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Donnerstag, 10. Juli 2014

„Karl May – Anfang Mai …“ – Ein Round-Table-Gespräch zum neuen Karl-May-Opernexperiment an der Semperoper

Im Büro des Regisseurs: v.l.n.r.: Manfred Weiß, Marcel Beyer, Manos Tsangaris
Wieder einmal hatte mich mein Weg auf den Spuren Karl Mays nach dem Osten geführt. Im Auftrag der Karl-May-Gesellschaft e.V. (=> Homepage) besuchte ich am 5. Juli 2014 um 19:00 Uhr die vorerst letzte Aufführung der neuen Oper „Karl May, Raum der Wahrheit“  von Manos Tsangaris (=> Homepage) auf der Probebühne der Semper 2 in der Semperoper in Dresden. Eine entsprechende Rezension findet man hier. Im Anschluss daran wurde meinem Kollegen Dr. Henning Franke (=> Homepage) von Karl May & Co. (=> Homepage) und mir Gelegenheit gegeben, mit den Machern und Hauptverantwortlichen der Inszenierung ein zirka zwanzigminütiges Round-Table-Gespräch zu führen. Unsere Gesprächspartner waren natürlich der Komponist Prof. Manos Tsangaris, der Librettist Marcel Beyer (=> Homepage) und der Regisseur Manfred Weiß (=> Homepage). Das Gespräch wurde mit einem digitalen Aufnahmegerät mitgeschnitten und für den Abdruck hier von mir verschriftlicht. Bei dieser Verschriftlichung wurden zum Zweck der besseren Lesbarkeit einige sprachliche Formulierungen behutsam angeglichen und einige Passagen sinnhaft gekürzt und eingerichtet. Der Originalton so wie die Inhalte blieben dabei unangetastet.

Peter Wayand: Zunächst einmal vielen Dank, dass Sie ermöglicht haben, dass wir heute hier sein und mit Ihnen dieses Gespräch führen dürfen. Wir haben eine sehr tolle – ich habe mich mit meinem Kollegen dahingehend vorhin kurz ausgetauscht – eine sehr schöne Aufführung gesehen, eine Aufführung, die uns auf der einen Seite tief bewegt auf der anderen Seite aber auch abgeschreckt hat; abgeschreckt nicht im negativen Sinne, sondern wir haben uns gefragt: Was machen die mit unserem May? Meine erste Frage ist vielleicht etwas unorthodox. Sie sind ja in diesem Zusammenhang schon oft interviewt worden. Welche Frage möchten Sie nicht gestellt bekommen?

Marcel Beyer: Manchmal fallen mir da ganz schnell ein paar Sachen ein und manchmal nicht. Hm, welche Frage möchte ich nicht gestellt bekommen … - doch, ich weiß, welche Frage ich nicht gestellt bekommen möchte, nämlich, ob die eine Gattin die Gute ist und die andere die Böse. Wir haben sehr viel darüber diskutiert und immer, wenn sich dann einer stark gemacht und hat gesagt, die Emma Pollmer war aber doch so, hab' ich sofort gegenreagiert und gesagt, aber Ihr müsst doch auch bedenken, die kommt aus denselben Verhältnissen wie er und wenn sie ihm nun nicht quasi pflegende Sekretärin sein möchte, dann ist das doch auch ihr Recht. Oft wird behauptet, die wollte ja nur schön mit der Münchmeyer-Gattin in dem großen Garten spazieren gehen und die große Gesellschaft genießen. Das wollte aber Karl May genauso. Da haben sich zwei gefunden, genauso wie sich dann ja auch in der zweiten Ehe zwei gefunden haben.

Peter Wayand: Sonst hätten sie ja auch nicht geheiratet, sie sind ja auch sehr früh zusammengekommen. Und Sie? Welche Frage möchten Sie nicht gestellt bekommen?

Manos Tsangaris: Ich bin gar nicht so drauf, ich komme eigentlich im Normalfall mit allen Fragen … doch, ich kann Ihnen eine sagen, die ist mir nämlich gestellt worden: Wie klingt denn die Musik so?

Peter Wayand: Herr Weiß?

Manfred Weiß: Jetzt fragen Sie mich auch noch? - Ich würde gerne keine Frage mehr zu Karl May gestellt bekommen, weil wir haben, glaube ich, alle Fragen über Karl May im Laufe der Monate, Jahre und Vorstellungen so ausführlich behandelt, dass das für mich irgendwie … Ich hab' heute auch irgendwie noch einmal ganz neu darauf geschaut. Ich war jetzt in den letzten drei, vier Vorstellungen gar nicht, das war jetzt auch noch einmal ganz anders. Ich hab' das Gefühl, Karl May, damit haben wir uns jetzt so beschäftigt, dass das eigentlich fertig ist.

Peter Wayand: Das kenne ich sehr gut aus der eigenen Tätigkeit. Wenn man einmal ein Thema abgehakt hat, dann will man damit auch in Ruhe gelassen werden. Trotz alledem muss ich jetzt natürlich fragen, weil wir ja von der Karl-May-Gesellschaft e.V. (=> Homepage) und von Karl May & Co. (=> Homepage) kommen, wie ist denn die Idee überhaupt zustande gekommen? Was war die Grundidee, wie kam es dazu, wie ist es initiiert worden?

