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Mittwoch, 19. März 2014

Nervenkitzel in der Bastei-Lübbe-Academy, Tag 2: Sebastian Fitzek im Interview


Der zweite Seminartag stand ganz im Zeichen und unter dem Eindruck des Bestsellerautoren Sebastian Fitzek (*1971; => Homepage), der diesen Tag sehr intensiv gestaltete, in dem er das Thema Spannung noch einmal vertiefte und an vielen Beispielen aus der Literatur, u.a. Stieg Larssons (1954-2004) Millennium-Trilogie (posth. 2005-2007), Stephen Kings (*1947) Die Arena“ (2009) und vor allem dann an Beispielen aus dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ (Roman 1988, Film 1991) erläuterte. Jung, schmalhüftig und scharf stellte er sich den Seminarteilnehmern, ein jugendlich wirkender, schlanker, sehr sympathischer junger Mann ohne jedwede Starallüren oder Berührungsängste.

An diesem zweiten Tag ergab sich für mich die Möglichkeit eines Exklusivinterviews, die ich ausgiebig nutzte. Dieses Interview stelle ich nun anstelle eines erneuten Berichts über den zweiten Tag hier ein und bedanke mich nochmals bei Herrn Fitzek für seine Bereitschaft, auf alle Fragen zu antworten und die gute Laune, die er verströmte. Das Interview wurde im Anschluss an das Seminar mündlich geführt und mithilfe eines Aufnahmegeräts mitgeschnitten. Ich habe den Text behutsam geglättet, um ihn besser lesbar zu machen und durch Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ergänzt – hier habe ich behutsam gekürzt, um die Quintessenz seiner Aussagen herauszufiltern –, so dass es eine Gesamtschau des zweiten Tages, wie ich finde, sehr gut ermöglicht:

„Menschen sind noch lange nicht auserzählt!“
Sebastian Fitzek im Gespräch mit Seminarteilnehmern 
und im Interview mit Peter Wayand



Peter Wayand:
 
Herr Fitzek, erst einmal vielen Dank für den tollen Tag und auch herzlichen Dank dafür, dass Sie bereit sind, mir einige Fragen zu beantworten. Sie haben soviele Interviews in Ihrem Leben schon gemacht, welche Fragen möchten Sie nicht gestellt bekommen?

Sebastian Fitzek:

Ähm, „wieso war Ihr letztes Buch ein Flop?“(lacht) Ist so noch nie gestellt worden, weil's noch nie da war, aber davor hat man natürlich immer Angst. (lacht)

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Seminar-Teilnehmer:

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? – Wollten Sie das schon immer? – Empfanden Sie es als Berufung?

Sebastian Fitzek:

Ich habe schon immer Interesse an Geschichten gehabt. Ich wollte nicht von Kindesbeinen an Autor werden. Ich wollte alles mögliche werden: Tennisspieler, Schlagzeuger, Anwalt, und dann habe ich meine Freundin einmal zum Arzt begleitet und sie kam eine sehr lange Zeit nicht mehr aus dem Behandlungszimmer heraus. Da stellte ich mir die Frage, was wohl passieren würde, wenn sie nie wieder herauskäme und alle mir erzählen wollten, sie sei doch nie hineingegangen. Und das war dann fast schon der Prolog von „Die Therapie“, wo ein Mädchen spurlos aus dem Arzt-Zimmer verschwindet. So ist das entstanden und dann habe ich angefangen, es niederzuschreiben und mir diese ganzen Fragen zu stellen. Wer ist der Mann, der da sitzt, und wieso ist das Mädchen nun verschwunden? Jede Frage, die ich mir beantwortete, warf eine neue auf, und irgendwann dachte ich, ich hätte genügend Antworten zusammen und ich fing an, zu schreiben. Dann hat mich der Ehrgeiz gepackt, dass das vielleicht auch mal von anderen gelesen wird. Und so hat sich das dann tatsächlich ergeben. Aber genau so, wie ich gerne anderen Menschen zusehe, oder wie ich erfahre, wie sie in anderen Welten auftauchen, so interessiert mich eben auch die Welt des Schreibens. Ich möchte dort mehr und tiefer einzutauchen. So habe ich dann eben über das Schreiben einen eigenen Stil entwickelt, aber es ist jetzt für mich keine Berufung. Ich unterhalte Menschen gerne und ich erzähle gerne außergewöhnliche Geschichten und das habe ich jetzt quasi zum Beruf gemacht. Und ich freue mich natürlich, dass ich nicht der Einzige bin, der meine Bücher liest. (schmunzelt) Wahr ist natürlich, wenn man zunächst einmal nur sich als einzigen Leser sieht, dann ist meine Maßgabe und was ich Ihnen auch empfehlen würde: Schreiben Sie immer das Buch, das Sie selber gerne lesen würden. Das ist immer die einzige Frage: Wollen Sie das jetzt gerne lesen?
  
