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Sonntag, 15. Juni 2014

„Lächerlich, absurd, detailmanisch“ – Sibylle Lewitscharoff las in Bad Ems

Sie waren mit großen Erwartungen nach Bad Ems gekommen, eine kleine verschworene Gruppe, die zum größten Teil aus Senioren bestand. Und vielleicht war genau das bereits ihr erster Fehler, nämlich dass sie überhaupt Erwartungen gehabt hatten. Verständlich war es allemal, denn es hatte sie ein großer Name in die Stadt an der Lahn gelockt, Sibylle Lewitscharoff (*1954; => Verlagsseite), eine mehrfach preisgekrönte deutschsprachige Gegenwartsautorin, die im letzten Jahr sogar den Georg-Büchner-Preis (=> Homepage) erhalten hatte, wovon Prof. Dr. Georg Langenhorst (*1962; => Homepage), der Moderator des Abends, behauptete, dass es kein Zufall, sondern absolut verdient gewesen sei. Doch was dann folgte, war gelinde gesagt, eine Enttäuschung. 

 
Unter dem Titel „Neues von der Gottsucherbande: Spiegelungen von Religion im Werk von Sibylle Lewitscharoff (Georg-Büchner-Preisträgerin 2013)“ hatten die Bistümer Limburg, Trier und Mainz – im übrigen eine außerordentliche Kooperation – im Rahmen des Lahnfestivals „Gegen den Strom“ zu einem Studientag mit Autorenlesung nach Bad Ems (=> Homepage) eingeladen.


Der Veranstaltungsort, das Künstlerhaus Schloss Balmoral (=> Homepage) lag versteckt, etwas zurückgesetzt, sozusagen in zweiter Reihe, auf der in Fließrichtung linken Seite der Lahn. Nicht wirklich leicht zu finden, aber durchaus elitär im Anspruch und in der Wirkung, eine dreigeschossige Villa im erlesensten spätklassizistischen Stil.

Franziska Tischbein



Die Autorenlesung war für 19:00 Uhr angesetzt. Eingerahmt wurde sie von zwei Klavierstücken, einmal „A la Albeniz“ (1952) vom zeitgenössischen russischen Komponisten und Pianisten Rodion Shchedrin (*1932) und zum Abschluss die Stücke Nr. 12 „Kind im Einschlummern“ und 13 „Der Dichter spricht“ aus den Kinderszenen op. 15 (1838) von Robert Schumann (1810-1856). Vorgetragen wurden die musikalischen Beiträge von Franziska Tischbein (*1994), einer Schülerin des St. Petersburger Klaviervirtuosen Vadim Palmov (*1962) und Stipendiatin der katholischen Begabtenförderung Stiftung DEY




Tischbeins Spiel war, dem darf schon einmal vorgegriffen werden, der einzige Lichtblick an diesem Abend. Man hat selten das Glück, eine Pianistin zu erleben, die nicht nur über eine hervorragende Technik verfügt, sondern vor allem die Stücke, die sie interpretiert, auch lebt. Es war wirklich echte und wahre Musik zu hören, die gottlob durch das Herz in die Finger floss, bevor sie erklang. Sie wird, wenn sie so weitermacht, eine der ganz Großen werden, jedenfalls hat sie das Zeug dazu.


Nicht so die Autorin. Klein, etwas gedrungen, mit hängenden Schultern und herabgezogenen Mundwinkeln, betrat sie in Begleitung von Prof. Langenhorst den Raum. Allein schon dieser Auftritt ließ es nicht zu, dass eine irgendwie geartete Sympathie für die Autorin aufkam. Als sie es sich dann, nach einer kurzen Einführung Langenhorsts, als ersten Satz, den sie überhaupt sprach, verbat, während der Lesung fotografiert zu werden und den Videomitschnitt im Auftrag des Eulenfischs (=> Homepage) verbot, mit dem Hinweis, auf so etwas müsse man einen Schriftsteller vorher ausdrücklich hinweisen, erzeugte das schon das erste Murren im Auditorium. Überhaupt war der Veranstaltungsraum – es waren eigentlich zwei Räume, die durch einen breiten Durchlass miteinander verbunden waren – wenig geeignet für eine solche Veranstaltung. Da hätte man eine geeignetere Location, wie das so schön neudeutsch heißt, finden können und müssen. 



Nun gut, man könnte argumentieren, dass eine Autorin ja auch nicht unbedingt sympathisch sein muss, immerhin sind es ihre Texte, die begeistern und für sie einnehmen sollen. Aber nichtsdestotrotz sollte der Mensch hinter den Texten sich nicht unbedingt medienfeindlich geben und mit einem sauren Gesicht, Vorwürfen in den Augen und Arroganz in der Haltung geradezu in Reinkultur Antiwerbung für seine Kunst betreiben.



Sie las zwei kurze (sic!) Passagen, zum einen aus dem vielbeachteten und rezipierten Roman „Blumenberg“ (2006; => Verlagsseite) und zum anderen aus der nagelneuen Erzählung „Pong redivivus“ (2014; => Verlagsseite), der Fortsetzung des ersten großen Erfolgs „Pong“ (1998). Ihr Vortrag zeichnete sich durch ein geradezu nerviges, gehetztes Lesen aus, teilweise monoton leiernd, um eine tonale Mitte kreisend, teilweise mit überzogener, unangepasster Dramatik, die dem Text zu keiner Zeit innewohnte. Ihre Texte, zumindest die an diesem Abend zu Gehör gebrachten, sind von beschreibender, meditativer Natur, die in Verbindung mit der unangenehm dialektgestörten Lesart entweder geradezu einschläfernd wirkte oder zu einem unruhigen Herumrutschen auf dem harten Stuhl, auf dem man saß, führte. Nicht jeder Autor kann seine eigenen Texte auch wirkungsvoll vortragen, das wissen alle, nur die wenigsten haben die Größe, das auch zuzugeben und es in andere Hände zu legen. 



Nun, literaturwissenschaftlich gesehen muss man natürlich die Frage stellen, worin die Aktualität der literarischen Formen Lewitscharoffs liegt. Sie benutzt eine ungeheuer metaphernreiche, detailversessene Sprache, die zwar hochkarätig intellektuell wirkt, teilweise für die heutige Zeit aber gerade deswegen antiquiert ist, eben eine Sprache, mit der sie nur noch ein sehr kleines Publikum erreicht, eine Sprache, die sich selbst mittlerweile überlebt hat. Thematisch bringt sie auch nichts wirklich Neues. Ein literarisches Buch – im übrigen, wann ist ein Buch rein literarisch? Zeichnet sich nicht gerade die moderne deutschsprachige Literatur dadurch aus, dass sie unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen miteinander vereint und aufs Papier bringt? – über eine Person zu schreiben, die tatsächlich existiert hat, ist doch nun wirklich ein alter Hut. Man denke da nur an Felicitas Hoppes (*1960) Roman „Hoppe“ (2012 => Verlagsseite) oder Wolfgang Hildesheimers (1916-1991) „Marbot“ (1981; => Verlagsseite), der meines Erachtens nach wesentlich gehaltvoller und qualitativer ist als „Blumenberg“. Und eine Realsatire wie „Pong“ oder „Pong redivivus“ findet sich auch wesentlich häufiger, man denke z. B. an Juli Zehs (*1974; => Homepage) Werke. 



Die Berufung auf den lateinamerikanischen „magischen Realismus“, dem sie viel näher stehe als dem deutschen Nachkriegsrealismus, kann hier auch nicht greifen, weil der Einbruch des Phantastischen, des Unwirklichen in die Realität, sieht man mal von Franz Kafka (1883-1924) ab, in der Phantastischen Literatur und in der Science-Fiction wohl wesentlich besser seinen Platz findet. Und ihre Meinung über zeitgenössische Kollegen wie Peter Stamm (*1963; => Homepage) oder Daniel Kehlmann (*1975; => Homepage) sei an dieser Stelle besser unterschlagen oder mit ihrer eigenen Metapher aus dem Englischen kommentiert: es sei eben einfach nicht „her cup of tea“. Wer sich nun gerne selbst eine Meinung von Lewitscharoffs doch recht umfangreichen Äußerungen machen möchte, dem sei an dieser Stelle die Verschriftlichung des Gesprächs mit Georg Langenhorst auf diesem Blog wärmstens ans Herz gelegt.



Summa summarum also ein unschönes Fazit, leider: Lächerlich, absurd, nicht mehr nur detailverliebt, sondern geradezu detailmanisch waren die dargebotenen wenigen Textauszüge und die Tatsache, dass einer solchen Autorin, die antiquierte Meinungen und gesellschaftliche Positionen vertritt und die sich noch nicht einmal einer politisch korrekten Ausdrucksweise bedienen kann – man rufe sich bitte ihre äußerst umstrittene Dresdener Rede in Gedächtnis – noch Literaturpreise verliehen werden, lässt mich gerade an diesen Preisen und ihrem Sinn doch sehr zweifeln. Aber was soll's, wie ich in einem ähnlichen Zusammenhang an anderer Stelle bereits schon einmal schrieb, selbst ein Goethe hat Zeit seines Lebens nie einen Literaturpreis gewonnen, wozu auch, er hatte das gar nicht nötig.

Abschließend soll das Zitat einer Lesungsbesucherin stehen, die in einer der hinteren Stuhlreihen saß und sich nach dem Ende des offiziellen Teils folgendermaßen an ihren Mann wendete: „Ich muss hier raus! Diese Frau macht mich aggressiv! Das war ja wohl voll für die Füße!“ Ich denke, dass muss nicht mehr extra kommentiert werden.

