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Sonntag, 20. Dezember 2015

Reminiszenz mit einem echten Katharsis-Effekt – STAR WARS Episode VII – Das Erwachen der Macht

VORSICHT! SPOILERWARNUNG! Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte diesen Artikel nicht lesen!


Die Lichtschwert-Attrappe glühte hell in der Dunkelheit. Einige wenige waren in den Kutten der Jedi erschienen, weit weniger, als ich erwartet hatte. Das Event war restlos ausverkauft, der Kinosaal bis auf den letzten Platz gefüllt, als der Film dann endlich, nach vierzig Minuten Werbung, begann: Erst das animierte Lucas-Film-Ltd-Logo, dann der wohlbekannte Satz »Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis ...«. Ganz klassisch also, nichts Neues. Gott sei Dank! »STAR WARS – EPISODE VII – Luke Skywalker ist verschwunden ...« Verschwunden? Luke verschwunden? Wohin? Was ist geschehen? 

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Fast zwei Monate waren vergangen, seit ich die Karte für dieses langersehnte Event des Jahres gekauft hatte. Am ersten Vorverkaufstag morgens um neun hatte ich die heißbegehrte Karte übers Internet gekauft. Seit über einem Jahr war ich begierig der Berichterstattung gefolgt, hatte die einzelnen Trailer mit Spannung erwartet und alles gelesen, was es zum Thema zu lesen gab. Denn STAR WARS ist mehr für mich, als irgendeine Space Opera, STAR WARS ist meine Jugend! Mit fünf Jahren war »EPISODE IV – Eine neue Hoffnung« (1977) meine erste Kinoerfahrung gewesen, die ich gemeinsam mit meinem Vater in einem kleinen Kino im Nachbarort gemacht hatte. Wie hatten mich diese Bilder so tief beeindruckt! Das kolossale Raumschiff zu Beginn, die Erscheinung von Darth Vader, die Laserschüsse, die Laserschwerter, die skurrilen Außerirdischen … Ab da hatte ich die kleinen beweglichen Figuren und die Raumschiffe gesammelt. Der Eintritt hatte damals 5 DM gekostet, die Figuren gab es für 6,95 DM. Über sechzig dieser kleinen Figuren besaß ich und besitze ich noch immer, sie ruhen in einer Kiste wohlbehütet auf dem Speicher meines Elternhauses. Ob ich sie wohl noch einmal alle hervorholen und auf den beiden Holzplatten, die ich mir extra dafür besorgt hatte, aufbauen sollte, so, wie ich es als Kind getan habe?


Unter all den Figuren und Charakteren, die das STAR WARS Universum bevölkerten und bevölkern, war es vor allem Han Solo, der corellianische Schmuggler, der es mir besonders angetan hatte. Warum kann ich heute bei besten Willen nicht mehr sagen. Diese Figur, und damit auch der Schauspieler Harrison Ford (*1942), wurde mit seiner unvergleichlichen rauh zupackenden Art, seinem schroffen Temperament und seiner Großmäuligkeit zu einer Identifikationsfigur, zu etwas ganz Besonderem. Luke Skywalker mochte ich zwar auch, aber er war unnahbarer, naiver, problembelasteter. Luke war eben der Jedi, der mit den übermenschlichen Fähigkeiten, die ihm diese rätselhafte MACHT verlieh, der mit dem unglücklichen von der dunklen Seite verführten Vater, in dem, so der feste Glaube über drei Filme hinweg, noch Gutes ist.


Trotz des vertrauten Anfangs spürte man direkt in den ersten Szenen des Films, dass sich etwas verändert hatte. Ein Sturmtruppler mit der Bezeichnung FN-2187 (John Boyega, *1992) bekommt bei der Tötung Unschuldiger Gewissensbisse. Dieser Sturmtruppler ist aber doch eigentlich ein Klon, dem solche Gefühle und Anwandlungen völlig fremd sein sollten. Doch spätestens, als dieser Sturmtruppler desertiert und den Helm abnimmt – niemals zuvor hatte ein Sturmtruppler den Helm abgenommen, denn für diese Soldaten des Imperiums hatte sich nie jemand wirklich interessiert – wird klar, dass es kein Klonkrieger sein kann. Er steht auch nicht im Dienst des Imperiums, sondern einer neuen Machtkonstellation, die sich die ERSTE ORDNUNG nennt und von einem rätselhaften Wesen namens Snoke (Andy Serkis, *1964) angeführt wird. Dieser Snoke ist scheinbar an die Stelle des Imperators Palpatine (Ian McDiarmid, *1944) getreten und gebärdet sich in ähnlicher Weise wie ein Sith-Lord. Ich erinnere mich an die Worte Yodas: »Immer zu zweit sie sind, ein Schüler und ein Meister.« Snoke hat einen Schüler namens Kylo Ren (Adam Driver, 1983), der nach eigener Aussage das vollenden will, was sein Großvater Darth Vader (David Prowse, *1935) begonnen hat – ergo kann er nur ein Sohn von Luke oder Leia (Carrie Fisher, *1956) sein.


Der Anfang des Film spielt größtenteils auf dem Planeten Jakku, wo die rätselhafte Rey (Daisy Ridley, *1992) lebt, eine junge Frau, die sich mehr schlecht als recht als Schrottsammlerin durchschlagen muss, seit sie dort von ihren Eltern abgesetzt und mit dem Versprechen, zurückzukehren, alleingelassen wurde. Jakku ist Tatooine sehr ähnlich, ebenfalls ein Wüstenplanet, auf dem aber eine Menge Spuren des alten Krieges in Form von in ihrer Form wohlbekannten Raumschiffwracks herumliegen. Sie trifft auf den Sturmtruppler FN-2187, der sich nun Finn nennt, und ab hier nimmt die klassische Heldenreise (vgl. Vogler/Campbell) ihren Lauf. Bis hierher ist das zwar alles schön und gut, aber so ein richtiges STAR WARS Feeling wie früher will bei mir nicht aufkommen, auch wenn es an an Anspielungen und teilweise wortwörtlichen Zitaten aus den alten Filmen nicht mangelt, was hier manchmal schon extrem übertrieben wird. Das beginnt erst zu kribbeln, als die beiden den Millennium Falcon, Han Solos altes Schiff finden, das dort rätselhafter Weise ungebraucht herumsteht, und mit ihm starten und wird vollends entfaltet, als dann endlich Han Solo und Chewbacca (Peter Mayhew, *1944) die Bühne betreten. Mit der knappen Bemerkung: »Chewie, wir sind zuhause!«, als die beiden ihr altes Schiff betreten, kommt auch der STAR WARS Fan endlich wieder so richtig in seinem gewohnten Kosmos an.


