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Freitag, 26. September 2014

Von Weißräumen und Heldenreisen: Weltenbau in der Bundesakademie Wolfenbüttel


„Willkommen daheim“, begrüßt mich Dr. Olaf Kutzmutz (*1965; => Homepage). Dabei lächelt er freundlich und schüttelt mir die Hand. Es ist Samstag, der 20. September gegen vierzehn Uhr dreißig, als ich in der Bundesakademie in Wolfenbüttel eintreffe. Zum zweiten Mal bin ich in die Lessing-Stadt (=> Homepage) gekommen. Bereits im April habe ich hier ein Seminar besucht und darüber auch auf meinem Blog berichtet
 

Olafs Begrüßung – wir sind seit damals per du – kleidet meinen Gemütszustand in Worte: es ist wie ein Nachhausekommen. Das Ambiente der Bundesakademie schafft ein besonderes Flair. Die Atmosphäre vermittelt Konservatives und Modernes gleichermaßen, ist dennoch aber nichts von beidem und erweckt auf anheimelnde Art und Weise den Eindruck von etwas Neuem, Zeitlosem. Ich betrete diese eigenartige, aber doch warme und freundliche kleine Welt gern. Das Gebäude, in dem es viel dunkles Holz gibt, sorgt dafür, dass ich sofort die Alltäglichkeit hinter mir lassen und mich voll und ganz auf den Sinn meines Aufenthalts konzentrieren kann. Und dieser Sinn ist dieses Mal der Weltenbau im phantastischen Roman. 

„Über alle Grenzen hinweg“ setzen sich dann auch die im Vorfeld eingereichten Texte der vierzehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Allesamt sind sie schillernde, verrückte, liebenswerte Charaktere unterschiedlichsten Alters und verschiedenartigster Prägung, „kreative Freaks, Durchgeknallte“, denn sie schreiben, sie erfinden Geschichten, Welten, Charaktere. Einige kennen sich von Seminaren, die sie gemeinsam hier besucht haben. Andere lernen sich erst hier kennen. Sie erschaffen Science Fiction (SF), Fantasy und Öko-Thriller. Alle Spielarten dieser Genres sind vertreten, von der klassischen SF über die Urban Fantasy bis zum Steampunk. Manch einer beherrscht das Schreibhandwerk weniger gut als der andere, dafür stimmt bei jenem die Emotionalität und die Gefühlsebene mehr als beim Gegenüber. Deshalb sind wir ja gekommen, um mit- und voneinander zu lernen: im gegenseitigen Austausch wie in der ehrlichen, konstruktiven Kritik. 

Die in einem Reader gesammelten und im Vorfeld jedem zur Verfügung gestellten Manuskripte sind Auszüge aus Romanprojekten, die sich gerade in Arbeit befinden. Also nicht fertig Lektoriertes, sondern noch teilweise unbearbeitetes Rohmaterial, was gut die Problemfelder aufzeigt, woran jeder Einzelne noch arbeiten muss, wo jeder bessern kann. Es entsteht in dieser Gruppe schnell Sympathie und Respekt vor der Leistung des jeweils anderen. 

Als Dozenten hat Olaf zwei ebenso bekannte Gesichter verpflichtet: Klaus N. Frick (*1963; => Blog), Chefredakteur der Perry-Rhodan-Serie, und die deutsche Schriftstellerin Kathrin Lange (*1969; => Homepage). Beide haben schon mehrfach in der Bundesakademie Seminare geleitet und ergänzen sich durch unterschiedliche Zugänge: wenn Klaus durch die Brille des Redakteurs und Kathrin aus der Sicht der Autorin einen Text beleuchtet, so entsteht eine fruchtbare Kontroverse, die konstruktiv für das Seminar ist. Beiden gemeinsam ist ein immenser Erfahrungsschatz und ein sicher beherrschtes Handwerkszeug. Alles in allem sehr gute Voraussetzungen für eine Dozentur. 

