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Montag, 6. Januar 2014

Theophanias

(Lk 2,1-20 & Mt 1,18-2,18) 

- gewidmet Patrick Roth -


„Du, Betlehem im Gebiet von Juda,
bist keineswegs die unbedeutendste
unter den führenden Städten von Juda;
denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen,
der Hirt meines Volkes Israel.“

[Mt 2, 6]

I
Jerusalem, 7 v. Chr.

Der Schreck war ihm mit gewaltiger Vehemenz in die Glieder gefahren. Und nicht nur ihm. Wenn er sich umschaute und in die teils verblüfften, teils unsicheren und ungläubigen Gesichter seiner Untergebenen blickte, wurde ihm bewusst, dass mit ihm und seinem Hofstaat auch die ganze Stadt aufs Heftigste erschrocken war.
Schuld daran waren die Besucher, die vor ihm standen. Es waren Fremde aus dem Osten, dem noch weitgehend unentdeckten Land jenseits des Jordan, Sterndeuter, Magier aus dem Reich des Silbernen Löwen, die zwar zurückhaltend freundlich waren, dennoch aber nach Kleidung und Art ihrer Rede deutlich machten, dass sie mit ihm auf einer Ebene zu stehen beliebten, mit ihm, dem König von Jerusalem. Sie waren reich, das war deutlich zu erkennen. Sie reisten mit großem Gefolge. Und sie waren gekommen, um bei ihm eine Erkundigung einzuziehen.
Es waren Männer mit schwarzen Bärten und einer leicht gelblichen Gesichtsfarbe. Die Haut eines von ihnen war sogar so schwarz wie der Mantel der Nacht. Dieser hatte sich zum Sprecher für alle gemacht und ihm jene Frage gestellt, die ihm durch Mark und Bein gedrungen war:
„Wo ist der neugeborene König der Juden?“
Der neugeborene König der Juden? – König? – Er, Herodes, war der König, der unumschränkte Herrscher über das jüdische Israel, über das Volk des Gottes Jahwe, des einzigen Herrn! Und dieser Fremde fragte nach einem neuen König? Das konnte er nicht zugeben, das durfte er nicht dulden. Es reichte doch wahrlich, dass er das Joch der Römer aushalten musste.
Und dennoch zwang er sich zur Ruhe. Er musste einen kühlen Kopf bewahren, musste behutsam herausfinden, was es damit auf sich hatte. Denn einen bösen Streich würden diese Fremden ihm gewiss nicht spielen.
„Wie kommt Ihr darauf, dass es einen solchen neugeborenen König gibt, Fremder, hier ...“, er machte eine weit ausladende Geste, „... in meinem Königreich?“
„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“
„So?“
Herodes zog die Augenbrauen hoch. Er beherrschte sich nur mühsam. Am liebsten hätte er diesen schwarzen Menschen für diese Antwort auspeitschen lassen. Aber auf der anderen Seite konnte er nicht riskieren, es sich mit einem eventuellen Bundesgenossen aus einem fernen Land zu verscherzen. Die Fremden waren bisher höflich, freundlich und offen mit ihm umgegangen. Wenn er sie anging, konnte das vielleicht zu seinem Nachteil gereichen. Wer konnte schon sagen, welche Macht hinter diesen Fremden stand. Heute würde er die Besucher vielleicht besiegen, inhaftieren oder gar töten können, morgen würde aber vielleicht schon ein großes, überlegenes Heer, eine ungeheure Streitmacht vor seinen Toren stehen. Nein, das konnte er nicht zulassen. List war das einzige, was ihm im Moment helfen konnte.
„Erlaubt mir, meine eigenen Erkundigungen einzuholen. Bis dahin lade ich euch selbstverständlich ein, meine Gäste zu sein, Gäste des Königs Herodes von Jerusalem.“
Der Schwarze sah ihn mit einem undeutbaren Blick an. Dann verneigte er sich leicht, tippte sich gegen Herz, Mund und Stirn und antwortete:
„Wir wollen Euch nicht unnötig zur Last fallen. Wir haben alles, was wir brauchen und werden unser Lager in der Stadt aufzuschlagen wissen. Am frühen Morgen ziehen wir weiter.“
Damit drehte sich der Fremde herum und verließ mit seinem Gefolge den Palast.