 

Samstag, 14. Juni 2014

„It's not my cup of tea!“ – Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit Georg Langenhorst (Bad Ems)


Am 12. Juni 2014 fand im Künstlerhaus Schloss Balmoral (=> Homepage) in der Lahnstadt Bad Ems (=> Homepage) eine kommentierte Lesung der Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff (*1954) statt. Die Lesung wurde um ein Gespräch mit dem Religionsdidaktiker Georg Langenhorst (*1962, => Homepage) von der Universität Augsburg ergänzt und später dann wurde dem Auditorium Gelegenheit gegeben, eigene Fragen an die Autorin zu stellen. 
Im Folgenden wird dieses Gespräch über die Lesung hier dokumentiert und möglichst originalgetreu wiedergegeben. Der Text ist, wo nötig, behutsam sprachlich gestrafft und leicht gekürzt worden, um eine bessere Lesbarkeit zu erreichen, sowie in drei Gesprächsteile gegliedert worden. Wo eine zum Verständnis nähere Erläuterung oder eine Anmerkung notwendig wurde, ist sie in Klammern direkt hinter den Sachverhalt kursiv gesetzt. Desweiteren enthält der Text eine Menge Hyperlinks, die den interessierten Leser auf weitere Seiten und Quellen verweisen, und so die Gesprächsinhalte mit notwendigen Ergänzungen bereichern.
Wer mehr über die Autorin und ihre Werke erfahren möchte, der informiere sich doch sinnvollerweise beim Perlentaucher und beim Literaturport.


Einführung
(Langenhorst)

Sehr verehrte Damen und Herren, 

ich freue mich, Sie zu einer ganz gewiss spannenden Lesung hier in Bad Ems begrüßen zu dürfen, ich habe die angenehme Aufgabe, als Moderator ein wenig durch den Abend zu führen. Wir haben heute Abend zu Gast – ich sag' das mal einfach so ungeschützt – die spannendste, herausfordernste und interessanteste Schriftstellerin, die der deutsche Sprachraum im Moment zu bieten hat: Sibylle Lewitscharoff. Dass sie mit dem Georg-Büchner-Preis (=> Homepage) im Jahr 2013 ausgezeichnet wurde, war kein Zufall, sondern absolut verdient, und Sie werden mir spätestens nach den Lesungen ganz gewiss zustimmen.
Ich möchte gar nicht viel über Biographie einer Autorin sagen, sondern Autorinnen, Autoren, sprechen durch ihre Texte, und von den vielen Texten, die inzwischen von Frau Lewitscharoff vorliegen, möchte ich zunächst einfach nur vier erwähnen, die mir die Wichtigsten scheinen, wobei das immer schwierig ist, Wichtigkeiten festzulegen, ich weiß. 
Pong (1998; vgl. Bachmann-Preis) war nicht die Erstpublikation, aber ein fulminanter Auftakt, der gleich große Aufmerksamkeit erregt hat, ein Buch, das keinen Gattungstitel trägt, weil es auch gar nicht möglich ist: ein Bericht, ein Lebensgefühl eines Verrückten in unserer Zeit. Das war das erste, große Buch, das Aufsehen erregte – '98. 
2006 erschien ein Roman, der mein persönlicher Lieblingsroman ist, Consummatus (=> Verlagsseite). Wenn Sie ein Interesse haben, über die Fragen des Jenseits, des Nachdenkens, des Spekulierens, was in einer anderen Welt möglich ist und wie sie mit unserer in Verbindung stehen kann, dann ist „Consummatus“ für Sie eigentlich eine Pflichtlektüre. 
2011 erschien der Roman – ich glaube, das ist der Bekannteste – Blumenberg (=> Verlagsseite), aus dem wir auch einiges hören werden, und gerade in diesem Jahr erschien etwas völlig Anderes, nämlich ein Kriminalroman, Killmousky. Das ist eine andere Art des Lesens, eine andere Art des Eintauchens in die literarische Welt, auch das kann ich Ihnen sehr ans Herz legen. Diese vier als wegmarkendes Kriterium literarischen Weges. 
Welcher Weg liegt nun heute Abend vor uns? Vier Stationen, die ich Ihnen angeben möchte, damit Sie wissen, was auf Sie zu kommt. Das Erste und Zentrale ist natürlich die Lesung selbst. Wir werden zwei verschiedene Leseteile hören. Zunächst aus „Blumenberg“, der Roman, der eben wohl der Wichtigste, ja, der am meisten Rezipierte ist, und dann, in einem zweiten Teil, werden wir von einem Buch hören, das ich noch nicht erwähnt habe, nämlichPong redivivus (=> Verlagsseite). Sie erinnern sich, '98 der Auftakt: „Pong“, und wie die meisten Leser dachte ich, damit sei Pong buchstäblich gestorben. Das ist er aber nicht, sondern Pongs Leben geht weiter, und warum es weitergeht und wie es weitergeht, das wird der zweite Teil der Lesung uns vor Augen führen. Das ist natürlich das Herzstück des heutigen Abends.
Anschließend werden wir ein kleines Miteinandergespräch für Sie hier vorne miteinander führen. Im dritten Teil werden wir das Gespräch dann öffnen, dass Sie sich natürlich gern beteiligen können, mit Ihren Fragen, Anregungen, Rückmeldungen, und der vierte Teil wird dann eben eine Etage tiefer stattfinden, bei Getränken, bei der Möglichkeit, Bücher zu erwerben und signieren zu lassen. Ich wünsche uns eine angenehme Abendstunde, angenehme Zeit hier in Bad Ems.

Lesung Teil 1: Aus dem Anfang von „Blumenberg“ (2011)
(Lewitscharoff)

Gespräch Teil 1
(Lewitscharoff & Langenhorst)

Langenhorst: 

Die Frage, die sich natürlich stellt, ist: Was ist der Löwe? Aber die Frage werde ich nicht stellen, weil die Faszination Ihrer Bücher darin liegt, dass in der Sprache, die man im Lesen erschließt, selbst, sich die Wirklichkeiten aufbauen. Und deshalb wäre eine einfache Antwort auf die Frage „Was ist der Löwe?“ langweilig. Nein, das will ich nicht fragen, sondern ich will anders fragen: Was wir gemerkt haben beim Zuhören ist ja sicher, dass Sie eine ganz besondere Art haben, mit deutscher Sprache, in deutscher Sprache umzugehen, es gibt wirklich ganz wenige Autorinnen und Autoren, die so ähnlich Sprache gebrauchen. Sie haben einige Zeit in Lateinamerika verbracht und die Idee liegt zumindest nahe, zu überlegen, ob nicht der sogenannte „magische Realismus“, der in Lateinamerika eine ganze Generation geprägt hat, Gabriel José García Márquez (1927-2014) etwa, ob das nicht ein Anregungspool für Sie war, so etwas in deutscher Sprache zu versuchen.

Lewitscharoff:

Ja, da sind Sie vollkommen auf der richtige Spur, weil ich die Südamerikaner sehr liebe, viele Autoren tun das übrigens. Für die Südamerikaner, nicht nur für Márquez, ist es ganz selbstverständlich, kleine Aufflugfahrten in den Himmel zu wagen, in den Untergrund mit einem Sitz unter dem Erdboden zu gehen, also das ist für Südamerikaner die leichteste Übung. Die haben sich nie in dieser Weise, wie es der deutsche Nachkriegsrealismus tat – in großen Teilen, auch nicht bei allen Schriftstellern natürlich – dem Realismus verpflichtet. Das heißt also, die Südamerikaner waren da immer schon freier. Gut, das ist eine durch und durch katholische Region mit natürlich auch Scharmützeln indianischer Gedächtnisresiduen (vgl. Residuum) von ganz anderen Kulturen und da liegt es sofort nahe, sagen wir mal, nicht nur das Jenseits in jeder Form zu erkunden, sondern auch das Höllische, dass vielleicht unter den Füßen liegen mag. Und mich haben die sofort fasziniert und ich fühlte mich dem auch ganz einfach verwandter.

Langenhorst:

Auffällig in Ihrem Schreiben ist, dass Sie überhaupt keine Scheu haben, das Jenseits, das Religiöse, christliches Erbe zu thematisieren; können Sie erklären, warum Sie diese Unmittelbarkeit haben, auch die religiösen Motive in Ihr Schreiben wie selbstverständlich miteinzubauen?

Lewitscharoff:
  
Es ist ja zunächst einmal gleichgültig, wie man im Glauben gefestigt oder eben gar nicht gefestigt ist. Natürlich sind die biblischen Texte und alles drumherum, was da existiert, von höchster Kraft und nicht nur Kraft. Da ist ein Wissen über den Menschen angesammelt, gerade in der Bibel, das ist außerordentlich, das muss man schon sagen. Also wenn man die Geschichten, die es da ja üppigerweise gibt, einfach mal daraufhin analysiert, was es denn mit den Fährnissen des Menschen auf sich hat, dann wird man da sofort eine großartige Fundgrube haben. Und da nun die Bibel die wichtigste Tradition in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte begründet hat – auch wenn das heute viele nicht mehr wahrhaben wollen, aber es ist so – ist es, glaube ich, für einen Schriftsteller gleichgültig, ob er nun religiös empfindet oder nicht. Es ist eigentlich im Grunde ein Versperrtsein, wenn er sich dieser wichtigen Quelle nicht öffnet. Das glaube ich ganz sicher. Denken Sie nur an meine Lieblinge Franz Kafka (1883-1924) und Samuel Beckett (1906-1989), große Bibelkenner alle beide, in ganz unterschiedlicher Weise und natürlich fabelhafte Literaten. Beckett, dem man das nicht sofort anmerkt, ist ein absoluter Kenner der anglikanischen Bibel (vgl. die „King-James-Bibel“) und vieles, vieles ist in den Schriften verborgen.
 
