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Dienstag, 22. April 2014

SCI-FI-NOAH – Das Ende aller Wesen aus Fleisch – Darren Aronofskys Bibelverfilmung

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Hypnotische Bilder, Visionen, intensive Träume, Fantasywelten, ein einseitiges Männerbild, gefallene steinerne Engel, der neunhundertneunundsechzig Jahre alte Methusalem, eine Science-Fiction-Allegorie gepaart mir Fantasy-Elementen – Joanne K. Rowling trifft J.R.R. Tolkien oder Harry Potter bekämpft den Herrn der Ringe auf alttestamentarischem Boden. Denn dieses Treffen, diese Auseinandersetzung findet weder in Hogwarts noch in Mittelerde, sie findet auf biblischem Boden statt.
 
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Wieder einmal hat sich ein Filmemacher – hier Darren Aronofsky (*1969) – eines alten biblischen Stoffs (vgl. 1 Mose (Gen) 5-9 (Einheitsübersetzung)) angenommen und ihn verfilmt. Das Besondere daran ist aber, dass dieser Stoff vorher nur als kurze Episode im monumentalen Rahmen von umfassenden Bibelverfilmungen Erwähnung fand, nie aber als Hauptplot, als Hauptthema eines abendfüllenden Spielfilms ausgearbeitet wurde. Eine Ausnahme in gewissem Sinne bildet noch Tom Shadyacs (*1958) Film „Evan Allmächtig“ (2007), der allerdings eine modernisierte Variante der Geschichte zeichnet und in dem der Hauptkonflikt allerdings ein anderer ist.
 
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Und damit sind wir beim Hauptproblem des eigentlichen Plots. Die biblische Geschichte von der Sintflut, die wir historisch in etwa im dritten vorchristlichen Jahrtausend ansiedeln müssen, hat keine Konflikte. Das Geschehen kennt man: Die Menschen sind nur noch verderbt und böse. Gott ist seine Schöpfung leid, er will sie vernichten und die Erde durch eine Sintflut, in der alles Böse umkommt, reinigen. Nur sein gefälliger Knecht Noach, dessen Frau, seine drei Söhne und deren Frauen, sowie je ein Pärchen jeden Geschöpfs auf Erden sollen überleben. Dazu muss Noach eine Arche bauen, ein riesiges Schiff, auf dem die Auserwählten die Sintflut überstehen. Soweit, so gut! Die Geschichte wird im ersten Buch Mose, der Genesis („Ursprung“; 1 Mose (Gen) 5-9), erzählt, sowie in einigen apokryphen Schriften. Sie findet sogar Eingang in den Koran (Sure 11, 25-48). Ihre eigentlichen Quellen reichen jedoch bis ins sumerisches Reich zurück, wo der sogenannte Atraḫasis-Epos wohl die ursprünglichste Variante der Erzählung darstellt. 

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Aronofsky nimmt sich nun dieser ungewöhnlichen Aufgabe an, in dem er neue und aktuelle Methoden des Films, wie das CGI-Verfahren („No animals were harmed“) und das 3D-Kino nutzt – wenngleich die 3D-Effekte hier nicht wirklich spektakulär sind –, aktuelle Sehgewohnheiten mit beliebten Filmgenres – wie Science Fiction oder Fantasy – mischt, um letztlich eine Welt zu erschaffen, die es schon seit dreitausend Jahren nicht mehr gibt und wohl auch nie so gegeben hat. Zum einen bleibt er dabei überraschend bibeltreu, ja er legt sogar Akzente auf Stellen, die sonst geflissentlich herausfallen, wie zum Beispiel Gen 6, 1-4, wo von den Nephilim, den Abkömmlingen von Engeln und Menschen berichtet wird, von den Riesen, die eigentlich gefallene Engel sind, die, so Aronfskys Vorstellung, vom Schlamm und Dreck der Erde, auf die sie geworfen wurden, überdeckt und verkrustet worden sind. Oder auch die unglaublich menschliche Stelle Gen 9, 18-27, wo Noah sich nach der Sintflut als Ackerbauer betätigt, einen Weinberg anpflanzt und dann berauscht vom Produkt seiner Arbeit nackt in seinem Zelt liegt, wo ihn seine Söhne finden.

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Zum anderen weicht er aber auch extrem ab und schreibt seine eigene Version der Geschichte, um das weiter oben erwähnte Hauptproblem lösen zu können. Der Bibel nach sind zumm Beispiel Noachs Söhne alle verheiratet, denn ihre Frauen gehen mit auf die Arche. Das bedeutet auch, dass sie nicht allzu weit entfernt voneinander sind, was das Alter betrifft. Bei Aronofsky ist Jafet (Leo McHugh Carroll (*2000)) der Jüngste, zu jung, um eine Frau zu haben. Ham (Logan Lerman (*1992)) ist noch auf der Suche und Sem (Douglas Booth (*1992)) ist mit der bereits erwähnten Ila (Emma Watson (*1990)) liiert, einer jungen Frau, die als Kind schwer verletzt von Noah und seiner Familie aufgenommen wurde. Ila ist unfruchtbar, sie kann aufgrund der Verletzung keine Kinder bekommen.