Manfred Weiß: Die Initiation war vor fünf Jahren ungefähr, als Frau Dr. Ulrike Hessler (1955-2012), unsere mittlerweile verstorbene Intendantin, nach Dresden ging, und klar war, dass ich sozusagen mitging, und wir überlegt haben, was man denn für Projekte machen könnte. Ich hatte damals gerade eine Biographie über Karl May gelesen; mir war dieses Leben nicht so geläufig, und fand das ein tolles Sujet, und …

Dr. Henning Franke: Darf ich fragen, welche Biographie Sie gelesen haben?

Manfred Weiß: Diese von Rowohlt …

Dr. Henning Franke: Ah ja, Sie meinen die ganz Alte von Hans Wollschläger (1935-2007) … (vmtl. Hans Wollschläger, Karl May. Grundriss eines gebrochenen Lebens, Erstausgabe 1964)

Manfred Weiß: Ja, also so ein Ding, wo man sich eigentlich nicht so reinlesen kann, aber wo man so interessiert wurde an der Geschichte. Und ich hab' natürlich Arno Schmidt immer gelesen, da kommt ja Karl May auch immer vor und deshalb fing mich dieser Mensch überhaupt an zu interessieren. Und durch die Nähe Erzgebirge, Radebeul zu Dresden war das natürlich ein Thema, wo man gedacht hat, ja, das ist irgendwie spannend. Ich bin dann auch gleich mal in das Karl May Museum gefahren und dann haben wir drüber gesponnen. Der nächste Schritt war zu überlegen, wen wir denn sozusagen mit so einem Werk beauftragen können. Ich hatte von Marcel Beyer schon mehrere Libretti gelesen und gesehen und fand die wirklich ausgezeichnet und von Manos hatte ich auch schon Sachen gehört und ich dachte, die zwei sind zwei originelle originäre Köpfe, die sich auch mit so einem Stoff befassen können, ohne, dass man Gefahr läuft, dass es sozusagen in die Klischees läuft. So kam das zustande. So haben wir dann angefangen uns zu treffen, darüber zu reden, zu diskutieren, und uns Schritt um Schritt an diese Arbeit heranzutasten und zu trinken.

Manfred Weiß (=> Homepage)

Peter Wayand: Das ist wohl immer so bei solchen Sachen. Jetzt haben wir es ja hier mit neuer Musik zu tun, und neue Musik verbindet man ja automatisch mit Donaueschingen, man verbindet es mit Hans-Werner Henze (1926-2012), wir verbinden das mit Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) und verschiedenen anderen Komponisten, die man zwar heute in Spezialkreise zwar sehr gut kennt, aber die so im Volksmund überhaupt kein Begriff sind. Wie kamen Sie dazu, einen Stoff aus dem „19. Jahrhundert“ mit einer modernen Musiksprache zu bearbeiten? Ich habe eben ganz spontan den Begriff, den ich wahrscheinlich auch als Überschrift für meinen Artikel dazu gefunden: „klangexperimentelles Gedankencluster“. So kam es mir vor, so war mein direkter, erster, spontaner Eindruck. Wie kamen Sie zu dieser Idee, zu sagen, wir machen es jetzt mal ganz modern, wir machen es eben jetzt mal nicht mit konventioneller harmonischer Musik, sondern mit doch schon sehr freitonalen Klangexperimenten?

Marcel Beyer: Ja, das ist nicht nur eine Frage an dich, Manos, das ist auch eine Frage an die Regie. Warum hast du nicht einen Komponisten angesprochen, der schreibt wie, ich weiß nicht, Franz Léhar (1870-1948)?

Manfred Weiß: Wir wussten ja, wie Manos schreibt, also insofern war klar, wenn wir ihn bitten, das zu machen, dass er nicht ins 19. Jahrhundert greift und sagt, da bediene ich mich jetzt und stelle da was zusammen. Das war ja gerade die Idee, dass man sagt: gibt's denn irgendwas, was Karl May sozusagen im 21. Jahrhundert noch mitteilen kann, also, ist da eine Reibung, die stattfinden kann? Und wir haben dann ja auch versucht, im Bühnenbild, in der Szenerie, das 19. Jahrhundert vorkommen zu lassen, damit diese Reibung offensichtlich wird.

Peter Wayand: Das war ja in diesem Zusammenhang für meine Begriffe eine Satire. Das war eine eindeutige Parodie auf diese klassischen Darstellungen. Finde ich auch gut, sonst bringt das nichts. Jetzt werden Sie sicherlich in diesem Zusammenhang schon oft gehört haben: Ja, aber, Leute, das können wir nicht verkaufen, das kriegen wir ja nirgendwo hin, das kauft ja keiner ein, und so weiter. Sagt da nicht der Komponist: Ich schreibe doch für mich, ich schreibe doch so, wie ich will, ich schreibe doch nicht, um es verkaufen zu wollen. Oder?

