbar – einen so schlechten Ruf haben, tun das auch. Sie erlauben den Protagonisten diese Entfaltung, diese Entwicklung und machen sie so greifbar und erfahrbar, ja, auch in gewisser Weise liebenswert. Wir leiden in diesen alten Verfilmungen mit Ben Grimm, wenn seine Frau ihn verlässt, wir ärgern uns über Johnnys jugendlichen Überschwang, wir bangen und hoffen mit Reed und Sue, dass sie endlich ihre geplante Hochzeit realisieren können … All das fehlt dieser neuen Variante. Sie ist einfach schlecht erzählt. Manchmal kann man es eben auf einen sehr einfachen Nenner bringen. 


Der Film lässt sich in den ersten zwei Dritteln sehr viel Zeit um den Weg von Reed, Ben und Johnny nachvollziehbar zu machen. Über Sue und die Hintergründe von Victor erfährt der Zuschauer leider viel zu wenig. Der wahre Grund für Domashevs Scheitern und Dooms Entstehung ist unklar und nicht nachvollziehbar. Die Möglichkeiten der fremden Dimension, die als urweltartige Energieseenplatte dargestellt wird, bleiben unausgeschöpft. Es wimmelt geradezu von logischen Brüchen und fehlenden Begründungen für das Plotgeschehen: Warum läuft Reed weg und lässt seine Kameraden im Stich? Wie kann er überhaupt aus einer so gut gesicherten Anlage fliehen? Wie kann er ein Jahr lang an verschiedensten Orten überleben? Wie kann Victor in der fremden Dimension überleben? Welche Einschränkungen hat Ben im normalen Alltag durch seine veränderte Physionomie? Die Frageliste ließe sich noch drastisch verlängern. Das Finale wird geradezu herbeigezwungen, so, als müsse jetzt unbedingt etwas passieren. Alles in allem macht der Film den Eindruck, dass man ihn in Eile und unter Zeitdruck fertiggestellt hat.


Es ist wie so oft – der Einsatz von jüngeren, unverbrauchteren Schauspielern, die hier ihre Sache ausnahmslos toll gemacht und sich alle Mühe gegeben haben, bringt nicht immer den ersehnten Erfolg, vor allem, wenn hier eine wirklich gute Idee – und die Anspielungen auf die Quantenphysik und ihre Möglichkeiten und die Theorien von Stephen Hawking (*1942) sind vielversprechend und geben mit Sicherheit noch eine Menge mehr her – durch ein schwaches Drehbuch und eine noch schwächere Erzähltechnik kaputt gedreht wird. Actionszenen gut und schön, CGI-Effekte – vor allem bei dem Versuchsaffen war man sehr an „Planet der Affen“ (2011 & 2014) erinnert – und ein technisch brillant photographierter Film machen leider noch keine gute Geschichte, die den Zuschauer zum Mitfiebern und zu kathartischen Ausbrüchen reizt. 


An dieser Stelle sei nur einmal kurz die Beobachtung beschrieben, dass wir in den letzten Jahren nur noch Sequels und Prequels zu sehen bekommen, nur noch Reboots von längst bekannten Geschichten, die schon zum x-ten Mal erzählt werden. Warum eigentlich? Gehen der Filmindustrie die neuen innovativen Ideen aus? Ist alles schon einmal dagewesen und wird nur in der x-ten Variante erneut durchgekaut? Wo sind die kreativen Filmemacher, die uns mit ihren Geschichten und genialen Erzählweisen beeindrucken können und begeistern wollen? Ist es wirklich so, dass nur die Filme umgesetzt werden, die den meisten Profit vorausahnen lassen? 


Ich lasse das mal unkommentiert so stehen, gebe aber zu Bedenken, dass selbst der unverwüstliche Stan Lee (*1922), der sonst in jedem Marvel-Film einen Cameo hat, hier darauf verzichtete, und nur als Produzent des Films auftritt. Ich kann nur hoffen, dass man so einen Fehler nicht wieder macht und die Hoffnungen, die ANT MAN (2015) in mir geweckt hat, in Zukunft im Kino umgesetzt werden.


Donnerstag, 13. August 2015

Sherlock Bond und James Holmes im Kalten Krieg – Guy Ritchies Codename U.N.C.L.E.



