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Dienstag, 24. März 2015

Eastwoods American Sniper: Indoktrination des Hassens und Konditionierung durch Patriotismus

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„Sometime they'll give a war and nobody will come“ – An diesen Vers aus dem Gedicht „The People, Yes“ von Carl Sandberg (1878-1967), dem US-amerikanischen Autor, Journalist, Historiker und Pulitzer-Preisträger, muss ich permanent denken, seit ich das Kino verlassen habe. Während des Films American Sniper des US-amerikanischen Filmschauspielers, Regisseurs, Produzenten, Komponisten und Politikers Clint Eastwood (*1930) habe ich noch gedacht, dass ich darüber wahrscheinlich nicht schreiben werde, weil ich dazu eigentlich nichts zu sagen habe. Eigentlich. Dann jedoch bin ich mit meinem Freund und Kollegen Paul (Anm.: Der Name wurde von mir geändert), dem zuliebe ich mir den Film angeschaut habe, auf dem Rückweg zu unseren Fahrzeugen in eine Diskussion über die alte Frage geraten, ob Soldaten Mörder sind. Und die unterschiedlichen Standpunkte zwingen mich jetzt geradezu zu diesem Text.

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Paul, Jahrgang 1974, ist Hauptfeldwebel a. D. und war von 1996 bis 2006 in verschiedenen Auslandseinsätzen. 2006 war er in Afghanistan. Also zirka drei Jahre nach der Zeit, in der die Einsätze im Film liegen. Er unterrichtet, genauso wie ich auch, u. a. das Fach Katholische Religionslehre. Paul, der mir schon vor längerem von den Folgen seiner Einsätze sehr eindringlich erzählt hat – unter anderen meldete sich nach seiner Rückkehr ständig sein Unterbewusstsein, wenn er zum Beispiel eine Wiese betrat: „Vorsicht! Mine!“ – blieb nach dem Abspann betroffen in seinem Kinosessel sitzen. Das dargestellte hatte ihn sichtlich mitgenommen.

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Für alle, die den Film nicht gesehen haben, hier kurz der Inhalt: Chris Kyle (Bradley Cooper) wächst bei einem sehr strengen Vater in Texas auf, dessen Maxime die Erziehung hin zum Beschützen durch Gewaltanwendung ist. Bereits in jungen Jahren geht er mit dem Vater jagen, der seinen präzisen Schuss, mit dem er einen Hirsch tötet, als „besondere Gabe“ darstellt. Hier zeigt sich schon eine frühe Konditionierung hin zur Gewaltanwendung.
Später verdingt er sich als Rodeo-Cowboy bis er seine Berufung in der Army bei den United States Navy SEALs findet, wo er zum Scharfschützen (engl. sniper) ausgebildet wird, dessen Aufgabe es im Krieg ist, von einer höher gelegenen Stellung aus relativer Sicherheit – dank der Lufthoheit der Amerikaner – heraus die Bodentruppen zu sichern und etwaige Angreifer auszuschalten. Während der harten Ausbildung zeigt sich erneut seine „besondere Gabe“.
In vier Einsätzen im Irakkrieg 2003 muss er diese Fähigkeiten nun unter Beweis stellen. Mit seinem ersten Abschuss tötet er ein irakisches Kind, dass von seiner Mutter eine Granate bekommen hat, die es auf die amerikanischen Soldaten werfen will. Die Mutter hebt die Granate bei ihrem toten Jungen auf und will sie ebenfalls werfen, wird aber ebenso von Kyle erschossen. Dies ist eine der eindrücklichsten Szenen des Films.
Das Töten eines Kindes steckt Kyle scheinbar weg, als wenn es nichts wäre. Er tötet seine aufkommenden Zweifel mit einem glühenden Patriotismus für sein Land ab, das er für das beste der Welt hält. Kyle avanciert schnell zur Legende, zum tödlichsten Scharfschützen der US-Army, dem etwas über 160 Abschüsse angerechnet werden. Von Kollegen und Vorgesetzen wird er gleichermaßen geachtet wie verehrt.
Noch vor seinem ersten Einsatz hat er seine Frau Taya Renae (Sienna Miller) in einer Kneipe kennen und lieben gelernt. Er heiratet sie und zieht nach drei Tagen Flitterwochen in seinen ersten Einsatz. Doch der Krieg verändert ihn. Nach und nach entfremdet er sich seiner Frau und seinen beiden Kindern, die sie ihm geboren hat. Es sind nach seinen eigenen Angaben nicht die Tötungen, sondern die Tatsache, dass er so viele seiner Kameraden durch seine Schüsse nicht hat retten können, denn er ist durch und durch ein Patriot.
Nach dem vierten Einsatz kommt er als Veteran zurück, begibt sich in Behandlung und schafft es tatsächlich, wieder ein einigermaßen normales Leben zu führen und ein harmonisches Familienleben aufzubauen. Er beginnt, sich um Veteranen zu kümmern und mit ihnen therapeutisch zu arbeiten. Von einem dieser Veteranen wird er schließlich erschossen. Seine Beerdigung mutiert zu einem Fanal frenetischer Heldenverehrung und exorbitantem Patriotismus.