Manos Tsangaris: Nein, also, das waren jetzt sozusagen noch mal mehrere Fragen in einer. Doch zur ersten würde ich gerne etwas sagen, weil, selbst wenn vielleicht bestimmte Aspekte von Figuren vor allem in ihrer äußerlichen Erscheinungsweise überzeichnet oder bewusst sehr scharf gezeichnet sind, um das mal so zu sagen, war ja für uns alle die Voraussetzung, Karl May als Figur, als Mensch, als Biographie ernstzunehmen. Und das heißt, da hätte sich jede Art von Stilkopie verboten. Das heißt aber auch, nur wenn wir als Personen, als Kunstschaffende im weitesten Sinne mit den Mittel, die wir für uns die seriösesten und für den Gegenstand die angebrachtesten halten, uns dieser Figur nähern, nur dann kommt eben keine Parodie dabei heraus und keine Pseudogeschichte, keine Medienfolien, die übereinander gelegt sind, sondern dann gibt es einen Aspekt … – und ich sage ja ungern etwas über die Musik – vieles klingt erst einmal fremd. Wenn man es dreimal gehört hat, ist es nicht mehr so fremd, dann merkt man, dass es eben auch eine ziemlich bewusst gestaltete Sache ist. Aber ich finde einiges zum Beispiel in der Art und Weise, wie die Sänger agieren, sehr nah an der Empfindungswelt des 19. Jahrhunderts.

Peter Wayand: Eindeutig, ja.

Manos Tsangaris: Und das ist natürlich bewusst gemacht. Wir befinden uns in der Semperoper, da gibt es eine großartige und exponierte Tradition und Umgehensweise, nicht nur mit den Stoffen aus dem 19. Jahrhundert, sondern auch mit der Kunst des Singens, die damit zusammenhängt. Und das haben wir natürlich versucht, uns bewusst zunutze zu machen.

Peter Wayand: Übrigens, richten Sie bitte den Sängern noch unsere Glückwünsche aus. Es war gesanglich eine unglaubliche Leistung – auch was Erik Nielsen, der Dirigent geleistet hat, das habe ich ihm eben auch noch einmal versucht zu sagen, war unglaublich. Es ist unglaublich schwer, so ein, Entschuldigung, vertracktes Zeug zu dirigieren, aber ich finde es unwahrscheinlich schön und dass das ein ganz bestimmtes System hat, auch eine Abfolge hatte, das konnte man sehr klar, gerade in der Inszenierung, erkennen. Was ich sehr schön fand, war diese Vierdimensionalität, so will ich es einmal nennen. Wir haben oben, unten, Mitte, … es war ja keine Verortung möglich, man war irgendwo im Geschehen, das war fast schon episches Theater, wenn man so will, da waren so verschiedene Sachen, die mir sofort gekommen sind. Edukatives war dabei, es war aber auch Ratlosigkeit schaffen, bewusst schaffen, um diese Figur bewusst zu entkleiden, um sich ihr zu nähern, als Mensch, als Geist, ja, als „Gedankencluster“. Wie war es vom Libretto her? Wie haben Sie gearbeitet?

Marcel Beyer

Marcel Beyer: Ich hab' erfahren, dass Ihr beiden Euch darüber schon auseinandergesetzt hattet, das war September 2010. Dann haben wir uns März 2011 das erste Mal zusammengesetzt. Alle haben so vor sich hin gelesen - hast du das schon entdeckt, hast du das, nimm doch nochmal das mit -, Filme angeschaut, usw. Wir haben uns immer wieder getroffen, auch mal mit Valeska Stern, der Dramaturgin, und haben überlegt, was wollen wir eigentlich für ein Stück machen? Worauf wollen wir uns konzentrieren? Und es war ziemlich schnell klar, wir wollten uns auf Karl May als Figur konzentrieren, wir wollten keinen Roman von ihm zu einer Oper werden lassen, das wäre ja genauso möglich gewesen, wir konzentrierten uns auf die Figur. Wir sind alle einzeln bestimmten biographischen Spuren nachgegangen und haben so unsere Entdeckungen gemacht, und haben eigentlich so jeder für sich in unseren Gesprächen alles auf den Tisch geworfen und jeder hat so gemerkt, ah, das könnte ich gebrauchen, das könnte ich gebrauchen, Mensch, das ist aber auch toll, der Fund ist super. Und dann überlegt man sehr lange und immer wieder und dann wars Ende 2012 Anfang 2013 - ich bin ja als Librettist der Erste, der fertig werden muss – dass bei mir so der Punkt kam, ich hab' jetzt genug gelesen, alles, war mir jetzt nicht mehr im Kopf ist oder was mir nicht mehr in den Kopf zurückkommt, muss ich auch nicht weiter recherchieren. Ich hatte natürlich Material ohne Ende und weiß auch, da schlummert noch ganz viel anderes interessantes Material, aus dem man Szenen hätte bauen können, aber das lass ich jetzt alles und fange an zu schreiben. Und das war natürlich auch so ein Rückzug. In dem Moment hab' ich mir auch nichts mehr sagen lassen. Ich muss ja schauen, wie der Text in Gang kommt. Dann hab' ich so März, April, May 2013 den ersten Schub an Textmaterial geschrieben und dann dir gegeben.

Manos Tsangaris: Anfang Mai kam er bei mir an.