Sie erläutern Begriffe wie Kameraperspektive, szenisches Entkoppeln und Eisbergmodell, spüren dem Sense Of Wonder nach und Kathrins Plotten für Chaoten wird zum unentbehrlichen Hilfmittel. Drei Fragen sollte man zu jeder Szene beantworten können: Was passiert? Was erfährt der Leser? Wie empfindet die Figur? Wenn eine Figur redet und handelt, muss das in einen Absatz? Und was tun, wenn man mit dem Schreiben nicht weiterkommt? Es kann hilfreich sein, einfach einmal zwei bis drei Szenen aus dem hohlen Bauch heraus zu schreiben. Die Schreibblockade ist nichts anderes, als Schreiben im falschen Modus. Denn es gibt grundsätzlich zwei Modi: Zum einen das Drauf-los-schreiben – man fängt einfach an, kennt dabei weder den Schluss noch seine Figuren, und hofft, dass man trotzdem am Ende ankommt – und zum anderen das Planen – man strukturiert den Roman akribisch von vorne bis hinten genau durch, notiert jede Szene einzeln und baut sich alles sozusagen am Werktisch zusammen. Ob man dazu nun moderne Mind-Mapping-Software benutzt oder die guten alten farbigen Karteikarten bemüht, ist dabei völlig gleich. Wichtig ist, dass man seinen passenden Modus findet. 

Dann mutiert das Fantasy-Gelaber zu kreativen Strukturen, die sich gegenseitig bedingen und aus denen sich Geschichten formen. Die von Joseph Campbell (1904-1987) erstmals erforschte Heldenreise (vgl. The Hero With A Thousand Faces, 1949, und u. a. Christopher Vogler (*1949), The Writers Journey, 1997) wird zu einer oft benutzten Grundstruktur. Weißräume, also Umgebungen, Landschaften und Gebiete, in denen sich die Figuren bewegen, über die man nichts erfährt, verwandeln sich in erfahrbare Welten, sowohl haptisch, als auch sensitiv und emotional. 

Leser phantastischer Literatur wollen staunen, träumen, wollen bewusst aus der Realität heraustreten. Eine der festen Regeln, nach denen Genre-Literatur (U-Literatur) funktioniert, ist daher, dass dem Leser die Effekte gegeben werden, die er erwartet. Von klassischen Krimischreibern wie Raymond Chandler (1888-1959) und Georges Simenon (1903-1989) kann man das präzise Beschreiben lernen. Was hat uns damals und packt uns heute bei der Lektüre so dermaßen, dass wir weiterlesen müssen, dass es uns hineinzieht, und wie schaffen wir es, dass es unseren Leser ebenso ergeht? 

Einen Roman zu schreiben, ist wie eine glatte Wand hochzuklettern. Irgendwann muss man einen Haken anbringen, damit man Halt findet. Dieser Haken ist die Szene, an der das Herzblut des Schriftstellers hängt, jene Szene, die er unbedingt in seinem Text haben will. Von dieser Herzblutszene geht es nach vorne und auch nach hinten, je nachdem, an welcher Stelle der Handlung sich diese Szene befindet. Was muss passieren, damit die Herzblutszene funktioniert und wie geht es danach weiter? Welche Informationen sind für den Leser wann wichtig? 

 
Die gemeinsame Arbeit gipfelt am dritten Tag in einer kurzen Schreibaufgabe, die jedem Teilnehmer individuell auf seinen Text zugeschnitten wird, und in wichtigen Informationen zu Verlagen und Agenturen. Eine kurze Sequenz soll überarbeitet, verbessert werden. Welches sind passende Verlage für mein Projekt? Wo liegen die Vorteile von Kleinverlagen und die Nachteile der großen Renommierten? Braucht man unbedingt einen Literaturagenten, braucht man keinen? 

Am frühen Morgen jenes letzten Seminartages erlebt Kathrin noch im Bett einen, wie sie selbst es nennt, gewaltigen Urknall, wozu ihr nach eigenem Dafürhalten die Seminarteilnehmer verholfen haben. Sie findet endlich den Zugang zu einem Projekt, das ihr sehr am Herzen liegt und das ihr seit vielen Jahren nicht gelingen will. Doch Dank dieses Wochenendes steht nun alles mit einem Mal klar vor ihr. Was für ein Fazit, was für ein Ausklang mit kreativem Knalleffekt! Mehr davon! Mehr! Hoffentlich darf ich bald wiederkommen.

 Abschließend noch der Hinweis auf Christina Hackers Blogbericht zum Seminar.

Kommentare:

  1. Ich finde, es ist ein sehr schöner Bericht. Du sprichst mir aus der Seele. Eigentlich kann man jedem Freizeit-Autor nur raten, ein solches Seminar zu besuchen. Man kann nur gewinnen. Danke für die schönen Bilder und das du das Wochende für alle noch einmal zusammengefasst hast.

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    1. Liebe Christina, ich will hier doch auch auf deinen Blogbericht hinweisen, den ich auf für sehr gelungen halte. Den Link dazu poste ich unten in den "Links zu diesem Post".

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