Langenhorst:

Sie haben bei „Blumenberg“ erstmals, wenn ich das richtig sehe, das Risiko auf sich genommen, über eine natürliche, realexistierende Person zu schreiben, die bereits gestorben war. Welche Reaktion haben Sie aus dem Umkreis von Blumenberg auf dieses Risiko, über jemanden zu schreiben, den es ja nun wirklich gab, erfahren? 

Lewitscharoff: 

Erst einmal hatte ich eine kleine Absicherung. Ich hatte Kontakt aufgenommen – oder durfte den aufnehmen – zu seiner Tochter. Der wahrhaftige Blumenberg hatte vier Kinder, eines davon ist eine Tochter, und die hat mir auch noch einige Sachen erzählt. Diese Ägyptenreise, die da vorkommt, davon hätte ich nichts gewusst, das weiß auch kein Kommentator sonst über Blumenberg. Die hat mir Quellen eröffnet und es ging aber nur deshalb, weil ich ihr versichert habe, und ihr übrigens auch jedes Kapitel im Fortlauf geschickt habe, dass ich in keiner Weise desavouierend (Anm.: kompromittierend, anprangend, angreifend) über ihren Vater oder gar über die Familie herfalle. Das habe ich in gar keiner Weise getan. Natürlich ist das keine Biographie, aber es ist trotzdem nicht von dem realen Blumenberg völlig entfernt, weil sowohl einige seiner philosophischen Überlegungen Eingang in das Buch finden – was man nicht übertreiben darf, denn es ist ja kein philosophisches Buch, sondern ein literarisches –, als auch einige Stationen seines Lebens. Mir war z. B. wichtig, dass akurat wiedergegeben wird, dass er als sogenannter Halbjude im Dritten Reich verfolgt war, dass – seine Mutter war ursprünglich Jüdin und ist dann zum Katholizismus konvertiert – drei Schwestern seiner Mutter, die alle Juden geheiratet haben, alle in Ausschwitz umkamen. Das hat ihn geprägt, das ist vollkommen klar. Bei diesen Dingen habe ich mir keinen Schwindel erlaubt und da habe ich auch nicht groß phantasmagoriert (vgl. Phantasmagorie), weil das meines Erachtens nach unanständig ist. Diese Dinge stimmen, aber alles weitere, der Löwe, die Studenten, das ist alles erfunden. 

Langenhorst:

Beim Lesen fällt auf, dass gerade die Studierenden Blumenbergs ein ziemlich tragisches Schicksal haben, sie sterben alle. Sie haben ihm also eigentlich keine starken Studierenden gegönnt, ist das eine Dynamik, die … 

Lewitscharoff: 

Moment … Das stimmt nicht ganz. 

Langenhorst: 

Widersprechen Sie mir da? – Ja?
  
Lewitscharoff:

Der eine, der hat doch so ein bisschen Pepp, der kann ja was, der muss leider auch sterben, aber der hat was drauf. – Das hat natürlich einmal ganz einfach Romangründe und ist ein wenig verzwungen, ich geb Ihnen da recht. Es mussten alle zusammen später in die platonische Höhle, also mussten sie gestorben sein, ja, auch diese etwas jüngeren Studenten, leider. Aber das Zweite, was mich dazu verführt hat, das zu machen, ist meine eigene Studienerfahrung. Ich habe bei eben so einem großen Geist studiert, wie es Blumenberg sicher war, nämlich bei Klaus Heinrich (*1927), bei den Religionswissenschaftlern, und so großartig dieser Professor ist, er lebt ja noch, oder in seiner Professorentätigkeit war, er hat massenweise, kann man fast sagen, die Männer ausgesaugt. Das war nicht wissentlich, sondern seine männlichen Studenten sind samt und sonders mit wenigen Ausnahmen unter die Räder gekommen, mit Selbstmord, mit allem, was dazugehört. Und zwar nicht, weil dieser Professor besonders bösartig gewesen wäre, das in gar keiner Weise, sondern er hat ein solches Geistgebiet, eine solche Potenz des Geistigen vorgelebt, und diese ganz jungen Studenten, besonders die Männer, haben krampfhaft versucht, ihn nachzumachen. Sie sind dann auch schon mit so einem kleinen vorgewölbtem Bäuchchen wie er rumgelaufen, absolut lächerlich, und diese Diskrepanz, so groß schon sein zu wollen wie der Professor, aber dann in ungefähr zwanzig Jahren seine Diplom-/Magisterarbeit nicht hinzukriegen, die ist schrecklich. Nicht alle haben sich umgebracht, aber viele sind Taxifahrer geworden, es gab vier Selbstmorde und so weiter, es war also relativ heftig. Daran ist der Professor nicht schuld, er ist großartig, aber es gibt eben diese überragenden Professoren häufiger, und Blumenberg war ein eben solcher. Schon mit zehn Jahren waren das so richtige Geistesriesen. Ganz jung hatten die schon ein unglaubliches Lesepensum drauf gehabt. Die können sich in die Köpfe von normalen, intelligenten Studenten einfach nicht hineinversetzen, die sind denen verschlossen, die können sich nicht vorstellen, dass man solchen Studenten Schritt für Schritt etwas beibringen muss. Er hat sie gleich mit der vollen Kraft seines Denkens konfrontiert, und die sind dabei auch untergegangen. Zumindest in jungen Jahren. Das gab's häufiger. Es ist also nicht ganz so unrealistisch. 

Langenhorst:

Ich überlege gerade, dass es meinen akademischen Schülern sehr gut geht. Was sagt das über mich? Na, gut, aber ich denke, wir dürfen über Blumenberg nicht reden, ohne eine Person noch einmal vor Augen zu stellen, die mich selbst an dem Roman wohl am meisten fasziniert. Eine ganz kleine Nebenrolle, aber unglaublich charmant gezeichnet, Käthe Mehliss. Sagen Sie uns ein bisschen was zu dieser Figur, zu ihrer Funktion und wie sie auf diese Figur gekommen sind. 

Lewitscharoff:

Das ist ja eine alte Dame, aus dem Kloster Isenhagen entsprungen, die da auf dem Gehsteig irgendwie mit einer Schere überhängende Zweige bei irgendwelchen Nachbarn wegschneidet. Und das Kloster Isenhagen war usprünglich natürlich ein katholisches Kloster, aber von den Protestanten heimgesucht und übernommen, und eine der Käthe Mehliss verwandte Figur, die gab's tatsächlich. Ich war mal im Kloster und habe mir alte Fotoalben angeguckt, und sie hat mich radikal interessiert. Das war so eine ganz kleine Aufrechte mit brennenden Augen, ganz dünn und in so einem Nonnenhäubchen gespannt, also ein sagenhaftes Gesicht, wovon man nur träumen kann. Aber man hat sofort gemerkt, also mit dieser Frau wollte man besser doch nicht allzuviel zu tun gehabt haben, aber sicher eine sehr imponierende, ganz kleine, eiserne Figur, und mir hat einfach die Vorstellung Spaß gemacht, der Professor Blumenberg, der hier einfach alles dominiert in diesem Roman, der über seine Studenten gebietet und so weiter, den mit einer älteren Dame in Verbindung zu bringen, wo er plötzlich nicht gerade der Anfänger ist, aber so ein bisschen klein ist. Das hat mir einfach Spaß gemacht, mal so diese Umkehrung vorzunehmen, dass nicht alles an ihm nur groß ist, sondern auch er mal ein bisschen kleiner sein kann und vom Alter her in dem Fall auch ist. 

Langenhorst:

Und das Faszinierende ist eben, diese Frau kann als Einzige den Löwen auch sehen. Wir als Leserinnen/Leser denken also, vielleicht ist es eben nur eine Einbildung und dann kommt diese Frau mit diesem Profil und sieht den Löwen auch. Und plötzlich sind alle unsere Leserphantasien über den Realitätszustand des Löwen aufgelöst. Wenn die den auch sieht … 

Lewitscharoff:

Dafür gibt es zwei Gründe. Die Frau steht sehr nahe am Grab, da sieht man unter Umständen mehr, und das Zweite ist, sie hat ein religiöses Leben geführt, da kann man so einen Löwen auch sehen. Die Studenten sind zu jung, die anderen haben damit nichts zu tun. Die sehen's nicht. 

Langenhorst:

Das ist doch eine schöne Bemerkung, um vielleicht überzuleiten zu „Pong redivivus“, eine andere Textwelt. 

Lewitscharoff:

Sie haben es ja schon erwähnt. Also der Pong aus dem ersten Bändchen hat sich mit einem Sprung vom Dach begeben und ist hier aber glücklich mit gebrochenem Bein in einer Blutbuche gelandet, und ins Krankenhaus verfrachtet worden. Und da liegt er nun. Es kommt eine Putzfrau hier vor, die er „Jutilein“ nennt, dies ist ein Berliner Ausdruck für „gut“, das war früher noch im Gebrauch, das ist die Putzfrau, also dass Sie da bei dem Namen nicht stutzen. Vielleicht noch eine Bemerkung. Pong ist eigentlich … der klinische Begriff wäre schizophren. In diesem zweiten Pong ist diese Krankheit etwas gemildert, weil er nun in einem Krankenhausbett mit Realien konfrontiert wird, also er ist nicht ganz so verrückt, wie er es im ersten „Pong“ durchaus ist.