II
Betlehem, 7 v. Chr.

„Hier könnt ihr nicht bleiben, wir sind bis auf die letzte Kammer besetzt. Versteht das doch!“
Mit diesen Worten versuchte der Mann den Kerl, der so spät noch an seine Tür geklopft hatte, zurückzuweisen. Er tat dies nicht gern, aber durch die derzeit stattfindende Volkszählung war eben in der Stadt alles überbelegt. Außerdem gab es da noch diesen kleinen Umstand, dass der Bittsteller eine junge Frau mit sich führte. Sie war eindeutig in anderen Umständen und da sie den Karren, vor den ein Esel gespannt war, nicht verließ, vermutete er, dass die Zeit ihrer Niederkunft unmittelbar bevorstand. Die würde er sich gewiss nicht ins Haus holen. Wenn sie das Kind in der Zeit bekäme, während er sie als Gast beherbergte, hätte er sie am Hals und müsste sich um sie kümmern. Nein! Das würde er sich nicht ans Bein binden. Sollte doch ein anderer sich damit belasten, er nicht.
„Aber, Herr Wirt, wir müssen ...“, hub der Kerl vergeblich zu sprechen an, doch da knallte bereits vor ihm die Tür ins Schloss.
Er drehte sich zu der Frau im Karren um. Die Tränen standen ihm in den Augen, doch das sah man Gott sei Dank in der Dunkelheit nicht. Er kämpfte mühsam seine innere Erregung nieder. Das war die letzte Herberge am Ort gewesen. Überall war er abgewiesen worden. Überall hatten sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Beruhigend sprach er auf die Hochschwangere ein, die sich ächzend den schweren Bauch hielt. Er sah die Schweißperlen auf ihrer Stirn im Mondlicht glänzen.
„Wir finden schon etwas, Maria. Versuche, dich zu entspannen.“
Maria nickte nur. Joseph gab sich wirklich alle Mühe, in seiner ehemaligen Heimatstadt für sie beide eine Unterkunft zu finden. Doch langsam zweifelte sie daran, dass er das in diesem Fall schaffen würde. Die Stadt war voll, die Häuser ausgebucht.
Joseph hatte den Eselsstrick wieder ergriffen, mit dem er das Tier hinter sich herzerrte, das wiederum den Karren mit Maria zog. Auf der Straße waren jetzt so spät kaum noch Menschen. Einige Betrunkene stolperten umher, weit weniger zielstrebig den Nachhauseweg suchend, als ihnen wohl bewusst war. Weiter vorne waren bereits die letzten Häuser zu sehen und dahinter begannen die Felder und Weidegründe, über denen sich der unendliche Himmel spannte. Tausende und Abertausende von Sternen wiesen den beiden dort den Weg.
„Joseph, ...“, hauchte Maria angestrengt.
„Ja?“, entgegnete er tonlos.
„Wir sollten bald einen Ort finden, wo ich mich hinlegen kann. Ich fürchte, ich habe nicht mehr viel Zeit ...“


III
Jerusalem, 7 v. Chr.