Seminar-Teilnehmer:

Sonst würde man sich ja selbst langweilen beim Schreiben!



Sebastian Fizek:

Das ist ganz wichtig, man darf sich nicht selbst langweilen beim Schreiben, und deshalb auch mein wichtigster Hinweis beim Exposé: Schreiben Sie, wie das Ganze beginnt, was der Konflikt ist, wer die Hauptfiguren sind und wie sie sich verwandeln. Was sie erleben, können sie nur bruchstückhaft aufschreiben (den Zweiten Akt), das können Sie selber erfahren beim Schreiben. Und was am Ende passiert und wie der Konflikt gelöst wird. Schreiben Sie es gar nicht mal so ausführlich, zwei bis drei Seiten, erzählen Sie einfach zunächst diese Geschichte jemandem und wenn derjenige wissen will, wie es weitergeht, ist das natürlich ein gutes Zeichen. Testen Sie das mit guten Freunden und Bekannten, denen Sie vertrauen können. (...)
Schreiben Sie sich auch, bevor Sie anfangen, einen Klappentext, das, was auf der Rückseite des Buches steht, so drei bis vier Sätze. Das können Sie mehrfach gebrauchen, spätestens dann, wenn Sie Ihr Manuskript einem Verlag anbieten. Dann kann ich Ihnen nur raten, Ihrem Exposé einen kurzen Klappentext voranzustellen, der angibt, warum dieses Buch jetzt interessieren soll. Stellen Sie sich vor, dass bis zu zwanzig unverlangt eingesandte Manuskripte auf die Lektoren einprasseln und diese haben nur kurz Zeit, darauf zu schauen. Wenn dann auf der Rückseite etwas Interessantes steht, um den Leser zu motivieren, dann haben Sie schon mal das Interesse geweckt. Packen Sie einen Köder ganz an den Anfang Ihres Exposés. Und wenn der Lektor sich dann immer noch für Ihr Buch interessiert, dann liest er die Leseprobe, und wenn er dann immer noch interessiert ist, dann will er das ganze Buch haben. Das sind so die verschiedenen Schritte. Also ist der Klappentext schon mal sehr hilfreich, auch für Sie. Fassen Sie es so zusammen, dass Ihr bester Freund, der Sie fragt, woran schreibst du denn gerade, gepitcht wird. Sie bekommen sofort eine Reaktion. Probieren Sie, es so prägnant wie möglich für sich selber zu formulieren: Das ist das Thema, das ist die Figur und darum geht's. (...)
Und wenn Sie ein Kapitel geschrieben haben, dann lesen Sie es sich am besten gleich noch einmal laut vor. Das ist eigentlich das Allerallerbeste. Das Finsterste ist, dass Sie zu jemand anderem gehen  und es sich vorlesen lassen. Das ist das Allerschlimmste, die brutalste Möglichkeit, um herauszufinden, ob das, was Sie geschrieben haben, spannend ist. Allerdings sollte derjenige, der es zum ersten Mal liest, schon halbwegs vernünftig vorlesen können. Wenn der sich nämlich durch jeden Text durchstottert, dann ist das blöd. Aber bitten Sie jemanden, oder hören Sie sich selber zu, dann merken Sie auch, wie ein anderer das liest. Wenn Sie das lesen, ist das ein anderer Duktus, als ein anderer. Sie merken es, aber auch, wenn Sie es sich selber vorlesen. So häufig wie nur irgend möglich. (...)
Halten Sie sich nicht sklavisch an das Exposé. Versuchen Sie nicht, die Geschichte, die sich da beim Schreiben entwickelt, krampfhaft daran anzupassen, wie Sie sich das einmal erdacht haben. Die Geschichte ist in der Regel immer besser, wenn sie sich ergibt. Und wenn Sie die Figur richtig gezeichnet haben, merken Sie, ergibt sich vieles natürlich, und Sie werden zum Beobachter Ihrer eigenen Figur. Also, denken Sie sehr viel darüber nach, aber dann, beim Schreiben, können Sie das Exposé weglegen. Sie brauchen da überhaupt nicht mehr hineinzuschauen, es sei denn, Sie wissen nicht mehr, worauf Sie einfach einmal zusteuern sollen. Häufig, wenn man einen Beruf nebenbei hat, ist das Exposé deswegen wichtig, weil, wenn Sie mal zwei bis drei Wochen nicht zum Schreiben gekommen sind und Pause machen müssen, können Sie es sich wieder vornehmen und sagen, ach ja, stimmt, da hatte ich ja mal eine ganz gute Idee. (...)
Auch der Titel ist wahnsinnig wichtig. Es ist wichtig, zu wissen, wie das Buch heißt. Beginnen Sie nicht zu schreiben, bevor Sie sich mit dem Titel nicht halbwegs sicher sind. Arbeiten Sie niemals mit Arbeitstiteln. Das hat folgenden Hintergrund: Sie beschäftigen sich ein Jahr lang mit dem Buch und der Arbeitstitel steht immer oben auf dem Manuskript, was Sie auf dem Rechner haben, Sie reden mit anderen darüber, auch im Verlag, und dann sind Sie irgendwann davon überzeugt, dass der Arbeitstitel der beste Titel ist, den es gibt, denn Sie haben ihn so häufig gehört, dass er sich für Sie eingeprägt hat, und Sie finden das toll. Der Titel muss Sie vom ersten Mal Hören an überzeugen. Sie persönlich im Übrigen. Vermeiden Sie es, einen Titel zu wählen, von dem Sie das Gefühl haben, der ist jetzt nicht so toll, aber ich mache jetzt erst einmal weiter damit. In 90 Prozent der Fälle ist das auch am Ende der Titel und ein schlechter Titel kann dazu führen, dass Ihr Buch nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. (...)
