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Sonntag, 27. April 2014

Zugespitzt. Kurzformen in der Bundesakademie Wolfenbüttel, Tag 2: Von Erzähl-Bären, Seh-Seuchen und der Onkel-Dramaturgie

Der zweite Tag des Schreibseminars „Zugespitzt. Kurzformen in Sciencefiction, Horror und Fantasy“ war der eigentliche Hauptarbeitstag, wenn man das mal so formulieren darf, mit dem größten Anteil an Arbeitspensum. 
 

 
Nach der Frühstückszeit von acht bis neun Uhr ging es direkt weiter mit der Besprechung der einzelnen eingereichten Geschichten, den Ergebnissen der Schreibaufgabe. Ich habe mich ja bereits im letzten Blogbeitrag zur Bandbreite der vorgelegten Geschichten geäußerst. Deswegen heute mal ein paar inhaltliche Details, die teilweise herrlich komisch waren, weil sie genre- und szenetypische Begrifflichkeiten zum Vorschein brachten, die wunderbar bildhaft sind und unbedingt hier erwähnt werden müssen. Es ging ja hauptsächlich um den Aspekt der Spannung und wie sie erzeugt wird. 
 
Klaus N. Frick

Uwe Anton im Gespräch mit Klaus N. Frick

Es wurde über den persönlichen Bezug, den der Leser zur Hauptfigur entwickeln können muss, gesprochen, der aber schnell in ein sogenanntes „Emo-Gelaber“ ausarten kann, wenn man nicht aufpasst. Die dadurch geschaffene Analogie zum Leser führt zum aktiven Mitfühlen oder Mitleiden, dem altbekannten Katharsis-Effekt. Die so vorbereitete gefühlsmäßige Tiefe des Geschehens wird durch die aktive Anwendung des Eisbergmodells noch verbessert: Die Biographie bewegt die Figur, aber das wird nicht wirklich ausgesprochen oder formuliert. Der Autor nimmt den Leser, der sich ja in der Geschichte und im Geschehen zunächst einmal nicht auskennt, bei der Hand und führt ihn. So entstehen interessante Figuren, die nicht nur in der Kurzform oder im Roman sondern auch in der Reportage beispielsweise den Speck zu den dicken Bohnen geben. Charaktereigenschaften, die im Vorfeld einer Figur zugeschrieben werden, müssen unbedingt eingehalten werden, denn: „Der gute Mensch denkt an sich, (Komma!) selbst zuletzt.“ Dem „Erklär-Bär“ sollte der Kampf angesagt und die „Seh-Seuche“ erfolgreich ausgemerzt werden.
 

Uwe Anton (=> Homepage)



Dr. Olaf Kutzmutz

Eine fertige Geschichte lässt man am besten einige Zeit lang liegen und überarbeitet sie dann – zwei bis drei Tage später – noch einmal. Das tut ihr gut und erhöht ihre Chancen, dass sie genommen wird, denn man wird einiges daran entdecken, was man vorher aus einer gewissen Betriebsblindheit heraus nicht wahrgenommen hat. Die Faulheit der Autoren und die Angst der Lektoren, etwas zuviel wegzustreichen, führt oft auch zu einer sogenannten „Onkel-Dramaturgie“: Ein Dialog, der zum Beispiel außer der Funktion, dem Leser über etwas zu informieren, was er eh schon weiß – ganz im Stil eines belehrenden guten Onkels – hat keinen weiteren sittlichen wie künstlerischen Mehrwert. Blinde Motive sind zu vermeiden, die hohe Kunst, Absätze richtig zu setzen, muss erlernt werde und über allem steht der salominische Tipp: „Show! Don't tell! - Zeige es, erzähle es nicht!“ Soweit so klar. Alle Unklarheiten beseitigt? Weiß jetzt jeder im Zoo, Dschungel, also in dem gesamten „Weltenbau“ eines Schriftstellerdaseins Bescheid? Man könnten noch erwähnen, dass eine Novelle keine Kurzgeschichte ist, dass Exposés oder Ausarbeitungen für größere Projekte ebenfalls nicht darunter zu verstehen sind, und, und, und … Ergo muss sich der Autor im Vorfeld darüber Gedanken machen, ob der Stoff, der Plot, die Geschichte, die er erzählen will, sich auch für die vorgesehene Form eignet oder ob er dann nicht eine andere Form wählt. 
 







 


Nathan der Weise
Nach dem Mittagessen beim Italiener – im übrigen ein echt empfehlenswerter Laden, es gab ein Büffet, das ein wahres Amuse-Gueule darstellte – nutze ich die Mittagspause, um zwei der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Wolfenbüttel zu besichtigen, nämlich das Haus des Dichters Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) und die berühmte Herzog-August-Bibliothek (ab 1636; => Homepage), in der Lessing eine Zeit lang Bibliothekar war (1770-1781). Ich will nur soviel sagen: Das Lessing-Haus ist, wie viele dieser Art Häuser leider nicht wirklich sehenswert. Es befindet sich in den leeren Räumen – Lessing war ja mittellos, alles war eine Leihgabe vom Schloss, die nach seinem Tod wieder zurückgegeben werden musste – nichts, außer einer Ausstellung mit Informationen, die man auch ohne Schwierigkeiten im Internet findet. Die Herzog-August-Bibliothek ist allerdings eine beeindruckende Erfahrung, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie immer noch aktiv als Bibliothek genutzt wird. Hier möchte ich auch mehr die Bilder sprechen lassen, die die Eindrücke deutlich dokumentieren dürften, die ich dort gewann. 
 










