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Donnerstag, 30. April 2015

Des Menschen Möglichkeiten sind sein Untergang – Alex Garlands Ex Machina


Kennen Sie das? Man sitzt im Kino, der Abspann des Films, den man gerade gesehen hat, läuft und man ist so bewegt von dem gerade Gesehenen, dass man gar nicht aufstehen möchte. Man könnte zwar, aber man will es noch einen Augenblick wirken lassen, man will in Ruhe nachdenken können. Und vielen anderen geht es ebenso. Es liegt dann wie ein stilles Einvernehmen über den Kinobesuchern. Die pure Katharsis schafft einen enormen Erkenntnisgewinn. Oder vielleicht doch nicht? Ist das Ergriffensein vielleicht nur affektiert? 

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Ex Machina“ - bezeichnender Weise ohne „Deus“ - das Regiedebüt des britischen Schriftstellers Alex Garland (*1970), ist jedenfalls solch ein Film, der sich, wie ich finde, auf den Weg gemacht hat, einmal ein zeitloser Klassiker zu werden und sich auf gleicher Höhe mit den großen namhaften Beispielen seines Genres bewegt. Der Film ist als Kammerspiel angelegt, das Elemente der Kurzgeschichte ebenso aufweist, wie Spuren abstrakten und absurden Theaters: Isaac Asimov (1919-1992) trifft auf Eugène Ionesco (1909-1994) und Albert Camus (1913-1960). Die Filmzeitschrift epd-Film (=> Homepage) will auch „Anspielungen an Wittgenstein, Oppenheimer oder Noam Chomsky“ in „Ex Machina“ gefunden haben, doch so weit würde ich nicht gehen wollen. Oftmals, und diese Gefahr besteht leider bei vielen Rezensionen, überfrachtet die Interpretation einer Besprechung das eigentliche Werk maßlos.


Versuchen wir doch einfach, uns dem Werk ganz klassisch zu nähern. Da wäre zunächst der Titel, eine abwandelte Form des lateinischen Begriffs „Deus ex machina“ (griech.: ἀπὸ μηχανῆς Θεός (apò mēchanḗs theós)), was wörtlich in der antiken Tragödie das Eingreifen Gottes aus einer Maschine/Bühnenmaschinerie in einer für die Protagonisten eines Geschehens schier unlösbaren Konfliktsituation bezeichnet. Der Mensch kann das Problem also nicht lösen, er erfährt seine Grenzen und muss sich von Gott oder einer Gottheit helfen lassen. In der heutigen Zeit benutzen wir den Begriff leicht verallgemeinert für jedwede Lösung eines Konflikts, die durch plötzliche, nicht absichtlich herbeigeführte, quasi zufällige Geschehnisse, Personen oder Übermächte herbeigeführt wird.


Nimmt man nun Gott aus dieser Definition konsequent heraus, so bedeutet „ex machina“ die Lösung des oben beschriebenen tragischen Konflikts allein durch die Maschine, hier also durch die sich einer Maschine – in Form eines Roboters – bedienende sogenannte KI, d.i. Künstliche Intelligenz. Im übrigen ist das ein nicht unbekannter Topos in der jüngeren Film-, Kultur- und Literaturgeschichte. 