„Gott sei Dank, mal keine Drei-D-Brille!“ Die Mitarbeiterin im Kino lacht leise, als mir dieser Ausruf entfährt. Sie reißt meine Karte ab und wünscht mir viel Spaß. Dabei lächelt sie hintergründig. Oder bilde ich mir das nur ein? Wie jetzt, wenn sie gar keine einfache Angestellte des Kinos wäre, sondern … doch halt, sonst gehen mal wieder die Gäule mit mir durch. Während ich in Richtung auf das am anderen Ende des Ganges liegende Kino Neun zusteuere, denke ich über den Film nach, für den ich gerade die Karte gelöst habe.


Dieser Guy Ritchie (*1968), von dem ich vorher kaum Notiz genommen hatte, war mir zum ersten Mal so richtig 2009 mit seiner Sherlock-Holmes-Variante aufgefallen, die herrlich frech und unglaublich jung mit dem staubtrockenen Stoff des viktorianischen Englands umzugehen wusste und die wie das Sequel von 2011 (s. a. meine Besprechung hier auf diesem Blog) eindrucksvoll bewies, dass man in unserer heutigen Zeit aus einer reinen Kunstfigur des Geistes jederzeit einen Actionprügelknaben machen kann. Sei's drum. Ritchie war allerdings mit dem Holmes-Stoff ebenfalls so liebevoll und honorig umgegangen, hatte sich quasi filmisch mit Zitaten und Anspielungen vor dem Original so tief verbeugt, dass ich ihm den neuen Charakter, den er da erschaffen hatte, nicht übelnahm, im Gegenteil, ich wurde ein Fan, wenn man das einmal so ausdrücken will.


Ich erreiche den Kinosaal mit der Nummer Neun und suche im diffusen Halbdunkel des nur spärlich erleuchteten Raums meinen Platz. Es sitzen nur wenige Zuschauer in der Vorpremiere. Bereits nach dem ersten seiner beiden Holmes-Filme stellte ich mir die ungemein spannende Frage, was wohl daraus werden würde, wenn Ritchie sich eines Protagonisten wie James Bond oder Ethan Hunt  (Mission Impossible) annehmen würde. Bei dieser Vorstellung kribbelte es in mir und ein wohliger Schauer krabbelte mir den Rücken herauf.


Ah, endlich, Platz gefunden, hingesetzt, die Crocs von den Füßen gestreift, Handy ausgeschaltet und den Werbeblog genossen. Es kommen tolle Filme auf uns zu, so viel versprechen die Werbetrailer, große Themen wie Unsterblichkeit und zum x-ten Male der Untergang der Welt … Guy Ritchies Film spielt zu Beginn der 1960er Jahre, also etwa fünfzehn Jahre nach dem Ende des ZweitenWeltkriegs in einer Zeit, in der sich der Westblock mit Amerika als Hauptmacht und der Ostblock mit Russland als tonangebender Nation feindlich gegenüberstanden. Man belauerte sich argwöhnisch, lebte in ständiger Angst vor einem drohenden Atomkrieg, der durch das Wissen um die Atom-Bombe als ultimativer Waffe zur Vernichtung des ganzen Planeten geprägt war. Da allerdings beide Seiten den offenen Kampf scheuten, um nicht dafür verantwortlich zu sein, wenn es zum Weltuntergang kommen würde, fand vieles im Verborgenen und Geheimen statt, die Geheimdienste hatten Hochkonjunktur, den „Kalten Krieg“ nannte man das. 


Doch Ritchie begnügt sich nicht mit dem bloßen Verlagerung seiner Handlung in diese Zeit, nein, auch filmisch arbeitet er mit Versatzstücken von Originalfilm- und Fernsehbeiträgen dieser Zeit (Kennedy und andere berühmte Zeitgenossen sind zu sehen), er passt das Licht an und teilweise hat man auch das Gefühl, dass der Film von einem alten Zelluloid-Band und einem entsprechenden Projektor vorgeführt wird. Alles ist liebevoll bis ins kleinste Detail arrangiert. Die Vorlage bildet die US-amerikanische Fernsehserie „The Man From U.N.C.L.E.“ (4 Staffeln, 105 Folgen, 1964-1968), deren Vorgeschichte der Film erzählt.