 
Lesung Teil 2: Aus „Pong redivivus“ (2014)
(Lewitscharoff)

Gespräch Teil 2
(Lewitscharoff & Langenhorst)

Langenhorst: 

Ich habe mich jetzt beim Zuhören noch einmal gefragt, was ist der besondere Reiz, einen Verrückten ins Zentrum von Literatur zu stellen? 

Lewitscharoff: 

Der Reiz ist zunächst einmal der, dass man natürlich sprachlich sehr viel machen kann. Das hab ich im ersten weidlich ausgeschlachtet. Ein Verrückter ist natürlich gut für jede Menge Metaphern, die man da streuen kann. Interessant ist für mich etwas ganz anderes, nämlich dass es auf der einen Seite diese Wahngebilde gibt, die ja teilweise hochinteressant sind, weil sie immer von einer riesigen Überhöhung der Person ausgehen, sozusagen also die Person erst einmal großschwindeln, aber im gleichen Augenblick – das geht oft manchmal binnen Sekunden – schrumpft die Person wieder auf die Kleinheit einer Maus zusammen. Darin besteht das Leiden. Der Psychotiker, also der wirklich schwer Gestörte, nicht der Neurotiker, hat kein solideres Bild von sich selbst, das aber nur in einer normaleren Schwankungsbreite verläuft, wie bei uns allen. Wir fühlen uns ja manchmal auch groß und dann wieder klein, das ist etwas Normales zunächst, aber da ist es ja so extrem ausgeprägt, das sind aber auch die Phantasmen, die schießen ins Kraut und das kann man literarisch doch ganz gut machen.

Langenhorst: 

Ich habe eine etwas freche Anschlussfrage, ich traue mich einfach. Ich habe irgendwo Ihre Selbstäußerung gelesen, dass „Pong“ das autobiographischste Buch von Ihnen ist. 

Lewitscharoff:

In gewisser Weise ja. Ich hatte leider Umgang mit Verrückten. Mein Vater war, bevor er Selbstmord verübte, auch nicht ganz taufrisch, was den Geist anging, und mein Bruder ebenso. Der hat sich zwar nicht umgebracht, ist aber auch in eine schwere Phase geraten, also ich kenne mich mit Verrückten sehr viel besser aus, als mir je lieb war. Sie sind übrigens in der Literatur wunderbar und gut zu beherrschen, literarisch hat man sie ja im Griff, aber in Wirklichkeit sind sie mitunter entsetzlich, und so sehr mich die Verrücktheit interessiert und ich sie in Büchern auch genieße – besonders auch die Bildzeugnisse und literarischen Zeugnisse, die es gibt, die ja teilweise wunderbar sind – halte ich mich aber in der Realität von ihnen fern, weil sie wahnsinnig anstrengend sind und einen sehr sehr aussaugen können. Das ist ja auch, wie soll ich sagen, für sie selber die Art des Leidens, dass sie das, was normale Menschen ja doch einigermaßen beherrschen, dass sie eine Verbindung zu einem anderen Menschen eingehen, aber auch gleichzeitig eine Distanz wahren können und das sozusagen ein fluktuierendes Verhältnis ist, das sich vielleicht zu einer Freundschaft entwickelt, vielleicht aber auch nicht. Das heißt, diese Möglichkeit des subtilen Abtastens, wieweit eine Beziehung gehen kann, ist da nicht möglich. Man wird eigentlich sehr schnell gleichzeitig mit den Alpträumen, aber auch mit einer unglaublichen Wucht der Erscheinung konfrontiert. Viele Verrückte haben ja eine massive Form der Erregung, solange sie nicht durch Medikamente gedämpft sind, und können einen da auch richtig ums Eck jagen. In der Wirklichkeit scheue ich sie, in der Literatur und in Bildzeugnissen habe ich sie sehr gern. ich

Langenhorst:

Und Sie haben gesagt, dass das Verrückte und das Religiöse zumindest Parallelen aufweisen, die sind natürlich nicht deckungsgleich. 

Lewitscharoff: 

Nein, nicht deckungsgleich. Das Tolle an der Religion ist, dass eine überschießende Verrücktheit immer auch zu der Rel igion t endiert, das darf man nicht vergessen. Auch unsere christlichen Religionen waren ja auch schon Schauplätze von Verrücktheiten diverser Art und zwar hochgradigen, sehr aggressiven, und heute, weiß man's ja, ist der Islam Opfer dieser Extreme. Religionen haben schon diese Gefahr auch, aber die meisten haben dann diese großartige rituelle Bindekraft, dass sie das einfangen können. Also was am allzu tobenden Seil der Phantasmen geht und dann vielleicht auch aggressiv wird, kann eigentlich durch ein kirchliches Reglement, durch bestimmte Formen des Gottesdienstes gottlob eingehegt und eingefangen werden. Das ist auch der Sinn des Rituals. Das Ritual ist nicht nur dazu da, die Erinnerung sozusagen über Generationen an das Geschehen rund um Jesus in unseren Kirchen festzuhalten, sondern es hat die Bindekraft, vor allzu großen, überschießenden Phantasmen zu bewahren. Das ist die große Kraft der Religion, die sollte man nicht unterschätzen. Das ist eine ganz große Leistung. Aber natürlich sind sie auch, wie alles Menschliche, in Gefahr, und waren es immer wieder. Ich habe mir in Amerika so einen Gottesdienst einer evangelikalen Sekte angeschaut, da wird es mir schier schlecht. Das ist grauenvoll. In Amerika sind ja die Katholiken die Vernünftigsten, in den USA auf jeden Fall. Da ist so eine Überschussenergie, wo man sofort spürt, wenn da ein Feind gefunden ist. Den gibt es jetzt gerade nicht in dem Kirchenraum, aber wehe, es gäbe ihn, dann würde dieser Überschuss sofort frei. Man fühlt sofort die gefährliche Potenz einer solch wahnhaften Steigerungsform, die nichts Schönes hat. Für mich ist sie nur abschreckend. Das ist auch ein Element der Religion, aber die großen Religionen haben das auch überwinden können. Gott sei Dank. Große Leistung übrigens. Ganz große Leistung, muss man sagen, das bewundere ich zutiefst, und die Katholiken haben es ja da gut, die haben ja die jahrhundertelange Entfaltung des Rituellen, das natürlich auch immer wieder angepasst wurde, wenn auch moderat, aber das gibt ihnen natürlich ein Bindeglied über viele, viele Generationen hinweg, die auch vor der Verrücktheit bewahrt. Tradition ist der große Bewahrungshort vor überschießender Phantastik, die auch ins Aggressive drängt und trudeln kann. Lob der Katholiken! 

Langenhorst:

Spannende Ausführungen, wobei wir uns vorhin schon verständigt haben, in einer bestimmten Tradition zuhause seiend, sieht man immer die eigene Tradition kritisch und idealisiert vielleicht das Andere ein klein wenig ... 

Lewitscharoff: 

So muss es sein. Also, ich meine, Frauen müssen Männer verherrlichen und Männer sollten Frauen verherrlichen, das ist doch klar. So gehört sich die Sache. 

Langenhorst:

Sie haben nun ein Schreibprojekt, das irgendwann in Zukunft dann auch nachlesbar sein wird, in dem Sie das Religiöse einerseits sich noch einmal intensiv vornehmen und andererseits – da habe ich schon Respekt davor – eines der größten Werke der Weltliteratur als Ausgangspunkt nehmen für eigene literarische Tätigkeiten. Können Sie uns schon ein bisschen verraten, an was Sie arbeiten, was auf uns zukommen wird.

Lewitscharoff:

Also da ist der Ausgangspunkt ein ganz eindeutiger. Ich durfte das letzte Jahr in der Villa Massimo (=> Homepage) verbringen und habe mich natürlich mehr noch dem Italienischen angenähert, als ich das eh schon früher einmal getan hatte, und da hat meine schon vorhandene Dante-Begeisterung (vgl. Dante Alighieri (1265-1321)) schon so eine ganz neue Nahrung erhalten, weil ich den Text mittlerweile auch etwas besser im Italienischen verstehen oder lesen kann als früher. Aber Dante hat mich auch noch aus einem ganz anderen Grund immer wieder begeistert. Es gibt eine sagenhaft kuriose Übersetzung im Deutschen, die ist von Rudolf Borchardt (1877-1945) aus den 1920er Jahren (Anm.: Es handelt sich um eine Übertragung der Göttlichen Komödie zwischen 1923 und 1930). Ich glaube, diese Übersetzung haben nicht mehr als fünfhundert Leute gelesen, und zwar aus folgendem Grund: Der Mann war ein Dante-Begeisterter, wie auch Stefan George – in der Zeit gab es eine große Dante-Begeisterung in Deutschland, heute ist die erloschen, leider, aber damals gab es sie in den 1920ger Jahren stark – und Rudolf Borchardt hat das verrückte Vabanque-Spiel angefangen, Dante in einem erfundenen Mittelhochdeutsch zu übersetzen. Das ist ja schon an sich vollkommen merkwürdig, so bisschen eine Sprachanpassung zu betreiben im Deutschen in die Dante-Zeit hinein, mehr oder weniger. Das Tolle an der Übersetzung ist, wenn Sie die so aufschlagen, denken Sie zunächst: um Gottes Willen, was ist das? Also, Sie blicken erst einmal gar nicht durch. Wenn Sie das laut vorlesen oder gut vorgelesen bekommen, dann verstehen Sie es relativ schnell; zumindest beim zweimaligen Hören verstehen Sie es ganz gut. Und das Sagenhafte an dieser Extremübersetzung ist, dass ungefähr die Rhythmik stimmt, die Dante'sche Rhythmik ist erhalten, die Vokale sitzen ungefähr auch da, wo die Vokale bei Dante sitzen, das heißt, Sie sind sprachlich oder lautlich näher dran, als bei all den anderen Übersetzungen. Prosa-Übersetzungen sind sowieso immer kalter Kaffee. Aber auch die vielen gereimten Übersetzungen – es gibt vierzehn Übersetzungen insgesamt; ich habe alle vierzehn, kann sie vergleichen – aber Rudolf Borchardt schießt für mich immer noch den Vogel ab. Und Gert Westphal (1920-2002) hat das Ganze mal eingesprochen, der war irgendwie wohl auch ein Dante-Liebhaber, Borchardt-Liebhaber auch, und dann merken Sie schon auch im Deutschen, dass das ein wahnsinniger Text ist, und Dante eher zu Unrecht – das ist immer noch ein großer Name, er ist nicht vergessen – bei den Studenten heute in den Hintergrund gerückt ist und ich finde das falsch. Das war ein bisschen der Ausgangspunkt meiner Begeisterung. Ich dachte, man könnte ja Folgendes machen: Dante-Forscher aus verschiedenen Ländern kommen nach Rom, und dort auf dem aventinischen Hügel, wo es einen wunderbaren Saal der Malteser gibt – es ist einer der schönsten Säle, den ich je gesehen habe, sagenhaft schön – über Dante ein Symposion veranstalten über drei, vier Tage hinweg und dann erklingen irgendwann die Glocken des Vatikans und läuten Pfingsten ein und ein neues Pfingstwunder bricht über die Forscher herein (vgl. Acta 2,1-13). Das ist die Idee.