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Paul will reden. Er muss den Film irgendwie aufarbeiten, das heißt, eigentlich will er nur die zurückkehrende Erinnerung an seine eigene Zeit im Einsatz verarbeiten und seine eigene Bereitschaft, als Soldat im Einsatz zu töten, irgendwie rechtfertigen, was er – zumindest vor mir – nicht muss oder nötig hat. Der Film ist die Umsetzung der Autobiographie von Chris Kyle (1974-2013). Ein Werk das nicht unumstritten ist, vor allem wegen seiner vielen sachlich falschen Aussagen.

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Wir sprechen noch lange vor dem Kino miteinander. Ich selbst kann mit dem typisch amerikanischen Patriotismus nichts anfangen. Ich hatte ihn zum ersten Mal am eigenen Leib 2012 erfahren, als ich im Rahmen meiner Nordamerikareise die National Ceremony am Mount Rushmore mitmachte. Ein Auszug aus meinem damaligen Bericht, soll hier meine Einstellung dazu noch einmal verdeutlichen, frei nach dem Motto, was ich schon einmal gesagt habe, kann ich getrost gerne immer wieder wiederholen:

„Den Abschluss des Tages bildete noch einmal die gewaltige Kulisse des Mount Rushmore. Dort erlebten wir eine sogenannte „Ceremony“, also eine feierliche Zeremonie, die etwa eine halbe Stunde dauerte und sich auf der Bühne des Amphitheaters zu Füßen des Mount Rushmore abspielte. Es war bereits dunkel, das rappelvolle Amphitheater in orangefarbenes Licht getaucht. Eine Frau im Dress der Mountain-Rangers führte kurz in das Programm des Abends ein, der Fahneneid wurde von allen Anwesenden gesprochen und ein Lied über die Freiheit des amerikanischen Volkes gesungen. Dann wurde ein Film über die Entstehung und den Hintergrund des Mount Rushmore gezeigt. Gegen Ende des Films wurden die Köpfe des Mount Rushmore in schwindelnder Höhe darüber illuminiert. Im Anschluss wurden Kriegsveteranen und Mitglieder des Militärs aus allen Sparten unter diesen beleuchtenden Köpfen auf die Bühne geholt, die amerikanische Flagge wurde eingeholt und auf die charakteristische Art und Weise in Dreieckform zusammengelegt, wie man es aus Filmen kennt, in denen militärische Feierlichkeiten gezeigt werden. Abschließend konnten dann die Veteranen vortreten und – natürlich freiwillig – mit auf die Flagge gelegter Hand ihren Namen, ihren militärischen Rang, ihre Einheit und ihr Haupteinsatzgebiet nennen. Dies geschah in einer für einen Europäer sehr schwülstig und tränenrührig anmutenden Weise, doch das gesamte Publikum applaudierte stehend ihren Kriegshelden. Ich möchte dazu nur noch anmerken, dass ich eine derartige Demonstration amerikanischen Nationalismus mit sehr gemischten Gefühlen sehe. (…) dieser Nationalstolz ist etwas, was ich persönlich nie wirklich nachvollziehen können werde. Ich brauche nur an das Schicksal der Indianer zu erinnern, der hier „Natives“ genannten Menschen. Ich erinnere an Vietnam und an viele andere geschichtliche Ereignisse, auf die die Amerikaner ebenso wenig stolz sein können, wie die Deutschen auf die Gräueltaten des Nazi-Regimes, die Franzosen auf die napoleonischen Kriege oder die Russen auf die „Säuberungen“ unter Stalin. Wer aber wirft diesen genannten Nationen ihre Fehler in derselben Art und Weise vor, wie man uns Deutschen Hitler und die Zeit des Nationalsozialismus vorwirft? – Ich hake es für mich als interessante Erfahrung ab, die mich so schnell nicht loslassen wird, sowohl auf die eine als auch auf die andere Art und Weise.“ (vgl. Quelle)
Was den Irakkrieg betrifft, der die Grundlage der im Film gezeichneten Geschehnisse bildet, so muss eindeutig auch hier festgestellt werden, dass das Eingreifen der Amerikaner und des Vereinigten Königreichs eine völkerrechtswidrige Invasion im Irak war. Infolgedessen sind also alle militärischen Handlungen unter einem anderen Licht zu sehen und zu bewerten. Auch die Abschüsse durch die Sniper, die man vor diesem Hintergrund als Mord deklarieren muss. Doch wann ist es Mord, wann ist es eine geplante Tötung?

