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Samstag, 10. Mai 2014

Transcendence – Eine neue Gotteserfahrung? - Wally Pfisters theologisches Regiedebüt

Quelle
„Sie wollen also einen Gott erschaffen?“ - 
„Tun wir das nicht alle?“ 
(Transcendence, 2014) 

Transzendenz ist etwas zutiefst Göttliches. Glaubt man den Lexika, so stammt das Wort aus dem Lateinischen: „transcendentia“ bedeutet dort „das Übersteigen“. „Als transzendent gilt, was außerhalb oder jenseits eines Bereiches möglicher Erfahrung, insbesondere des Bereiches der normalen Sinneswahrnehmung, liegt und nicht von ihm abhängig ist“, so definiert ein entsprechender Wikipedia-Artikel das Phänomen.
 
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Die Theologie erklärt den Begriff unter Zuhilfenahme der Bibel als das, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat (vgl. 1 Kor 2,9: „Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“). Der Kirchenvater Augustinus (354–430) erklärt in diesem Zusammenhang Gott als etwas, was jede veränderliche Kreatur „übersteigt“ (transcendat). Demnach ist Gott nicht nur transzendent, er transzendiert auch, ja, er ist schlicht und ergreifend die Transzendenz. 
 
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Wally Pfisters (*1961) Regiedebüt nach einem Drehbuch von Jack Paglen ist in vielerlei Hinsicht eine gekonnte und äußerst nachdenklich stimmende Auseinandersetzung mit der philosophisch-theologischen Interpretation des Transzendenz-Begriffs des 20. und 21. Jahrhunderts. In vielen Kritiken und Besprechungen meines Erachtens nach zu Unrecht schlecht gemacht, hat dieser Film, trotz einiger logischer Schwächen des Drehbuchs (würde wirklich eine solche Gefahr bestehen, wie in dem Film dargestellt, würde die Regierung mit Sicherheit keine relativ kleine Eingreiftruppe schicken!), doch einen immensen Wert, wofür ich hier einmal eine Lanze brechen möchte. 
 
Kate Mara als Bree (Quelle)

Der Film beschreibt die Bemühungen des Wissenschaftlerehepaars Will und Evelyn Caster, dargestellt von Johnny Depp (*1963) und Rebecca Hall (*1982), um die sinnvolle Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Anders als allen Wissenschaftlern zuvor gelingt es ihnen, nicht nur das kollektive menschliche Wissen in Computer zu übertragen, sondern diese auch mit Emotionen auszustatten, als fühlende Computer zu erschaffen (vgl. Ernst Tugendhats Vorstellung einer anthropologischen immanenten Transzendenz, eines Konzepts eines Strebens der Menschen, das über sie hinausweist, und Niklas Luhmanns Vorstellung, dass Transzendenz als Richtungsangabe auf etwas jenseits einer Grenze verweist). Auf der einen Seite ernten sie für diese Arbeit viel Lob, auf der anderen Seite versucht eine Gruppe von Technoklasten diese fortschrittliche Entwicklung mit allen Mitteln zu stoppen. In einer weiteren Top-Besetzung ist hier Kate Mara (*1983) als Widerstandskämpferin Bree zu sehen.
 
Das Caster-Bewusstsein (Quelle)

 
Zu Beginn stellt ein Teilnehmer einer Veranstaltung, auf der Dr. Will Caster seine Forschung präsentiert, die eingangs bereits erwähnte Frage, ob Caster also einen Gott (oder Gott) erschaffen will, worauf er mit der salomonischen Gegenfrage kontert, ob wir das nicht irgendwie alle tun. Allein schon diese Sequenz lässt die tiefe Wertigkeit dieses Films erahnen. Und die Frage zieht sich wie ein rotes Band durch den ganzen Film.
 
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Den Technoklasten gelingt es, Caster zu verletzen und ihn mit einem radioaktiven Virus zu infizieren, an dem er unweigerlich sterben muss. Bevor dies geschieht, kann seine Frau mit Hilfe ihres Kollegen und Freundes Max Waters (Paul Bettany) sein Bewusstsein – seine Seele? – retten und in einen Computer übertragen. Das übertragene Bewusstsein, von dem der Film den Zuschauer bis zum Ende im Unklaren lässt, ob es tatsächlich das Bewusstsein von Will Caster ist, vernetzt sich mit dem Internet und gewinnt so an unglaublicher Macht und Stärke (vgl. Karl Jaspers Begriff der Transzendenz als das eigentliche Sein und Jean-Paul Sartres Auffassung vom Überschreiten des Egos, in dem der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern dauernd gegenwärtig in einem menschlichen All ist). 