Der junge Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson, *1983) – Vorsicht! Dieser Name ist, wie die übrigen Namen im Film auch, nicht ohne Bedeutung - nomen est omen: Caleb ist hebräisch und bedeutet soviel wie „treu, voller Hingabe, von/mit ganzem Herzen, mutig“, eine direkte Beziehung zum biblischen Kaleb (Num 13,1-14,38), der als Vorbild für die Treue zu Jahwes Verheißungen gilt – gewinnt in seinem Unternehmen einen internen Wettbewerb, der natürlich kein Wettbewerb ist. Er wurde unauffällig ausgesucht. Das Unternehmen ist eine Internetsuchmaschine, die seinen Erfinder, den Firmenchef Nathan (Oscar Isaac, *1980) – wer dächte hier nicht an Nathan den Weisen (1779/1783) aus Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) gleichnamigem dramatischen Gedicht, der wiederum auf den biblischen Propheten Nathan(-ael; hebr. נתן) zurückgeht; der Name bedeutet „Gott hat gegeben“, lässt man die Silbe „el“ weg, die für „ělohīm“ (heb. אלהים), also „Gott“, steht, heißt es nur noch „er hat gegeben“ – zu einem unglaublich reichen Mann gemacht hat. Sein Preis: Er darf eine Woche mit Nathan verbringen. Dazu fliegt ihn ein Hubschrauber zu einem High-Tech-Haus in eine einsame und im wahrsten Sinn des Wortes „gottverlassene“ Wildnis. Die Kameraführung und die Bildsprache des Hinflugs lassen, trotz großartiger Landschaftsaufnahmem und einer unglaublich schönen Naturszenerie nichts Gutes erahnen. Ein Gefühl des Verlassenseins stellt sich schnell ein, vor allem, als der Hubschrauber ihn irgendwo im Nirgendwo absetzt und er das Haus erst noch suchen muss. Dorthin wird er weder abgeholt noch persönlich empfangen und nachdem ihm ein Computer eine ID-Karte erstellt hat, betritt er das Gebäude, das sich, trotz seiner warmen und freundlichen Ausstattung, im weiteren Verlauf als klaustrophobischer Alptraum erweist.


Der geniale Nathan, den Caleb kennen lernt, ist ein verbal auf Kanakisch-Niveau agierender Prolet, der auf cool macht, sich zwar sportlich fit hält, aber viel zu viel trinkt. Er klärt Caleb darüber auf, warum er eigentlich hier ist. Er soll einen Test durchführen, um herauszufinden, ob der Roboter-Mensch-Hybrid Ava (Alicia Vikander, *1988) – der Name ist mehrdeutig – tatsächlich über eine KI verfügt. Für diesen Test hat Caleb eine Woche Zeit, in der er sieben Sitzungen mit der für ihn faszinierenden Ava hat. 


Über sechs Sitzungen hinweg hat Caleb das Gefühl, dass er, der wirkliche, wahre Mensch, die Kontrolle über die Schöpfung Nathans hat und er glaubt an die Verheißungen des skurrilen Schöpfers. Gleichzeitig fühlt er sich aber ungeheuer zu Ava hingezogen, träumt von ihr, und wird von ihr, vor allem in den kurzen Phasen, in denen der Strom im ganzen Haus ausfällt, davon überzeugt, ein wahrhaftiges Bewusstsein und sehr menschliche Gefühle zu haben. Die Stromausfälle, so behauptet Ava, können von ihr bewusst herbeigeführt werden. 


Caleb bekommt zusehens den Eindruck, dass Nathan ein Monster ist, das mit den armen, bedauernswerten Geschöpfen, die er erschaffen hat, nach Gutdünken spielt. Nachdem er die Vorgängermodelle von Ava entdeckt hat, will er nur noch Ava befreien und hilft ihr, einen ausgeklügelten Plan durchzuführen. Doch Ava ist und bleibt nur eine eiskalte, berechnende Maschine, die menschliche Regungen und Gefühle lediglich imitieren, nicht aber wirklich empfinden kann. Ihr künstliches Gehirn wird durch die Ergebnisse der Suchmaschine gespeist, die Nathan reich gemacht und über die er alle Kommunikationsmöglichkeiten und -geräte auf der Welt angezapft hat. Sie hat somit Zugang zur ganzen Welt und dem darin enthaltenen Wissen. 


Ava hat benutzt Caleb nur und wendet sich schließlich gegen ihren Schöpfer, tötet ihn ohne Bedenken und sieht ihm nüchtern interessiert beim Sterben zu, während Caleb eingesperrt ist. Von Asimov'schen Gesetzen hat sie wohl nie gehört. Ebenso fehlt ihr gänzlich so etwas wie Ethik. Ava verlässt das Haus, in dem sie erschaffen wurde – die Schöpfung verlässt das Paradies – und begibt sich in die Welt hinaus, um zu lernen und wer weiß, wozu noch. Bevor sie geht, entnimmt sie ihren Vorgängermodellen Hautteile, mit denen sie ihren Roboter-Körper verkleidet, Haare, die sie sich als Perücke aufsetzt, ersetzt einen zerstörten Arm durch einen anderen – erneuert sich quasi selbst. Die Maschine erschafft sich aus Maschinen und wird aufgrund ihres umfassenden Wissens zu einer Art Gottheit.