Langenhorst:

Sie machen uns den Mund schon wässerig, wenn man das beim Lesen sagen kann. Ich habe eine letzte Frage von meiner Seite aus im Blick auf schon stillbaren Lesehunger. Ihr Buch, das jetzt in diesem Jahr erschienen ist, hat viele überrascht. Sibylle Lewitscharoff schreibt einen Kriminalroman: „Killmousky“ - Können Sie uns ein bisschen auf die Spur mitnehmen, wie kommen Sie dazu, einen Kriminalroman zu schreiben, mal was ganz Anderes auszuprobieren?

Lewitscharoff:

Also einmal macht mir das Spaß, Verschiedenes auszuprobieren, das habe ich eigentlich immer gemacht. Natürlich nicht so drastisch bisher, aber, der Punkt ist der, ich verachte den Kriminalroman überhaupt nicht als Gattung und auch übrigens teilweise nicht die Krimis im Fernsehen. Tatort hasse ich wirklich – viele amerikanischen Serien finde ich im übrigen aus einem einfachen Grund hervorragend: ich denke, dass in den Kriminalschriften und in den Kriminalformen/-filmen, sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt, was sie absolut nicht tolerieren kann. Das ist nicht ganz ohne, wenn man darüber nachdenkt. Es sind natürlich oft alles übersteigerte Morde, übersteigerte Leichenfunde, usw., die ein bisschen übers Ziel hinausschießen, das ist auch eine blöde Richtung, die das teilweise nimmt, aber der Kern der Sache ist doch immer, dass eine Gesellschaft ein sehr, sehr berechtigtes Interesse daran hat, dass schwere Vergehen, die mit dem Tod eines anderen enden, aufgeklärt werden und dass das irgendwie zu einer Beruhigung geführt wird, was da geschehen ist. Das ist eine sehr reale Angst, die jeder von uns teilt, und nicht umsonst werden auch in Zeitungen, wenn es um Gerichtsprozesse von schweren Delikten geht, diese auch sofort gelesen. Das interessiert sofort jeden, weil das ist aber menschlich, das ist keine tumbe Neugier, sondern das ist menschlich, weil wir uns darüber immer verständigen müssen: wie wird gefunden, wird überhaupt das aufgedeckt oder bleibt das skandalöser Weise unterm Teppich, und wie wird bestraft. Das ist ein Riesenthema. Mich treibt das auch um. Zweiter Punkt: Ich finde ein paar Schriftsteller auf diesem Gebiet absolut hinreißend. Es gibt sehr viele, die sehr gut sind. Raymond Chandler (1888-1959) ist ein toller Schriftsteller, Patricia Highsmith (1921-1995) finde ich hervorragend, und es gibt auch moderne Schriftsteller wie Herrn (Heinrich) Steinfest (*1961), ein Österreicher, der in Stuttgart lebt, der schreibt auch sehr gut. Also das ist kein Genre, das an sich nur primitiven Schreibern überlassen ist, das stimmt einfach nicht. Insofern ist das für mich trotzdem eine interessante Übung, weil das ein Realphänomen ist. Kriminalroman hat nur mit Realien zu tun, da gibt es keine Aufflügeleien hinauf in den Himmel oder irgendwo anders hin, auch kein Dante-Wunder oder so, das geht einfach nicht. Das muss im Kern aus der Realität der Gesellschaft geboren werden. Das ist ganz wichtig und das hat mir Spaß gemacht.



Gespräch Teil 3
(Lewitscharoff antwortet auf Fragen aus dem Auditorium)

Langenhorst:

Wir haben, glaube ich, einige Felder abgesteckt, wir haben auch verschiedene Richtungen aufgezeigt, wie kann man einsteigen oder auch weitergehen kann als Leserin, als Leser, bei Sibylle Lewitscharoff, das sind wirklich spannende Lesewelten, die man da entdecken kann. Jetzt, meine Damen und Herren, sind Sie dran, mit Rückfragen, Anmerkungen, Sie dürfen sich gern an unserem Gespräch beteiligen. Nutzen Sie die Chance.

Frage:

Ist das nicht eine Gefahr bei den Kriminalfilmen, dass diese Verarbeitung nicht mehr wirklich geschieht, sondern dass das Unterbewusstsein so aufgespeist wird mit negativen Gedanken, die nicht gelöst werden können, weil immer eine Frage besteht. Ich geb' Ihnen recht, dass, wenn Auflösungen bestehen, in der Realität eine gewisse Befriedigung, ja, wenn auch nicht grundlegend, erzeugt wird.

Lewitscharoff:

Ja, aber eine grundlegende Befriedigung kann es nie geben, würde ich zunächst einmal sagen. Es ist ja immer nur in Teilen möglich. Ich liebe die amerikanischen Krimiserien aus einem einfachen Grund: Wenn Sie überlegen – also ich habe die auch über die Jahrzehnte hin ein wenig verfolgt – da ist eines interessant: das ganze Riesenproblem der Vereinigten Staaten war, die Schwarzen zu integrieren. Das hat ja sehr lange gedauert und ist ein schwieriger Prozess, vielleicht noch bis heute, nicht ganz gelungen, aber doch sehr weitgehend. Ich schwöre Ihnen, das waren die amerikanischen Fernsehserien mit den Krimis, die das geschafft haben. Hauptsächlich. Weil sie Schwarze einmal in besseren Positionen gezeigt haben. Also Schwarze, die mal gute Kommissare sind, die da mal ein Richteramt versehen, also höhere Ämter, die für die Gesellschaft ja staatstragend sind. Da ist in diesen Serien, die ja von sehr vielen Menschen gesehen wurden, so etwas wie ein subkutaner Erziehungsprozess gelaufen, der gar nicht zu unterschätzen ist, weil das Fernsehbild ja etwas ist, das viele Menschen angucken. Also da ist auch eine Erziehungsqualität in den amerikanischen Filmen drin, die ich sehr hoch einschätze. Mal abgesehen davon, dass die in dem Genre eine Menge ausprobiert haben. Was ich zum Beispiel sehr liebe, das kommt hier auch ein bisschen vor, ist die Serie „Monk“ (vgl. Monk, 2002-2009), die ist irre witzig. Das ist auch ein leichter Psychopath, der Schwierigkeiten hat, aber es ist sehr sehr komisch auch, also, was die Amis da immer wieder versuchen, oder bei den „Sopranos“ (vgl. Die Sopranos, 1999-2007), diese Mafiageschichte war schon glänzend. Und da geht es auch schon um den Happen, der schweren gesellschaftlichen Verfehlung und wie man das beruhigen kann. Ich empfinde etwas ganz Urtümliches darin, in dem Moment, wo etwas aufgeklärt wird, komme ich zur Ruhe, bin ich glücklich. Ich bin auch glücklich darüber, dass im Film jemand geschnappt ist. Das erleichtert mich. Ich denke irgendwie, die Welt ist wieder für eine Sekunde in Ordnung. Vielmehr ist es ja nicht. Also keine anhaltende Befriedigung, das ist es nicht. Aber ich staune auch bei den Amis über das, was sie zum Beispiel in diesen Krimiserien über die Todesstrafe verhandelt haben. Es ist fast Regel bei allen Serien, dass immer mal wieder einer vorkommt, der zu Unrecht in der Todeszelle sitzt, und herausgeholt werden muss. Damit haben die Amis auch ihr grundlegendes Problem der Todesstrafe immer wieder thematisiert. Und ich schwöre Ihnen, das hat einen viel größeren Effekt, als nur das Schreiben darüber, dass es unmenschlich ist.

Frage:

Ich gebe Ihnen recht, ich bin zwölf Jahre in den Staaten gewesen, und es ist in den verschiedenen Staaten unterschiedlich, insofern prallt den Regisseuren offen etwas entgegen, das ist gut, man kann eine endgültige Lösung dort finden und das Problem zu entspannen, unterschwellig ist es aber trotzdem da. Wie bei uns auch mit anderen Problemen.