Der Verlag sollte dabei ein massives Mitspracherecht haben, denn der Verlag fragt noch einmal Leute, die ganz essentiell wichtig sind für den Erfolg Ihres Buches, das sind die Vertreter, die Sie übrigens, wenn Sie im Verlag sind, auch einmal kennen lernen sollten. Sie werden meistens nicht beachtet, und kaum einer interessiert sich für die, dabei sind das diejenigen, die mit Ihrem Buch in die Buchhandlungen rennen müssen, und den Buchhändler dazu bringen müssen, möglichst viele davon zu kaufen. Und es wäre mal ganz interessant zu fragen, und deren Nöte, Sorgen und Vorlieben auch kennen zu lernen, denn die sitzen direkt an der Quelle. (...)
Sie dürfen also nicht beratungsresistent sein. Ich habe einige meiner Titel selber zu verantworten, zum Beispiel beim „Seelenbrecher“, da gab es eine große Diskussion, weil es ein Kunstwort (Neologismus) ist, und ich habe es aber durchgesetzt, weil es so klingt, als gäbe es das. „Amokspiel“ – von meinem zweiten Buch – ist im Gegensatz ein Kunstwort, das, wie ich persönlich finde, schlecht ist, das gibt es nicht, man kann sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Natürlich ist das Geschmackssache. Es ist aber auch auf meinem Mist gewachsen und ich würde es jetzt komplett anders nennen. Es sollte erst „Das Trauma“ heißen, nach „Die Therapie“, aber „Das Trauma“ gab es schon. Beim „Nachtwandler“ wäre fast das gleiche passiert. Es gibt eine Störung, eine Angst vor dem Einschlafen, die Hypnophobie heißt. Sie haben solche Angst, dass irgendetwas mit Ihnen passiert, wenn Sie einschlafen, träumen, schlafwandeln, so dass Sie auf gar keinen Fall einschlafen wollen und sich künstlich wachhalten. Also Hypnophobia, Hypnophie! Irgendetwas wollte ich mit diesem Titel machen und da sagten mir alle, das klinge zu technisch. Den „Schlafwandler“ gibt es aber schon von Stephen King, und der Titel ist nicht so aussagekräftig, es gibt ihn mehrfach, bis meine Lektorin meinte, nenne es den „Nachtwandler“. Diese kleine, winzige Änderung führte zu einem tollen Titel. Es ist sicher Geschmackssache, aber ich finde es wesentlich besser als Hypnophobie. Nehmen Sie sich also viel Zeit, um über den Titel nachzudenken. (...)
Probieren Sie, so häufig wie möglich daran zu denken, wie man es anders machen kann. Nachdem Sie alle Regeln des Schreibens hoffentlich verinnerlicht haben, überlegen Sie, wie kann ich genau das Gegenteil von dem tun, was jetzt eigentlich erwartet wird. Das ist gedanklich eine sehr sehr gute Übung. Auch in der Realität: Die großen, großen Erfolge in jedem Bereich, sind häufig dadurch entstanden, dass jemand exakt das Gegenteil von dem getan hat, was man erwartet hat. Ein sehr prägnantes Beispiel, falls Sie sportlich interessiert sind, ist Folgendes: Bis zum Jahr 1968 war es beim Hochsprung üblich, dass sich die Athleten vorwärts in einer Art Western-Rolle über die Stange bewegten. Und dann kam in den Sommerspielen Dick Fosbury (*1947), und warf sich mit dem Rücken über die Stange. Er hat den Fosbury-Flop entworfen, den wir eigentlich nur noch kennen. Er ist höher gesprungen, als jemals ein anderer zuvor, indem er exakt das Gegenteil von dem gemacht hat, was alle anderen gemacht haben. Und das ist tatsächlich etwas, was Sie immer verinnerlichen müssen. Sie haben einen Plot und überlegen einmal, ob Sie jetzt nicht genau das Gegenteil von dem tun können, was alle erwarten. Viele Helden sind so entstanden. Der sympathische Serienmörder zum Beispiel, wie Hannibal Lector oder Dexter oder der Held des Buches „Der siebte Tod“ von Paul Cleave (=> Homepage), einem Neuseeländer, einem sehr sympathischen Menschen, den ich Ihnen als Thriller nur wärmstens empfehlen kann. Sehr originell, unglaublich originell, teilweise sehr witzig, aber auch unglaublich brutal. Es gibt eine Szene, ich nenne sie die Hoden-Szene, wo etwas passiert, wovon Sie nicht glauben, dass das passiert. Es ist völlig unmöglich, aber es passiert und Sie wollen nicht weiterlesen, weil es so fürchterlich ist ... Er hat dann später noch mal ein Buch geschrieben, da gibt es eine Sandwich-Szene, von der Sie auch nicht glauben, dass sie passiert. Aber hier haben Sie einen Helden, von dem Sie nicht annehmen würden, dass es ihn gibt und dass Sie ihn sympathisch finden. Wenn Sie die Serie Prison Break sehen, dann sympathisieren Sie dort teilweise auch mit einem Pädophilen. Das ist auch sehr krass, was die Autoren dort geschafft haben. Was man aus diesen Serien lernen kann, ist, dass da eine Menge Leute zusammensitzen und sich überlegen, was jetzt eigentlich nicht passieren würde, womit jetzt eigentlich niemand rechnet. Das sind die Überraschungsmomente.