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Der Irakkrieg und die Besetzung des Iraks (2003-2011) hat diese Region nachhaltig destabilisiert. Paul kann mir auch hierin nicht völlig folgen. Er hat Verständnis für den amerikanischen Patriotismus. Ich nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, was an einer solchen Einstellung richtig sein soll. Kurz vor Ende des Films geht Kyle mit seinem Sohn auf die Jagd. Ebenso hat es zu Beginn des Films ja sein Vater mit ihm gemacht. Dabei sagt er lächelnd zu seinem Sohn, das Gewehr lässig über die Schulter gelegt: „Ein Herz zum Stehen zu bringen, ist etwas ganz Besonderes. Deshalb machen wir es bei deinem ersten Mal auch gemeinsam.“ Eine tolle Botschaft an ein Kind, nicht wahr?

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Und so stehen Paul und ich auf dem Parkplatz vor dem Kino und führen diese theologisch-philosophische Diskussion über das Töten im Krieg und ob es sich vom Töten in Friedenszeiten unterscheidet. Paul ist ganz klar der Meinung, dass es sich unterscheidet. Ein Sniper, ein Heckenschütze, tötet ja mit dem Vorsatz, seine eigenen Leute zu schützen und abzusichern. Dennoch ist es in meinen Augen Mord. Paul sagt, es ist eine gezielte Tötung. Wir reden uns heiß. Vielleicht liegt die Wahrheit, wie so oft, irgendwo in der Mitte. Einig sind wir uns darin, dass eigentlich kein Mensch das Recht hat, das Leben eines anderen Menschen auszulöschen. Wenn er in Notwehr handelt, dann bleibt eine solche Tat nach unseren Gesetzen straffrei. Aber was ist mit den Spätfolgen? Wie gehen Soldaten nach dem Krieg damit um? Mit dem Wissen, Menschen getötet zu haben? Wie verarbeiten sie das? Kommen Sie damit klar? Hilft Ihnen die Indoktrination des Hassens, der sie sich während der Ausbildung unterzogen haben, oder die Konditionierung durch den Patriotismus dabei, besser damit klarzukommen?


Wenn man sich die vielen Anti-Kriegsfilme, Kriegsfilme und Filme, in denen unsagbare Grausamkeiten verarbeitet werden sollen, ansieht, so bleibt eine Quintessenz übrig, die wie bitterer Essig schmeckt und immer wieder sauer aufstößt: Das Töten eines Menschen ist eines der schlimmsten Vergehen gegen die Gesetze des Geistes und es fordert seinen Tribut. Diesen Tribut zahlen die, die töten oder getötet haben, noch in diesem Leben. Sie zahlen ihn auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Die psychologischen Institute, die sich mit der Verarbeitung und Aufarbeitung von Kriegstraumata befassen, sind zahlreich. Die Ausgaben des Staates für traumatisierte Soldaten sind immens.