Marcel Beyer: Genau. Karl May – Anfang Mai … das stimmt. Und dann haben wir uns wieder zusammengesetzt und über den Text gesprochen.

Manos Tsangaris: Ja, also ich hab' erst einmal den Text – das kann man ja ruhig sagen – intuitiv aufgefasst. Weil, so geht das auch als Erstes. Hab' mich dann aber auch bei einzelnen Sachen gefragt, wie kann er das denn jetzt …, wo hat er das denn jetzt her geklaubt, sozusagen, und dann haben wir uns einen Vormittag zusammengesetzt und ich konnte auf jede Stelle zeigen und fragen, wo kommt das denn überhaupt her? Weil manche Sachverhalte und manche Zusammenhänge aus der Zeit mir nicht unbedingt klar waren. Vor allem in der Form.

Marcel Beyer: Ich fand es dann auch so interessant, nicht nur über Karl May Dinge herauszufinden, sondern auch zu schauen, in was für einem gesellschaftlichen, künstlerischen und auch medialen Umfeld hat der eigentlich gearbeitet? Ich weiß, dass er in die Semperoper gegangen ist, ich weiß, er ist ins Staatsschauspiel gegangen, und dann frag' ich mich jetzt, wird der älter, will er keine Reiseerzählungen mehr schreiben, und parallel dazu kommt der Film als Medium auf. Der Film ist von Anfang an ein Massenmedium für alle Stände, ob sie lesen und schreiben können oder nicht, für die ganz Alten, für die ganz Jungen, und da hab ich dann also so ein Konstrukt aufgebaut, das ist also die große Konkurrenz. Der Film wird die große Konkurrenz dafür sein, dass man quasi unter der Bettdecke nächtelang liest.

Peter Wayand: War auch sehr schön zu sehen in der Inszenierung, übrigens, diese filmischen Elemente. Da war sehr viel Filmregiemäßiges darin und sehr viel auch, was man vom Kunstfilm her kennt. So ein bisschen Anlehnung an … – ich weiß nicht, kennen Sie den Film von Hans-Jürgen Syberberg (*1935; => Homepage)? Mit Sicherheit?

Marcel Beyer: Ihr habt den alle gesehen. Ich muss zugeben, ich hab' nach zwanzig Minuten ausgemacht.

Manfred Weiß: Er ist ziemlich schwer auszuhalten, ja.

Peter Wayand: Ja, er ist ganz, ganz schwierig zu sehen, aber wenn man es schafft, man es durchhält, dann ist dieser Film in der Oper vorhanden. Man findet ihn in der Art, nicht in den Inhalten, in der Machart, da haben wir auch die Frauen, wir haben auch diese Konzentration, wo natürlich auch die Anwälte noch dazukommen, usw. Gut, wir haben jetzt eine Viertelstunde geredet, wir haben gesagt, eine Viertelstunde wollten wir machen, nicht länger. Letzte Frage vielleicht: Wie sieht die Zukunft dieses Werkes aus aus Ihrer Sicht? Wird es weitere Aufführungen geben, z. B. In Donaueschingen? Sie haben ja da Karl-May-Jahr und das Karl-May-Verlagsjahr verpasst, weil das war ja 2012 und 2013. Wie sieht es da aus? Was haben Sie geplant? Ich meine, es wäre schade, wenn das jetzt in der Versenkung verschwinden würde und das nicht irgendwie weitervermarktet würde.

Manfred Weiß: Also es wird jetzt erst einmal verpackt und kommt bei uns in den Fundus und wir werden es mit Sicherheit in der nächsten Spielzeit nicht spielen können. Das hat jetzt theaterinterne Gründe, aber wir hoffen, dass wir in 2016 eine neue Spielstätte bekommen, wo wir einfach mehr spielen können. Im Moment ist der Ort, den Sie jetzt heute Abend erlebt haben, eigentlich eine Probebühne, in die wir uns sozusagen immer wieder mit Vorstellungen hineinmogeln, und ich hoffe sehr, dass, wenn wir diese neue Spielstätte haben und öfter spielen können, dass wir das Stück dann auch noch mal hervorholen. Das würde ich mir sehr wünschen, aber das wird sicher ein bis zwei Jahre dauern. Und bis dahin müssen wir irgendwie schauen, dass wir mit den Neuproduktionen, die wir machen, diesen Ort noch bespielen können, aber wenn wir so einen Ort für uns selber haben, wo wir sagen, da kann man Repertoire spielen, weil, da kann man was stehen lassen und kann aber trotzdem in einem anderen Ort proben usw., dann ist das einfacher.

Peter Wayand: Ich will nur einen Hinweis geben: Wir haben in 2015 den nächsten großen Karl-May-Kongress. Wir haben ja im letzten Jahr, im Oktober 2013 den Karl-May-Kongress hier in Radebeul gemacht, der Nächste wird stattfinden in Bamberg, auch eine Karl-May-Stadt insofern, weil der Karl-May-Verlag dort sitzt. Ich könnte mir gut vorstellen, das müsste man mit den entsprechenden Stellen abklären, dass man im Rahmen dieses Kongresses eine Aufführung machen könnte. Da gibt es mit Sicherheit in Bamberg Möglichkeiten, die haben ja auch ein großes Theater – das wäre auch eine Möglichkeit, dass man dann mal mit denen spricht. Wäre das für Sie interessant?