Sie waren erschienen. Alle. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten seines Volkes hatten seinem Ruf Folge geleistet und er hatte sich eingehend erkundigt. Und was sie ihm geoffenbart hatten, hatte ihm nicht wirklich gefallen. Es gab in den Heiligen Schriften eine Prophezeihung von einem Messias, einem Gesalbten, der das Volk Gottes erlösen würde. Der Prophet Micha sprach von Elend und Glanz des Geschlechtes Davids:

„Aber du, Betlehem-Efrata,
so klein unter den Gauen Judas,
aus dir wird mir einer hervorgehen,
der über Israel herrschen soll.
Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit,
in längst vergangenen Tagen.
Darum gibt der Herr sie preis,
bis die Gebärende einen Sohn geboren hat.
Dann wird der Rest seiner Brüder heimkehren
zu den Söhnen Israels.
Er wird auftreten und ihr Hirt sein
in der Kraft des Herrn,
im hohen Namen Jahwes, seines Gottes.
Sie werden in Sicherheit leben;
denn nun reicht seine Macht
bis an die Grenzen der Erde.“

War das Verständnis dieser Texte in vielerlei Hinsicht auch mehrdeutig, so jedoch nicht in diesem einen Punkt. Ein Gesalbter war ein König, da gab es keinen Zweifel, und dieser König bedrohte seine Existenz. Die Römer waren ihm schon ein Dorn im Auge, seit sie seine Herrschaft mit ihrer Macht und ihrer Anwesenheit überschatteten. Herodes beherrschte sich zwar mühsam, doch meisterlich. Er entließ alle, blieb allein in seinem Thronsaal zurück und schickte heimlich nach den Fremden.
Es war wieder der Schwarze, der ihn aufsuchte, jedoch dieses Mal mit nur zwei Dienern. Hintersinnig lächelnd trat Herodes auf den Fremden zu, der offen und bescheiden vor ihm stand.
„Ich habe es mir überlegt, mein Freund“, dieses Wort dehnte er eigenartig aus, „ich habe meine Erkundigungen eingeholt und unsere Schriften studiert. Es gibt in der Tat einen solchen König der Juden, wie Ihr ihn sucht. Allerdings“, jetzt legte er dem Fremden die Hand auf die Schulter, „habe ich leider überhaupt keine Kenntnis von seinem Aufenthaltsort. Immerhin habe ich ja von Euch erst von seiner Existenz erfahren.“
Hier machte Herodes eine Kunstpause, um die nun folgenden Worte besser wirken zu lassen.
„Ich kann Euch also nur darum bitten, den Messias zu suchen, und wenn Ihr ihn tatsächlich findet, gebt mir bitte Bescheid, wo er sich befindet, damit ...“, und nun versteifte sich der König auf seltsame Art und Weise und sein Blick wurde ausdruckslos, „... ich selbst hingehe und ihm huldige.“
Der Schwarze, der ihm aufmerksam zugehört hatte, nickte langsam, verneigte sich und verließ ohne große Worte nach dem üblichen orientalischen Gruß den König, der ihm mit einem zynisch-höhnischen Lächeln nachblickte.
„Ja, ich werde ihm huldigen. Auf ganz besondere Weise werde ich ihn ehren.“
Dann reckte er die Faust in die Höhe.
„Nimm dich in Acht, Knabe, mein Schwert liegt bereits an deiner Kehle.“


IV
Außerhalb von Betlehem in einem Stall, 7 v. Chr.

