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Sonntag, 23. März 2014

„Niveau? – Wo?“ – Das Musical „Timm Thaler“ in Darmstadt


Rezension und Berichterstattung zur Uraufführung des neuen Musicals „Timm Thaler“ in Darmstadt am 22. März 2014 (Welturaufführung am 16.11.2013 im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt) im Rahmen der ersten Theaterfahrt 2014 der Ernst-Barlach-Realschule plus, Höhr-Grenzhausen 

(Der folgende Artikel wurde im Kannenbäckerland Kurier Nr. 13 vom 27. März 2014 (Jhrg. 48) auf den Seiten 18 und 19 ungekürzt und ohne redaktionelle Überarbeitung veröffentlicht; ebenso wurde eine Kurzfassung des Artikel auf der Homepage der Ernst-Barlach-Realschule plus, Höhr-Grenzhausen, veröffentlicht)





Quelle
Man nehme das wohl bedeutendste aber auch erfolgloseste Kinder- und Jugendbuch von James Krüss (1926-1997, => Homepage), das im Jahr 1962 beim Oetinger Verlag in Hamburg erschien.

Man versuche, den ungeheuren Erfolg zu wiederholen, den die dreizehnteilige Fernsehserienfassung von Justus Pfaue (1942-2014) ab 1979 im Rahmen der ZDF-Weihnachtsserien hatte, die von solch' großartigen Schauspielgrößen wie dem unvergessenen Horst Frank (1929-1999) getragen wurde und die der Pubertätsbegabung Tommi Ohrner (*1965) zu einem – wenngleich auch zeitlich sehr begrenzten – Durchbruch verhalf.
Markus Heitz (Quelle)
Dann beauftrage man den Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Autor Markus Heitz (*1971, => Homepage) damit, daraus ein Musical-Libretto zu erstellen. Aus dem Programmheft geht hervor, dass Heitz bis zum Beginn der Vorarbeiten überhaupt nicht wusste, dass es eine literarische Vorlage gab („Ich hatte bis zum Beginn der Vorarbeiten für das Musical keine Ahnung, dass es ein Originalbuch gibt.“) und der überhaupt keine Ahnung von der Musical-Landschaft hat, weil er sich da nicht auskenne: „Für mich ist das Musical eine neue Option, um meine Kreativität auszuleben und im Verbund mit anderen Künstlern etwas Neues zu erschaffen.“

Quelle
Xavier Naidoo (Quelle)
Den Kompositionsauftrag für das Ganze erteile man dem Produzenten, musikalischen Leiter, Komponisten, Keyboarder und Mitbegründer der Söhne Mannheims (gegründet 1995) Michael Herberger (*1971) und dem R&B-Sänger und Songwriter Xavier Naidoo (*1971, => Homepage), der ebenfalls Mitbegründer der Söhne Mannheims ist und Heitz auch beim Schreiben der Liedtexte unterstützte.
Diese krude Gesamtmischung mixe man gut durch und gieße sie in vollen Zügen auf der Bühne des Staatstheaters Darmstadt aus. Dazu holten sich die Darmstädter Unterstützung aus Tschechien und kooperierten mit dem Stadttheater Brno (Brünn, => Homepage).



Die erste Theaterfahrt der Ernst-Barlach-Realschule plus aus Höhr-Grenzhausen in diesem Jahr führte also am 22. März 2014 nach Darmstadt. Vierundsiebzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bestehend aus Schülerinnen und Schülern der Bildungsgänge „Berufsreife“ und „Sekundarabschluss I“, sowie Schülern der FOS Metall/Metalltechnik Höhr-Grenzhausen, aber auch Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Ehemalige begaben sich in zwei Bussen des Unternehmens Griesar aus Ebernhahn auf die Reise.