Am Nachmittag konnten dann die Besprechungen der eingereichten Texte dank einer rigide eingeführten Zeitbeschränkung von zwanzig Minuten abgeschlossen werden. Nach dem Abendessen wurde eine interessante kleine Schreibaufgabe gestellt. Man sollte den Anfang einer Erzählung schreiben (maximal 2000 bis 2500 Zeichen), die auf einem Friedhof spielt, spannend ist, aber nicht albern wirkt. Die Ergebnisse werden dann, so Gott will und alles klappt, am nächsten – dem letzten – Tag vorgetragen und besprochen werden.
 

Bildungszuwachs unter'm Strich des Tages:

Samstag, 26. April 2014

Zugespitzt. Kurzformen in der Bundesakademie Wolfenbüttel, Tag 1: Was bedeutet Spannung?




Da war ich also nach Wolfenbüttel (=> Homepage) gereist, um ein Seminar in der renommierten Bundesakademie für Kulturelle Bildung (=> Homepage) zu besuchen. Nicht, dass ich es nötig hätte, mich in Sachen Kultur zu bilden, aber nach den Erfahrungen, die ich mit der Bastei Lübbe-Academy gemacht hatte – ich berichtete davon (vgl. Interview mit Sebastian Fitzek) – wusste ich, dass ein solches Schreibseminar nicht nur hauptsächlich in der Sache fruchtbar sein kann, sondern vor allem der Personen, der Menschen, der Protagonisten, wenn man so will, wegen, denen man hier begegnet.
 

Das wäre zum einen natürlich die Dozenten, und diese bildeten eine wirklich illustre Runde, als da wären der Programmleiter Literatur der Bundesakademie Dr. phil. Olaf Kutznutz (*1965), der Verlagslektor und Chefredakteur der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan Klaus N. Frick (*1963) und der Übersetzer und Science-Fiction-Schriftsteller Uwe Anton (*1956; => Homepage), der einer der festen Stammautoren im Perry-Rhodan-Autorenteam ist und ab Band 2505 die Exposégestaltung der Serie von Robert Feldhoff (1962-2009) übernahm.




Zum anderen sind es natürlich die fünfzehn Seminarteilnehmer, die herrlich bunt in Charakter und Ausrichtung gemischt daher kommen. Interessante Persönlichkeiten, mit denen sich der rege Austausch und die Arbeit wirklich lohnt.


Das Thema lautete: „Zugespitzt. Kurzformen in Sciencefiction, Horror und Fantasy“ und dementsprechend gab es eine Schreibaufgabe für alle, die vier Wochen vorher gestellt und eine Woche vorher eingereicht werden musste: „Reichen Sie eine spannende Kurzgeschichte ein! Das Thema dürfen Sie frei wählen, wichtig dabei ist aber: Es sollte eindeutig eine phantastische Geschichte sein.“ Dabei musste man beachten, dass die Geschichte nicht länger als acht Seiten sein durfte, die genaue Vorgabe lautete: 30 Zeilen pro Seite, 60 Zeichen pro Zeile, als maximal 1.800 Zeichen pro Seite. So lernte ich die sogenannte Normseite kennen (und mittlerweile auch schätzen).
 

Ich war relativ früh vor Ort und gönnte mir einen kleinen Rundgang durch Wolfenbüttel, eine Stadt, die das große Glück hatte, den zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet zu überstehen. Einige Fotoimpressionen packe ich euch, wie gehabt, dazu. Untergebracht war ich im Gästehaus der Bundesakademie, sehr schöne Zimmer und insgesamt ein gelungenes Ambiente.


Um 16 Uhr ging es dann los. Es gab eine Mammutbegrüßungs- und Vorstellungsrunde und danach wurden Besonderheiten des Autorengeschäfts kurz angerissen, als da wären die verschiedenen Veröffentlichungsmöglichkeinen (Print On Demand, Book On Demand, E-Book, E-Publisher etc.) und natürlich die Bedeutung der Filterfunktionen (Verlagsrenommee und Lektorat) für den Leser und den Buchhandel.



Auch ein Ziel wurde formuliert: Die Autoren sollen Tricks und Kniffe lernen, die dazu führen, dass ihre Texte einen größeren Interessentenkreis und Leserkreis finden als bisher. Ebenso wurde eine Wolfenbüttel-Anthologie mit den Texten in Aussicht gestellt, allerdings nur mit den besten Texten.


 
Anschließend wurden die ersten Geschichten, die eingereicht worden waren besprochen. Dabei waren folgende Aspekte wichtig:
  • Was bedeutet Spannung?
  • Durch welche Wortwahl kann man Spannung vermitteln?
  • Wie schafft man den Einstieg in eine spannende Geschichte (erste Sätze)?
Eine Kurzgeschichte, die ja sauber von der amerikanischen Short Story und der kurzen Erzählung abzugrenzen ist, schildert immer einen besonderen Moment im Leben eines Protagonisten, eine Handlung mit besonderer Wendung oder einer gelungenen Pointe. Es waren ganz unterschiedliche Texte dabei, die von der rasant erzählten Blade-Runner-Adaptation bis zum psychedelischen und surrealen Traumepos reichten.

Einen Ausklang bei Bier und Wein und gemütlichem Beisammensein gab es dann auch noch, also alles in allem ein gelungener erster Tag. Bin mal gespannt wie es morgen wird. Ich werde wieder berichten. Genießt in der Zwischenzeit die Bilder.