„Hier, Maria, diese Futterkrippe wird uns die Wiege ersetzen müssen.“
Joseph nahm ihr das Neugeborene vorsichtig aus den Armen und bettete es behutsam in die Futterkrippe, die er mit reichlich Heu und Stroh ausgepolstert hatte. Sie hatten auf freiem Feld einen Stall gefunden, in dem ihnen ein einsamer Ochse ein wenig Wärme geboten hatte. Dort hatte Maria dann das Kind ausgetragen, einen gesunden Jungen hatte sie entbunden. Während er nun seiner erschöpften und von der Geburt geschwächten Frau die nötige Ruhe verschaffte, den Esel neben dem Ochsen anband und das kleine Feuer mit dürrem Holz nährte, erinnerte er sich wieder an das, was ihm einige Monate zuvor geschehen war. 
Maria, seine Verlobte, hatte ihm unter Tränen mitgeteilt, dass sie schwanger sei und dass das Kind von Gott selbst stamme. Er war bestürzt gewesen. Sein Mädchen, seine Verlobte, war von einem anderen schwanger und als Ausrede brachte sie den Geist Gottes? Nein, nein, das konnte nicht sein. Wie so etwas funktionierte, wusste er. Immerhin war er ein erwachsener Mann. 
Er hatte lange überlegt, was er tun sollte, was wohl das Richtige war. Wenn er die Sache öffentlich machte, wäre das Marias Todesurteil. Die Gesellschaft würde sie ausstoßen, vielleicht würden Anna und Joachim, ihre Eltern, sie wieder aufnehmen und ihr helfen. Ja, ganz gewiss würden sie das tun, sie waren gut und gerecht. Es würde wohl das Beste sein, wenn er sich in aller Stille von ihr trennte. Es war eine harte Zeit für ihn gewesen. Er sah seine Zukunft in Scherben versinken. 
Da hatte ihn eines Tages ein Mann besucht. Ein seltsamer Kauz, glattrasiert, durchweg helle Gewänder und Augen, die so tief waren wie der Sternenhimmel. Er hatte ihn angerührt und Joseph war in die Knie gegangen. Der Fremde hatte ihm beide Hände auf die Schultern gelegt und ihm leise gesagt, er, Joseph, ein Sohn Davids, solle keine Furcht haben, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen. Das Kind, das sie erwarte, sei tatsächlich vom Heiligen Geist … ein Kind Gottes, ein Wunder, ein … ach, er fand keine Worte, die ausreichend beschrieben hätten, was das für ihn war.  Weiter hatte ihm der Fremde einen Sohn vorausgesagt und ihm auch den Namen genannt, den er dem Kind geben solle … Jeschua … Jesus … denn er werde sein Volk von seinen Sünden erlösen. All das müsse geschehen, damit sich das erfülle, was in den alten Schriften stehe, was der Prophet Jesaja als Gottes Sprachrohr verkündet hatte:
 
„Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen,
einen Sohn wird sie gebären,  
und man wird ihm den Namen Immanuel geben, ...“ 

Immanuel ... das heißt übersetzt „Gott ist mit uns“. Und er, Joseph, hatte die Anweisungen alle befolgt, befolgt bis hierhin, bis zu diesem Stall vor den Toren seiner alten Heimatstadt. Wer war er auch, Gottes Weisung abzulehnen und sein eigenes Wollen über die Allweisheit zu stellen? Jeschua war geboren und er war sein Sohn ... SEIN Sohn!



V
Außerhalb von Betlehem auf freiem Feld, 7 v. Chr. 

Woher das grelle, unglaublich helle Licht so urplötzlich gekommen war, hätte keiner von ihnen sagen können. Von jetzt auf gleich war das Inferno über die Menschen und Tiere hereingebrochen, die Dunkelheit der Nacht, die bisher nur von den Sternen am Himmel erleuchtet worden war, wurde aufgerissen und aus dem Licht schälten sich die Gestalten viele Menschen.
Sie waren Hirten und sie hatten die Nachtwache bei ihrer Herde übernommen. Sie wollten abwechselnd schlafen und hatten sich in ihre Decken eingehüllt an einen kleinen Hügel gekauert. Nun bargen sie vor Furcht ihre Gesichter in ihre Gewändern und drückten sich eng an den Boden, so, als könnten sie dort Schutz vor dem Unbegreiflichen finden. Merkwürdigerweise hörten sie von den Tieren keinen Laut, ebenso kam von dem Licht her kein Geräusch. Die Schafe blökten nicht, sie weideten ganz normal weiter oder schliefen, ganz so, als hätten sie nichts von dem mitbekommen, was doch so offensichtlich war.
Die Lichtgestalten waren kaum erkennbar, nur ihre Umrisse wurden schwach nachgezeichnet, aber es erweckte den Eindruck eines Wimmeln, Wabeln und Wabbelns inmitten der Helligkeit. Da löste sich einer der Schemen heraus, ein Mann wurde sichtbar mit durch und durch strahlend hellen Gewändern und dunklen nachtschwarzen Augen. Er blickte gütig drein und sprach die Hirten direkt an. Seine Stimme klang in ihren Köpfen, sie schien sie zu durchdringen, aber sie schien nur von ihnen gehört werden zu können.
„Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Gesalbte, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt.“
Dann verschmolz die Gestalt zurücktretend wieder mit dem hellen Licht und eine Musik erfüllte sie, die sie noch nie gehört hatten, die ihnen aber die Tränen der Freude und der Rührung in die Augen trieb. Und die Lichtgestalten sangen ausgelassen und fröhlich: 