Paul atmet schlussendlich erleichtert auf, weil er, so sagt er selbst, während seiner Einsätze niemanden hat töten müssen. Und trotzdem glorifizieren wir immer wieder in Film und Büchern den Krieg, das Töten, den Tod und das Sterben für eine scheinbar gute Sache. „American Sniper“ wurde beim Oscar 2015 in insgesamt sechs Kategorien nominiert und gewann den Oscar in der Kategorie „Bester Tonschnitt“ für Alan Robert Murray und Bub Asman. Bei den Critics’ Choice Movie Awards 2015 erhielt Bradley Cooper eine Auszeichnung als „Bester Schauspieler in einem Actionfilm“. Letzteres kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Sicher hat Cooper eine ordentliche darstellerische Leistung abgeliefert. Besonders glaubwürdig war das gedanklich ständig im Einsatz sein. Seine Frau bittet ihn mehrfach eindringlich während seiner Heimaturlaube, er möge ganz zu ihnen zurückkommen, da er selbst bei körperlicher Anwesenheit nicht da sei. Aber darüber hinaus sehe ich an der soliden schauspielerischen Leistung nichts Außergewöhnliches, was eine Auszeichnung rechtfertigen würde.


Wie dem auch sei. Der Film der auch nur vordergründig ein Actionfilm ist, lässt einen eine ganze Zeit nicht los. Man beschäftigt sich lange damit. Und genau das sollte ein guter Film auch leisten. Er sollte, genauso wie ein gutes Buch, seinen Rezipienten zum Nachdenken anregen, zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen. Und das leistet er voll und ganz.

Dienstag, 17. März 2015

Kingsman: The Secret Service – Die Mär von den neoklassizistischen Rittern der Neuzeit

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König Artus (Pendragon), Sir Lancelot vom See, Sir Galahad – der Klang dieser Namen hat auch heute noch – wenn auch nur bei denjenigen, die sie noch kennen – eine ganz bestimmte Wirkung. Vor dem geistigen Auge tummeln sich edle Ritter in strahlender Rüstung und von dunklen Finsterlingen bedrohte jungfräuliche Burgfräuleins ganz in der Art, wie Richard Thorpe (1896-1991) uns das in den 1950er Jahren bereits gezeigt hat. Mit Filmen wie Ivanhoe – Der schwarze Ritter (Ivanhoe, 1952) und Die Ritter der Tafelrunde (Knights Of The Round Table, 1953) hat er unser Bild vom mittelalterlichen Rittertum und dem Minnesang verklärt. Die wahren Rittertugenden (staete, minne, hoher muet, mâze, triuwe) und das Tjostieren sind Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit, die man, will man sie vermitteln, auf eine kurze knackige Formel bringen muss, die jeder versteht: „Manieren machen uns zu Menschen!“


Matthew Vaughns (*1971) neuer Film Kingsman: The Secret Service nach dem Comic The Secret Service“ von Mark Millar und Dave Gibbons wagt sich nun an eine Modernisierung der Artusepik von ganz besonderer Art. Nach wie vor steht die Tafelrunde in England. Sie ist nur nicht mehr ganz so rund, sondern eher oval zu nennen. Dennoch wirkt der Tisch antiquiert. Er ist aus Holz, wie das gesamte Ambiente des Raumes, in dem er steht. Hat sich der runde Tisch also doch selbst überlebt? Ein Relikt einer längst vergangenen und wohl auch vergessenen Zeit? Ein Liebhaberstück alter Männer und ein Prestigeobjekt für exzentrische Sammler? 


