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Montag, 17. März 2014

Nervenkitzel in der Bastei-Lübbe-Academy, Tag 1: Konflikt – Spannung – Rätsel


Wie schreibt man wohl einen wirklich spannenden Roman? Wer auf diese essentielle Frage des kreativen Schreibens eine fundierte Antwort erhalten wollte, konnte sich schon vor Wochen für ein entsprechendes Schreibseminar in der neu gegründeten Bastei Lübbe Academy im Verlagshaus in Köln anmelden. Für die doch recht stattliche Teilnahmegebühr von 399,-- EUR – ein stolzer Preis für zwei Seminartage, wenn man das Mittagessen noch selbst bezahlen muss – bot die Verlagsacademy, die eine Form der Öffnung nach Außen und der Öffentlichkeitsarbeit des bekannten Verlags darstellt, ein straffes Programm an, durch das zwei renommierte Dozenten führen würden, die natürlich als Persönlichkeiten schon Teilnahmemagneten sind: Der Autor, Dramaturg und Dozent Oliver Schütte (=> Homepage) und der Schriftsteller und Journalist Sebastian Fitzek (=> Homepage).

Ich meldete mich also an und reichte, da das optional möglich war, kein Exposé, Manuskript oder Sonstiges ein, da ich nicht so richtig wusste, was mich erwarten würde. Nach meinen Erfahrungen auf einem eintägigen Seminar im letzten Jahr mit der Fernsehspielchefin des Hessischen Rundfunks Liane Jessen in Frankfurt war ich doch eher skeptisch. Aber ich sollte positiv überrascht werden. 

Pünktlich, wie angekündigt, um zehn Uhr vormittags begrüßten unsere erlesene Gruppe von knapp fünfzehn Personen die Verlagslektorin Ann-Kathrin Schwarz (=> Homepage) und Oliver Schütte, beide durch die Bank weg sympathisch und mit einem recht einnehmenden Wesen, ab und an zu Scherzen aufgelegt, aber nie unprofessionell. Nach einigen einführenden Worten und der obligatorischen Vorstellungsrunde – es handelte sich wirklich um eine sehr heterogene Gruppe, sowohl was das Alter (23-64) als auch die Berufsgruppen und Erfahrungswerte betrifft – ging es dann auch direkt in medias res.

Ausgehend von der Grundfrage, wie man einen wirklich spannenden Roman schreibt, ging es im Wesentlichen an diesem ersten Tag um die Begriffe „Konflikt“, „Spannung“ und „Geheimnis/Rätsel“, die sehr ausführlich erläutert, erklärt und besprochen und anhand von kurzen erklärenden Filmausschnitten vertieft und diskutiert wurden. Das berühmte Zitat von William Archer (1856-1924) „Drama is anticipation mingled with uncertainity (dtsch. „Drama ist Antizipation vermischt mit Unsicherheit“)“ verdeutlichte zunächst den Konflikt als Mittelpunkt des Interesses, wobei hier unter „Antizipation“ die Vorausschau bzw. ein Zeitsprung in die Zukunft oder durch den Text geweckte Leseerwartungen verstanden wurden. 

Oliver Schütte
Der Konflikt ist die Hauptquelle menschlicher Emotionen. Er entsteht aus dem Verlust von Kontrolle heraus, der wiederum zu Angst und Unsicherheit führt. Gebetsmühlenartig wurde dann immer und immer wieder der Autor als der „Verunsicherer“ seiner Leser charakterisiert. Jede gute Geschichte benötigt daher eine Konfliktsituation, die wiederum durch drei wichtige Dinge gekenntzeichnet wird: den Protagonisten, dessen Ziel und die Gegenkraft. Die Verunsicherungsleistung des Autors besteht also darin, den Leser oder Zuschauer dazu zu bringen, dass er sich fragt, ob der Protagonist sein Ziel auch erreichen wird. In diesem Zusammenhang benötigt sowohl der Protagonist als auch die Gegenkraft natürlich eine entsprechende Motivation, die man sich am besten dergestalt verdeutlicht, dass man sich die Fragen stellt, was eigentlich passiert, wenn der Protagonist sein Ziel nicht erreicht und was für ihn dabei auf dem Spiel steht. Der Protagonist muss Empathie beim Leser auslösen und einen gewissen Lösemodus aufgrund seines Charakters besitzen. Die Gegenkraft muss stark, besser noch stärker (als der Protagonist), und vom Leser benennbar (erkennbar) sein. Das Ziel sollte konkret, erreichbar und plausibel sein.

Nun ging es ans Eingemachte. Einzelne Konfliktarten wurden besprochen, so der Antagonisten-, der Situations- und der kollektive Konflikt. Der innere Konflikt, als das, was sich im Innern des Protagonisten abspielt, wurde davon deutlich abgegrenzt. Im Anschluss gab es eine Aufgabe. Es sollte eine Geschichte geschrieben werden nach Vorgabe: Ein Paar hat sich nach drei Jahren getrennt. Nun will der eine einen Gegenstand aus der Wohnung haben, den der andere ihm verweigert. Zur Bearbeitung waren knappe vierzig Minuten vorgesehen, wer wollte, konnte die Mittagspause nach daranhängen. Während der Bearbeitung wurden von Schütte und Schwarz die Feedback-Gespräche mit den Seminarteilnehmern geführt, die vorher ein Exposé oder Manuskript zur Beurteilung eingesandt hatten. Nach der Mittagspause warteten dann alle – und es hatten alle wirklich fleißig an der Aufgabe gearbeitet – darauf, dass man über ihre Texte sprach oder sie vorgelesen werden würden, doch Fehlanzeige! Es wurde lediglich die Frage diskutiert, wie es einem beim Schreiben ergangen war und welche Schwierigkeiten man gehabt hatte. Auf vielen Gesichtern stand die stumme Frage: Und wozu hab' ich mir jetzt die Arbeit gemacht? Da hatten wir unseren zentralen Konflikt, der allerdings am Ende nicht aufgelöst wurde und der sich stattdessen in viele ungeklärte Teilkonflikte aufspaltete. 

Der Nachmittag stand dann im Zeichen der nächsten beiden Begriffe. Der Begriff „Spannung“ wurde lange ausgebreitet und über die Frage: „Was passiert als Nächstes?“ und die Methoden „Enthüllung“ und „Cliffhanger“ entwickelt. Auch Alfred Hitchcocks berühmter Suspense-Begriff wurde definiert und erläutert. Daran schloss sich noch die Besprechung der Begriffe „Geheimnis“ und „Rätsel“ an, die im Leser die Reaktionen „Neugier“, „Interesse“ und „Aufmerksamkeit“ auslösen sollen. 

Beendet wurde der erste Tag dann mit einem ungemein interessanten Vortrag über die Arbeitsweise des Bastei Lübbe Verlags, der überschrieben mit der Frage „Wie kommt das Buch in den Verlag“ über Verlagsprogramm, Lektorat, Redaktion, Coverdesign, Herstellung, Marketing bis hin zur Pressearbeit reichte. Hoch ist hier Frau Schwarz zu loben, die alles wunderbar breit darstellte, keine Frage unbeantwortet ließ und weit über das Ende der Veranstaltung hinaus ihren Vortrag konsequent zuende brachte. Das war großartig und keineswegs selbstverständlich. 

Nun bin ich gespannt auf den zweiten Tag. Sebastian Fitzek wird da sein. Es wird spannend ... 

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