Lewitscharoff:

Ja, aber die Probleme wird es einfach geben, verstehen Sie. Wir können die ja nicht wirklich lösen. Es wird immer Verbrecher geben, es wird immer solche Leute geben, es wird auch Kriege geben. Also das ist ja nun leider der Fall. Aber ich finde schon, dass man da aber auch etwas vermitteln kann, wie Verbrechen entstehen usw., und es ein bisschen auch zur Beruhigung beiträgt. Es ist letztlich doch ein Detektiv oder ein Leichenbeschauer, der funktioniert. Also mich beruhigt das, ich schlafe dann besser. Ich übertreibe jetzt, ich bin nicht so furchtbar verbrechensängstlich, aber irgendwie befüllt mich das mit einer inneren Zufriedenheit.

Frage:

Wenn ich den Löwen noch einmal ansprechen darf, ist das für Sie ein Wunder, wenn uns etwas begegnet, was nicht so real ist, was jedem einzelnen einmal passiert, oder – sagen wir mal – wenn er in eine tiefe Gefühlsempfindung kommt, die er früher nie erlebt hat und dadurch eben stärker über sich nachdenkt?

Lewitscharoff:

Ja natürlich. Ich meine, das auf jeden Fall. Und ich habe mich natürlich in dem Fall auch versucht, etwas in diesen Philosophen hineinzuversetzen, der ja über Löwen und übrigens auch über Wunder philosophiert hat. So ist das ja nicht, das war ihm ja auch geläufig. Er war ein unglaublich gebildeter Mann, der die Geschichte der Heiligen gut kannte. Wunderwerke hätte der Ihnen jetzt an der Schnur hersagen können, die sich zugetragen haben. Das zum Einen. Aber das literarischste Unternehmen ist zugleich auch so etwas, wie die Erinnerung daran, dass es mit dem realen Leben, wie wir es normalerweise führen und auch führen müssen, und auch der Blick auf die Realität, den wir da einnehmen müssen, um zu existieren, aber nicht getan ist. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, egal ob man das nun Wunder nennt, oder ob wir spätestens beim Einschlafen nachts in Phantasmagorien geraten. Da geht es ja ganz anders zu. Ich rede jetzt nicht vom Traum, das ist ja nun schon abgeschaltet im Bewusstsein, aber diese andere Dimension der Welt, die ist ja stark bei jedem Menschen, selbst bei dem großartigen Geschäftsmann, der nichts anderes tut, als mit Zahlen und mit Fakten umzugehen. Wenn der seinen Kopf in den Kissen nachts verwurschtelt, dann ist das auch ein sehr phantastischer Typ letztlich, in seinen Imaginationen. Das ist doch das Verrückte am Menschen und ich finde, die Literatur hat eigentlich die Aufgabe, genau das auszuloten. Also eine rein realistische Literatur finde ich wahnsinnig langweilig, weil sie uns nur das bestätigt, was wir immer tun müssen. Wir sagen uns: sei realistisch, sei realistisch, sei realistisch … Diesen Refrain sagen wir schon unseren Kindern. Das ist doch klar, das muss auch bis zu einem gewissen Grade sein, aber wir sind natürlich auch ganz anders, und Literatur muss doch eine Ahnung davon haben, von dem Anderen, das einen auch in Bedrängnis bringt … Als wir alle jung waren, haben Sie sich da nicht als einen ganz großen Popstar gesehen? Das mögen andere Phantasien gewesen sein. Oder als den Riesensportler des Universums, oder als ... ich weiß es nicht, oder die Schönheitskönigin, die nur einfach über den Parcours laufen braucht und alle Männer schauen ihr hinterher. Das gibt’s ja alles, das hat man ja mal von sich erhofft, oder von sich erträumt, oder hat sich in Phantasien ergangen, das ein bisschen ausgemalt, das ist doch menschlich. Oder auch in negativen Phantasien, das kann nicht nur positiv sein, das geht ja manchmal … wir sind ja auch in Selbstquälung befangen. Bei den Psychotikern, wenn sie nach unten stürzen, ist es direkt die Qual, ist es die Selbstqual. Dann werden ihnen namenlose Leiden zugefügt. Ich glaube, dass ein Philosoph wie Hans Blumenberg, der natürlich nicht verrückt, aber ein hochgradiger Sonderling war, der wirklich nur noch nachts arbeitete, in den letzten Lebensjahren ein sehr sehr entferntes Verhältnis zur Welt an den Tag gelegt hat, das wirklich extrem war. Stellen Sie sich vor, ein Professor, der nur zweimal in der Woche eine Vorlesung hält, nachmittags um fünf Uhr, und keine Studenten mehr empfängt, geschweige denn Prüfungen abnimmt. Ich finde, da ist also die Essenz, also das Wunder sozusagen, dass da plötzlich auf dem Teppich liegt, da ist es nicht weit bis dahin in dieser Abgeschottetheit, die er tatsächlich hatte.

Langenhorst:

Sie schreiben nun ganz stark über das Wunderbare, das Transzendente, das Jenseitige, wie reagiert denn da so der Literaturbetrieb?

Lewitscharoff:

Der Literaturbetrieb hat bis „Blumenberg“ auf mich sehr sehr positiv, überaus wohlwollend, reagiert. Ich würde sagen, ich war sogar das Hätschelkind des Literaturbetriebes, es wurde mir schon ganz unheimlich. Und dann habe ich in Dresden eine Rede gehalten, die viele ganz furchtbar fanden, da gab es ein richtiges Zeter und Mordio, und dann wurde zur Strafe der Krimi ganz schlecht besprochen. Das ist alles Quatsch, beides. Ich wurde, glaube ich, lange Zeit zu gut besprochen, das sehe ich auch so, und aber der Krimi wurde dafür jetzt völlig verrissen, auch völliger Schwachsinn. Das heißt nicht, dass immer alles falsch ist, aber ich bin der Überzeugung, dass Schriftsteller eigentlich im Grab sein müssen, damit man ein bisschen ein beruhigteres und auch ein konzentrierteres Verhältnis zu ihnen gewinnen kann. Da bin ich ganz sicher, denn es ist sozusagen die abschottende Hülle des Grabes, die wirklich noch einmal andere Energien freisetzt, und andere Generationen, falls es überhaupt andere Generationen gibt, die das noch lesen, das weiß man eh heute nicht mehr, aber dann ist eine Art Freiheitlichkeit des Denkens und Interpretierens in Gang gesetzt, die ganz wichtig ist für die Literatur. Die Zeitgenossen können sich mal in Freude ergehen oder können den Bissen erjagen in dem Moment, und da sind auch manchmal sehr kluge Statements dabei, das ist ja klar, menschlich ist eine Mischung aus dumm und klug, aber die letzte Wahrheit wird man nicht finden. Die können eigentlich erst andere Generationen mit auch anderer Lebenserfahrung finden. Da bin ich ganz sicher.

Langenhorst:

Hoffen wir mal, dass diese Freiheitlichkeit des Denkens über Ihre Werke noch lang, lang Zeit hat.

Frage:

Ich habe nur eine kurze Frage: Als ich die Schilderung des Löwen hörte, dachte ich direkt an Poe's Raben (vgl. Edgar Allan Poe (1809-1849), „The Raven“ (1845)). Nun ist es ja so, dass Sie vorhin gesagt haben, Blumenberg hätte nur nachts gearbeitet, und Poe's Rabe tritt ja auch nur nachts auf. Und das sind ja beides Gestalten des Phantastischen. Inwiefern haben Sie Poe selbst einmal rezipiert? Kennen Sie ihn und inwieweit hat Sie der Rabe bei der Gestaltung des Löwen inspiriert?

Lewitscharoff:

Ich liebe den Text von Poe sehr, ja, ganz klar, das ist ein ganz großer, der auch vorgetragen irrsinnig gut funktioniert, das ist ja ein Wohllaut sondergleichen, aber bei Blumenberg kam er mir nicht in den Sinn. Nein, da kamen mir Blumenbergs eigene Werke über den Löwen in den Sinn. Ich wäre, wenn der Philosoph selber nicht über Löwen geschrieben hätte, nicht auf die Idee gekommen, ihm einen Löwen auf den Teppich zu legen, oder überhaupt über ihn zu schreiben, also das hat mich dazu verführt, wenn man so will, das zu versuchen.

Frage:

Eine Besonderheit in Ihrer Schreibe ist ja dieser Metaphernreichtum, das macht das Ganze besonders aus. Jetzt habe ich eine komische Frage, eigentlich, wie fallen Ihnen die denn ein? Das ist ja Ihr Job, das zu tun, aber hier in besonderer Weise, ungewöhnlich, das war ja auch im Seminar ein Thema. Fällt Ihnen das plötzlich ein oder wie kommt das?