Darum herum gruppiert Arthur (Michael Caine), ein typisch englischer Aristokrat wie er im Buche steht und treuhänderischer Verwalter eines unter dubiosen Umständen entstandenen Vermögens das keiner vermisst, eine Gruppe von Eliteagenten (Kingsmen  des Königs Männer?) eines weltweit operierenden regierungsunabhängigen Geheimdienstes, der schlicht und ergreifend „The Secret Service“ heißt und immer dann in Erscheinung tritt, wenn es irgendwo auf der Welt richtig kracht. Die Kingsmen tragen alle Decknamen der Ritter der Tafelrunde. Sie sind echte, weltgewandte Gentleman von typisch englischer Manier. Der englische Gentleman wird somit zur modernen Erscheinungsform des klassisch mittelalterlichen Ritters und Minnesängers. Aber auch Arthur, soviel kann hier schon verraten werden, ist korrumpierbar. Leider. Aber auch der Artus der Sage war kein Mann, der über den weltlichen Dingen stand und frei von seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Sehnsüchten war.


Harry Hart (Colin Firth) alias Galahad verliert bei einem dieser Einsätze im Nahen Osten durch einen Fehler, den er sich nicht verzeihen kann, seinen Kollegen Lancelot, der ihm durch seinen Opfertod das Leben rettet. Um seine Schuld wieder gutzumachen, begleitet er fortan den Lebensweg von dessen Frau und Sohn über die nächsten zirka zwanzig Jahre, nur um den Sohn mit Namen Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) für die Kingsmen zu rekrutieren. Er soll die Stelle seines Vaters annehmen. Galahad sucht also, wie in der Sage, nach dem Heiligen Gral. Doch Eggsy, seine Mutter und seine kleine Schwester leben in Armut und in Abhängigkeit von einem Gangsterboss, von dem sie sich aus eigener Kraft scheinbar nicht lösen können. Ein sehr ernster Beginn und ein problemorientierter Hintergrund. Vielversprechend.


Eggsy wird auch erfolgreich rekrutiert und muss „das gefährlichste Bewerbungsverfahren der Welt“ durchlaufen. Alle Teilnehmer sind auf persönliche Empfehlung eines Secret-Service-Agenten dazu eingeladen worden. Kein geringerer als Merlin (Mark Strong), dem Sagenkenner ebenfalls bestens bekannt als der heidnische Zauberer und Berater Artus', schränkt mit Prüfungen, in denen scheinbar auch das Leben von Teilnehmern und Hunden nicht geschont wird, den Kreis der Auserwählten immer mehr ein. Merlin ist auch hier ein Tausendsassa, jemand der scheinbar alle technischen Finessen beherrscht, mit allen Arten von Waffen umgehen und sogar ein Flugzeug fliegen kann.


Während dieser harten Zeit der nicht enden wollenden Tests bleibt aber die Welt wieder einmal nicht verschont von den größenwahnsinnigen Ideen des Milliardärs Valentine (herrlich spleenig und mit Sprachfehler dargestellt von Samuel L. Jackson, dem diese Rolle sichtlich Spaß bereitet), der die aberwitzige Idee verfolgt, den Planeten Erde von der Krankheit Mensch – eine Behauptung, die wir schon von Agent Smith in Matrix zu hören bekommen haben, und die wir sogar schon bei Herder und Goethe finden (ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft) – zu heilen, indem er in einem globalen Komplott das dem Menschen innewohnende Aggressionspotential exponentiell steigert, so dass die Menschen sich unkontrolliert gegenseitig auslöschen. Unterstützt wird er darin von seiner Assistentin Gazelle (Sofia Boutella), einer exotischen und kampferprobten Amazone, die statt Füßen biegsame Metallprothesen trägt, die sie auch als messerscharfe, tödliche Klingen einsetzt. Eine ganz klare Anspielung auf eine Cyborg, allerdings bleibt der Film die Erklärung für diese merkwürdige und nicht klar nachvollziehbare Figur schuldig.