Im Vorfeld hatte es einige Schwierigkeiten gegeben, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Man hatte versucht, eine Führung im Staatstheater Darmstadt zu buchen. Da das Theater allerdings nach eigener Aussage der Meinung ist, seine Mitarbeiter seien nicht dazu da, Besucher durchs Haus zu führen, hatte es dieses Anliegen an die Stadt Darmstadt selbst delegiert. Dort war man relativ unflexibel und beharrte zunächst auf den üblichen Zeiten für die Führung: wahlweise 9:00 Uhr oder 14:00 Uhr. Auf den Hinweis hin, dass man immerhin von weit her käme, eine Anfahrtszeit von zirka anderthalb Stunde habe, erklärte man sich erst in letzter Sekunde bereit, eine Führung um 16:00 Uhr anzubieten. Letztlich wurde dieses Angebot dann jedoch dankend abgelehnt. In keinem der Häuser, zu denen die Theaterfahrten der letzten sieben Jahre geführt hatten, war man bisher auf solche Schwierigkeiten gestoßen.






Doch zurück zum Stück. Der Inhalt ist schnell erzählt: Der junge Timm Thaler, der so herzhaft lachen und sich des Lebens freuen kann, verliert durch einen Arbeitsunfall seinen Vater, der sein bester Freund ist und den er vergöttert. Dadurch geraten seine Stiefmutter und er in Geldnöte, aus denen sich Timm durch einen Pakt mit dem Teufel, in der Person des Barons LeFuet (der Name ist ein Ananym für „Teufel“) zu befreien sucht. Er muss dem Baron sein Lachen verkaufen und erhält dafür die Fähigkeit, jede Wette zu gewinnen.





Das Ganze trägt Züge der Märchenerzählung „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ des Dichters und Naturforschers Adelbert von Chamisso (1781–1838), in der ein Mann dem Teufel für ein Säckchen voll Gold, das niemals leer wird, seinen Schatten verkauft. Timm Thaler avanciert im Rahmen der Handlung zum reichsten Mann der Erde, der sich allerdings nicht wirklich über seinen Reichtum freuen kann. Durch die Hilfe seiner Freunde gelingt es ihm schließlich, den Baron zu besiegen und sein Lachen wiederzuerlangen.





Die große Schwäche dieses Plots liegt von Anfang an in der Möglichkeit, dass Timm ja nur mit dem Teufel zu wetten braucht, dass er sein Lachen wiedererlangt. Doch soweit denkt der Zuschauer und dachte schon damals der Leser in der Regel gar nicht. Der Musiktheater erfahrene Zuschauer oder auch Zuhörer wird in diesem Musical, in dem es für diese Gattung merkwürdig wenig Sprechpassagen gibt – es wird eigentlich durchgängig gesungen – Leitmotive vermissen, er wird vergeblich auf eingängige Arien oder hitverdächtige Songs warten, die Kultstatus erlangen könnten. Die Musik enthält nichts Neues, nichts Besonderes. Sie bewegt sich aus dem Wust der allgemein üblichen rein kommerziellen Musikware der heutigen Zeit nicht heraus. 





Die Texte sind platt, stilistisch schlecht gemacht, es fehlt ihnen an poetischer Kraft, von handwerklichem lyrischen Feintuning einmal ganz abgesehen. Titel wie „Ich will zurück zu Alexander“ wären als ironische Anspielung ja noch zu ertragen, aber nicht als ernstzunehmende dramatische Musiknummer.


Das Bühnenbild ist grell und poppig bunt, insgesamt sehr unruhig gehalten, dennoch aber auch einfallsreich und phantasievoll gestaltet. Die Tontechnik hatte sichtlich Probleme, die Sänger und das Orchester so abzumischen, dass man verstehen konnte, was gesungen oder gesprochen wurde und das Orchester nicht alles übertönte.


