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Donnerstag, 17. April 2014

Andersartigkeit versus Fraktionszwang: Die Bestimmung (Divergent)


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Wir erleben zur Zeit in Literatur und Film eine geradezu erstaunliche Renaissance der Science Fiction. Nachdem die opulentesten Fantasy-Spektakel mittlerweile unsere einseitig verkümmerte Phantasie überladen haben, kehren wir in unserem Trachten nach guten Geschichten wieder zurück zum gesellschaftskritischen Ansatz einer SF im Stil eines George Orwell (1903-1950) oder eines Aldous Huxley (1894-1963), die uns mit Werken wie „1984“ (1946-1948, 1949) oder „Schöne neue Welt (Brave New World)“ (1932) bereits vor Jahrzehnten die intellektuelle Qualität dieses Genres gezeigt haben. So auch in diesem Fall.
 
„Die Bestimmung“ (=> Homepage) ist die Verfilmung des ersten Teils eines drei Teile umfassenden Romans der noch relativ jungen US-amerikanischen Autorin Veronica Roth (*1988; => Homepage/Blog). Doch die Idee ist – wie so oft – leider nicht neu. Es gibt eine Menge Parallelen zu anderen aktuellen Werken, wie Suzanne Collins' (*1962; => Homepage) dystopischer Trilogie „Die Tribute von Panem (The Hunger Games)“ (=> Homepage) oder Joanne K. Rowlings (*1965; => Homepage) Harry-Potter-Heptalogie, um nur zwei zu nennen.

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Immer wieder geht es in diesen neueren phantastischen Werken um eine nicht allzu ferne Zukunft, in der ein Krieg oder eine Naturkatastrophe die menschliche Gesellschaft, so, wie wir sie kennen, zerstört hat. Die Überlebenden versuchen nun, was ja auch folgerichtig ist, das Überleben der eigenen Spezies zu sichern. Neue alte, längst überkommene und als misslungen bekannte Gesellschaftsentwürfe und -Systeme werden wiederbelebt, Klassifizierungen werden vorgenommen, usw. usf. Die Folge sind politische, soziologische und psychologische Simplifizierungen. Doch diese Schwarzweißmalerei führt auch zu Verrohung von Sitte und Moral, von Anstand und Zivilisationskultur im Allgemeinen. So auch hier.

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Wir befinden uns in einer düsteren, nicht näher spezifizierten, dennoch aber wohl nahen Zukunft der amerikanischen Stadt Chicago. Es hat in der Vergangenheit einen fürchterlichen Krieg gegeben, nachdem die menschliche Gesellschaft in fünf Fraktionen, Kasten, Stände, wie auch immer, eingeteilt worden ist. In der Namensgebung hält es Veronica Roth mit der guten alten Tradition, der sich auch schon Rowling verpflichtet sah, Begriffe aus alten – sogenannten „toten“ Sprachen zu adaptieren und sie – die Sprachen – so lebendig zu halten. Doch diese Zusammenhänge durchschauen wohl nur die Gebildeteren unter den Zuschauern und Lesern der Romane.