Und hier beginnt der Film zu kippen. Begann er ernsthaft, fast schon ein wenig düster, entwickelt er sich nun zu einer aberwitzigen, spritzigen und sehr kurzweiligen Agentenfilmpersiflage à la James Bond und Co., einer Komödie, die vom alten Schlag und doch modern sein will, die genau dieses Genre und damit sich selbst permanent auf die Schippe nimmt und geradezu wahnwitzig überlädt und überhöht. Immer wieder gibt es in den Dialogen Verweise, Reminiszenzen und Anspielungen auf das Genre die sich bis zu einer fast schon orgiastisch anmutenden Sequenz steigert, in der allen möglichen Leuten die Köpfe platzen und zwar in Form von kleinen Feuerwerken … – und wir sitzen im Kino und lachen uns tot über eine Massenvernichtung!


Ja, ab hier wird es nicht nur makaber, es wird rabenschwarz. Typisch englisch eben! Die Menschen werden nämlich durch einen Chip getötet, der in ihren Nacken implantiert wurde und der die Gehirnfunktionen überlastet. Außerdem löst Valentine die weltweite Selbstvernichtung durch Sim-Karten aus, die er vorher unter den Versprechungen „freies Telefonieren für alle“ und „freies Internet für alle“ kostenlos verteilt hat. Er tut dies auf einer Veranstaltung, die verdächtig an die Keynotes und Special Events von Apple, Samsung und Co. erinnert.

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Es wird jedes Klischee bedient, was bedient werden kann. Der Mentor Hart wird von Valentine, der kein Blut sehen kann, erschossen, sein Protegé Eggsy fällt in der letzten Prüfung, in der er nur noch mit seiner Mitstreiterin Roxy (Sophie Cookson) übrig geblieben ist, durch, kehrt aber nach seines Mentors Tod geläutert wieder zurück, der Bösewicht wird in letzter Minute gestellt und getötet und die Welt wird vor dem drohenden Untergang durch ihre eigenen Bewohner gerettet. Ende gut, alles gut?

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Keine Frage, der Film ist extrem kurzweilig und unterhaltsam. Ich habe lange nicht mehr so gelacht und einen Film so gerne geschaut, wie diesen. Aber dennoch, ein doppelter Boden bleibt, ein fader Beigeschmack, denn irgendwie hat man danach das Gefühl, etwas Wesentliches übersehen zu haben. Etwas, was im Subtext dieses Films verborgen ist, etwas, was – offen ausgesprochen – absolut nichts Gutes oder Erstrebenswertes beschreibt. 


Der Film versucht, das alte klassische Genre des Agententhrillers wieder mit neuem Schwung zu beleben. Er ist also neoklassizistisch. Dazu soll ein Crossover mit der Artusepik, dem Rittertum und dem Steampunk verhelfen. Ob das gelungen ist, kann und will ich hier nicht entscheiden müssen. Doch bleibt am Schluss des Films, nachdem Eggsy den Platz seines Mentors eingenommen hat, nur die eingangs erwähnte moralinsaure Erkenntnis hängen: „Manieren machen uns zu Menschen!“ und Manieren haben nunmal nur echte Gentleman, echte Ritter der Neuzeit. Oder? –


Ach, eine unbedeutende und doch so wunderbare Kleinigkeit muss ich einfach noch erwähnen: Am Anfang taucht ein herrlich fahriger und zerstreuter Professor namens James Arnold auf, der den Film auch nicht überlebt. Dargestellt wird er von Mark Hamill! Nein, wie habe ich mich gefreut, den Helden meiner Jugend wiederzusehen! In einer modernen Version der Ritter der Tafelrunde spiel ein Jedi-Ritter mit! Luke Skywalker ist zurück auf dem Big Screen! Das war mein erster Gedanke und es war eine Freude, ihn in dieser Rolle wieder einmal spielen zu sehen. Große Ereignisse werfen also ihre Schatten voraus: Long ago in a galaxy, far, far away ... oder um es für die Kingsmen zu sagen: Es war ein mal vor langer Zeit in England, an König Artus' Hof, eine Gruppe edler Jedi – ähm, nein, edler Ritter ...