Die Heldenreise entwickelt sich ab da konsequent weiter, die einzelnen von Vogler und Campbell vorgegebenen Stationen lassen sich abhaken, die Archetypen allerdings haben gewechselt. Han Solo wird zum weisen Mentor (»Sie sind Han Solo?« »Der war ich mal.«), der Gestaltwandler Finn übernimmt Han Solos ehemalige Funktion, Rey tritt an Luke Stelle, da in ihr die Macht erwacht, was auch wieder die wildesten Spekulationen darüber ermöglich, wer Rey eigentlich ist und wer ihre Eltern sind. Han und Leia leben getrennt, da beider Sohn Ben sich der dunklen Seite als Kylo Ren angeschlossen hat, und jeder mit dieser Sache anders umgeht; Luke ist sogar, wegen seines scheinbaren Scheiterns in der Ausbildung einer neuen Jedi-Generation, verschwunden. Insofern ist dieser Film eine eindeutige Staffelübergabe an die jüngere Generation. Han erklärt Rey und Finn, dass die alten Geschichten über die Macht, die Jedi und die dunkle Seite wahr sind und Rey macht ihre ersten Erfahrungen mit ihren Fähigkeiten, die bis dahin verschlossen in ihr ruhten.


Im weiteren Verlauf der Handlung kommt es dann zu der Katastrophe, die einen absoluten Stimmungsumschwung unter dem Kinopublikum erzeugt. Han Solo wird bei dem Versuch, seinen Sohn wieder auf die gute Seite zu ziehen, von diesem mit dem Lichtschwert durchbohrt und fällt von einer Brücke in einen bodenlosen Abgrund. Sein Sohn dankt ihm dafür, denn durch diesen »Vatermord« hat er den endgültigen Schritt auf die dunkle Seite der Macht getan. Er hat das, was Darth Vader in Episode VI nicht konnte, getan. Er hat sich nicht im letzten Moment bekehrt, er hat eines der schlimmsten Verbrechen begangen, zu denen ein Mensch fähig sein kann, er hat seinen Vater getötet.


Im Kino ist es mucksmäuschenstill. Ich will aufstehen, will »Nein!« und »Halt! Stop!« schreien. Das können die doch nicht machen. Ich verliere die Lust, weiterzuschauen! Der Held meiner Kindheit darf nicht sterben! Nicht so! Doch es ist geschehen, ich bleibe sitzen und verfolge fassungslos und tief betrübt das weitere Geschehen. Und ich spüre dasselbe bei den anderen Kinobesuchern. Ich spüre, wie dieser ungeheure Katharsis-Effekt die Menschen ergriffen hat. Wir alle spüren, ähnlich wie Leia, die durch Hans Tod ausgelöste Erschütterung der Macht fast körperlich. Aber so schlimm es auch ist, es gibt gute Gründe, warum sein Tod an dieser Stelle dramaturgisch notwendig ist. Zum einen ist es das Schicksal seines geänderten Archetyps, Obi Wan Ben Kenobi (Sir Alec Guinness, 1914-2000) stirbt ja auch in Episode IV und Qui-Gon Jinn (Liam Neeson, *1952) in Episode I, und zum anderen ist es wohl auch dem Alter des Darstellers Harrison Ford geschuldet, dem es auf diese Weise möglich wird, seiner Rolle zu einem würdigen Abgang zu verhelfen. Ob die Fans das dem Regisseur J. J. Abrams (*1966) allerdings verzeihen werden, bleibt abzuwarten.

Kann man das noch toppen? – Man kann. Denn mit Lukes Auftauchen am Ende des Films, mit seiner schlichten Gestik in wildromantischer Kulisse, mit dem wehmütig wissenden Blick, den er Rey zuwirft, die ihm flehend das Lichtschwert entgegenhält, geht noch einmal ein unglaublicher Gefühlsruck durch die Zuschauer. Das kann man körperlich spüren. Und ja, es wird die Wartezeit auf Episode VIII unerträglich machen, ein Cliffhanger in bester alter Holywood-Manier. So ist also die Bühne bereitet, der Vorhang fällt nach einem fulminanten, emotional bewegenden ersten Akt. Die Exposition ist in epischer Breite ausgeführt und treibt die Erwartungen an die Fortsetzungen enorm in die Höhe.


Fazit: »Das Erwachen der Macht« ist episch, fantastisch, alt und gleichzeitig neu, wie das Erkennen der eigenen Vergänglichkeit, so als ob man als Erwachsener noch einmal die Möglichkeit hätte, durch die eigenen Kinderaugen zu blicken. Es ist dramatisch, traurig und erzeugt einen echten Katharsis-Effekt, wie es ihn schon seit sehr langer Zeit im Kino nicht mehr gegeben hat. Das shakespearesche Motiv des Vatermords als endgültiges Ankommen auf der dunklen Seite der Macht erweitert die Tiefen der dunklen Seite und die Beibehaltung der Erzähltechnik als der des echten Neomythos, der echten Heldenreise, garantiert dieser Episode VII einen Platz unter den neugeschaffenen Mythen unserer Zeit. Möge die Macht mit uns sein, immer!


Samstag, 28. November 2015

Vom neuen Mut zum alten Melodram – OHRENKNEIFER präsentiert OLD FIREHAND

Diese Rezension wurde unter demselben Titel in den Nachrichten der Karl-May-Gesellschaft Nr. 187, 1. Quartal/März 2016, S. 21-25 veröffentlich.


»In der damaligen Qualität mit so guten Sprechern kann man heute keine Hörspiele mehr produzieren. Die Kosten wären viel zu hoch. Damals hatten wir Auflagen um die 200.000 Stück pro Folge, die heutigen Hörspiele erreichen nur selten 10.000.« So äußert sich kein Geringerer als der Schriftsteller und Journalist Hans Gerhard Franciskowsky (1936-2011), der unter seinem bekanntesten Pseudonym »H. G. Francis« nicht nur als Perry-Rhodan-Autor bekannt wurde, sondern auch für die Kinder und Jugendlichen der 1970er, 1980er und 1990er Jahre zum »Vater der Kassettenkinder« wurde. Ich hatte mit dem berühmten Hörspielautor von über 600 kommerziellen Hörspielen vor allem auch für das Studio EUROPA seinerzeit einen leider viel zu kurzen Briefwechsel und der Satz stammt aus einem Brief vom 27. März 2004.