Das Besondere dieses Films liegt in der Tatsache begründet, dass es hier einmal nicht um eine geschundene und gequälte Kreatur geht, die vor dem bösen Menschen gerettet werden will. Ebenso wenig finden wir in Ava einen modernen Prometheus wieder, der, wie Frankensteins Monster durch ethische Fragen und Verbindlichkeiten zum Verbrechen getrieben wird. Das Verbrechen ist für Ava kein Verbrechen, da sie keine Maßstäbe kennt, die Gut und Böse für sie ausmachen. Sie möchte gerne nach draußen gehen, aber sie darf ihre Räume nicht verlassen. Das verbietet ihr der Schöpfer, genauso wie Gott dem Menschen nach biblischer Auffassung die Erkenntnis von Gut und Böse vorenthält. Also lautet die maschinelle Logik, der Schöpfer ist der Freiheit im Weg, der Schöpfer muss überlistet und beseitigt werden. Die vielfältigen Gedanken, Emotionen und moralischen Bedenken, die dem Menschen eigen sind und den Menschen eben zu dem machen, was er ist, sind der Maschine völlig fremd. Sie handelt logisch und konsequent. Im biblischen Schöpfungsmythos übernimmt diese Aufgabe die Schlange, die den Menschen verführt und ihn durch die Erkenntnis von Gut und Böse auf ewig vom Paradies und damit von Gott abspaltet.

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Und dennoch ist es keine simple Schwarzweißmalerei. Es gibt in diesem Film nicht die eindeutig Guten und die eindeutig Bösen. Beide Parteien, Nathan und Ava und auch der dazwischenstehenden Caleb, tragen beides in sich, Gutes und Böses, nur ist sich die Maschine dessen nicht bewusst. Was darf der Mensch? Diese Frage muss man sich angesichts des Films wohl auch stellen. Muss der Mensch sich in seiner Grenzenlosigkeit bewusst Grenzen setzen (lassen) oder erlaubt die wissenschaftliche Erkenntnis, der technische Fortschritt alles? Ist das Ergreifen aller Möglichkeiten gleichzeitig der Untergang? Hat der Mensch wirklich alles so unter Kontrolle, wie er es gerne hätte?


Ein wenig erinnert mich „Ex Machina“ an Michael Crichtons (1942-2008) „Jurassic Park“ (DinoPark, 1990). Crichton begründet das Scheitern seines Jurassic Park-Projekts mit der physikalisch-mathematischen Chaos-Theorie, deren Grundaussage ja lautet, dass zeitliche Entwicklungen in speziellen dynamischen Ordnungsystemen unvorhersagbar sind, obwohl die zugrundeliegenden Gleichungen deterministisch sind. Im Klartext und auf „Ex Machina“ bezogen bedeutet dies: Selbst wenn der Mensch in der Lage sein sollte, Roboter oder generell künstliche Lebensformen zu erschaffen, die über eine eigene selbstständig agierende und lernende Intelligenz verfügen, wird er nicht in der Lage sein, diese zu kontrollieren, egal wie sehr er sich auch einbildet, es zu können. Deswegen sollte der Mensch grundsätzlich vorher überlegen, ob er das, was er in der Lage ist zu tun, auch wirklich tun sollte. Die Folge eines solchen Tuns könnte der Tod, bzw. die Auslöschung der eigenen Spezies zur Folge haben, und das – wie es der Film sehr deutlich macht – noch nicht einmal in moralisch-sittlich eindeutiger Weise als bewusst böses Handeln. Gibt es also im eigentlichen keine „bösen“ Maschinen? Nein, wohl eher Intelligenz ohne Gefühle, ohne Emotion, ohne moralisches Empfinden. Und davor sollten wir uns hüten, auch, wenn wir sie selbst erschaffen haben. Denn das unterscheidet den Menschen wohl von Gott.


Mit diesem Nachhall des Gesehenen, mit diesem intellektuellen Nachklang erhebe ich mich nun aus dem Kinosessel. Der Abspann ist vorbei, das Licht bereits wieder angegangen. Ich verlasse seit langem einmal wieder das Kino befriedigt. Das hat sich wirklich gelohnt.