Lewitscharoff:

Das weiß ich nicht. Das kann man von sich nicht wissen. Ich hab eher „Metaphernschüssigkeit“, so nenne ich es immer, das ist etwas, was mir sofort beifällt. Wenn Sie von mir also handschriftliche Aufzeichnungen, Vorlagen lesen würden, dann merken Sie, dass ich da viel viel mehr damit noch arbeite, also viel mehr ist das drin, verstopft, dann bekomme ich so etwas wie ein Überdrussgefühl, streiche wieder sechzig Prozent mindestens raus, weil es zuviel ist ganz einfach. Aber es ist das, was mir einfällt zunächst. Diese extreme Bildhaftigkeit, die ich nun einfach habe, ich kann nicht sagen, woher die kommt. Ob ich eine gute Schriftstellerin bin, das weiß ich nicht, aber was ich wirklich weiß, und da bin ich ganz überzeugt, ich war eine sehr gute Leserin sehr früh. Das heißt, ich habe also wirklich auch schon spätestens mit zehn Erwachsenenlektüren gelesen und auch kein dummes Zeug, also ich war dann schon sehr schnell bei den wirklich guten Sachen auch, und ich hatte schon längst vor dem Abitur den ganzen Proust gelesen, Doderer, Herzmanovsky-Orlando, Thomas Mann, alles intus, nicht alle Schriften, aber weitgehend (vgl. Otto Doderer (1892-1962), Heimito von Doderer (1896-1966), Marcel Proust (1871-1922), Fritz von Herzmanovsky-Orlando (1877-1954), Thomas Mann (1875-1955)). Das sind ja alles so die großen literarischen Schleudern, die sich auch teilweise blendend auf die Metaphorik verstehen, und irgendwie ist das erzieherisch. Das ist wirklich mein Verdienst, ich habe mich an den großen Autoren von klein auf geschult oder von relativ jung an. Ich bin ja auch so traditionsversessen. Für mich ist es das Größte an Befriedigung, wenn ich das Gefühl habe, ich kann mich auch nur – sagen wir – zu fünf Prozent in diesen großen Kanon hineinschreiben. Das genügt ja schon, verstehen Sie, das ist für mich der eigentliche Antrieb. Ich möchte irgendwie bei denen sein und als kleines Mäuslein von mir aus bloß, aber ich möchte dabei sein, und ich möchte partizipieren an diesen Geisteshaltungen, die so erfinderisch auch sind, dieser ganze Metaphernreichtum, diese tolle Erfindungsleistung des Menschen, weil – übrigens, Blumenberg hat ein dickes Buch über die Metaphorik geschrieben, es hat ja permanent davon gehandelt – gerade die Metaphern eine besondere Denkübung darstellen. Das ist ja das Tolle an der Metapher, dass sie etwas, was man nicht realiter ganz definieren kann, also Erfahrungen, die man nicht ganz im Realen abspiegeln kann oder ein Wissen, das man auch nicht ganz real überführen kann, durch ein Bild oder Gleichnis überführt und plötzlich wird das trotzdem schlagend verständlich. Schlagend! Also die hat eine Schlagkraft, die Metapher! Und das finde ich als Denkprozess überhaupt, dass der Mensch so etwas kann, das ist enorm. Dass er also eine Sprache hat, die nicht nur auf der Realitätsebene das eine oder andere versucht irgendwie wiederzugeben, sondern gleichzeitig höhere Verbindungen, schlagende Bildbestimmungen liefert. Das ist ein ganz großes Denkvermögen.

Frage:

Das ist aber auch eine gewisse Verbindung zum Religiösen, und wenn diese Sprache verloren geht oder sogar fast verschwindet, dann stimmt auch unsere Realität nicht mehr. 

Lewitscharoff: 

Natürlich, ja klar, es gibt den Beweis nicht, dass es Gott gibt. Den werden Sie physikalisch nicht herstellen können. Aber es gibt natürlich die Möglichkeit, durch zartfühlende und durch weise, durch kluge Metaphern sich dem großen Tremendum anzunehmen und damit zu überzeugen. Das gibt es sehr wohl. Aber beweisen im Sinne eines logischen Schlusses können Sie es nicht. Und dafür ist auch das metaphorische Denken, was sonst soll da helfen? 

Langenhorst: 

Sie haben uns nun heute Abend schon einige Ihrer Lieblingsautorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Gattungen und unterschiedlichsten Zeiten verraten. Ich bin neugierig, in der Gegenwartsliteratur, haben Sie einen Literaturtipp für uns, was man aus heutiger Literaturproduktion noch spannend lesen kann? Außer Sibylle Lewitscharoff? 

Lewitscharoff: 

Also ich liebe sehr, weil ich ihn auch für sehr klug halte, den katholischen Kollegen Martin Mosebach (*1951, => Homepage), den lese ich sehr sehr gerne, das ist ein äußerst kluger Autor, wobei der ein kleines Buch hat, da fiel ich vor Lachen schier aus dem Bett, als ich das las. Das ist eigentlich ein Reisebericht über Indien, Stadt der wilden Hunde“ (vgl. Martin Mosebach, Stadt der wilden Hunde, 1. Aufl., München: Hanser 2008), das ist sowas von komisch, also das ist ein großes kleines Buch, wunderbar. Ich liebe aber auch seine großen Romane, und ich war doch sehr erstaunt, vor zwei/drei Jahren, als dieses große Werk des Amerikaners David Foster Wallace (1962-2008) herauskam, der eine Art Science Fiction, einen Riesenroman, geschrieben hat, wo neue Technologien den Menschen invadieren, und eigentlich auf noch ganz andere Wege lenken, und ich finde das einen sehr sehr klugen Roman, also das habe ich bewundert, das ist auch etwas, was ich gar nicht schreiben könnte, weil ich eben über diese technischen Formen nicht Bescheid weiß, das finde ich schon sehr bemerkenswert (Anm.: Vermutlich handelt es sich hier um den Roman „Unendlicher Spaß“ (Infinite Jest) von 1996, der in der mehrere Jahre dauernden Übersetzung von Ulrich Blumenbach (*1964) erstmals 2009 auf Deutsch erschien. Der Roman wurde vom TIME-Magazin zu einem der einhundert einflussreichsten Romane seit 1923 gewählt). 

Frage: 

Ich habe eine Frage zu ihren aktuellen deutschsprachigen Kollegen Daniel Kehlmann (*1975; => Homepage) oder Peter Stamm (*1963; => Homepage), die ja auch derzeit sehr aktiv sind, Ferdinand von Schirach (*1964; => Homepage) will ich hier nur nennen, denn er hat ja eine sehr spezielle Ausrichtung. Wie sieht es da aus? Lesen Sie die Kollegen, interessiert es Sie, nehmen Sie sie wahr oder ist das für Sie eher unwichtig, da Sie dann mehr an eigenen Texten feilen oder arbeiten? 

Lewitscharoff: 

Also von beiden Autoren habe ich schon Bücher gelesen. Ich nehme das schon wahr. Ich fand damals dieses berühmte Buch über (Alexander von) Humboldt (1769-1859) und (Johann Carl Friedrich) Gauß (1777-1855), mit dem Daniel Kehlmann so hochschoss, sehr sehr komisch, das habe ich gerne gelesen (vgl. Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, 1. Aufl., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2005). Das sind sehr verschiedene Autoren natürlich, ist aber nicht ganz so … der Engländer würde sagen: Not my cup of tea! Also nicht so ganz und gar. Also ich will das nicht schlecht reden, weil literarische Geschmäcker und literarische Vorlieben müssen verschieden sein, das ist ja auch überhaupt die Würze des Publikums, aber das sind eben insgesamt, wenn ich diese Werke so flüchtig überschaue, nicht meine, eben nicht so wie Martin Mosebach, der für mich schreibt. Meine Kollegin Felicitas Hoppe (*1960) hat einen sagenhaft kleinen Text mal vor einiger Zeit geschrieben, „Pigafetta“ (vgl. Felicitas Hoppe, Pigafetta, 1. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1999), das fand ich eigentlich auch hinreißend. Also da gibt es schon einiges, auch im deutschsprachigen Raum immer wieder, was ich auch immer wieder zur Kenntnis nehme. Aber es gibt auch Autoren, die ich nicht mag, definitiv, aber dazu gehört weder Daniel Kehlmann noch Herr Stamm. Das ist keine Ablehnung, aber es gibt ja manchmal Autoren, die nicht ganz so zünden, da kann ich Ihnen gar nicht den Grund nennen, das ist kein Verwerfungsgrund.  

Langenhorst: 

Ich schaue in die Runde, ob da noch eine neugierig Fragende oder ein neugierig Fragender ist, wenn dem nicht so ist, schlage ich folgendes Verfahren vor: Wir entspannen uns zunächst oder konzentrieren uns zunächst, auf Musik und danach machen wir die Dankesworte ...
 

Donnerstag, 5. Juni 2014

„Weil es die wahre Liebe nicht gibt!“ – Maleficent – die dunkle Fee

Quelle
Zum Weinen schön! Diese kurze, prägnante, emotionale Formulierung bringt den neuen Disneyfilm „Maleficent“ des US-amerikanischen Visual-Effects-Supervisors und Szenenbildners Robert Stromberg, der mit „Die dunkle Fee“ sein Debüt als Filmregisseur gibt, wohl am treffendsten auf den Punkt. Linda Woolverton ist hier ein ganz außergewöhnliches Drehbuch gelungen, und vor allem der Hauptdarstellerin Angelina Jolie (*1975), die nach einer fast vierjährigen Pause erstmals wieder auf der Leinwand zu sehen ist – Salt und The Tourist waren 2010 im Kino zu sehen –, ist es wohl zu verdanken, dass die filmische Umsetzung wirklich wunderschön, elegisch, zauberhaft, anrührend, psychedelisch, und doch – auch ein bisschen, ein ganz klein wenig kafkaesk geraten ist.
 
