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Mittwoch, 31. Dezember 2014

Gottes Zorn im trotzigen Kind – Ridley Scotts Bibelfilm Exodus: Götter und Könige

In der vergangenen Woche hörte ich morgens im Radio einen interessanten Kommentar zu dem Film, zu dem ich hier einige Dinge äußern möchte. Er lautete: „Moses wird von Batman gespielt.“ Gemünzt war dieser Spruch natürlich auf den Schauspieler Christian Bale (*1974), der in allen drei Batman-Filmen (Batman Begins (2005), The Dark Knight (2008), The Dark Knight Rises (2012)) von Christopher Nolan (*1970) den Batman gibt. 


Doch dieser zunächst so merkwürdig erscheinende Vergleich kommt auch noch in einer anderen Form zum Tragen. Batman ist bei Nolan eine Art Ninja, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft der Schatten, in der er zum perfekten Schattenkrieger ausgebildet wird. Die japanische Geschichte kennt die Ninja als die großen Gegenspieler der Samurai, deren größte Tugend der 'Bushi do' war, der Weg des Kriegers. Ihn ging der Samurai bis zuletzt, er ging ihn aufrecht und mit dem Schwert in der Hand, sei es nun bis zum Tod in der Schlacht oder durch rituellen Selbstmord. 


Ridley Scotts (*1937) Moses geht seinen Weg ebenfalls als Krieger. Er interpretiert die alte Geschichte aus dem zweiten Buch Mose neu, ein wenig eigenwillig zwar, aber durchaus nicht uninspiriert. Allerdings wird der, der einen theologischen oder gar religiösen Film erwartet, herbe enttäuscht. Das beginnt bei Moses berühmtem Stab, äußeres Zeichen seiner ihm durch Gott selbst übertragenen Macht, die sich hier in ein Schwert verwandelt. Ein Schwert zwar, dessen Zwilling der ägyptische Pharao Ramses II. (Joel Edgerton (*1974)) selbst in den Händen hält, dem Mose zu Anfang sogar das Leben rettet, aber eben ein Schwert, ein Mittel zum Töten, das unvermeidliche Utensil des Kriegers. 


Und es endet letztlich bei Gott selbst, der in der Gestalt eines scheinbar sehr emotionalen Kindes erscheint und der das Gottesbild des ersten Testamentes karikiert und persifliert. Denn dieser Gott streitet sich mit dem Pharao, der sich selbst als Gott, als oberster Ordner, begreift, wie es Kinder untereinander tun, die noch keine Einsicht in die Notwendigkeit von Kompromissen haben, die das Zusammenleben erst ermöglichen. Der Kindgott symbolisiert so den „Israelit“, den wörtlich „Mann (Mensch) gegen Gott“, was ursprünglich der Stammvater der Israeliten, Jakob, in Gen 32, 29 quasi als Ehrentitel erhält, da er mit Gott und Mensch gestritten und gewonnen hat. 


Die Plagen erscheinen als logische Verkettung von natürlichen Umständen, die von den Beamten des Pharao auch so begründet werden. Die Todesstrafe Erhängen, ursprünglich als Druckmittel und Einschüchterungstaktik gedacht, richtet sich letztlich gegen den Richter selbst und mutiert in recht eigenwilliger Art und Weise zum Running Gag des Films, über den – skurriler Weise – das Kinopublikum auch noch lachte.


Die Entwicklung, die die Figur des Mose in diesem Film erlebt, kulminiert in dem verzweifelten Aufschrei des Helden am Ufer des Roten Meeres: „Ich bin nicht der für den ich mich hielt!“ Erst das verzweifelte Wegschleudern des Schwertes weit ins Meer löst scheinbar die Reaktion Gottes aus. – Ist es der Gewaltverzicht, die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit? – Ist das das berühmte Stabausrichten über das Meer? – Scott jedenfalls bedient sich der bisher filmisch noch nicht gewählten Variante dieser bekanntesten aller biblischen Dupletten. Er lässt das Meer austrocknen. Es gibt keine Wasserwände, die einen schmalen Durchmarsch lassen, auf dem die Hebräer trocknen Fußes durch das Rote Meer gehen, stattdessen herrscht eine ebbeartige Austrocknung, der Meeresspiegel sinkt mehr und mehr und das bietet Platz für einen actiongeladenen Showdown, in dem Mose den Stiefbruder Ramses noch zu retten versucht, doch die Wassermassen begraben beide unter sich. 


Doch beide – überleben. Ramses letzter Blick, fassungslos, das vom Grunde des Meeres aufgenommene Bild der im Meer treibenden Ägypter und ihrer Streitwagen und Pferde, das stark an den Krieg der Götter (2011) in Tarsem Singhs gleichnamigem Film erinnert, ist opulent, wirkt gewaltig, aber es hinterlässt einen merkwürdig bitteren Beigeschmack, so, als könne man das salzige Meerwasser irgendwie auf den eigenen Lippen schmecken.


Was nun noch folgt ist im Wesentlichen ein fragwürdiger und bibelhistorisch falscher Zusammenschnitt der restlichen Reise. Moses holt seine Familie aus Midian und er meißelt (sic!) die zehn Gebote Gottes am Sinai selbst in die Steinplatten, während das Gottkind ihm Tee serviert. Verfremdungseffekt? Erneutes satirisches Stilmittel? Hommage an das epische Theater Brechts? Es bleibt ein wenig nebulös, weil der Film zum Ende hin überhastet und zusammengestückelt wirkt, ebenso lässt die Schlussszene offen, ob in Scotts Version Mose es nicht doch in das gelobte Land schafft, denn das Gottkind bleibt zurück, während der alte Mose auf einem Planwagen sitzend, in kontemplativer Haltung die Bundeslade bewacht. 


Wer bei Ridley Scott einen frommen Bibelfilm erwartet, ist bei diesem Regisseur definitiv falsch. Dafür hat Scott seine Wurzeln zu sehr im Militärischen. Scott bleibt seinen Stil treu, der sich unverkennbar auch hier ausdrückt. Angefangen bei Alien (1979) und Blade Runner (1982), über Gladiator (2000) und Black Hawk Down (2001) bis hin zu Prometheus (2012) und The Counselor (2013) fügt sich „Exodus: Götter und Könige“ nahtlos in sein Schaffen ein  – im Übrigen sei hier nur mal angeregt, darüber nachzudenken, ob aus christlicher Sicht nicht allein schon der Titel eine Häresie darstellt?  – Moses ist ein Einzelkämpfer wie Ellen Louise Ripley und Rick Deckard, ein klassischer Krieger wie Maximus und ein gebildeter Wissenschaftler wie die Shaws. Auch steckt ein bisschen was vom Counselor in ihm. Und all das verkörpert Christian Bale und oktroyiert seinem Charakter dieselbe innere Zerrissenheit eines Batman auf. Ob nun Moses in Batman reinkarniert ist, oder Batman nur ein neuer Moses ist, muss die Zukunft zeigen. Jedenfalls werden wir uns in Zukunft an völlig neue Lesarten der biblischen Texte gewöhnen müssen – das bedeutet nicht, dass wir es akzeptieren müssen, aber interessieren sollten wir uns wieder dafür – vor allem für die ungeschlagenen Originale.

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