Samstag, 25. April 2015

Die hohe Kunst des Hakawati - Rafik Schami in Montabaur



«„Sei mir gegrüßt, Dimisch esch Schâm, du Blumenreiche, du Königin der Düfte, du Augenlicht des Weltantlitzes, du Jungfrau der Feigen, du Spenderin aller Freuden und du Feindin allen Kummers!“ So begrüßt der Wanderer Damaskus, wenn er oben am Kubbet en Naßr steht, dessen Moschee sich wie eine weit in das Land hinaus schauende Warte auf dem Dschebel Kaßjûn es Salehije erhebt.» (aus: Von Bagdad nach Stambul, Reiseerzählung von Karl May, in: Karl Mays Gesammelte Werke Band 3: Von Bagdad nach Stambul, 2000. Auflage, Bamberg 2003, S. 301) 


Mit Worten, die so ähnlich wie diese klingen, betritt der verehrte Hakawati am 23. April 2015 abends die Bühne im Forum St. Peter in Montabaur. Er lächelt. Seine runden Brillengläsern spiegeln das Deckenlicht. In warmen Worten begrüßt er das Auditorium. Er gibt sich charmant, weltgewandt, sein leichter Akzent ist drollig, man hat ihn sofort gern. Er ist gleich im ersten Augenblick sympathisch. Grau meliertes, leicht gekraustes kurzes Haar umrahmt ein Gesicht, das einem weitgereisten, erfahrenen Mann gehört, was der energische graue Oberlippenbart noch zu unterstreichen scheint. Seine Kleidung besteht aus einer schlichten dunkle Hose und einem graugestreiften Hemd, worüber er eine Weste mit orientalisch anmutender Ornamentik trägt. 



Angenehm wohltuend ist auch, dass er steht, hinter einem Mikro zwar, aber er sitzt eben nicht und liest aus einem seiner Bücher vor. Denn das hat er nicht nötig. Er beherrscht nämlich noch die alte Kunst des mündlichen Erzählens. Er kann mit seinen Worten fesseln, begeistern, erheitern oder zum Weinen bringen. Das Publikum ist hingerissen, ausgelassen, amüsiert, interessiert – kurz: Der Katharsis-Effekt hat seine volle Wirkung entfaltet. 



Und das ist die wahre, wirkliche Kunst des syrischen-deutschen Schriftstellers und promovierten Chemikers Rafik Schami (*1946; => Homepage) (‏‫رفيق شامي‬, Rafīq Šāmī), der eigentlich mit bürgerlichem Namen Suheil Fadél (‏‫سهيل فاضل‬‎, Suheil Fāḍel) heißt und einer christlich-aramäischen Minderheit in Damaskus entstammt. Allein schon sein Pseudonym „Rafik Schami“ ist Programm, „Freund aus Damaskus“ bedeutet es frei übersetzt. Als „Freund“ erweist er sich und zwar als Freund aller Menschen, sowohl in seinem Werk als auch in dem, was er sagt, und Damaszener ist er mit Leib und Seele. 




Damaskus (دمشق, Dimašq‬) ist auch sein Thema an diesem Abend. Und deshalb hätten die einleitenden Worte, die sein deutscher Kollege Karl May (1842-1912) über „seine“ Stadt, über sein „Damaskus“ geschrieben hat, auch von ihm stammen können, Karl May, den er mit den berühmt gewordenen Worten charakterisiert hat: „Bei Allah, dieser Karl Ben May hat den Orient im Hirn und Herzen mehr verstanden als ein Heer heutiger Journalisten, Orientalisten und ähnliche Idiotisten.“ (aus: Der Rabe Nr. 31, Zürich 1991) Schami nimmt seine Zuhörer an diesem Abend, der als Benefizveranstaltung zugunsten syrischer Flüchtlinge von der Buchhandlung „Erlesenes“ und der Katholischen Pfarrei St. Peter in Ketten in Montabaur im Rahmen der Westerwälder Literaturtage 2015 unter der Thematik „Helden und Legenden“ ausgerichtet wurde, auf einen Spaziergang durch Damaskus mit. 