Der Film vermischt die ohnehin verwandten Genres Fantasy und Märchen zu einem glänzend mundenden Cocktail, bei dem angefangen von dem sehr gut entwickelten Plot über die Farben, das Licht, die Bilder, die Metaphorik und die Stimmung einfach alles wunderbar stimmig ist und sich damit nahtlos in die Tradition großer Disney-Klassiker einreihen wird. Dabei gelingt auch der bei derartigen Projekten oft als Drahtseilakt empfundene Spagat zwischen einer fast wörtlich zu nennenden Detailtreue zur Vorlage und den notwendigen Freiheiten einer Neuinterpretation. 
Märchen neu zu erzählen, aus anderen Blickwinkeln zu beleuchten, ihre besondere Tiefe und Doppelbödigkeit auszuloten, ist nichts Neues, das wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder, gerade auch mit den Märchen der Gebrüder Grimm, versucht und mal mit größerem, mal mit kaum beachtetem Erfolg in den diversen Spielarten des Szenisch-Dialogischen umgesetzt. Man denke nur an „Snow White and the Huntsman“ (2012), „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ (2012) oder „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (2013). „Maleficent“ basiert und auf dem Märchen „Dornröschen“, das, durch die Gebrüder Grimm überliefert, auf Charles Perrault (1628-1703) zurückgeht, einen französischen Schriftsteller und hohen Beamten, der das Märchengenre durch seine Märchensammlung Contes de Fées (eigtl. Histoires ou Contes du temps passé avec des moralités, 1697) in Frankreich bekannt machte und von dem viele deutsche Märchenschaffende, u.a. die Gebrüder Grimm, Ludwig Bechstein (1801-1860) und Franz Xaver von Schönwerth (1810-1886), profitiert haben. Darin geht es um nichts Geringeres als die Macht der wahren Liebe.
 
Quelle
Die einzige Tochter eines Königs wird von einer sich zurückgesetzt fühlenden Fee verflucht, sich an ihrem fünfzehnten Geburtstag mit einer Webspindel zu Tode zu stechen. Eine weitere Fee wandelt den Fluch allerdings in einen ewigen Schlaf um, aus dem nur der Kuss der wahren Liebe aufzuwecken vermag. Natürlich kommt, wie sich das für ein ordentliches Märchen gehört, ein edler Prinz des Weges, der die Prinzessin, die mitsamt ihrem ganzen Hofstaat hinter einer Dornenhecke ruht, daraus befreit und wach küsst. Nicht so in „Maleficent“. Todorovs Zwei-Welten-Modell folgend, spielt sich die gesamte Handlung in zwei relativ hermetisch abgeriegelten Welten ab: zum einen in der Welt der Menschen, die durch eine große, mächtige Burg dominiert wird und der Welt der Feen und Phantasiegeschöpfe, die Welt der Naturmystik „in den Mooren“. Die Grenzen der beiden Welten werden streng bewacht. Die Feen haben mit den Menschen schlechte Erfahrungen gemacht und die Menschen andersherum auch mit den Feen.
 
 In dieser Welt wächst die kleine Fee Maleficent (dtsch. Malefiz; Angelina Jolie, als junge Fee dargestellt von Ella Purnell (*1996) und Isobelle Molloy) heran, ein gutmütiges Wesen, das in seiner Optik allerdings noch andere Wurzeln erahnen lässt. Sie hat nämlich riesige fledermausartige Flügel und auf dem Kopf trägt sie große, gewundene, regelrechte Teufelshörner. Also keine „klassische“ Fee, wie man sie kennt, sondern eher ein Mischwesen, eine Kreuzung von Dunklem, Unheilverheißendem und Lichterfülltem, Liebevollem: In ihrem Charakter kämpfen das Böse und das Gute der Welt den ewig gleichen Kampf, mal hat die eine Seite, mal die andere die Oberhand.
 
Maleficent verliebt sich in Stefan (Sharlto Copley (*1973), als junger Mann dargestellt von Toby Regbo (*1991) und Michael Higgins), der allerdings ihre Liebe nur anfänglich erwidert, dann aber durch sein eigenes Machtstreben zum Verräter an seiner einstigen Freundin wird. Nachdem das Reich der Moore vom König der Menschen angegriffen worden ist, den Angriff aber erfolgreich abschmettern konnte, zaubert Maleficent eine große undurchdringliche Dornenhecke um das Reich der Moore. Stefan betäubt Maleficent und nimmt ihr ihre Flügel, um mit ihnen als Siegestrophäe die Hand der Königstochter zu erhalten und selbst König zu werden, was ihm auch gelingt. Bei der Taufe seiner kleinen Tochter Aurora (lat. die Morgenröte; Elle Fanning (*1998)) verflucht Maleficent das Kind unwiderruflich. Es soll sich an einen Tag nach seinem sechzehnten Geburtstag an einer Spindel stechen und in einen todesähnlichen Schlaf fallen. Nur „der Kuss der wahren Liebe“ kann sie dann noch ins Leben zurückbringen. Diese Bedingung wird in der Überzeugung ausgesprochen, dass es die wahre Liebe nicht gibt.
 
Der König übergibt seine Tochter der Obhut von drei eher einfältigen und streitsüchtigen Feen, die nicht mit Maleficents Wandlung einverstanden sind. Sie sollen das Kind großziehen und es an seinem sechzehnten Geburtstag zu seinem Vater zurückbringen. Mit dieser Aufgabe sind die drei absolut überfordert und so wacht Maleficent über all die Jahre über das Kind und mit der Zeit schwindet ihr Hass auf das „Monsterchen“, wie sie die Kleine liebevoll nennt. Nach fünfzehn Jahren lernen sich beide dann im Wald kennen und Aurora entdeckt das Reich der Moore, die Welt der Feen, als die personifizierte Sehnsucht ihres Herzens. Maleficent wird endgültig von dem engelgleichen Wesen ihres Schützlings gefangengenommen, wird zur Patin, zur Freundin, zum Mutterersatz. Sie versucht den Fluch wieder von Aurora zu nehmen, was ihr nicht gelingt.

Quelle
 Aurora lernt im Wald den schmucken Prinzen Phillip (Brenton Thwaites (*1989)) kennen und es scheint zwischen beiden zu funken. Sie erfährt von den Feen von ihrer Verwünschung, bricht mit Maleficent, eilt in die Burg, wird von ihrem Vater abgewiesen und sticht sich daraufhin ganz bewusst mit der Spindel in den Finger, woraufhin sie dem Fluch gemäß in den todesähnlichen Schlaf fällt. Maleficent hat alles versucht, um das Schicksal Auroras zu verhindern. Sie ist gescheitert. Nun betäubt sie den Prinzen, dem Aurora im Wald begegnet ist, kämpft sich in die Burg vor bringt den Prinzen an das Lager Auroras. Der Prinz küsst das Mädchen und … scheitert! Nichts passiert! Also war es wohl nicht weit her mit der Liebe. Da beugt sich Maleficent in einer elegisch schönen Szene über das Mädchen und küsst sie auf die Stirn. Aurora erwacht – der Kuss der wahren Liebe, den sie von dem Wesen empfing, welches die Ursache ihres Schicksals war, hat den Fluch aufgehoben.
 

Spätestens hier drängt sich dem Zuschauer sehr stark der Verdacht einer eindeutig feministischen Auslegung des Märchenstoffes auf. Die Männer in diesem Film sind durch die Bank weg alles Versager oder Bösewichter. Auf sie ist kein Verlass, sie halten weder Versprechen, noch sind sie Manns genug, Dinge, die sie begonnen haben, auch konsequent zuende zu führen – Stefan bringt es nicht übers Herz, Maleficent zu töten, als er die Chance dazu hat. Sie sind mutlos, verschanzen sich und sind voll Hass auf alles, was weiblich ist – Stefan ignoriert die Bitte seiner todsterbenskranken Ehefrau, mit ihr zu reden, als sie schwer danieder liegt. Der edle Prinz ist ein Versager, dem noch nicht einmal ein Kuss wahrer Liebe gelingt und schließlich hält sich Maleficent eine Art Kammerdiener, Diaval (Sam Riley (*1980)), den sie je nach Laune und Gutdünken die Gestalt wechseln lässt – mal tritt er als Rabe, mal als Pferd und sogar als Drache auf – und der ihre Flügel ersetzen soll und ihre Augen darstellt. Aber auch dieses Wesen ordnet sich ihr absolut unter. Er macht zwar einmal den Versuch, ihr entgegenzutreten, ihr die Meinung zu sagen, aber dies geschieht nur sehr halbherzig und bleibt völlig bedeutungs- und konsequenzlos.


Maleficent muss nun aus dem Schloss fliehen, was ihr nach einigen Mühen auch gelingt, nachdem sie mit Auroras Hilfe ihre Flügel wiedererhalten hat. Allerdings stirbt der mittlerweile geistig verwirrte und bornierte Stefan bei dem Versuch, sie aufzuhalten. Aber Märchen haben ein Happy End … hier wird, wie es zu erwarten ist, Aurora als strahlende Königin beider Reiche zum Symbol der Vereinigung im Frieden.


Das völlige Fehlen von Nebenschauplätzen oder Nebenhandlungen, die völlige Vernachlässigung von Nebenkonflikten, was man einem anderen Filmplot sofort als Schwäche auslegen würde, macht diesen Film aber gerade für Kinder so wertvoll. Es erlaubt ihnen, sich nur auf die eine Sache, das eine Problem völlig und ganz zu konzentrieren und mausert sich so zum folgerichtigen Beweis der echten und wahren Liebe, die es immer gibt und geben wird. Die Tatsache, dass sie hier scheinbar zwischen Maleficent und Aurora, also zwei Frauen, zustande kommt, sollte man vor dem Hintergrund der momentan aktuell so hitzig geführten Homophobie-Debatte nicht allzu stark überinterpretieren. Immerhin handelt es sich beim Kuss der wahren Liebe hier nicht um einen intensiven Zungenkuss, sondern lediglich um einen behutsamen, mütterlich zu nennenden Kuss auf die Stirn. Und dann, schließlich, lebten glücklich bis an ihr Lebensende? Nun, die Gerüchteküche brodelt bereits, angefacht durch Angelina Jolie selbst, es sieht alles ganz nach einer Fortsetzung aus.

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