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Am Anfang des Films, muss Noah (Russell Crowe (*1964)) als Kind den gewaltsamen Tod seines Vaters Lamech (Marton Csokas (*1966)) miterleben. Der Bibel nach ist Lamech allerdings siebenhundertsiebenundachtzig Jahre alt geworden und keines gewaltsamen Todes gestorben. Ebenso verhält es sich mit Metuschelach (Methusalem; Anthony Hopkins (*1937)), dem Vater Lamechs und Großvater Noahs. Er ist mit neunhunderneunundsechzig Jahren der älteste Mann der Bibel, und spielt keine große Rolle. Er wird im Rahmen des Stammbaums, der Erblinie der Patriarchen vor der Sintflut zwar erwähnt, aber das war es auch schon und steht in keinem erkennbaren Zusammenhang mit der Sintfluterzählung. Auch erwähnt die Bibel keinerlei magische oder göttliche Fähigkeiten, die er gehabt haben soll. Ganz anders im Film. Hier ist er weiser Ratgeber und Wegweiser Noahs, außerdem heilt er den unfruchtbaren Schoß von Ila auf wunderbare Weise. Trotzdem löscht die Sintflut auch sein Leben aus.

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Dies sind nur einige Beispiele, die bei einem direkten Vergleich zwischen Film und literarischer Vorlage direkt auffallen müssen. Und man könnte die Liste ohne Schwierigkeiten noch erweitern, denkt man allein an die Figur des Tubal-Kain (Ray Winstone (*1957)), die tatsächlich eine biblische Figur ist, aber dort keinen direkten Bezug, außer einem verwandschaftlichen, zu Noah hat. Oder betrachtet man die unverhoffte Mutterschaft Ilas, die mit Zwillingen schwanger ist und diese auf der Arche auch bekommt, was einen riesengroßen Konflikt mit Noah aufwirft, der nicht plausibel ist. Noahs Interpretation des Willen Gottes, der im Gegensatz zur Bibel während des ganzen Films stumm bleibt, sich nicht – wie im AT eigentlich üblich – einmischt und seine Anweisungen gibt, sind schwer nachzuvollziehen. Auch ist meiner Meinung nach eine Schwäche des Films, dass gewisse Konflikte, wie zum Beispiel das zerrüttete Verhältnis Noahs zu Ham, nicht aufgelöst werden, obwohl das im wahren Leben oft auch so ist. Dennoch sind wir hier nicht im wahren Leben, dazu wirkt die hier erzeugte Filmwelt viel zu künstlich.

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Aber an dieser Stelle muss die Frage erneut aufgeworfen werden, die ich bereits an anderer Stelle auf diesem Blog schon gestellt habe: Darf man das eigentlich und sollte man es auch tun, die Vorlage mit dem Film zu vergleichen? Das Problem der Literaturverfilmung wird am Beispiel biblischer Stoffe immer besonders deutlich. Warum ändert der Regisseur so viele Dinge einfach ab, während er sich andernorts akribisch an die Bibel hält? Nun, er muss ändern, umarbeiten, denn er schafft dadurch Konflikte, die in der Bibel gar nicht vorkommen oder entstehen. Er verhindert dadurch eine langweilige, langwierige Geschichte, die die meisten Menschen sowieso schon kennen. Wir wissen ja, wie es ausgeht. Dass er dadurch seine eigene Version der Geschichte erschafft, ist völlig legitim, dass er dazu die technischen Möglichkeiten seiner Zeit nutzt, nur recht und billig. Aber natürlich gilt auch hier wieder das Gesetz des Geschmacks, über den sich bekanntlich ja nicht streiten lässt. Und dass dieser Film polarisiert, ist allein schon ein Grund, ihn anzuschauen.


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Die einzige Frage, die der Regisseur sich stellen lassen mus, ist indes, ob er dann bei dieser Ausgangslange nicht besser einen anderen biblischen Stoff verfilmt hätte – denn derer gibt es ja beileibe genug, und genügend Geschichten aus der Bibel sind leider noch nie erzählt worden, jedenfalls nicht auf der großen Leinwand. Vielleicht wäre das mal ein Tipp an das moderne Kino, einmal alte Geschichten neu zu erzählen, die keiner kennt und nicht Altbekanntes immer und immer wieder aufzuwärmen. Es gehört allerdings Mut und Verve dazu, bestehende Strukturen aufzubrechen, zu durchstoßen und so Neues zu schaffen – vor allem im kommerziellen Bereich, denn im Kunstbereich geschieht dies ja schon in ausreichendem Maße.

1 Kommentar:

  1. Zumindest hat uns der Film dazu ermuntert, mal wieder die Bibel hervorzukramen und einige Kapitel mit frischen Augen zu lesen. Unglaublich, was da alles drinsteht, an das man sich gar nicht mehr erinnert.

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