„Verherrlicht ist Gott in der Höhe,
und auf Erden ist Friede
bei den Menschen seiner Gnade.“

Und dann, ganz plötzlich, so als sei nie etwas geschehen, verschwand der Spuk und es herrschte wieder die Dunkelheit der Nacht auf dem Feld.
„Was … was war denn das?“, stieß einer der Hirten hervor, mühsam seine Erregung niederkämpfend.
„Waren das … Boten Gottes, unseres Herrn?“, fragte ein anderer ergriffen.
„Das scheint so zu sein.“, entgegnete ein Dritter, der kühler und beherrschter wirkte, als seine Mitstreiter.
„Aber wir können doch überprüfen, was das war“, fuhr er fort, „wir haben doch eine klare Ansage erhalten. Wir werden ein neugeborenes Kind finden, das in Windeln eingewickelt in einer Futterkrippe liegt. So hat es uns die Erscheinung geweissagt.“
„Hm, gleich hinter dem Hügel, unten in der Ebene liegt ein Stall, direkt vor den Toren Betlehems. Wie wäre es, wenn wir hingingen und nachschauen würden?“
„Ja.“, ereiferte sich der, der als Erster gesprochen hatte.
„Lasst uns nach Betlehem eilen, um das Ereignis zu sehen, das der Herr uns verkünden ließ.“
Und alle brachen sofort auf und eilten über den Hügel in die Ebene.



VI
Außerhalb von Betlehem in einem Stall, 7 v. Chr. 

Maria schrak hoch, als sie Joseph vor dem Stall reden hörte. Ihr Blick glitt sofort hinüber zur Krippe, worin das Kind nun ruhig und schlafend lag. Sie erhob sich leicht von ihrem Strohlager. Die Nachwirkungen der Geburt waren immer noch deutlich spürbar und die Strapazen in ihr Gesicht geschrieben.
Da kam Joseph herein. In seiner Begleitung befanden sich einfache Männer, Hirten von den nahegelegenen Feldern, die ehrfurchtsvoll herantraten.
„Maria, das sind Schafhirten von den Wiesen jenseits der Hügel. Sie kommen wegen ...“
„Jeschua?“, Marias Stimme klang heiser.
„Ja, aber woher ...“, entgegnete Joseph verblüfft, aber sie winkte nur ab.
„Tretet näher. Wer hat euch von dem Kind erzählt?“
„Ein Bote Gottes, unseres Herrn.“, begann einer der Hirten zaghaft, doch dann sprudelte es aus ihm heraus und er erzählte in allen Einzelheiten, was ihnen auf dem Feld bei der Herde geschehen war.
Maria und Joseph hörten mit wachsendem Erstaunen zu. Dann deutete Maria nur auf die Krippe.
„Dort ist er. Jeschua heißt er. Aber seid leise, er schläft.“
Da traten die Hirten schüchtern näher. Das Kind aber war erwacht und strahlte sie mit großen Augen an. Da zwang es sie in die Knie. Die Tränen liefen ihnen die Wangen hinab und sie fühlten einen Stich in ihrem Herzen, der ihnen fast den Atem nahm.
„Gepriesen bist Du, Schöpfer der Welt, der Du uns die Gnade und Ehre erwiesen hast, Deinen Sohn als Erste zu sehen. Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an.“
Sie ließen als Geschenk ein junges Kälbchen da und verließen nach ein paar glückseligen und glückwünschenden Worten wieder den Stall. Alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.