Manfred Weiß: Natürlich, ist die Frage, ob man das hinkriegt, da sind immer viele Faktoren drin, wäre natürlich eine tolle Gelegenheit.

Marcel Beyer: Wäre super!

Manfred Weiß: Da sind lauter Karl-May-Spezialisten, die sich das ansehen, das wäre natürlich fantastisch.

Peter Wayand: Auch Leute von richtig hohem Rang. Wir haben ja jetzt vor kurzem erst das Stück mit Andreas Wellano (*1948; => Homepage) als Karl May, ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben, Wellano hat quasi ein Solostück gespielt, Birgitta Linde hat das Stück geschrieben, es heißt „Durchgeritten. Alles von Karl May“, sehr schön gemacht. Ich habe die Uraufführung in Frankfurt-Höchst gesehen und auch rezensiert, von daher kannte ich das Stück und das wurde dann im Rahmen des Karl-May-Festes in Radebeul dort noch einmal gegeben. Gut, es war jetzt nicht viel Aufwand, es waren nur zwei Leute, aber eine Bühne musste her, aber es war noch einmal eine tolle Sache, die Leute haben sich sehr gefreut, und vielleicht sollten wir da in Kontakt bleiben, und sollten …

Manfred Weiß: Auf jeden Fall, wenn es eine Chance gibt, das zu machen, würden wir das natürlich gerne machen, klar.

Peter Wayand: Ich würde das gerne den entsprechenden Stellen vortragen und sie werden das ja auch durch dieses Gespräch hier mitbekommen und ich werde das an die entsprechenden Stellen einfach mal herantragen und werde sagen, hier Leute, das wäre was für uns.

Manos Tsangaris: Also wir haben ja einen Verlag, der sich ziemlich gut kümmert um diese Sachen, Edition Peters, und die haben sich bei mir gemeldet, ohnehin, hinsichtlich – ich treff' die irgendwann Ende Juli – hinsichtlich, was passiert jetzt damit.

Dr. Henning Franke: Ich hätte auch noch einen Hinweis auf 2015, das wird keine Aufführung dann sein, aber gerne noch mal so ein Round-Table-Gespräch wie hier, vielleicht sogar mit der Dramaturgin noch dazu. 2015 ist ja dann doch noch mal ein Jubiläum, das dreißigjährige Bestehen des Karl-May-Hauses Hohenstein-Ernstthal als Museum. Ich bin im wissenschaftlichen Beirat da auch, und der Vorsitzende – der wissenschaftliche Beirat war meines Wissens bei der Premiere und hat mit Ihnen sogar schon gesprochen – und danach kam eben die Idee auf, ob wir zu der Wiedereröffnung des Hauses, also es wird demnächst auch zugemacht, damit innendrin auch alles renoviert wird, wann immer das 2015 dann sein wird, ob es dann wie geplant zu dem Karl-May-Fest in Hohenstein-Ernstthal, das ist immer im Mai, klappt oder erst später im Jahr wird, das wird sich alles erst ergeben, aber wann immer es soweit ist, wäre es ganz toll, wenn wir so ein Round-Table mit Ihnen machen könnten.

Manfred Weiß: Ja, jederzeit gerne.

Manos Tsangaris (=> Homepage)

Dr. Henning Franke: Wunderbar, ja, dann sollten wir dazu auch in Kontakt bleiben. - Ich hätte vielleicht doch noch eine interpretatorische Frage, sozusagen. Die drei Karl Mays, die sie haben, also der eine, den fand ich ja auch physiognomisch sehr ähnlich, das war sozusagen Karl May. Der Alte, das ist ja nun auch mal was ganz Besonderes, der hat mir auch als Kontrastfigur sozusagen oder als Zusatzfigur sehr eingeleuchtet, der, ich sag' mal mittlere Karl May, also, was hat mir der jetzt nochmal geben sollen?

Marcel Beyer: Wir haben einen alten Karl May und einen jungen Karl May, wobei das jetzt gar nicht so zu verstehen ist, dass der eine zwanzig und der andere sechzig Jahre alt ist, sondern unsere Idee war eigentlich, dass der Junge der auf der Höhe seines Ruhmes ist und der Alte, hm, … alt ist er, sobald es bergab geht.

Dr. Henning Franke: Sobald die kritischen Fragen kommen …

Marcel Beyer: Also eigentlich nach der Orientreise. Das ist jetzt kein biologisches Alter.

Dr. Henning Franke: Genau, ab da ging es ja los.

Marcel Beyer: Das ist jetzt kein biologisches Alter, aber er fängt auch selber an, zurückzuschauen. Vorher hat er voller Freude sich ein Leben fantasiert und nach der Orientreise geht das los, dass er eigentlich gezwungen ist, seine Vergangenheit zu verändern.

