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Samstag, 16. August 2014

Lucy - Ich klage an!

Quelle
 „In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
 Der alle Welt erquickt und auferbaut.“
(Goethe, Faust I, Z.170-173)

1994, ich war gerade zweiundzwanzig Jahre alt und hatte meine Ausbildung beendet, war ein Thema in aller Munde: Scientology, ein aus damaliger Sicht esoterisches Wirtschaftsunternehmen, dass sich selbst den Status einer Kirche gegeben hatte und das den Ideen seines Gründers, des US-amerikanischen Science-Fiction-, Pulp-Fiction- und Selbsthilfe-Autors L. Ron Hubbard (1911-1986; => Homepage) folgte. 

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Damals trat in unzähligen Vorträgen Renate Hartwig (*1948; => Homepage) auf und wetterte gegen diese Organisation, ihr Sachbuch „Scientology – Ich klage an!“, 1994 bei Heyne erschienen, lag damals auf fast jedem Nachttischschrank und geriet nicht ohne Grund zum Bestseller. 2002 beendete sie jedoch überraschend ihre bis dato laute Kritik. 

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Scientology wurde in Europa als Sekte eingestuft und meines Wissens nach wird sie in Deutschland und Frankreich immer noch vom Verfassungsschutz beobachtet. Bald jedoch wurde es ruhiger, man hörte nur noch wenig darüber – Scientology erging es da fast schon ähnlich wie der Krankheit AIDS. Das einzige, was in der deutschen Öffentlichkeit noch ab und an besprochen wurde, war die merkwürdige Affinität vor allem US-amerikanischer Schauspieler zu Scientology. Viele traten und treten offen als Scientologen auf, darunter so berühmte Namen wie Tom Cruise, John Travolta, Kelly Preston, Giovanni Ribisi, Juliette Lewis, Leah Remini, Jenna Elfman, Kirstie Alley, Lisa-Marie Presley, Peaches Geldorf, Jada Pinkett Smith (Ehefrau von Will Smith), aber eben auch der französische Regisseur, Produzent und Autor Luc Besson (*1959), um dessen neuesten Film „Lucy“ es hier geht. Der geneigte Leser möge mir diese lange Vorrede verzeihen, hat sie doch durchaus Sinn, denn sie bildet quasi die Grundlage, auf der meine Kritik des Films zu verstehen ist. Doch gehen wir der Reihe nach vor. 


Da wäre zunächst der Plot, der so lächerlich armselig ist, dass er sich durchaus in die in letzter Zeit zunehmend um sich greifende Volksverdummung oder Volksverschaukelung einreihen lässt: Eine junge Frau namens Lucy, Scarlett Johansson (*1984), die hier leider nicht mal annähernd an ihre schauspielerische Qualität aus anderen Blockbustern anknüpfen kann, gerät in die Fänge asiatischer Drogenexporteure, von denen sie ein Päckchen einer gefährlichen Droge – es handelt sich um synthetisches CPH4 - in den Unterleib eingepflanzt bekommt. Sie soll das Päckchen in ihr Heimatland bringen, wo sie es dann wieder entnommen bekommt und anschließend entsprechend bezahlt werden soll. Durch eine Misshandlung platzt jedoch der Beutel in ihrem Bauch und infiltriert ihren gesamten Metabolismus, was sie allerdings nicht tötet, sondern lediglich ihre Gehirnkapazität Stück für Stück auf einhundert Prozent steigert. Danach rächt sie sich an dem asiatischen Kartell und besorgt die restlichen Pakete der Droge, die auf dieselbe Weise von unterschiedlichen Personen in unterschiedliche Länder transportiert werden. Dies ist die Action-Ebene des Films, die platter und einfallsloser nicht sein kann. 