Seminar-Teilnehmer:

Als „Das Schweigen der Lämmer“ damals mit Preisen überschüttet wurde, gab es eine Menge durchaus renommierte Filmschaffende, die sich darüber aufgeregt haben, dass dieser Film auch noch den Oscar für die Rolle des Hannibal Lecter bekommen hat, das könne man nicht machen. Heute ist das üblich, es gibt so viele Serienkiller ...

Sebastian Fitzek:

Ein Serienkiller, der dabei hilft, ein Verbrechen aufzuklären, das war damals das Originelle, das, was es bisher noch nicht gab.

Seminar-Teilnehmer:

Es war ja auch ein Low-Budget-Film, es gab ja vorher Horrorfilme genug, und es waren ja zwei renommierte Schauspieler. Und die Diskussion wurde darüber geführt, dass er als Hauptdarsteller benannt wurde, obwohl er nur zehn oder zwanzig Minuten im Film wirklich vorkam.

Sebastian Fitzek:

Anthony Hopkins (*1937) ist tatsächlich nicht der Hauptdarsteller des Films. Jodie Foster (*1962) ist die Hauptdarstellerin und er hat quasi eine wichtige Mentorenfunktion, wenn man das jetzt einmal ganz klassisch analysieren will. 

Seminar-Teilnehmer:

Es wäre fast schon tragisch, ihn als Nebendarsteller zu sehen, obwohl er es quasi schon ist.