Peter Wayand: Sie wissen ja, dass er nachgewiesenermaßen an der Pseudologia phantasica litt, dem sogenannten Münchhausensyndrom, d. h. Er konnte Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten. Und das ging eigentlich 1898 los schon mit dem Band „Am Jenseits“, mit dem er also die klassischen Reiseromane verlässt und dann kam sozusagen der Praxisschock, nachdem er dann auch wirklich dort war, er hat ja dann 1899/1900 die erste große Orientreise gemacht, …

Marcel Beyer: Entschuldigen Sie, Sie sind schon lange Karl-May-Fan, die erste große Orientreise? Wann fand die zweite große Orientreise statt? Es gab eine (sic!) Orientreise!

Peter Wayand: Gut, zugegeben, dann sage ich die erste Auslandsreise. Sagen wir, die erste große Auslandsreise, die zweite war ja dann 1907/1908 nach Laurence/Massachussets, nach Amerika, und danach war dann der Praxisschock total vorhanden.

Marcel Beyer: Ja, vielen Dank. Der Dritte heißt bei uns „Karl May spricht:“ und man sieht ja, am Anfang stellt er ohne zu sprechen Karl May in seiner Sträflingszeit dar, die anderen beiden Karl Mays reagieren auf ihn und er übernimmt eigentlich so verschiedene Aufgaben, aber gedacht war er ja immer als der Karl May von den dreien, dem man wirklich Glauben schenken kann.

Dr. Henning Franke: Ja, genau. Der wirkte auf mich ja auch schon physiognomisch dem echten Karl May so ähnlich, was man so an Fotografien hat, das ist auf alle Fälle der Karl May, dem man Glauben schenkt, das ist klar. Absolut. Die anderen sind die, die sich stilisieren. In der Heldenrichtung, wie auch dann in der philosophisch-überhöhten Richtung. Ja, super, prima.

Peter Wayand: Gut, dann sag' ich Danke schön, …

Dr. Henning Franke: Das mit der Pseudologia, also auch noch einmal Kompliment, wie Sie das mit den Masken des Chores …, als der Dr. med. Heilig und wie sie alle hießen, wie sie einer nach dem anderen, eine falsche Identität nach der anderen einmarschiert sind, also auch ein großes Kompliment für die, die es gemacht haben.

Peter Wayand: Überhaupt auch die Stimmen hinter der Bühne, weil Klara May hat ja später erzählt, dass May immer, wenn er allein gewesen ist, mit seinen Figuren gesprochen hat als seien sie tatsächlich vorhanden, als ob sie da wären. Und das hat mich sofort daran erinnert.

Manfred Weiß: Ich glaube, das wird ein Fest, wenn wir beim Karl-May-Tag auftreten.

Marcel Beyer: Als was gehst du denn?

Manfred Weiß: Ich habe ja noch ein Jahr Zeit, mir das zu überlegen.

Das Gespräch endete, wie es auch geführt worden war, mit einem fröhlichen Grundton, der sich durch viel Lachen und gute Laune auszeichnete. An dieser Stelle noch einmal meinen herzlichsten Dank an alle Beteiligten.
 
 

Klangexperimentelles Gedankencluster – Manos Tsangaris' Karl-May-Oper „Raum der Wahrheit“ in Dresden


„Legt es opernhaft an, denn die beste Form, um extreme, übermenschliche Gefühle auszudrücken, ist die Oper!“, soll der berühmte US-amerikanische Komponist, Dirigent und Pianist Leonard Bernstein (1918-1990; => Homepage) einmal sinngemäß gesagt haben. Extreme, übermenschliche Gefühle, ja, aber ist die Oper auch die beste Möglichkeit, um freie, überbordende und überschäumenden Gedanken und Gedankenfetzen zum Klingen zu bringen? Um diese Kernfrage kreist das neue Experiment, das, im Auftrag der Semperoper (=> Homepage) in Dresden in den vergangenen Wochen auf der Probebühne von Semper 2 gewagt worden ist. Drei namhafte Initiatoren setzten sich zusammen, um ein äußerst idealistisches Projekt ins Leben zu rufen, nämlich die erste Oper der Musikgeschichte, die sich mit dem sächsischen Volksschriftsteller Karl May (1842-1912) auseinandersetzt unter dem Titel: „Karl May, Raum der Wahrheit“
 


„Wir wollten keinen Roman von May zur Oper werden lassen“, erinnert sich der Lyriker, Essayist und Romancier Marcel Beyer (*1965), der das Libretto schrieb, an die Anfänge, „wir wollten uns auf ihn als Person konzentrieren.“ Zu dem Wir gehören noch der verantwortliche Theaterregisseur, Autor, Dramaturg und Schauspieler Manfred Weiß (*1958; => Homepage), die Dramaturgin Valeska Stern und natürlich der Komponist, Musiker, Installations- und Performancekünstler und Lyriker Manos Tsangaris (*1956; => Homepage), den man mit der musikalischen Umsetzung des Librettos beauftragt hatte:  „(...) selbst wenn vielleicht bestimmte Aspekte von Figuren vor allem in ihrer äußerlichen Erscheinungsweise überzeichnet oder bewusst sehr scharf gezeichnet sind, (...), war ja für uns alle die Voraussetzung, Karl May als Figur, als Mensch, als Biographie ernstzunehmen. Und das heißt, da hätte sich jede Art von Stilkopie verboten.“ Noch unter der Federführung der ehemaligen Intendantin der Semperoper, Frau Dr. Ulrike Hessler (1955-2012), begann also die Gruppe bereits 2010 mit der Umsetzung des Werks, dass von vornherein als sehr gewagt eingestuft wurde. Erstens ist das Thema „Karl May“, trotz der räumlichen Nähe zu Radebeul und zum Erzgebirge in dieser Form noch nie angegangen worden, zweitens ist die künstlerische Umsetzung, sowohl vom Libretto als auch von der Partitur her sehr avantgardistisch. Dem Zuschauer und Zuhörer wird zugemutet, die gewohnten Seh- und Hörgewohnheiten gänzlich aufzugeben und sich auf ein zirka einstündiges fünfdimensionales Erlebnis einzulassen, was aber gerade durch seine extravagante Ungewöhnlichkeit in seinen Bann zu ziehen weiß.
 