Das Hörspiel war also bereits damals in eine Krise geraten, aus der es kaum noch, glaubt man Francis hier, herauskommen würde. Und in der Tat, der von großen bekannten Studios dominierte Markt brach ein, viele Hörspielserien, die begonnen wurden, konnten mangels Nachfrage nicht fortgeführt werden, die Sprechergagen waren kaum noch finanzierbar. Dennoch hielten sich hartnäckig vor allem kleine Independant-Labels und parallel zum Hörspiel etablierte sich nach und nach das immer beliebter werdende und wesentlich billiger zu produzierende Hörbuch. Diese Szene lebte und lebt von den einzigartigen Stimmfähigkeiten charismatischer Sprecher wie Christian Brückner (*1943) und Rufus Beck (*1957), die sich allein durch Lesungen einen Namen zu machen verstanden. Das Vorlesen gewann wieder stärker an Bedeutung.


Ein gutes Hörspiel – oder besser: ein gut gemachtes Hörspiel – soll dem Hörer ein einmaliges und unvergleichliches Kopfkino-Erlebnis bescheren. Aber mit der rasanten Entwicklung der Welt kann der heutige Mensch oftmals nur schwer mithalten. Der Preis für die Anpassung ist der Verlust bestimmter Fähigkeiten. Das »Kino im Kopf« können nämlich nur noch wenige Zeitgenossen wirklich erleben und erfahren, egal wie gut so eine Produktion gemacht ist. In der heutigen Zeit ist jene besondere Fähigkeit etwas, das trainiert werden muss, daher kommt es auch immer auf den sozio-kulturellen Hintergrund des Hörers an. Glaubt man modernen Untersuchungen, so hören viele Menschen vor allem kommerzielle Hörspiele zum Einschlafen vor dem Zubettgehen, während langer Autofahrten oder beim Putzen der Wohnung. Sie sind fest abonniert auf ihre Serien, die sie teilweise schon von Kindesbeinen an kennen (Die drei Fragezeichen, Geisterjäger John Sinclair, Perry Rhodan, usw.). Solche Menschen sind irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt und es gibt sogar bereits einen Begriff für sie. Annette Bastian nennt diese Zielgruppe in ihrem Buch »Das Erbe der Kassettenkinder: … ein spezialgelagerter Sonderfall« (1. Auflage, ecomedia: Oktober 2003) eben die »Kassettenkinder«, deren sprichwörtlicher Vater oftmals der oben zitierte H. G. Francis war.


Karl May (1842-1912) war immer ein gern vertonter Stoff, der bereits früh (1935) für das Radiohörspiel bearbeitet und eingerichtet wurde, als auch dann später immer wieder zu kommerziellen Produktionen herangezogen wurde. Berühmte Ikonen der deutschen Schauspielriege liehen wiederholt Karl Mays Figuren ihre bekannten Stimmen und erfüllten diese so in der Phantasie vieler Kinder und Jugendlicher des 20. Jahrhunderts mit unverwechselbarem Leben. Es gab auch Stimmen, die, ob gewollt oder ungewollt, auf einzelne Rollen festgelegt wurden, wie zum Beispiel der unvergessene Konrad Halver (1944-2012) auf die Figur des »wohl berühmtesten und gefürchtetsten Indianers zwischen Sonora und Kolumbien« Winnetou, des Häuptlings der Apatschen und Blutsbruder Old Shatterhands.


Um originelle May-Hörspiele hat sich in den letzten Jahren vor allem Meike Anders bemüht, aber schon lange hat es keine Produktion mehr gegeben, wie die hier zu besprechende aktuelle Produktion des kleinen Labels OHRENKNEIFER, das von dem deutschen Synchron- und Hörspielsprecher Dirk Hardegen (*1969) gegründet wurde. Diese Label fiel mir bereits im letzten Jahr durch ein außergewöhnliches Hörspiel mit dem Titel »Blutige Pfährten« (November 2014) auf, eine interessante Mischung aus Western und Thriller, hervorragend und hochprofessionell produziert. Bei diesem Hörspiel passierte es mir als passioniertem und erfahrenem Hörspielhörer, dass ich, wie ich es schon lange nicht mehr getan habe, das Hörspiel gleich mehrere Male hintereinander hörte – einfach, weil ich nicht genug davon bekommen konnte. So behielt ich das Label im Auge und war sehr neugierig, als man ein neues Hörspiel ankündigte, das dann auch noch ein Karl-May-Hörspiel sein sollte. Als der Titel »Old Firehand« feststand, und das dem klassischen Erscheinungsbild des Karl-May-Buchs nachempfundene Cover, das von Wolfram Damerius gelayoutet wurde, auf Facebook die Runde machte, wuchs die Neugier ins Unermessliche.

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Hardegen legt seiner Produktion einen der ganz frühen May-Texte aus dem Jahr 1875 zugrunde. Unter dem Titel »Aus der Mappe eines Vielgereisten. von Karl May. Nr. 2. Old Firehand« erschien der Text erstmals im ersten Jahrgang der Zeitschrift »Deutsche Familienblatt. Wochenschrift für Geist und Gemüth zur Unterhaltung für Jedermann« 1875 im Verlag H. G. Münchmeyer in Dresden, dessen Redakteur Karl May war. Es handelt sich sozusagen um den Ur-May, um den frühesten Entwurf seines Wildwest-Settings und einiger berühmter Hauptfiguren, wie Old Firehand, Sam Hawkins, Dick Stone, Will Parker, Winnetou und natürlich seines Ich-Erzählers, der aber noch nicht den Namen Old Shatterhand trägt. Es ist die erste längere Erzählung, die Karl May im Wilden Westen spielen lässt. Und in ihr taucht auch das berühmte Pferd Swallow (Schwalbe) auf, nach dem Erich Loest (1926-2013) seinen berühmten Roman über Karl May »Swallow, mein wackerer Mustang« (Das Neue Berlin: Berlin 1980 und Hoffmann und Campe: Hamburg 1980) benannt hat. Ein Anfang? Ein Neubeginn? Ein Startschuss? Sie erscheint zwischen 1885 und 2006 in diversen Publikationen, für die sie entsprechend angepasst und verändert wird. May selbst integriert sie später stark bearbeitet in die Reiseerzählung »Winnetou. Zweiter Band«. Er konturiert in dieser frühen Erzählung seine Helden, lässt sie aber, was wohl auch seinem Alter und dem Zeitgeist geschuldet ist, noch viel roher, rauher, urtümlicher und wilder erscheinen, als er das später in seinen Reiseerzählungen und Reiseromanen tun wird.