Ritchie schickt seinen Haupthelden, den amerikanischen Spion Napoleon Solo – irgendwie erinnert mich der Name an Han Solo – auf einen Einsatz nach Ostberlin kurz vor dem Mauerbau. Henry Cavills (*1983) Darstellung – er kann auch hier den stählernen Supermann nicht ganz ablegen – erinnert sehr stark an den Charme von Sir Sean Connery (*1930) in der Rolle des wohl berühmtesten Agenten vom englischen Geheimdienst, Sie ahnen sicher, wen ich meine, den mit der Doppelnull, der Lizenz zum Töten. Und einige Male habe ich während des Films den Eindruck gehabt, dass wir den nächsten Bond-Darsteller wohl nicht mehr zu suchen brauchen, sollte DanielCraig (*1968) nach „Spectre“  (2015) diese Rolle an den Nagel hängen wollen.


Solo soll eine junge Mechanikerin namens Gaby Teller, die Tochter eines Atomwissenschaftlers, in den Westen entführen. Alicia Vicander (*1988), ein neues und trotzdem schon mit wichtigen Rollen ausgestattetes Gesicht, verfügt über den entsprechenden weiblichen Charme und eine geradezu umwerfende Unschuld, um aus einer Osterberliner Göre eine Frau von Welt zu machen, deren Geheimnis später doch einigermaßen überrascht.


Diese, scheinbar so leichte Aufgabe für Solo wird zur Herausforderung, als sich der russische Agent Ilya Kuryakin an die Fersen der beiden Flüchtlinge heftet. Armie Hammer (*1986) bedient in dieser Rolle jedwedes westliche Klischee über die intelligenten aber tumben muskelbepackten Riesenbären des Ostblocks.


Nach einer derartigen Exposition ist es dann doch sehr vorausschaubar, was passieren wird: Aufgrund der akuten Atom-Bomben-Bedrohung müssen Solo und Kuryakin eine Zwangsunion eingehen, eine Zusammenarbeit beider Regierungen nur zu dem einen Zweck, die Bedrohung für die Welt abzuwenden. Natürlich wird das Ganze zu einem Messen der Kräfte und Fähigkeiten, in denen sich beide zwar nicht ebenbürtig sind, sich aber dennoch lebensrettend ergänzen. Dabei merken die beiden selbstverliebten Gockel gar nicht, dass sie letztlich von den Waffen der Frauen immer wieder geschlagen werden, sei es nun die geheimnisvolle Gaby oder auch der Hauptbösewicht in Gestalt von Victoria Vinciguerra, aalglatt und bösartig von Elizabeth Debicki (*1990) verkörpert – das der Rollenname soviel wie „Siegerin, die den Krieg besiegt“ bedeutet und ihre Trägerin genau das Gegenteil versucht, ist nur ein angenehmes Detail, das die Intelligenz des Regisseurs aufs Neue beweist.

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Sogar in kleineren Nebenrollen tummeln sich Stars wie Hugh Grant (*1960), sichtlich gealtert, aber dadurch markanter und männlicher, Jared Harris (*1961) und Luca Calvani (*1974), ansonsten erfrischt die Besetzung durch allerlei noch unbekannte und frische Gesichter.


Das Fazit, so man denn eines ziehen will und soll, subsumiere ich, in dem ich auf die lapidare Frage eingehen will, ob eine intelligente Popcornkinounterhaltung machbar sei. Ja, natürlich, das beweist Guy Ritchie mit dieser liebevollen Hommage an die alten Agententhriller mit komödiantischem Einschlag. 


Einziges Manko ist die Darstellung des Kalten Krieges als Spielplatz für im Geheimen agierende Agenten, die sich gegenseitig die Türklinken in die Hand geben, wenn es darum geht eine Bedrohung für die gesamte Menschheit auszuschalten. Da war der Wunschtraum eindeutig Vater des Gedankens. So plakativ und schwarzweißmalerisch war diese Zeit denn nun doch nicht, dennoch ist die Vorstellung einer derart harmonischen Zusammenarbeit zwischen Amerika und Russland mit einer kleinen Romanze zwischen England und Russland, einem sich gegenseitigen Ergänzen, wenn man die Fähigkeiten des jeweils anderen anerkennt und zu nutzen weiß, eine schöne und sehr moderne Hoffnung auf eine bessere Welt. Allerdings liegt gerade in dieser Verharmlosung hier wenngleich der einzige so doch auch der Hauptkritikpunkt: Wenn man historische Ereignisse mit dem heutigen Wissen betrachtet, tut man sich keinen Gefallen, wenn man sie wirklich verstehen will. Das kann nur aus dem Zeitgeist heraus geschehen. Das sollten wir nie vergessen.