Rebecca Hall als Evelyn Caster (Quelle)
 
Es baut mit Hilfe von Evelyn irgendwo in der Wüste, in einem unbedeutenden kleinen Kaff eine riesige Industrieanlage auf, in der es die KI konsequent weiterentwickelt und unter Zuhilfenahme der Nanotechnologie anfängt, wie ein Gott zu handeln (vgl. Karl Jaspers Begriff der Transzendenz als Synonym für Gott). Es verbessert die Welt, es heilt die Menschen von schlimmen Krankheiten, macht Blinde sehend, lässt Krüppel wieder gehen, repliziert Gliedmaße usw. Es sind die Wunder Jesu Christi, die hier in einer ultramodernen Version neu erzählt werden.
 
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Argwöhnisch wird das Treiben von den Technoklasten beobachtet, die sich schließlich mit der Regierung zusammentun, um Will Casters Bewusstsein und seine Industrieanlage zu vernichten. Alle ihre Versuche scheitern an der übermäßigen Intelligenz der „KI Caster“, die allerdings niemals aggressiv oder gewalttätig reagiert, sondern immer um Verständnis für ihr Tun wirbt. Das Paradoxe, das Unerwartete der Dramaturgie dieses Films ist, dass das scheinbar Böse gar nicht böse ist, sondern sich pausenlos in einer Position der Defensive befindet und sich gegen die Guten, die es zwar gut meinen, dennoch aber auf dem Holzweg zu sein scheinen, verteidigen muss. Besiegt werden kann die KI nicht wirklich. Nur ein eingeschleuster Virus, der direkt ins System hochgeladen wird, kann sie zerstören. 
 
 Auch Morgan Freeman ist mit dabei, als Joseph Tagger (Quelle)
 
Evelyn hat sich dem Bewusstsein ihres Mannes entfremdet und als er ihr anbietet, sie zu sich zu holen und ins System hochzuladen, flieht sie. Sie trifft auf die Technoklasten und die Regierungsbeamten und erklärt sich bereit, den Virus, der das Bewusstsein ihres Mannes löscht, in ihr Blut aufzunehmen und sich hochladen zu lassen, um so dem Treiben der KI ein Ende zu setzen. Das Caster-Bewusstsein durchschaut jedoch den Verrat. Er hat sich inzwischen durch Gewebe- und Organreplikation auf Nanotechnologiebasis seinen Körper neu erschaffen. Als seine Frau bei dem abschließenden Gefecht tödlich verwundet wird, beschließt er freiwillig, den in ihrem Blut befindlichen Virus hochzuladen. Er stirbt gemeinsam mit Evelyn Arm in Arm. Eine, in diesem Zusammenhang unfreiwillig komische Reminiszenz an Shakespeare's „Romeo und Julia“
 
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Was würden wir tun, käme Jesus in unseren Tagen noch einmal auf unsere Welt? Würden wir ihm glauben, dass er der ist, der er ist? Würden wir ihn annehmen, wenn er uns nur Gutes tun würde? Diese Fragen beantwortet der Film „Transcendence“ mit einem klaren Nein. Das Caster-Bewusstsein opfert sich selbst am Ende, wie Jesus Christus sich am Kreuz geopfert hat. Wie Jesus hätte Caster die Macht gehabt, es zu verhindern, aber er tut es nicht. Er entscheidet sich bewusst für den Tod.




Menschen haben Angst davor, wenn ihnen jemand, etwas, eine Instanz gleich welcher Art, ohne Gegenleistung etwas Gutes tut. Das finden sie verdächtig, das können sie nicht ertragen. Sie unterstellen jedem Mitwesen in diesem Universum eine Form von Profitgier. Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit ist ein altruistischer Luxus, den sich heute niemand mehr erlaubt. Und genau das führt uns Pfisters Regiedebüt drastisch vor Augen. Ebenso drastisch, wie die Bibel es auch tut. Ein hoch theologischer, philosophischer und zutiefst religiöser Film. Mein Dank an den vielversprechenden Regisseur, dass er dazu den Mut hatte. Ich hoffe auf weitere, so bewegende Filme wie „Transcendence“

Kommentare:

  1. Ich denke, dein Fazit trifft die Aussage des Films nicht ganz. Zum einen denke ich, dass Caster sich nicht für den Tod entscheidet, sein Bewusstsein lebt bei/in/als die Sonnenblume in dem abgeschirmten Bereich weiter. Weiterhin ist alles was passiert von Casters Geist so geplant. Der vermeintliche Sieg der Menschen über Caster ist eigentlich Casters Sieg über die moderne Technik. So kann Evelyns Ziel, wie es am Ende auch gezeigt wird, erreicht werden: nachwachsende Wälder, Flüsse mit Wasser so klar, dass man es trinken kann... Kurzum: Der Planet wird gerettet. Zusätzlich ist den Menschen ein Bewusstsein für die Gefahren der Hochtechnologie eingepflanzt worden.