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Und genau das reizt den Hörspielmacher Dirk Hardegen ganz besonders, eröffnet diese Figurendarstellung doch einen neuen, frischen und vielleicht gerade heute wieder eher zeitgemäßen Zugang zum Werk des sächsischen Volksschriftstellers. Hardegen möchte »einen NEUEN Sound etablieren« und »May neu erfinden ohne Nostalgie und ohne Referenz«. Das gelingt ihm außergewöhnlich gut und doch auch wieder weniger, denn seine eigene Stimme als Ich-Erzähler, als »Old Shatterhand«, erinnert irgendwo an den legendären Uwe Friedrichsen (*1934) und auch ein wenig an Peer Augustinski (1940-2014) und lässt den versierten Hörspielkenner in eine gewisse Melancholie versinken, die gut zum Thema passt. Aber auch für den Winnetou findet er in Marc Schülert einen charismatischen Sprecher, der tatsächlich an Konrad Halver und Michael Hinz (1939-2008) erinnert. In weiteren Rollen sind Bernt Hahn als Old Firehand, Detlef Tams als Parranoh, Marco Göllner (=> Homepage) als Dick Stone, Mirko Thiele als Sam Hawkens, Bert Stevens als Lokführer, Werner Wilkening als General vom Fort Wilkes, Sönke Strohkark als Indianer und Oliver Kube als Wirt Fenders zu hören. Besonders herausheben möchte ich aber noch Sprecher, die eine unglaubliche Leistung erbringen und die mit ihrer Performance das Hörspiel wirklich zu einem Ohrenschmaus werden lassen. Die Rede ist von Gordon Piedesack als Ölprinz Forster und von Christiane Marx als Firehands Tochter Ellen, der einzigen Frau in der Castlist.

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Diese Sprecher erwecken – und das ist das nächste wirklich Gravierende, Wichtige und Bedeutsame – den Mayschen Originaltext zum Leben. Nicht etwa ein neues Skript ist hier geschrieben worden, nein, in beeindruckender Manier vertont Hardegen den Originaltext, sozusagen O-Ton Karl May, und beweist damit, dass es durchaus möglich ist, den Karl May so umzusetzen, wie er geschrieben wurde. Ebenfalls behält er die heute etwas altertümlich anmutende Sprache bei, die dem Ganzen einen zusätzlichen Flair verleiht. Das ist die eigentliche, großartige Leistung und das Verdienst der Macher dieses Hörspiels. Natürlich erfährt der Text einige Kürzungen und Anpassungen, dennoch sind diese Abänderungen nur geringfügig und ordnen sich den Zwängen des Mediums unter. Die Originalgeschichte wird nicht verändert, nicht unter Ausnutzung der bekannten Namen und des Labels »Karl May« neu erfunden, sondern in wunderbar altmodischer Art und Weise umgesetzt. Dazu gehört viel Liebe zum Detail. So macht sich Hardegen zum Beispiel Gedanken darüber, wohin der Rappe Swallow eigentlich beim Sprung in den New Venango verschwindet, was May völlig offen gelassen hat. Es braucht eine gehörige Portion Mut zum Melodram, wenn die Liebesgeschichte zwischen Ellen und dem Ich-Erzähler entwickelt wird, und auch zum Wilden bzw. Wildromantischen, denn das Skalpieren hat meines Wissens nach noch nie jemand so drastisch in einem Hörspiel hörbar gemacht hat.

Die Soundkulisse und die eigens für das Hörspiel komponierte Originalmusik ist glänzend aufeinander abgestimmt. Die Musik erweist zum einen dem großen Martin Böttcher (*1927), dem Komponisten der legendären Film-Musiken, ihre Reminiszenz, andererseits beschwören die sentimentalen Gitarrenklänge den alten Wilden Westen herauf, wie man ihn aus den »Western von gestern« kennt und – wer das Genre mag, wer Fan ist – auch liebt. Aber es ist eben keine platte Attitüde, es ist kein Kopieren oder Imitieren, es ist nur das leise Anzupfen einer Saite, die in uns allen irgendwo anklingt und vorhanden ist, man mag sie verdrängt haben oder nicht.

Wenn man denn ein klein wenig, aber auch wirklich nur ein klein wenig, kritisch werden möchte, wenn man denn etwas zu beanstanden sucht, dann ist es vielleicht die Aufteilung auf zwei Erzähler, die hier als einziges Manko erscheint. Karl May lässt ein »Ich« erzählen. Hardegen bricht das auf, weil ihm ein Erzähler eventuell zu einseitig erscheint und lässt Heiko Grauel, der durch die Hörbücher des Karl-May-Verlags bekannt wurde, den übrigen Erzähltext im Wechsel mit dem Ich-Erzähler sprechen. Hardegen gibt im Bonusmaterialtrack zum Hörspiel gute Gründe dafür an, warum er das so gelöst hat. Er will Monologstrecken durchbrechen und für mehr Abwechslung sorgen. Für mein Empfinden ist das aber ein wenig zu viel des Guten. Es bringt Unruhe in die Erzählpassagen und oftmals wirkt es aufgesetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hardegen da ein ganz außergewöhnliches Hörspiel gelungen ist, eine Reminiszenz, ein modernes positiv sentimentales wildromantisches Melodram, das die Messlatte für zukünftige May-Hörspiele enorm hochlegt und nicht nur den echten Karl-May-Fans wärmstens ans Herz gelegt werden muss, sondern generell jedem, der sich seine Phantasie bewahrt hat. Und nicht nur für Hörspiele. Selbst zukünftige Filmversuche werden diesen Beweis dafür nicht ignorieren können, dass man den Original-May künstlerisch umsetzen kann und nicht neu erfinden muss. Ein Hoffnungsschimmer für den größten Dichter deutscher Zunge, eine Perle für die Hörspielwelt. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieser Produktion, über die H. G. Francis hocherfreut gewesen wäre, noch viele folgen werden, denn sie beweist, dass es keinen Qualitätseinbruch geben muss und dass der eingangs zitierte Befund gottlob durch dieses Hörspiel entkräftet wird. Weiter so, OHRENKNEIFER, zwickt uns ruhig, wir werdens genießen.