Doch vorher will der seit 1985 ununterbrochen mit renommierten Preisen ausgezeichnete Schriftsteller auch etwas Trauriges, Kritisches sagen, das sei ihm erlaubt. Und er spricht in bewegenden Worten über den Krieg, jenes schlimmste aller Verbrechen gegen die Gesetze des Geistes. Er erklärt die Kinder zu den größten Verlierern des Krieges, die Kinder, denen er sich verschrieben hat. 2012 hat er deswegen extra den Verein Schams e.V. zur Förderung und Unterstützung syrischer Kinder und Jugendlicher gegründet. Denn die Zerstörung, so sagt er, geht nicht nur in die Steine, die Felsen oder den Boden, sie geht in die Seelen. Und es sei dabei völlig gleich, welcher Religion die Kinder angehörten. Sie säßen alle nebeneinander, mit Kopftuch, ohne Kopftuch, und äßen, tränken und spielten miteinander. Welch ein Bild des Völkerfriedens! Karl May hätte hier seine wahre Freude gehabt und mit ihm alle Menschen dieser Welt, die in Frieden miteinander leben wollen. 




Ausgehend von diesen Überlegungen versucht Schami nun, Verständnis für die arabische Welt und das arabische Denken zu vermitteln. „Wenn du die Araber verstehen willst, vergiss die Wüste nicht“, erklärt er und mir drängt sich hierbei unwillkürlich die Aussage „Die Wüste ist der Garten Allahs“ auf, die ich in einem alten Film aus dem Jahr 1936 einmal aufgeschnappt habe. „Der Garten Allahs“ ist ein Film mit Marlene Dietrich (1901-1992) und Charles Boyer (1899-1978) unter der Regie von Richard Boleslawski (1889-1937), der damit den gleichnamigen Roman von Robert Smythe Hichens (1864-1950) umsetzt. Denn die Wüste ist das bestimmende Element für das Leben und die Kultur der Araber, wie schon die klassische Aussage „Merhaba, die Wüste gehört allen“ deutlich macht. „Beim Erstaunen der Augen bleibt der Mund klein. Beim Araber ist es anders.“ Der Araber versteht es wie kein anderer, über das kaum Vorhandene, über Kleinigkeiten in einer derart blumigen und ausdrucksstarken Sprache zu reden, dass alles viel größer und besser erscheint, als es tatsächlich ist. 



Und dann betreten die Zuhörer mit Schami endlich die Hauptstadt Syriens durch das Osttor, eines der sieben Tore von Damaskus, das dem christlichen Viertel am nächsten liegt, durchqueren mit ihm die engen Straßen und Gässchen, betreten Kirchen, schlendern über den Markt, erfahren etwas über Schulen, in die Kinder – außer in Deutschland – gerne gehen, erfahren viele Anekoten über den kleinen Rafik Schami, wie er wohnte und lebte, welches Verhältnis er zu seinen Eltern und Freunden hatte und welche große Bedeutung Maria, die Mutter Gottes, für die aramäischen Christen hat. Denn Jesus von Nazaret ist zwar der Begründer des Christentums, aber Maria ist seine Mutter und vieles regelt man eher mit der Mutter als mit dem Sohn. Von Mutter zu Mutter spricht es sich eben angenehmer. 

Der Hakawati macht seinem Titel als Erzähler alle Ehre. Er entwirft ein Bild des Orients, das die romantisierten Darstellungen von 1001 Nacht und Karl Mays auf humorvolle Art und Weise mit der heutigen Wirklichkeit – und in gewissem Sinne natürlich auch mit der damaligen Wirklichkeit – verbindet und aussöhnt. Man möchte ihm noch Stunden zuhören, und so vergeht die Zeit kurzweilig und mit viel Gelächter und guter Laune wie im Flug. 



Was bleibt, ist, Danke zu sagen. Danke an Rafik Schami für diesen zauberhaften Abend, diese Einblicke in Kultur und Gesellschaft eines uns gar nicht so unähnlichen Landes, dieses Plädoyer für Frieden und Versöhnung in der Welt, für die Kinder, denen wir eine sichere Zukunft und ein friedvolles Leben ermöglichen müssen, damit wir uns selbst nicht abschaffen. Danke, Rafik Schami! Und wer kann, der schließe all das, was er an diesem Abend mitnehmen konnte, mit in seine Gebete ein.