VII
Außerhalb von Betlehem am Stall, 7 v. Chr. 

Joseph erschrak. Direkt vor dem Stall hielt eine prächtige Karawane. Es waren durch die Bank hochherrschafliche Männer, reich gekleidet und mit großem Tross. Sie stiegen ab und einer, der eine Hautfarbe so dunkel wie die Nacht hatte, wendete sich mit einem freundlichen Lächeln an ihn.
„Verzeihen Sie, mein Herr, wir suchen nach einem neugeborenen Kind, einem besonderen Kind. Sind wir hier richtig?“
Joseph schaute überrascht auf den Mann, der ihm so fremd wie nur möglich war. Allerdings erkannte er an der Kleidung des Mannes, dass dieser unendlich reich sein musste. Er beschloss, vorsichtig zu sein.
„Wer seid ihr?“
„Wir kommen von weit her, aus den großen Reichen östlich des Jordans, nur, um das Kind zu sehen.“
Joseph war zunehmend überrascht.
„Und warum glaubt Ihr, Herr, dass Ihr hier in diesem ärmlichen Stall ein neugeborenes Kind vorfinden werdet?“
Nun schmunzelte der Fremde, trat näher und klopfte Joseph aufmunternd auf die Schulter.
„Diese Männer und ich selbst sind in der Lage, die geheimnisvolle Sprache der Sterne zu entschlüsseln. Wir sind Magier. Wir sahen einen neuen Stern am Himmel aufgehen, einen Stern, der uns den Weg bis hierhin wies. Seht!“
Mit diesen Worten deutete der Schwarze steil nach oben und in der Tat sah Joseph nun einen Lichtpunkt am Firmament, der größer war, als die anderen Lichtpunkte, die er sonst des Nachts gesehen hatte. Und dieser Lichtpunkt stand scheinbar genau über ihm.
Da fasste Joseph Vertrauen zu diesen Männern, die ihm nichtsdestotrotz fremd und unwirklich erschienen.
„Wenn es der Wille des Herrn ist, so sollt Ihr das Kind sehen. Kommt mit hinein. Seine Mutter, meine Frau, wacht bei dem Knaben.“
Da brach eine kurze aber heftige Freude unter den Männern der Karawane aus. Der Schwarze und zwei weitere kamen mit in den Stall hinein. Ihre goldenen Gewänder wirkten seltsam deplaziert zwischen all dem Stroh und den Tieren des Stalles.
Maria war zunächst schockiert, als sie Joseph mit den Dreien hereinkommen sah. Doch schon bald wandelte sich ihr Schock in großes Erstaunen, als die noblen Herren vor der Krippe auf die Knie sanken und Worte in einer fremden Sprache murmelten.
Der Schwarze winkte kurz einem Diener, der am Eingang des Stalls wartete, und alsbald brachten drei Diener etwas herein, was sie vor die Krippe stellten.
„Wir möchten euch danken, dass ihr uns gestattet habt, den neugeborenen König der Juden zu sehen. Wir ehren ihn mit diesen Geschenken, es ist das wertvollste, was wir anzubieten haben: das Gold Persiens, heiliges Räucherwerk und ägyptisches Salböl. Wir bitten euch, diese Gaben anzunehmen, mit denen wir einzig dieses Kind ehren wollen.“
Maria blickte Joseph sprachlos an. Er war ebenso überwältigt von diesen großzügigen Geschenken, dass er gar nicht wusste, wie ihm geschah.
Dann traten die drei wieder hinaus. Der Schwarze sprach noch einmal zu Joseph:
„Geht wieder hinein zu Frau und Kind, guter Mann, Ihr seid ein Begnadeter. Gestattet uns, heute Nacht hier zu lagern, am nächsten Morgen werden wir wieder fort sein.“
„Wer bin ich, unseren Wohltätern eine solche Bitte abzuschlagen.“, entgegnete Joseph gerührt.
„Bleibt nur und lagert hier solange ihr wollt. Ihr seid willkommen.“
Da verneigte sich der Schwarze vor ihm und legte wortlos seine Hand auf seine Brust, seinen Mund und seine Stirn. Dann ging Joseph wieder hinein.
Der Schwarze drehte sich um und schritt der Karawane entgegen. Plötzlich erklang eine sanfte, sonore Stimme hinter ihm, die ihn bei seinem Namen ansprach:
„Kaspar!“
Überrascht drehte er sich um. Da stand ein Mann in einem einfachen, weißen Gewand und richtete seine dunklen Augen freundlich auf ihn.
„Wer ...“, begann Kaspar, doch der Fremde unterbrach ihn knapp.
„Ich habe nicht viel Zeit. Darum höre: Der König Herodes in Jerusalem trachtet diesem Kind nach dem Leben.“
„Das dachte ich mir schon ...“, entgegnete Kaspar ruhig.
„Es wird ein entsetzliches Unglück geben. Du darfst nicht noch einmal nach Jerusalem zurückkehren, sondern musst auf einem anderen Weg in deine Heimat reisen.“
„Ich habe es dieser falschen Schlange angesehen.“
„Beeile dich. Es bleibt euch nicht viel Zeit.“
Wir werden nicht bis morgen früh warten, sondern am besten gleich jetzt aufbrechen.“
„Überzeuge deine Freunde Melchior und Baltazar. Viel Glück, Kaspar.“
Und im nächsten Augenblick war der Fremde verschwunden. Kaspar schüttelte den Kopf, als wollte er eine lästige Fliege vertreiben.
„Was war das gewesen?“, dachte er bei sich.
„Habe ich gerade eine Erscheinung gehabt?“
Dann rief er laut nach seinen beiden Freunden, die seine Weggefährten waren:
„Melchior! Baltazar! Ich muss mit euch reden!“