Montag, 9. März 2015

Seventh Son - oder: Wie man einen Kinofilm mobbt


„Sagen Sie, können Sie mir sagen, warum der Film so boykottiert wird? Sie sind das einzige Kino hier in der Gegend, der ihn bringt, und er läuft schon seit Donnerstag! (Anmerkung: Heute ist Sonntag!)“, frage ich den Mann an der Kinokasse im Odeon-Apollo-Kinocenter in Koblenz. Dieser nickt achselzuckend und antwortet: „Der ist in Amerika schon sehr schlecht gelaufen und dann geht man davon aus, dass der auch hier schlecht läuft.“ Ich traue meinen Ohren kaum. Ich hör' wohl nicht richtig. „Was ist das denn für eine merkwürdige Schlussfolgerung?“, entgegne ich leicht verstimmt, „Es hat eine Menge Filme gegeben, die in Europa besser und erfolgreicher gelaufen sind als in Amerika.“ Wiederum nickt der Kassierer und wirft mir mit gequälter Mimik lapidar die Feststellung „Er läuft auch sehr schlecht.“ vor die Füße. 


Ich nicke nun ebenfalls, aber nicht, weil ich ihm zustimme, sondern weil ich merke, dass im Gespräch mit diesem Menschen kein Krieg zu gewinnen ist. Das ist schon kein Boykott mehr, das ist pures Mobbing, nur dass in diesem Fall ein Film gemobbt wird und kein Mensch. Diejenigen, die mobben, sind in diesem Fall die Verleiher, denn sie diktieren den Kinobetreibern, wann welcher Film wie oft und wie lange vorgeführt werden muss. Dass dann die Ressourcen für andere Filme oftmals wegfallen, ist an und für sich ja ganz logisch, nachvollziehbar ist es aber weder seitens der Zuschauer noch der Verleiher. 


Der Film, um den es geht, ist die langerwartete Verfilmung des ersten Romans „Spook. Der Schüler des Geisterjägers“ aus der Spook-Reihe (2004/2006-2013) von Joseph Delaney (*1945) unter dem Titel Seventh Son. Ich hatte die in Deutschland erschienenen Spook-Bände alle verschlungen, mir gefiel die Story, der Stil des Autors, sofern man den in einer Übersetzung überhaupt finden kann, also sollte ich besser sagen: der Stil des Übersetzers, und ich freute mich auf den Kinostart, der oft verschoben worden war.


Der offizielle Starttermin war dann der fünfte März 2015, aber ich fand den Film in keinem Kino-Programm. Diese wurden dominiert von „Shades Of Grey“ und anderen Blockbustern, über die ich mich an dieser Stelle nicht weiter auslassen will. Allein eine Bemerkung möchte ich mir gestatten, mit der ich, so glaube ich, alles dazu sagen kann, was dazu zu sagen ist: Wenn sterile Möchtegern-Fetisch-Softcore-Hochglanzpornos gut gemachte Fantasy verdrängen, dann ist es weit mit uns gekommen.


Doch zurück zum eigentlichen Film. Ich stieg also ins Obergeschoss des Odeon und betrat ein Kino, dass mich allein vom Interieur schon in eine Zeit versetzte, die schon lange vergangen ist. Wie war das doch gleich noch? Es war einmal in einer weit, weit entfernten Galaxis … Die Sitze waren unbequem und so ungeschickt angebracht, dass man, egal, wo man saß, immer irgendetwas vor sich hatte, was störend im Bild herumlungerte und den Filmgenuss unmöglich machte: Köpfe von Zuschauern und dergleichen. Auch die Kinoleinwand war viel zu klein und wenn man ansonsten moderne Kinotechnik gewohnt ist, war das hier eine ziemlich Zumutung. Natürlich gab es den Film auch nicht in 3D. Gut, hier kann man geteilter Meinung sein, auch in 2D ist dieser Film ein tolles Erlebnis, allerdings hat das Odeon-Apollo-Kinocenter hier noch eine Menge nachzubessern, denn wenn ich für einen Film in 2D unter diesen Voraussetzungen 8,50 EUR zahlen muss, dann erwarte ich einen gewissen Komfort, den ich nicht erhalten habe. Doch genug der äußeren Umstände.