Sebastian Fitzek:

Nach meiner Meinung definiert sich das so: Welche Figur verwandelt sich im Laufe der Geschichte und welche bleibt gleich? Jodie Foster macht eine Verwandlung durch und Hopkins bleibt gleich. Er ändert sich nicht, außer dass er sich befreit, aber als Figur ist er starr, böse und psychologisch interessiert. Er macht keine großartige Verwandlung durch. Wenn er die Hauptperson wäre, müsste man erfahren, wieso er zum Serienmörder wurde. Das erfährt man in den anderen Büchern der Tetralogie und deswegen ist Jodie Foster dort auch nicht mehr die Hauptfigur. Mit Jodie Foster will man natürlich eine längere Strecke gehen als mit einem Kannibalen. Sie müssen sich natürlich immer sagen, dass neu, noch nie dagewesen, nicht immer bedeutet, dass es auch gut ist. Die Kunst ist es, etwas Neues, etwas Faszinierendes zu entwickeln, wovon man denkt, wieso gab es das eigentlich nicht schon? Da lohnt es sich natürlich auch, einmal darüber nachzudenken.

Seminar-Teilnehmer:
 
Dennoch, die Hoffnung immer noch auf diese neuen, nie dagewesenen Dinge – irgendwie hat man immer das Gefühl, dass alles nur eine Abwandlung all dessen ist, was man eigentlich schon kennt; in Nuancen ist es manchmal etwas anders, aber im Grund geht es immer um eine Schizophrenie und das Mysterium dahinter – haben Sie da die Hoffnung, dass das immer wieder kommt?
 
Sebastian Fitzek:
 
Ja, jedes Mal, ich würde gar nicht anfangen zu schreiben, wenn ich der Meinung wäre, dass es sich nicht in mehr als nur Nuancen unterscheidet, aber noch einmal: Ich glaube, dass es auf die Figur und ihre Entwicklung ankommt. Es ist verzeihbar, wenn sich äußerlich eventuell etwas ähnelt und Sie etwas wiedererkennen. Aber was Sie anders machen sollten, ist der Stil, es sollte Ihr ureigener sein, und die Art und Weise, wie die Person sich verändert, sollte neu und originell sein. Menschen sind noch lange nicht auserzählt. Wir entwickeln uns ja auch weiter. Und bestimmte Plots sind jetzt erst möglich, weil jeder zum Beispiel ein Handy hat. Literatur ist nach einer gewissen Zeit dann doch nicht mehr zeitlos, wenn man es nicht vermeidet, Markennamen und Jahreszahlen zu nennen. Wenn es zur Kenntzeichnung einer Figur gehört, wenn diese eine Macke hat, weil sie immer nur bei Ikea einkauft, dann können sie das beschreiben, oder wenn es eine historische Figur ist, aber wenn es nicht zwingend notwendig ist, würde ich Ihnen den Tipp geben, bei einem Roman, solche Angaben wegzulassen, weil es tatsächlich passieren kann, dass Sie eine Firma nehmen wie Sony und die heißt auf einmal Sony Ericsson – mittlerweile heißt sie ja wieder Sony – aber die es dann auf dem Markt vielleicht gar nicht mehr gibt, und automatisch weiß der Leser, dass das Buch alt ist. Das hätte er vielleicht gar nicht gemerkt, und Sie wissen nicht, wann Ihr Buch gelesen wird. Es steht vielleicht jahrelang in der Bibliothek und irgendwann gibt es dann plötzlich den Riesenhype. Nach Jahren wird Ihr Buch plötzlich entdeckt und besprochen und dann tun Sie gut daran, wenn Sie nicht unbedingt gesagt haben „Es war im Februar 1997 ...“, wenn es nicht unbedingt für Ihren Plot erforderlich ist. In meinen Büchern finden Sie nie Jahreszahlen, Tag und Datum ja, aber welches Jahr es ist, werden Sie dort nicht finden. Es sei denn, es ist tatsächlich mal notwendig, dass ich auf den elften September eingehe, aber Sie machen es sich dadurch schwierig. Als Beispiel: Das Jesus Video (München 1998) von Andreas Eschbach (*1959), ein tolles Buch, eines meiner Lieblingsbücher, allerdings gibt es da ein Kapitel, wo beschrieben wird, wie sich jemand wahnsinnig freut, dass er mit seinem Handy E-Mails verschicken kann. Es wird beschrieben, wie das technisch möglich ist. Heute würden Sie schmunzeln, wenn Sie das lesen, und auf einmal bekommt dieses Buch etwas Altmodisches. Da muss man dann wirklich aufpassen. Aber – am besten ist es natürlich, wenn es zum Zeitpunkt des Schreibens funktioniert, dürfen Sie es natürlich. Wenn Leute jetzt nicht mehr telefonieren dürften, weil man Angst hat, dass später mal etwas erfunden wird, wäre das natürlich albern. 
 