VIII
Außerhalb von Betlehem im Stall, 7 v. Chr. 

Joseph hatte den Stall wieder betreten. Lange ruhte sein Blick auf seiner Maria, die den Kleinen gerade in Windeln wickelte und dann in ihren Armen wiegte. Was hatte ihm der Herr da nur für eine schwere Aufgabe übertragen? Da hörte er hinter sich eine Stimme. Doch er erschrak nicht, denn er kannte diese Stimme. Er hatte sie erst einmal in seinem Leben gehört dennoch aber nie vergessen. Er wusste, es war die Stimme des seltsamen Kauzes in den durchweg hellen Gewänder, dessen Augen, die so tief waren wie der Sternenhimmel. Er fühlte wieder dessen Hände auf seinen Schultern, doch diesmal blieb er stehen.
„Dreh dich nicht um, Joseph, sondern höre einfach nur zu! Maria kann mich nicht sehen und nicht hören, auch wenn ich ihr bereits begegnet bin.“
„So sprich, Herr“, flüsterte Joseph heiser.
„Nimm das Kind und seine Mutter und flieh' nach Ägypten. Bleibe dort, bis ich dir etwas anderes auftrage, denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Säume nicht! Handele! Ich werde mich wieder bei dir melden.“
Und Joseph spürte, dass er wieder allein war und sich beeilen musste. Eine merkwürdige Unruhe hatte sich urplötzlich seiner bemächtigt. Sie mussten aufbrechen, diesen Stall und seine trügerische Sicherheit verlassen, noch in dieser Nacht.


VIII
Jerusalem, 7 v. Chr. 