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  2. Vielen Dank für diese Erweiterung und Erläuterung. Das ist doch mal ein Kommentar, der eine echte Bereicherung darstellt.

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  3. Die Analyse des Films finde ich äußerst gelungen!

    Transzendence ist m.E. eine postmoderne Heilserzählung.
    Keine Dystopie sondern eine mutmachende Utopie transhumanistischer Erlösung wird gezeigt - ohne die beständige Möglichkeit der Vernichtung des Menschen durch den Menschen zu negieren.

    Der Film kommt ohne jegliche traditionell-religiöse Bezüge aus und ist dennoch voller Metaphern biblischen Ausmaßes.

    Die Hauptaussage ist die Frage nach der "Erschaffung Gottes". Diese Spannung wird im Film lange aufrecht erhalten. Der rote Faden, die Liebe zwischen Will und Evelyn, welche den Tod überdauert und überwindet, evolviert in eine transpersonale Beziehung. Wenn viele darin eine kitschige Trivialisierung sehen, dass die "Liebe als das Größte" hingestellt wird, dann mag das die negativen Kritiken verständlicher werden lassen. Die ethische Dimension dieses Filmes, tut das dennoch keinen Abbruch.

    * Will und Evelyn, haben die Qualität eines postmodernen "Adam und Eva". Wobei Will die Aufgabe des Messias und Erlösers der Menschen und des Planeten - auferstanden im transpersonalen Raum, jede Körpergestalt annehmen könnend - übernimmt.

    * Evelyns grenzenloses Vertrauen in Will bekommt erst Risse und ihre Zweifel wachsen erst, als der transzendierte Will ihr klar macht, dass er in der Bewusstseinsebene in welcher er sich befindet durch jeden Menschen sprechen kann - welche sich zuvor von ihm heilen ließen.

    * Die Metapher des "Gartens" auf den ganzen Planeten übertragen, fragt nach der Möglichkeit die "Vertreibung aus dem Paradies" rückgängig zu machen.

    * Es gibt keinen Tod, weil das transzendierte Bewusstsein in jedem Wassertropfen zu finden ist. Es bleibt offen, ob dies immer schon so war, oder aber erst durch den transzendierten Will entstanden ist.

    * Das Böse als "Fortschrittsfeindlichkeit" wird zum unfreiwilligen Helfershelfer dafür, dass Will sein Bewusstsein transzendieren kann. Ohne seinen Martyrer-Tod, hätte es diese Geschichte und ihrer Entwicklung nicht gegeben. Eine Opfer/Auferstehungsgeschichte globalen Ausmaßes.

    * Wenn biologische und technologische Evolution - natürliches Bewusstsein und künstliche Intelligenz eine Symbiose eingehen, dann ist das ethisch keine Bedrohung. Die Ermutigung des Films lautet: Ein "Blackout" ist keineswegs eine Katastrophe, denn die notwendige heilsame Information ist in jedem Wassertropfen vorhanden. Das Leben geht weiter. So oder so.

    * Evelyn bedauert im Tod ihren Zweifel an den transzendierten Will. Will hat die Stufe des Bewusstseins erreicht, indem er nicht mehr abhängig ist von Prozessorleistung und auch nicht mehr davon in einem Körper zu leben. Beide sind in ihrer Liebe vereint im Tod und überwinden gerade dadurch den Tod und leben transpersonal weiter.

    Fazit: Ein Film der ermutigt, weil er die wirklich großen Fragen thematisiert und als Grundbotschaft weitergibt: Egal was passiert und was immer wir versuchen die Probleme zu lösen, welche zugleich mit unseren Lösungsversuchen entstanden sind: Am Ende wird die Liebe siegen und es schaffen, dass das Leben nicht aufhört und sich weiterentwickelt.

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    1. Lieber Herr Damith,

      vielen lieben Dank für diese wirklich ausgezeichneten Gedanken, die meinen Artikel sehr gut reflektieren und eine echte Bereicherung darstellen. Schön, dass meine Rezension Ihnen solche Freude gemacht hat.

      Herzlichst,
      Peter Wayand

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