Wer die Vorlage von Delaney kennt, wird sich sicher denken können, dass der Film zwar Motive aus dem ersten Roman verwendet, aber viel mehr auch nicht mit dem Buch zu tun hat. Darin teilt er das Schicksal der Karl-May-Erzählungen und gleicht ein wenig den Karl-May-Filmen der 1960er Jahre. Also versuche ich erst gar nicht, Film und Buch miteinander zu vergleichen und betrachte den Film als eigenständiges Kunstwerk und als solches ist es absolut gelungen. Es stimmt alles. Die Musik ist stimmig, die Rollen sind teilweise hochkarätig besetzt (Jeff Bridges (*1949) als Spook-Meister John Gregory und Julianne Moore (*1960) als Oberbösewicht Mutter Malkin) und eine junge Schauspielriege (u. a. Ben Barnes (*1981) als Tom Ward und Alicia Vikander (*1988) als Alice Deane) bekommt eine tolle Chance, sich an der Seite solch erfahrener Schauspielgrößen einen Namen zu machen, was diese auch ausgiebig zu nutzen weiß. Die CGI-Effekte sind so gelungen, dass man wirklich das Gefühl von Realität bekommt, nichts wirkt künstlich oder steril, alles ist erdig, warm und mit viel Liebe zum Detail gemacht. Kurz: Ich habe mich köstlich unterhalten gefühlt - trotz den Nachteilen dieses Kinos.

Einziger Wermutstropfen: Die Geschwindigkeit, mit der erzählt wird. Der Film bietet kaum Ruhepunkte. Er brennt ein Feuerwerk der Fantasy-Effekte ab und ermöglicht es den Schauspielern kaum in wirklich ausreichendem Maße die wunderbaren Figuren Delaneys mit echtem charaktervollem Leben zu füllen. Ein wenig bleibt, wie so oft, die Story, die sich ja bekanntlich aus den Figuren entwickelt, auf der Strecke. Aber, man bedenke, das Buch ist ein Jugendbuch und der Film soll gerade junge Leute begeistern, deswegen ist die hohe Geschwindigkeit auch akzeptabel. Außerdem, und das muss man eindeutig feststellen, ist das ein Problem vieler moderner Filmproduktionen, also hier kein Einzelfall.


Delaneys Vorlage hat episches Format, man könnte viel mehr noch herausholen. Aber dazu sollte man sich mehr an die Originaldialoge halten, denn die Filmdialoge kommen über infantile Fragestellungen („Ich frage mich, wovon Monster Alpträume haben? - Wahrscheinlich von Menschen.“) und Versuche, angestrengt witzig zu sein („Das bist du also: der Sohn einer Hexe, der bei einem Hexenjäger in die Lehre geht.“) nicht hinaus. Allerdings gibt es auch wirklich Botschaften mit philosophischem Ansatz („Die Lehren, die ich dir beigebracht habe, vergiss sie. Binde dich nicht an sie. Nutze sie auf deine eigene Weise. Leb dein eigenes Leben, dein eigenes Schicksal.“), deren man sich mehr wünschen würde.


Fazit: Wer das Genre Fantasy liebt, bekommt hier in herrlicher und liebevoller Weise alles geboten, was das Herz begehrt: Hexen, Hexenjäger, Kobolde, Monster, Fabelwesen, Drachen, Ungeheuer, starke junge Helden, männliche wie weibliche, die den verbohrten Hass der Alten nicht mitmachen und sich dagegen auflehnen, um ihren eigenen Weg zu finden, verstrickt in den ewig gleichen und nie endenden Kampf der Dunkelheit gegen das Licht, des Bösen gegen das Gute und am Ende steht die Erkenntnis, das nichts absolut ist, das Böse nicht absolut böse und das Gute nicht absolut gut. Der Boykott und das Filmmobbing, was hier seitens der Verleiher betrieben wird, ist absolut – um das Wort ein letztes Mal zu verwenden – nicht nachvollziehbar und ich persönlich würde mich freuen, wenn es eine weitere Umsetzung eines Spook-Romans geben würde. Doch das wird – nach den bisherigen Einspielergebnissen – nur ein frommer Wunschtraum bleiben.