„Was?“
Herodes fuhr auf. Seine Lippen bebten und er beherrschte sich nur mühsam. Er ballte seine Fäuste so stark, das seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Sag das noch einmal. Ich glaube, ich habe dich nicht richtig verstanden!“
Der Untergebene zitterte am ganzen Leib. Er wusste ganz genau, dass sein Leben im Moment an einem seidenen Faden hing.
„Die Fremden, die nach dem neugeborenen K... – nach dem vermeintlichen Gesalbten gefragt haben, sind nicht nach Jerusalem zurückgekehrt. Man hat sie weiter südlich gesehen, als Sie über den Jordan setzten.“
„Also doch! Diese verräterischen Hunde, ich hätte sie gleich hier ...“, Herodes lief rot an. Seine Wut kannte keine Grenzen. Es riss ihn von seinem Sitz hoch. Laut schreiend stürzte er sich auf den Untergebenen und trennte ihm mit einem einzigen sauberen Schlag seines Schwertes den Kopf vom Rumpf. Das Blut des Unglücklichen spritzte hoch, und besudelte das makellose Gewand des grimmigen Herrschers.
Dann schrie er nach den Wachen.
„Schafft diesen Abschaum hier weg und reinigt meinen Thronsaal! – Schickt mir den Oberbefehlshaber meiner Armee – schnell.“, befahl er. Dann verließ er den Raum, trat auf den ausladenden Balkon hinaus, von dem aus er Jerusalem weitläufig überblicken konnte, und stützte sich tief einatmend auf die Ballustrade.
Ein Geräusch hinter ihm kündigte die Ankunft seines Obersten an. Er drehte sich langsam um. Vor ihm stand ein Mann in militärischem Gewand stramm.
„Ah, Aminadab, sehr gut. Ich habe einen Spezialauftrag für dich.“
„Zu Befehl!“, entgegnete Aminadab schnell und ausdruckslos.
„Aber es erfordert einen starken Willen und eine feste Hand, die nicht zögert, das zu tun, was getan werden muss, Aminadab.“, seufzte Herodes scheinbar betrübt.
„Zu Befehl!“, antwortete Aminadab wieder mit selbiger Ausdrucklosigkeit.
„Weißt du, ich kann nicht zulassen, dass da wirklich ein Kind geboren worden ist, das mir gefährlich werden und meine Herrschaft bedrohen wird – wenn dies auch erst in einigen Jahren der Fall sein wird, findest du nicht auch?“
Bei dieser Erklärung beobachtete Herodes Aminadab argwöhnisch. Er versuchte, jede Regung, jedes Zucken in dem Gesicht des Soldaten wahrzunehmen und zu deuten.
„Deswegen, mein Freund, musst du etwas tun, das vielleicht gegen dein Gefühl und dein Gewissen steht, was aber getan werden muss.“
Wieder versuchte Herodes im Gesicht seines Gegenübers zu lesen.
„Sende deine Männer aus und sucht in der Umgebung nach neugeborenen Knaben – sagen wir, bis zu einem Alter von zwei Jahren. Macht alle ausfindig und vernichtet die Gefahr für meinen Thron unbarmherzig.“
Nie hatte Herodes kälter und härter geklungen als bei diesem Befehl.
Aminadab zuckte nicht mit einer Wimper.
„Zu Befehl! – Mein König und Herr!“ lautete seine knappe Antwort.
„Geh!“ befahl Herodes und wandte sich der untergehenden Sonne zu, die den Balkon und ihn in blutroter Glut badete, so als wolle sie die Konsequenz des Befehls mit ihren letzten Farben kommentieren.
Aminadab rückte alsbald mit seinen Soldaten gegen die neugeborenen Kinder aus und schlachtete alle, die er fand, wie es ihm befohlen worden war, grausam und ohne Gnade ab.


„Ein Geschrei war in Rama zu hören,
lautes Weinen und Klagen;
Rahel weinte um ihre Kinder
und wollte sich nicht trösten lassen,
denn sie waren dahin.“

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