Nun kommt allerdings die pseudowissenschaftliche Ebene hinzu. Professor Samuel Norman, dargestellt von dem großartigen Morgan Freeman, dessen Talente hier ebenso verschwendet werden, wie die von Johansson, spielt einen Wissenschaftler, der die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns erforscht. In zahlreichen Vorträgen hypothetisiert er wilde Theorien, für die er jedoch den Beleg, den Beweis schuldig bleibt. Als Lucy zu ihm Verbindung aufnimmt, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, genau diese Beweise antreten zu können. Stück für Stück erhöht die Droge die Gehirnkapazität Lucy und als sie die hundert Prozent erreicht, wird sie eins mit der Welt, ist allgegenwärtig, kontrolliert alles, weiß alles. Soweit, so gut. 


Natürlich werden eine Menge Actionszenen eingebaut, der Weg zu den hundert Prozent vollzieht sich in Etappen, genauso wie Lucy erst nach und nach ihre parapsychischen Fähigkeiten erlangt und ihre menschliche Sichtweise der Welt und des Kosmos in eine geradezu göttliche Allmacht verwandelt. Am Ende erhält Norman das gesammelte Wissen Lucys in Form eines stiftgroßen USB-Sticks, dessen Fläche als schwarzes Sternenmeer funkelt. Ähm, ein USB-Stick? Ist das die großartige Technik, die wir mit einhundert Prozent Gehirnkapazität erschaffen können? Das ist doch wohl ein schlechter Scherz, oder?
 
Der Kleber, der dieses vordergründig so interessante Gebilde aus Plot und Pseudowissenschaft zusammenhält, ist die phantastische Science Fiction, die in den Schlafrock einer atheistischen Philosophie gekleidet, daher kommt und sich aus allen möglichen fernöstlichen Weltanschauungen speist. Herauskommt eine krude Mischung, die in ihren Auswirkungen geradezu gefährlich zu nennen ist. Denn diese Theorien über die vermeintlich steigerbare Gehirnkapazität, die heute kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr als auch nur im Ansatz richtig und nachvollziehbar bezeichnen würde, weil sie schlicht und ergreifend Blödsinn sind, steht auch im Buch der eingangs erwähnten Renate Hartwig. Sie haben sogar einen Namen. Hubbard nannte es Dianetik. Und genauso, wie diese scientologische Vorstellung und Lehre den Film wie ein roter Faden durchzieht, so finden sich noch weitere Vorstellungen Hubbards in diesem Film, der somit enttarnt ist als ungeheuer geschickt gemachte Werbeveranstaltung für Scientology. Eigentlich ist das kein Wunder, da Luc Besson schon lange für seine Affinität zu dieser obskuren Gesellschaft bekannt ist. 


Meine eigentliche Kritik gilt allerdings nicht der Werbeveranstaltung für Scientology, sondern dem Missbrauch des Mediums Film als Mittel zur Massenindoktrination. Wie viele Menschen nehmen dieses Pseudowissen ganz unbewusst und ungefiltert in dieser Art und Weise in sich auf? Das muss man sich hier fragen und was löst dieses Wissen auf die lange Sicht gesehen in den Zuschauern aus? Glaubt Scientology wirklich, intelligente Menschen auf diese Art und Weise auf sich aufmerksam machen und an sich binden zu können? Welche Gefahr steckt in diesen Vorstellungen? 


„Lucy“ reiht sich damit in eine Reihe von Filmen ein, die aktuell in den Kinos die Zuschauer mit pseudoreligiöser, unethischer Ideologie vergiften. Ein schlauer Mensch hat einmal den Satz geprägt, dass die größte Leistung des Teufels diejenige gewesen sei, den Menschen weisgemacht zu haben, er würde nicht existieren. Er er ist nichtsdestotrotz immer noch sehr aktiv und präsent. Die einzige Möglichkeit, ihn wirklich zu besiegen, ist ihn und sein Handeln zu ignorieren, ihn nicht wahrzunehmen, denn dann wird er blass und immer blasser, bis er schließlich ganz aus diesem Dasein verschwindet. Oder aber, wir akzeptieren ihn einfach als Bestandteil unseres Menschseins, aus dem wir ja etwas machen sollen, was Lucy am Ende des Films den Zuschauern mit auf den Weg gibt.