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Peter Wayand:

Ich habe insgesamt vier Ihrer Werke gelesen: „Die Therapie“ (München 2006), die mir sehr gut gefallen hat, „Der Seelenbrecher“ (München 2008), „Abgeschnitten“ (München 2012), was Sie mit Michael Tsokos (*1967) gemacht haben, und „Noah“ (Bastei Lübbe 2013). Jetzt sind Sie unter allen Autoren, die ich bisher gelesen habe, einer, der mir sehr kontroverse Leseerfahrungen vermittelt hat. „Die Therapie“ und „Noah“ halte ich für Geniestreiche, während ich „Der Seelenbrecher“ und „Abgeschnitten“ insgesamt zweimal begonnen, diese Bücher allerdings schon nach wenigen Seiten weggelegt habe. Erleben Sie das oft, dass auf Ihre Werke solche ganz unterschiedlichen Reaktionen erfolgen?

Sebastian Fitzek:

Also, ich glaube, das erlebt jeder Autor, es sei denn, jemand schreibt für eine ganz eingeschworene Fangemeinde immer wieder eine Fortsetzung. Aber jemand, wie ich, der sogenannte „Stand alone“s schreibt, also Geschichten, die für sich alleine stehen, lebt natürlich immer mit dem Risiko, dass das polarisiert, und da ich immer von der Idee komme, ist es ganz klar, dass jemand vielleicht die Idee nicht teilt. Aber kurioser Weise haben Sie mit „Abgeschnitten“ und „Seelenbrecher“ auch jetzt zwei Bücher angesprochen, die eine ganz gewaltige Fangemeinde haben. Das sind dann beispielsweise Leute, die mit „Noah“ nichts anfangen konnten. Ich habe bei „Noah“ eigentlich viel mehr Gegenwind erwartet, weil sich das so unterscheidet. Es ist mittlerweile eines meiner bestbewertetsten Bücher, was mich wundert. Ich weiß nie, welches Buch jetzt wirklich am besten ankommt. Ich habe kurioser Weise immer so einen Schnitt von vier bis viereinhalb Sternen, also es ist mir noch nicht passiert, dass ein Buch durchgängig mit zwei Sternen bewertet wurde. Es gab immer mehr Leute, die es gut fanden, als Leute, die es schlecht fanden, und ich habe noch nicht herausgefunden, ob jemand, der den Seelenbrecher mag, auch das andere Buch mag, oder ob jemand, der „Noah“ mag, auch „Die Therapie“ mag. Sie werden jetzt auch unter den Lesern feststellen, dass einige Ihnen widersprechen werden. Da wird darüber diskutiert und jeder hat so sein eigenes persönliches Lieblingsbuch und sein Buch, was ihm weniger gefällt.
 

Peter Wayand:

Kommen wir noch einmal auf „Noah“ zurück, weil das ja das aktuelle Werk ist. Ich komme nun als Germanist von der Literaturwissenschaft und von der Literaturkritik her und ich habe festgestellt, dass Sie sich in „Noah“ für meine Begriffe als ein ernstzunehmender Autor zeigen, der sein Handwerk versteht und der vor allen Dingen auch etwas zu sagen hat, der eine Stimme hat, der eine Botschaft vermitteln möchte. In diesem Fall ging es ja um das Thema „Überbevölkerung“. Was mich allerdings merkwürdig berührt hat, waren die beiden Nachworte, in denen Sie genau diese eigene Absicht, diese positive Intention relativieren und so ad absurdum führen. Wieso haben Sie das getan?