Einige konzentrierende Striche hätten dem Plot gutgetan und manche langatmig ausgeführte Musikdarbietung war einfach unnötig und zog alles ziemlich in die Länge. Die notwendige Tiefe für Themen wie Tod und Verlust, menschliches Scheitern, Dämonisches in der Welt und letztlich die Freundschaft und Liebe als alles besiegende göttliche Macht fehlte gänzlich. Eine echte Verdichtung fand nicht statt, wie sie ja Aufgabe des Musiktheaters und des Theaters allgemein ist. Schade, hier wurde eine große Chance gewaltig vertan.





Nichtsdestotrotz gefiel es wohl den meistens Jugendlichen und Kindern sichtlich sehr gut, die mit langanhaltendem Applaus die Ensembleleistung der Schauspieler und Sänger frenetisch beklatschten. Auch den meisten Teilnehmern der Theaterfahrt war die Begeisterung über das Gehörte und Gesehene im Nachhinein deutlich anzumerken.



Und hier möchte ich auch mit meiner Kritik einhaken und mich ordentlich wundern dürften: Sind wir wirklich soweit, dass wir von der Kunst und Kultur in unserer Zeit nur noch platte Attitüden erwarten? Haben wir – hat unser Nachwuchs – wirklich so wenig Anspruch, so wenig intellektuelle Neugier, so wenig Niveau, dass wir uns alles vorsetzen lassen, was wie Gold glänzt, sich aber bei näherem Hinsehen als Katzengold erweist? Feiern wir frenetisch jede Bühnenleistung, egal, welchen Sinn das alles hat, egal, ob es überhaupt einen Sinn macht? Sind wir in Zeiten von DSDS und Dschungelcamp wirklich so anspruchslos geworden, dass wir ernsthaft erwarten, ein echter wahrer Künstler könne in einer Fernsehshow entdeckt werden, gefördert und gebrieft von Leuten, die von der Kunst und vom Handwerk ungefähr soviel Ahnung haben, wie der Metzger vom Backen? Sind wir – ist diese Generation, die da heranreift – wirklich so denkfaul geworden, dass sie sich nur noch berieseln lässt, völlig rezeptionslos, in völliger Agonie ergeben, ohne sich wirklich noch des eigenen Verstandes bedienen zu wollen, wie Kant das schon vor Jahrhunderten forderte? Haben wir noch den Mut, zu wissen und zu denken?




Fazit: Ein bekannter Fantasy-, Horror- und Science Fiction-Autor, ein Popstar und eine kommerzielle Mediengröße zu sein, reicht eben nicht aus, wenn man ein Musical, eine Operette oder eine Oper schreiben will. Es gehört immer noch ein gewisses Maß an Begabung, eine große Portion Intellektualität, ein entsprechendes Niveau, sowie ein ausgereiftes handwerkliches Können dazu. All das fehlt diesem „Versuch“, dessen nachhaltiger Erfolg erst noch durch sein Schicksal in den nächsten Jahren erwiesen werden muss. Hits, unsterbliche Lieder und Melodien hat es hier auch keine, nennen wir es also einen Achtungserfolg, denn viel mehr kann dieser Musikbühnenerstling nicht aufbieten.



Sollte dies allerdings die Zukunft des Musiktheaters darstellen, dann gehen wir wahrlich düsteren Zeiten entgegen. Dann setzt sich das, was in bedrohlicher Form bereits im aktuellen Kino stattfindet, auf der Theaterbühne fort, wird die eingangs gestellte Frage „Niveau? – Wo?“ dann wohl ungehört im Nebel der völligen Verblödung der zu rein zahlenden Konsumenten degradierten Zuschauerinnen und Zuschauer ungehört verhallen.




Die Berichterstattung des Hessischen Runfunks (HR) zum Musical:


1 Kommentar:

  1. Ich kann ihre Kritik überhaupt nicht verstehen. Anbei möchte ich anmerken, dass das ein Musical war und kein Theaterstück. Und in Musicals wird bekanntlich ja gesungen. Kann da den Broadway empfehlen ;)!

    Grüße aus Darmstadt

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