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Es gibt die Ferox (von lat. ferox, ferocis = wild, trotzig, ungestüm, unbändig), die als paramilitärische Soldateska die Bewachung und Verteidigung der bestehenden Ordnung übernommen haben. Dann sind da die Altruan (von lat. alter = der andere; vgl. Altruismus = Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise), die Ken (das Wort bezeichnet ein japanisches Schwert), die Candor (von lat. candor, candoris = glänzend weiße Farbe, Glanz, Schimmer, blendende Schönheit, Klarheit, Durchsichtigkeit, Aufrichtigkeit) und die Amite (vgl. franz. l'amitié = Freundschaft). Es handelt sich also ausnahmslos um Charaktereigenschaften. Jeder der fünf Fraktionen ist ein Element oder ein Stoff zugeordnet (Feuer, Stein, Wasser, Glas und Erde). Im Alter von 16 Jahren entscheidet ein psychologischer Test, der auf Basis künstlich hervorgerufener Visionen und Halluzinationen funktioniert, zu welcher Gruppe man zukünftig gehören wird. Allerdings hat man trotzdem die freie Wahl, wo man hingehören möchte. Dies erinnert doch sehr stark an Harry Potter und die vier Häuser von Hogwarts (Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin), in die man bei Schulantritt durch den sprechenden Hut gewählt wird, der allerdings auch den persönlichen Willen berücksichtigt. 
Die Protagonistin Beatrice Prior (Shailene Woodley (*1991)) ist jedoch anders. Sie ist rebellisch, aber auch loyal und treu – diese Charaktereigenschaften wählt Roth auch für die Originaltitel ihrer drei Bücher: Divergent = andersartig, Insurgent = rebellisch und Allegiant = loyal, treu. Der deutsche Titel „Die Bestimmung“ zielt ein wenig auf das anfänglich zwar zentrale Moment ab, das jedoch sehr schnell auch für die Protagonistin klar wird. Denn Beatrice Testergebnis ist nicht eindeutig. Sie kann keiner der Fraktionen eindeutig zugewiesen werden. Sie ist eine Unbestimmte. Sie trägt Eigenschaften aller Fraktionen in sich, was sie überlebensfähiger macht, als die Gleichgeschalteten. Diese Problematik lässt sich sehr einfach in folgendem Schaubild verdeutlichen:
 
Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Denn diese Unbestimmbarkeit macht sie gefährlich, sie ist non-konform, unberechenbar und dadurch für das System natürlich gefährlich. Und ebenso natürlich ist Beatrice jung, schön, attraktiv, intelligent, natürlich trotzt sie mutig allen Gefahren, ja sie scheint durch ihre Ängste sogar angetrieben zu werden. Natürlich erleben wir eine Romanze mit einem entsprechend gutaussehenden jungen Mann, also alles sehr vorhersehbar. Natürlich erlebt die Heldin auch Niederlagen und persönliche Tiefpunkte, Verluste (beide Eltern sterben, natürlich aufopferungsvoll bei der Rettung der eigenen Tochter), die dann doch, wenn auch nur kurz, den äußerst verletzlichen Teenager zeigen, der sie ja im Grunde genommen auch ist. Doch diese Momente sind im Film nur von kurzer Dauer. 

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Zunächst sieht man sie im einfachen, biblisch anmutenden Gewand der Altruan, eine Art Maria-Figur, die sich allerdings recht schnell mausert, die Ferox bewusst wählt, das einfache sandfarbene Gewand gegen den schwarzen Kampfdress eintauscht und bei ihnen in einem knallharten Soldatentraining in unglaublich kurzer Zeit zur mutigen Kämpferin mutiert. Dabei bleibt der großangelegte gesellschaftspolitische Hintergrund der Fraktionen nur Hintergrund, nur Mittel zu Zweck, bleibt – trotz handlungsvorantreibendem Habitus – nur blass und farblos, da sich alles auf das eigentliche Selbstfindungsdrama einer jungen Frau konzentriert. Der kritische Zündstoff, der darin ruht, wird nicht wirklich entzündet, was ja eigentlich eine gute SF ausmachen sollte. Wir sollen in einen Spiegel schauen, erkennen aber den Spiegel gar nicht als solchen, da er konturlos bleibt. Da helfen auch keine pseudofaschistischen Parolen wie „Fraktion vor Blut“. Der zentrale Konflikt, vor dem sich Beatrice Entwicklung abspielt, nämlich die Auseinandersetzung zwischen Ken und Altruan, bleibt ein wenig verschwommen und die Begründung des Konflikts ist wenig nachvollziehbar und plausibel. Die Beziehung zu den Eltern, der Konflikt mit dem Bruder, all das, was den Speck zu den dicken Bohnen hätte geben können, wird im Film leider verschenkt.

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Und so taugt er zwar als gute Abendunterhaltung, aber auch nicht als mehr. Trotzdem bleibt abzuwarten, ob die beiden folgenden Teile ebenso ihre Möglichkeiten vertun, oder ob sich die Macher doch noch steigern können.

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