Freitag, 6. November 2015

Reaktionäre Systemdämmerung – James Bond 007: SPECTRE

SPECTRE – Dieses Wort allein weckt Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Als kleiner Junge – das muss so Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre gewesen sein – sah ich meinen ersten James-Bond-Film noch bei einem Nachbarsjungen. Der hatte bereits eines dieser tollen neumodischen Geräte namens ›Videorekorder‹ und nahm damit viele Filme aus dem Fernsehen auf. Ich weiß noch genau, dass meine Eltern darüber berieten, ob ich »James Bond 007: Liebesgrüße aus Moskau« (1963) sehen durfte, denn immerhin rangierte dieser Film damals in der Kategorie »äußerst brutal«. Trotzdem erhielt ich das Plazet und es wurde eine der einschneidendsten Filmerlebnisse meiner Kindheit.

Am Anfang gab es eine Szene, in der ein russischer Agent einen anderen mit einem Würgedraht gnadenlos umbrachte, was mich schockierte und entsetzte, aber auf der anderen Seite zog er den Würgedraht aus einer Armbanduhr! Das wiederum fand ich cool und ich wollte unbedingt auch so ein Teil … Sean Connery (*1930) spielte James Bond und vielleicht wird er gerade deswegen auch immer der beste Bond für mich sein, weil er mein erster Bond war. Ich mochte zwar Roger Moore (*1927) auch, Timothy Dalton (*1946) weniger, dafür aber tat Pierce Brosnan (1953) es mir doch wieder sehr an.

Als dann aber 2006 im 21. Film der offiziellen Bond-Filmreihe der Brite Daniel Craig (*1968) als sechster Darsteller in die Rolle des Doppelnull-Agenten schlüpfte, war sofort klar, dass man mit dieser Produktion den bisher eingeschlagenen Weg verließ. Dieser Eindruck intensivierte sich mit den darauf folgenden Produktionen »Ein Quantum Trost« (2008) und »Skyfall« (2012), der zum 50. Jubiläum der Reihe erschien. Hatte man 2006 noch auf eine literarische Vorlage gebaut, nämlich den allerersten Bond-Roman gleichen Titels des britischen Autors Ian Fleming (1908-1964) von 1953, so nutzte bereits die Produktion von 2008 nur noch den Titel der Fleming-Story »Ein Minimum an Trost (»Quantum of Solace«)« aus dem Sammelband »007 James Bond greift ein (»For Your Eyes Only«)« (1960/1965) in der Abwandlung »Ein Quantum Trost«. Der englische Originalfilmtitel blieb bei dem Originalstorytitel, allerdings hatte die Handlung nichts mehr mit der Kurzgeschichte zu tun. »Skyfall« hingegen wurde komplett als Film geschrieben, ebenso wie der aktuelle Film »SPECTRE«, um den es im Folgenden gehen soll.

»SPECTRE«! Auf diesen Namen als Bezeichnung für eine mächtige Terrororganisation war ich bereits in meinem oben erwähnten ersten Bond-Film gestoßen. Das Bild der Katze, die, groß im Bild, von zwei Händen liebkost und gestreichelt wird, während die Stimme der Person, die nicht zu sehen ist, unter anderem Mordbefehle erteilt, ist wohl legendär. An der rechten Hand prangte ein mächtiger Ring. Und obwohl Andreas Borcholte (*1970) vom SPIEGEL Daniel Craigs Darstellung des Geheimagenten mit der von Sean Connery verglich – »In manchen Szenen schafft er es sogar, jenes Virile, brutal Animalische zu verströmen, über das Sean Connery in seinen ersten Auftritten als Bond verfügte« (vgl. Artikel auf Spiegel online Kultur vom 10.11.2006) – und ihn Paul Arendt von der BBC als ein »Schwein« und damit als die Verkörperung James Bonds, wie Ian Fleming ihn in seinen Büchern beschrieben hatte (vgl. Artikel auf BBC Home vom 17.11.2006), bezeichnete, ist Craigs Bond kein »klassischer« Bond, kein Gentleman-Agent, sondern er hat etwas Unberechenbares und zutiefst Menschliches.

Craigs Bond kämpft nicht mehr im Kalten Krieg gegen Russen oder Asiaten, er kämpft gegen die Globalisierung, die totale Überwachung, wie sie George Orwell (1903-1950) schon in »1984« aus dem Jahr 1949 voraussagt, in Form der weltumspannenden Vernetzung durch das Internet. Diese schöne neue Gegenwart mit ihren gläsernen Menschen, wie sie 1932 bereits von Aldous Huxley (1894-1963) in »Schöne neue Welt (»Brave New Word«)« karikiert wurde, unterteilt sich kaum noch in verschiedene Nationen, sondern einzig und allein in unersättlichen Magnaten, die Informationen und die vielfältigen Möglichkeiten ihrer Beschaffung als neue erstrebenswerte Quelle von Reichtum und Macht ansehen. Ihr oberstes Prinzip heißt Kontrolle. In einer solchen Gegenwart scheint das Doppelnull-Programm antiquiert und überholt. Wozu eine Einrichtung wie der MI-6 in einer Zeit, da sich die Agenten der ehemals verfeindeten Nationen gegenseitig die Türklinken in die Hand geben? Der Kalte Krieg ist endgültig vorbei. So scheint es zumindest.

Von einer solchen Entwicklung muss sich die konservative Gesellschaft ja geradezu bedroht fühlen. Deswegen wird die zunächst eigentlich gute Idee einer Vernetzung aller Geheimdienste der Welt, einer Bündelung aller Kräfte zu Verbrechensbekämpfung als Brutstätte des wahrhaft teuflisch Bösen konterkariert. »Big Brother is watching you!« Immer und überall. Und der Vertreter dieser Entwicklung, der sich später dann doch als ein eingeschleuster Handlanger SPECTREs entpuppt, muss sich darüber aufklären lassen, dass die Lizenz zum Töten auch immer eine Lizenz zum Nichttöten ist, denn der Agent muss über Leben und Tod entscheiden. Die Doppelnull befähigt also ihren Inhaber zur alleinigen Entscheidung über Leben und Tod und damit ist sie eine Lizenz zum Gott spielen.