Bühne und Zuschauerraum bilden eine quadratische Einheit. In der Mitte sitzt ein dünn besetztes Kammerorchester. Ringsherum sind Bühnenteile in unterschiedlichen Höhen gebaut, so dass sich der Eindruck einer unebenen Landschaft, ja, man ist fast versucht, von Kraterlandschaft zu sprechen, aufdrängt. An der Decke darüber ist eine gerahmte Leinwand gespannt, die, mal mit Schwarzlicht, mal ergänzenden historischen Filmausschnitten und Bildern des Bühnengeschehens, vor allem dessen, was am Schreibpult verfasst wird, das Geschehen konterkariert und so wie ein Dimensionsbrecher wirkt: Diesseits Ardistan, jenseits Dschinnistan und das Bühnengeschehen als die Geisterschmiede von Märdistan. Um diesen Bühnenaufbau herum sind die Stuhlreihen für das Publikum angeordnet. Wer nun hinter diesen Stuhlreihen eine Wand vermutet, der irrt sich allerdings gewaltig, denn jenseits der gewaltigen, mit wildromantischen Naturdarstellungen Nordamerikas bemalten Stoffbahnen gibt es noch eine Welt, eine mystische Welt der Geister, die sich ständig bemerkbar macht. Der Chor bewegt sich nämlich hinter diesen Stoffwänden und singt und spricht aus dem Off, also quasi eine Adaptation einer Filmtechnik für die Theaterbühne, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Choristen übernehmen diverse Standrollen, die als Stilleben hinter der Kulisse gestellt und geisterhaft in manchen Szenen punktuell durch den Stoff sichtbar werden.
 



Der Chor, der angelehnt an die aristotelische Dramentheorie sich kommentierend und wertend dem Geschehen auf der Bühne widmet, agiert sowohl hinter den Kulissen als auch davor auf den Bühnenteilen, wo sich insgesamt fünf Darsteller ihren Rollen widmen. Es gibt gleich drei Karl Mays, einen jungen (Rainer Maria Röhr), einen alten (Julian Arsenault) und einen, der schlicht mit „Karl May spricht/schreibt“ bezeichnet wird (Julian Mehne). Diesen Reigen ergänzen prächtig die beiden Ehefrauen Mays, Emma Pollmer (Julia Mintzer) und Klara Plöhn (Romy Petrick). Diese fünf Sänger agieren rein klassisch in der Verwendung ihrer Stimmen, eine Reminiszenz an die große Gesangstradition der Semperoper, die den „Raum der Wahrheit“ dann doch in eine gewisse zeitliche Nähe zum 19. Jahrhundert rückt, wobei es allerdings dann auch bleibt, denn das Orchester, das unter der hervorragenden Leitung seines Dirigenten Erik Nielsen steht, schöpft alle Mittel der sogenannten neuen Musiksprache aus. Wer hier schwungvolle Melodien und eine harmonische Klangstruktur erwartet, ist fehl am Platz, vielmehr bestechen die Musiker durch das Erzeugen von Geräuschen und Klangclustern, die das Geschehen wunderbar illustrieren und einen dramaturgisch wichtigen und spannungserzeugenden Kontrast zu den rein klassischen Solostimmen bilden – eine notwendige und produktive Reibung. Eine überragende Leistung von Sängern und Musikern, ein großes Lob an alle Beteiligten und vor allem den musikalischen Leiter, der es durch sein ruhiges, besonnenes Dirigat immer wieder versteht, dieses schwierige, vertrackte Zeugs zu meistern und zu wunderbarem Bühnenleben zu erwecken.
 


Dem Zuschauer bleibt im Rahmen dieses Bühnengesamtkonzepts eine Verortung des eigenen Selbst versagt. Länge, Breite, Höhe, Zeit und Transzendenz verschwimmen zu einem transdimensionalen Cluster, in dem das Publikum absolut integriert als pars pro toto mitspielt. Der „Raum der Wahrheit“ oder vielmehr der Raum, in dem sich Wahrheiten abspielen, Wahrheiten stattfinden, Wahrheiten gesucht und gefunden werden, weist, trotz Verschmelzung von Realität und Fiktion mit unverhohlenem Zeigefinger in die Zukunft des Theaters und Musiktheaters. Wenngleich der May-Kenner nichts wirklich Neues erfährt, keinerlei neues Licht auf seinen verehrten Schriftsteller geworfen sieht, so wird ihm doch drastisch Mays Schwäche und seine psychische Problematik vor Augen geführt. Wie sieht es in einem pseudologischen Phantasten aus? Wie fühlt ein Mensch, der Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten kann? Befindet sich dieser Mensch nicht in einem andauernden Zustand der inneren Auflösung, des ständigen Verlusts von Grenzen und bewussten Übergängen? Wie empfindet er sich im linearen Zeitstrom der eigenen Existenz selbst? Begegnet er der eigenen Vergänglichkeit und auch der trügerischen Verblendung eines auf Selbstäuschung aufgebauten Erfolgs?
 