Sebastian Fitzek:

Also ich würde es natürlich anders empfinden. Ich habe mich so beschrieben, wie ich bin, als Mensch, der nicht für sich in Anspruch nehmen kann, die Weisheit mit Löffeln gefressen und die Formel gefunden zu haben, nach der nun alle leben müssen. Dieses Buch ist sozusagen eine Anklage an mich selbst und keine Anklage an den Leser. Aber nur, weil ich sozusagen der Arzt bin, der sich eine Zigarette anzündet, kann ich dennoch derjenige sein, der berechtigter Weise anderen sagt, dass sie mit dem Rauchen aufhören sollen. Das habe ich damit zum Ausdruck bringen wollen. Das Thema an sich habe ich ja nicht relativiert, sondern ich habe nur die Ohnmacht aufgezeigt, in der wir stehen, und auch begründet, warum dieses Buch keine Lösungen bietet. Aber sonst hätte man mir ohne die Nachworte auch den Vorwurf machen können: „Schön und gut, du hast jetzt das Elend dieser Welt als Kulisse benutzt, um einen Unterhaltungsroman zu schreiben, aber du lässt uns genauso ratlos zurück, wie wir da reingestolpert sind.“ Und das habe ich probiert, mit diesem Nachwort zu erklären.

Peter Wayand:

Sie werden ja im Hörbuch von Simon Jäger (*1972; => Homepage) vertreten, der eine ganz faszinierende Stimme hat. Nun fällt bei dem Hörbuch zu „Noah“ auf, dass es eine Kürzung gibt, die auffällig ist, nämlich die Manila-Szenerie ist entfallen und komplett herausgenommen worden. Was hatte das für Gründe? Hatten Sie einen Einfluss darauf oder wurde das vom Verlag bearbeitet?

Sebastian Fitzek:

Nein, ich hatte bei den Kürzungen keinen Einfluss. Es gibt einen Grund, den ich selbst nicht so richtig verstehe. Es gibt mehrere Verwertungsketten, und der Lübbe Verlag, der die physischen CDs herstellt, sagt, wir bringen grundsätzlich von allen meinen Büchern, auch „Die Therapie“, eine gekürzte Version heraus. Das hat in erster Linie marketingtechnische Gründe, die Produktionskosten sind niedriger, wenn weniger CDs im Schuber liegen. Sie sagen, das ist so eine Schwelle für Krimis, die soll nicht überschritten werden, da will keiner mehr als 14,99 EUR ausgeben oder so, und es würde zu teuer werden, wenn noch eine CD mehr im Schuber wäre. Also kürzen sie, das ist bei allen Büchern so, und dann kürzen sie natürlich so, dass die Handlung trotzdem noch irgendwie verständlich ist. Dennoch ist die ungekürzte Fassung immer noch die beliebtere Fassung, die es bei audible runterzuladen gibt, gesprochen von Simon Jäger. Da haben Sie dann das ungekürzte Hörbuch, und das wird immer besser bewertet als das Gekürzte, intuitiv, selbst von Leuten, die gar nicht wissen, was es ist, weil dann doch am Ende eben etwas fehlt. Ich würde mich natürlich freuen, wenn auch die CD eine ungekürzte Fassung ist, aber da habe ich mich noch nicht so durchsetzen können.

Peter Wayand:

Gut, dann freuen wir uns auf neue Bücher. Das Nächste haben Sie ja schon angekündigt, haben Sie schon einen Titel?

Sebastian Fitzek:
„Passagier 23“, aber das würde ich vielleicht noch zurückstellen. Und noch einen Tipp, den ich am Ende geben möchte: Lesen Sie, lesen Sie, lesen Sie, so viel wie möglich und schauen Sie so viel Filme wie möglich.
Peter Wayand:
Vielen Dank.
  

Kommentare:

  1. Vielen Dank für dieses wirklich spannende Interview! Vor Beginn des Schreibens einen Klappentext für das geplante Buch zu verfassen, ist ein guter Tipp. Muss ich mir merken ;-)

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    1. Liebe Frau Dr. Huesmann, ich wundere mich immer wieder, wie Sprachwissenschaftler überhaupt eine Aussage über Literatur machen können. ;-) Und auch wenn Sie es gerne hätten, aber seit Gottscheds "Versuch einer critischen Dichtkunst for die Teutschen" ist der Versuch, eine Poetik zu schreiben, immer schief gegangen, weil er immer wieder ad absurdum geführt worden ist. :-D Aber dennoch erlaube ich mir, für Ihre Webseite ein wenig Werbung zu machen und sie hier noch einmal ausgiebig zu verlinken. :-) Danke für Ihren Kommentar.

      http://www.die-schreibtrainerin.de/

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