Der Weg zu SPECTRE ist für Bond überraschenderweise nicht allzu weit. Schnell findet er heraus, wer dahintersteckt. Es ist sein Stiefbruder Franz Oberhauser, der Sohn des Mannes, der Bond als Kind aufgezogen hat, und der sich jetzt Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) nennt. Blofeld, wieder so ein Name aus den alten Tagen … Hinzu kommen bereits bekannte Motive des Genres: Ein ehemaliger Bösewicht entwickelt ein Gewissen und versucht seine Tochter, das einzige, was ihm noch von seiner Familie geblieben ist, zu retten, und opfert sich für sie. Bond bekommt es mit einem körperlich ungeheuer starken Gegner zu tun (Dave Batista), der ihn aber, obwohl er vor Muskelkraft nur so strotzt, nicht wirklich aufhalten kann, obwohl er ihm bedrohlich nahe kommt. Außerdem ist das obligatorische Bond-Girl wieder mit von der Partie (Léa Seydoux) – die Tochter des Bösewichts mit Gewissen, der sich opferte –  doch hier entwickelt sich tatsächlich so etwas wie Liebe zwischen ihr und ihm und – wohltuend – sie überlebt den Film, was man von ihren Vorgängerinnen leider nicht sagen kann. Bond verliebt? Bond ein Mensch? Ein Bruch mit Traditionen ...

Eine Prise Selbstironie findet sich auch: Die Wunderwaffen funktionieren alles andere als einwandfrei und das Finale gipfelt in einem absolut untypisches Verhalten: Bond verzichtet darauf, den mittlerweile mit einer langen Schnittnarbe über das linke Auge entstellten Blofeld – wieder eine Reminiszenz an die Zeiten des kalten Kriegs – zu erschießen. Dieser Gewaltverzicht, Diese Entscheidung zum Nichttöten, die er, trotz der flapsigen Bemerkung, er habe etwas Besseres zu tun, sehr bewusst trifft – der Lauf seiner Pistole schwebt sekundenlang über dem Kopf des besiegten Gegners, dessen Schicksal letztlich trotzdem offen bleibt – ist ein deutliches Signal des Wandels innerhalb des Franchises, keine bloße Modernisierung oder Anpassung an das moralische Empfinden der Gegenwart, sondern eine Art von reaktionärer Agenten-, ja sogar Systemdämmerung.

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Erzählt wird das Ganze in geradezu poetisch-lyrischer Bildsprache von großer Intensität, die sich vor allem in für das moderne Actionkino untypischen langen bis sehr langen Einstellungen manifestieren. Das ist ungewohnt für die heutigen Seegewohnheiten. Es fehlen schnelle Schnitte und das führt bei einer Gesamtdauer von 148 Minuten unweigerlich zu einigen als Längen empfundenen Sequenzen, in denen man das Gefühl hat, der Film stockt, hängt und kommt nicht von der Stelle. Hier bricht auch die Spannung ein. Aktion- und Gewaltszenen finden sich im Verhältnis gesehen eher weniger, ganz so, als käme es darauf auch gar nicht an, als sei das nur schmückendes Beiwerk. Der psychologische innere Konflikt ist das, was die Macher hier eindeutig mehr interessiert.


Fazit: »SPECTRE« ist eher psychologischer Kunstfilm als actionlastiges Unterhaltungskino, ein Pseudoactionfilm, bei dem einem das Popcorn im Hals stecken bleibt, in dem die vielen offenen Handlungsfäden der drei vorherigen Filme zusammengeführt und auf einen Ursprung ausgerichtet werden. Mit dieser Abkehr von seinen Ursprüngen ist SPECTRE ein Abgesang, eine reaktionäre Systemdämmerung, ein fulminanter letzter Akt. Bildgewaltig wird der Zuschauer mit der Nase darauf gestoßen, wenn gegen Ende das alte MI-6-Building gesprengt wird und in sich zusammenstürzt. Eine Ära ist zu Ende. Ob die Ära der James-Bond-Filme allerdings damit beendet ist, darf bezweifelt werden.



Sonntag, 4. Oktober 2015

Kongressnachlese - 4. Tag: Von Geschlechteroszillationen und dem »phantastischen« Karl May



Der Himmel weinte, als ich an diesem vierten und letzten Kongresstag in meinem Hotelzimmerbett erwachte. Hatten wir an den bisherigen Veranstaltungstagen einen wunderschönen sonnigen Herbst erlebt, regnete es nun leicht und graue Wolken ließen kaum Sonnenlicht hindurch. Ich fühlte mich eigenartig müde und gerädert. Dabei war es doch am gestrigen geselligen Abend gar nicht so spät geworden. Nach meinem Absacker im Plückers war ich noch bis gegen ein Uhr wach gewesen und hatte den letzten Blogeintrag fertiggeschrieben und hochgeladen. Die letzten drei Tage waren wirklich außergewöhnlich, voller wunderbarer Erlebnisse und Begegnungen. Und trotzdem fing ich nun an zu schwächeln? 



Aufgrund der Tatsache, dass der Beginn der heutigen Vorträge eine halbe Stunde früher angesiedelt worden war, quälte ich mich früh aus dem Bett, versuchte, unter der Dusche wach zu werden, räumte dann mein Zimmer und bezahlte meine Rechnungen. Nach dem Frühstück begab ich mich wieder in die Kongresshalle und baute ein letztes Mal Kamera, Ton und Stative auf.



Zwei Vorträge sollten diesen, mit Dr. Johannes Zeilingers Worten, »sehr schönen« Kongress abschließen. Zwei Vorträge zu Themen, die, jedes für sich genommen, als ungewöhnlich und außergewöhnlich grenzwertig gelten durften, legte man einmal den gängigen thematischen Kanon der bisherigen Forschung an. 

Rudi Schweikert



Zuerst sprach der deutsche Schriftsteller, wissenschaftliche Publizist und freie Lektor Rudi Schweikert (*1952) aus Mannheim unter dem Titel »Karl Mays Figuren des ›Dritten Geschlechts‹ - Überblick und Analyse« zu einem seiner favorisierten Themen im Rahmen der Karl-May-Forschung und enttabuisierte damit einen vor allen Dingen in den letzten Jahren verstärkt in der Öffentlichkeit – und nicht nur der literarischen – sehr emotional und kontrovers diskutierten Sachverhalt. Homophobie, Homophilie, Androgynie, Travestie, als Männer verkleidete Frauen und als Frauen auftretende Männer sind nicht nur in Zeiten von Conchita Wurst (*1988; => Homepage) ein Reizthema. Das 19. Jahrhundert kannte eine Menge solcher Menschen, die sich in Clubs und Logen zusammenschlossen und sich u. a. ›Oranier‹ oder ›Tanten‹ nannten. 