Konsequent ist dann das kurze Libretto von Marcel Beyer, dessen Prägung durch Friederike Mayröcker (*1924), über die er auch seine Magisterarbeit geschrieben hat, unverkennbar ist, auch ohne Handlung. In zwölf Bildern konfrontiert der Autor in Verbindung mit der Musiksprache den Rezipienten mit verschiedenen Grundkonzepten des May'schen Schriftstellerlebens – oder sollte man besser sagen Schriftstellerdaseins? Der Kreislauf von Leben und Sterben, der Sprachverlust des alten May und der neologistische Erfindungsreichtum des jungen Autors, die Phantasmen der großen Pläne, die May immer wieder schmiedet, die Old-Shatterhand-Legende, sächsische Séancen und der darin zum Ausdruck kommende Hang zum Spiritismus – im übrigen ein Phänomen der Zeit, nicht nur der May'schen Biographie, der zum Beispiel auch der britische Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930), der Erfinder Sherlock Holmes' anhing – die grausamen, lebenszerstörenden Angriffe auf den alten Mann, den Publikumsliebling, die Auslandsreisen in den Orient und nach Nordamerika, die damit verbundene Konfrontation mit der historischen Wirklichkeit und schließlich das Aufkommen des neuen Mediums Film als große Konkurrenz zum Buch sind die Themen des Textbuchs, das in der Gestalt eines großen dramatischen Gedichts daherkommt. Allerdings nicht als lyrische Reminiszenz auf das 19. Jahrhundert, sondern als kurze, im wahrsten Sinne des Wortes „verdichtete“ aus einzelnen Worten und verknappten Satzteilen bestehendes Sprachcluster. Modern, gewagt, avantgardistisch, mutig, aber genialisch und zukunftsweisend.
 



Das Libretto wurde dann auch komplett dem hübsch und mit viel Verve erstellten Begleitheft beigegeben. Und dieses Heft ist ein kleines Kunstwerk für sich. Eigentlich ein riesengroßes Faltblatt, doppelseitig bedruckt mit vielen wichtigen Informationen in unterschiedlicher Druckanordnung. Eben ein Spiegelbild der Stück-, Bühnen-, Regie- und Musikomposition.
 
v.l.n.r.: Manfred Weiß (Regie), Marcel Beyer (Libretto), Manos Tsangaris (Komposition)


Im Anschluss an dieses außergewöhnliche Musiktheatererlebnis traf man sich noch zu einem kurzen Interviewgespräch am runden Tisch. Die Mitschrift dieses Gesprächs mit den „originellen, originären Köpfen“, den Machern und Erfindern dieser ersten Karl-May-Oper, ist hier nachzulesen.


Was bleibt am Ende noch zu sagen? Die Semperoper hat mit der Verwirklichung dieses Projekts ein großes Wagnis auf sich genommen, ein finanzielles Risiko, denn die Oper wird mit Sicherheit kein Publikumsliebling werden. Jedenfalls noch nicht in der heutigen Zeit. Zu speziell ist das Thema, zu ungewöhnlich und eigen die musikalische Umsetzung. Das Gros der üblichen Opernbesucher wird mit einem solchen Werk wenig anfangen können, da gibt es keine Ohrwürmer, keine den Ohren schmeichelnden Harmonien, keine Katharsis auslösende dramatische Handlung. Es ist intellektuelles Musiktheater, ein Stück, zu dessen Verständnis Hintergrundwissen bitter nötig ist und selbst eingefleischte Fachleute müssen sich intensiver damit befassen um entsprechende Ansatzpunkte zu entdecken. Aber das Gesamterlebnis ist ein alle Sinne ansprechender, transdimensionaler, transmedialer Genuss für all jene, die die Bereitschaft mitbringen, sich darauf wirklich offen einzulassen. Und ihrer möge es in Zukunft noch viele geben, denn verdient hätte es das Stück, aber es wird wohl das Schicksal vieler solcher moderner Arbeiten ereilen, nämlich eingepackt im Fundus vergessen zu werden. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zuletzt – oder nie, wie Karl May.

(Anmerkung: DRESDENEINS.TV hat einen vierminütigen Bericht zur Oper gebracht. Dieser kurze Filmbeitrag konnte nicht direkt in den Blog eingebettet werden. Daher hier der Link. Da ich nur vor und nach der Aufführung Fotos schießen durfte, gibt es hier leider keine Szenenfotos. Diese können aber in einer kleinen Auswahl direkt auf der Internetseite der Semperoper eingesehen werden. Hier geht es direkt zur Premierendetailansicht.)