Solche Formen von Geschlechteroszillationen finden sich auch und zuhauf bei Karl May, vor allem in seinen komischen Figuren wie ›Tante‹ Droll, Hobble Frank, Dick Hammerdull und Pit Holbers, Sam Hawkens usw., die in närrischen Frauenkleidern auftreten und sich einer hohen Fistelstimme bedienen, tauchen sehr oft im Werk Mays auf und wie der Vortragende bewies, durchaus nicht zufällig und auch nicht ausschließlich des Humors wegen. Das abschließende Fazit dieses etwas anderen Blicks auf viele geliebte und beliebte Figuren des sächsischen Volkschriftstellers lautet dann auch im Großen und Ganzen ohne an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen zu wollen, dass May das Aufweichen der Geschlechtergrenzen favorisierte und das Spiel mit der homoerotischen Verwechslung auf die Spitze trieb, was im eigentlichen eine Frage nach der wahren geschlechtlichen Identität in einer verkehrten Welt war. 

Thomas Le Blanc


Thomas Le Blanc (*1951) aus Wetzlar, der Begründer der »Phantastischen Bibliothek« arbeitet schon seit geraumer Zeit an einem Werk, von dem nach eigener Aussagen schon 400 Seiten fertiggestellt sind und das letztlich über 600 Seiten umfassen soll. In diesem Werk widmet er sich seiner These, nach der Karl May grundsätzlich ein phantastischer Autor gewesen sein soll. In seinem Vortrag unter dem Titel »›Darum will ich Märchenerzähler sein ...‹ Karl May als phantastischer Autor« ließ er die Karl-May-Freunde an seinen diesbezüglichen Überlegungen und Untersuchungen ausführlich teilhaben. An ausgewählten Perikopen aus allen Schaffensperioden Karl Mays beginnend mit dem sogenannten Alterswerk über das Frühwerk, die Kolportageromane bis hin zu den bekannten Reiseerzählungen wies Le Blanc eindrucksvoll nach, das Karl May im Prinzip ein Wegbereiter der Phantastik und Phantastischen Literatur war, ein Autor, der diese Interpretation seiner Werke selbst wohl strengstens von sich gewiesen haben würde, der aber trotzdem mit dem Werkzeugen der Phantastikforschung untersucht werden kann und muss. May konstruierte Welten, Personen und Konstellationen, die es so in dieser Form niemals gegeben hat und niemals geben wird. Er erschuf mit den Mitteln des Märchens und der zeitgenössischen Psychologie Traumwelten, man denke nur einmal an den Stern Sitara, auf dem die großen Alterswerke spielen, die einen mit Tolkiens »Herr der Ringe«, C.S. Lewis »Chroniken von Narnia« oder J. K. Rowlings »Harry-Potter« vergleichbaren Weltenbau aufweisen. Er erfand idealisierte Typenfiguren und Charaktere, die so nie gelebt haben und auch so nie leben könnten, da sie viel zu idealistisch und unrealistisch geschildert sind: Winnetou ist eine solche ideale Lichtgestalt, Old Shatterhand einer jener Superhelden, wie sie sonst nur Marvel und DC zu erschaffen vermögen. Jedenfalls machte dieser letzte Vortrag Lust auf mehr, Lust auf das Buch, das, wenn es fertig ist, mit Sicherheit einen ganz neuen Ansatz mit ganz neuen frischen Aspekten zu liefern verspricht.




Und so ging dieser 23. Kongress der Karl-May-Gesellschaft e.V. in Bamberg zuende. Es war ein rundum gelungener, sehr schöner Kongress, der durch viele sehr gute Vorträge, Gespräche, Begegnungen und regen Austausch geprägt war. Bamberg als Kongressstandort war ideal gewählt, das Ambiente sehr angenehm und die Unterbringung superb. Die Abende im Plückers und der gesellige Abend im Hegel-Saal waren inoffizielle Höhepunkte der fröhlichen Geselligkeit und guten Laune. Was will man mehr? Ich denke, wir werden in zwei Jahren auf dem nächsten Kongress noch von den vielen positiven Eindrücken der vergangenen vier Tage zehren. In diesem Sinne, auf Wiedersehen in 2017 in Naumburg an der Saale.


Kongressnachlese - 3. Tag: Von der Kluft zwischen hohem Anspruch und dem Sumpf des Trivialen

Der bisherige Vorstand


Jetzt ist es mittlerweile fast 23 Uhr und ich sitze im Plückers noch am Tresen. Ich sitze dort allein, vor mir ein Dunkles und ein Bushmills. Ich bin müde, so langsam zehrt der Kongress doch ein wenig an meinen Kräften, und denke über den vergangenen Tag nach. Es gab heute eigentlich nur drei Programmpunkte, aber die hatten es gewaltig in sich. 

Hartmut Wörner, der neue Geschäftsführer


An erster Stelle war da die Mitgliederversammlung, die mit ihren immerhin sechzehn Tagesordnungspunkten von halb zehn mit einer kurzen Pause bis ein Uhr mittags ging – viel zu lang, wie nicht nur ich fand, dennoch aber in einigen strittigen Punkten sehr notwendig. Einiges nur will ich erwähnen, was mir besonders wichtig erschien. 

Der neugewählte Vorstand
Prof. Dr. Claus Roxin


Die Karl-May-Gesellschaft hat aktuell derzeit 1659 Mitglieder (Stand September 2015). Ich kann mich schwach erinnern, dass, als ich in den 1990er Jahren in die KMG eintrat, die Mitgliederzahl bei über 1900 lag. Eine Fluktuation gibt es natürlich immer. Aber es ist doch ein gewisser Rückgang der Mitgliederzahlen festzustellen. 



Nach den obligatorischen Rechenschaftsberichten wurde der Vorstand neu gewählt. In ihren Ämtern bestätigt wurden als erster Vorsitzender Dr. Johannes Zeilinger, als Schriftführer Joachim Biermann und als Schatzmeister Udo Lippert. Zum ersten Stellvertreter wurde Prof. Dr. Hartmut Vollmer und zum zweiten Stellvertreter Dr. Florian Schleburg gewählt. Prof. Dr. Helmut Schmiedt wechselte auf die Position des wissenschaftlichen Mitarbeiters. Der neue Geschäftsführer heißt Hartmut Wörner (*1962), ein sympathischer, sehr humoriger Mensch, wie mir scheint. Ebenfalls bestätigt wurden die drei Kassenprüfer Anja Tschakert, Dr. Sina Stenglein und Rolf Cromm.

Prof. Dr. Christoph F. Lorenz

Ehrenmitglied Ekkehard Bartsch
Über eine Anhebung des Mitgliedsbeitrags wurde ausgiebig gesprochen, letztlich wurde er auf 36 Euro angehoben. Eine von den Mitgliedern absolut mitgetragene und sinnvolle Erhöhung angesichts des Einnahmen-Ausgaben-Verhältnisses der Gesellschaft.





Über die Stiftung eines Karl-May-Preises wurde heftig und kontrovers debattiert, schließlich wurde aber der Vorstand damit beauftragt, für den nächsten Kongress ein Arbeitspapier zu erstellen, mithilfe dessen man dann in zwei Jahren nochmals genauer über dieses Thema beraten können wird.

Podiumsdiskussion


Drei Gründungsmitglieder der Gesellschaft wurden zu Ehrenmitgliedern erhoben: Die lebende Karl-May-Enzyklopädie Ekkehard Bartsch (*1943; => Homepage), der Musiker, Organist und Kantor emeritus Hartmut Kühne (*1935) und Dr. Ulrich Freiherr von Thüna (*1935); die beiden letzteren waren leider durch Krankheit verhindert.

Thomas Le Blanc und Prof. Dr. Hans-Joachim Jürgens (Münster)

Prof. Dr. Ulf Abraham und Prof. Dr. Helmut Schmiedt


Der nächste 24. Kongress der Karl-May-Gesellschaft wird 2017 wieder in etwa um dieselbe Zeit in Naumburg an der Saale stattfinden. Das war ja bereits in Radebeul so beschlossen worden. Die Stadt und ihre Vorzüge wurden in einer filmischen Dokumentation noch einmal vorgeführt. Schließlich bewarben sich Bad Kissingen und Mainz um die Ausrichtung des 25. Kongresses in 2019. Mainz machte das Rennen.




Für eine Mittagspause blieb dann leider nur noch etwa eine Stunde Zeit. Werner Kinkel, der Vater der Erfolgsschriftstellerin Tanja Kinkel (*1969; => Homepage), hatte mich zu einer Stadtführung durch Bamberg eingeladen, was dann aufgrund der knappen Zeit leider nichts mehr wurde, aber, wir werden das nachholen, das haben wir uns fest vorgenommen.


Bernhard Schmidt


Der zweite Programmpunkt des Tages war eine Podiumsdiskussion. Prof. Dr. Helmut Schmiedt moderierte und führte seine Mitstreiter Prof. Dr. Ulf Abraham (*1954; Bamberg), den Gymnasiallehrer Roy Dieckmann (Obenstufenleiter am Königin-Luise-Gymnasium, Erfurt), Prof. Dr. Hans-Joachim Jürgens (Münster), den Leiter der Phantastischen Bibliothek Wetzlar (=> Homepage) Thomas Le Blanc (*1951) und den Karl-May-Verleger Bernhard Schmid durch das schwierige Thema »Karl May und die Jugend«. Die knapp zweistündige Diskussion führte von den Höhen des intellektuellen, universitären Anspruchs zu den Niederungen des trivialen Sumpfs und förderte die Kluft dazwischen sehr deutlich zutage. Das Hauptaugenmerk lag auf der Frage, die Dr. Hagen Schäfer bereits in Radebeul aufgeworfen hatte, wie man denn Kinder und Jugendliche heute für Karl May begeistern könne. Es wurde darüber gesprochen, ob man Karl May an der Universität mit Studenten, vor allem mit Lehramtsstudenten, besprechen solle, ob Karl May ein Thema für die Schulen sei – wobei man hier nur auf die Gymnasien einging, die Sekundarschulen wurden mit keinem Wort erwähnt – und wie man angesichts einer leseverdrossenen und leseunlustigen Jugend überhaupt noch das Interesse an Mays Werken wecken kann. 


Roy Dieckmann (Erfurt)


Die Meinungen gingen weit auseinander, die Möglichkeiten von Verfilmungen wurde an aktuellen Filmprojekten wie der gerade sich im Dreh befindlichen RTL-Produktion und dem Kinofilmprojekt im Auftrag des Karl-May-Verlags abgearbeitet. Eine entsprechende Präsentation von Mays Werken wurde mit J.K. Rowlings »Harry Potter« und J.R.R. Tolkiens »Herr der Ringe« verglichen und die doch recht einseitige Fixierung des Produktnamens Karl May auf die Wildwest-Erzählungen gerügt. Am eigentlichen Thema ging das dann doch meines Erachtens nach ein wenig vorbei, wenngleich gegen Ende der honorige und verdiente Prof. Dr. Claus Roxin das Positive heraushebend die gesamte Problematik dann doch relativierte. Aber das kommt eben dabei heraus, wenn Erwachsene über das glauben, reden zu können, was Kinder und Jugendliche direkt angeht. Wichtig ist aber in jedem Fall, und das wurde besonders betont, die Weitergabe der Karl-May-Bücher als Geschenk der Alten an die Jungen und damit eine Weitergabe von echter Begeisterung, von der sich Kinder und Jugendliche insbesondere dann anstecken lassen, wenn diese Begeisterung von den nächsten Verwandten gelebt wird.




Den Abend beschlossen ein ökumenischer Gottesdienst in St. Otto und ein geselliger Abend im Hegel-Saal der Kongresshalle. Bei einem reichhaltigen Buffett kam man ausführlichst miteinander ins Gespräch und der Karl-May-Verlag sorgte mit zwei kurzen Einlagen, dem Winnetou-Live-Hörspiel »Wo Büchsen knallen und Fäuste sprechen. Mit Karl May auf den Spuren seiner Helden« mit den Schauspielern Lukas Aue, Susanne Barth und Mikel Wegener des Ensembles »vor dem theater« aus Ansbach und der kurzen Filmdokumentation »Die Karl-May-Verleger«, den Bernhard Schmid selbst geschnitten hatte, für fröhliche Abwechslung.



Gegen halb elf verließ ich ziemlich müde den fröhlichen Reigen. Nun sitze ich im Plückers am Tresen. Über meinen Erinnerungen an diesen Tag ist das Bier leer und der Whiskey alle geworden. Ein deutliches Zeichen für mich, nun auf mein Zimmer zurückzukehren und diesen dritten Bericht abzuschließen. Also gute Nacht, Karl-May-Welt, morgen ist auch noch ein Tag.

Lukas Aue, Susanne Barth und Mikel Wegener von vor dem theater