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Sonntag, 24. November 2013

„Märchen sind politisch!“ – Heide Simonis im Interview mit Peter Wayand


Das im Folgenden wiedergegebene Interview mit Heide Simonis wurde am 23.11.2013 im Hotel Heinz in Höhr-Grenzhausen anlässlich ihrer Lesung aus ihrem neuen Buch „Alles Märchen! Insider packen aus“ mündlich im Anschluss an die Lesung geführt. Zu dieser Lesung eingeladen hatte die Buchhandlung meinBUCHHAUS aus Höhr-Grenzhausen und Wirges

Wayand: 

Sehr geehrte Frau Simonis, zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit mir hier dieses kurze Interview zu führen. Meine erste Frage lautet schlicht und ergreifend: Warum Märchen? Warum keine Fabeln oder andere literarische Gattungen? 

Simonis:

Ich glaube, im Märchen erkennt man einerseits, was eine Gesellschaft schätzt, wie sie leben will, wie sie ihre Kinder erziehen will, was wichtig für sie ist. Andererseits kann man im Märchen Sachen ausdrücken, die man sonst nirgendwo so ausdrücken kann, und da kann man die bösen Gedanken, die man hat – über die Stiefmutter, die man umbringen möchte – haben, ohne dass man dafür bestraft wird. Märchen sind obendrein noch unterhaltsam und das alles zusammen macht doch schon klar: man braucht Märchen im Leben. 

Wayand: 

Sie haben sich in Ihrem Buch auf die Märchen der Gebrüder Grimm bezogen. Würden Sie auch andere Märchen von anderen „Anbietern“ favorisieren, von denen Sie sagen, dass man da etwas Ähnliches daraus machen könnte? 

Simonis: 

Das ist nicht ganz einfach. „Die kleine Meerjungfrau“ ist ja ein bezauberndes Märchen, aber auch nicht zu vergleichen mit Märchen, die wir haben, und noch schwieriger wird es mit asiatischen und afrikanischen Märchen, wo ja Geister und böse Trolle und was weiß ich alles auftreten. Ich denke, man sollte sich am besten immer in dem Bereich bewegen, in dem man sich am besten auskennt, denn da kann man ja aus dem Rahmen des Märchens herausspringen, wohin man springen will, aber wenn man sich damit gar nicht auskennt, dann wird das schwierig. Ich sage immer als Beispiel: Wer Harakiri nicht gut findet, der kann auch schlecht über Harakiri reden! Und damit kann er auch schlecht oder schwer über andere Sachen reden. 

Wayand:

Ja, jetzt die Frage, die natürlich jedem auf der Seele brennt: Wenn ein Politiker Märchen schreibt, oder, man darf ja sagen, Märchen neu fasst, dann fragt natürlich jeder: Sind Märchen politisch? Steckt da ein doppelter Boden drin? 

Simonis:

Märchen sind politisch. Märchen sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Märchen sind aber auch ein Spiegel dessen, was Menschen machen, um an Geld zu kommen, z.B. diese Knaben, die das Dornröschen wachküssen wollen, und Märchen sind eine Leitschnur für Erwachsene, die Kinder erziehen wollen, und für Kinder, die ihren Eltern folgen wollen. Die Gebrüder Grimm haben gesagt: „Die Märchen sind zur Erziehung der Kinder da.“ Viele wollen das nicht wahrhaben, aber es ist so. Das kann man, wenn man will, dort nachlesen.

Wayand:

Jetzt könnte man ja böserweise, wenn Sie von Erziehung sprechen, die Frage stellen, ob Sie einen Zusammenhang sehen zwischen den Märchen und der sozialdemokratischen Schulpolitik zuzeit, wobei das jetzt eher rhetorisch gemeint war.

Simonis:

Das müsste man wohl mühsam aus- und dann zusammenarbeiten, nein, da würde ich heute Abend passen.

Wayand:

Ihre Texte strotzen nur so vor Ironie, Sarkasmus, ja, teilweise auch schon Zynismus. Wie wichtig ist Ihnen das? Humor in dem Sinne, dass man doch mehr diese rhetorischen Stilmittel zuhilfe nimmt, um die Märchen auszuloten?

Simonis:

Wenn ich das nicht machen würde, würde ich ja wieder die ursprünglichen Märchen erzählen. Ich muss ja aus dem uns bekannten vorliegenden Material heraus verfremden um neu aufzuschreiben, und wenn Sie dem Märchen eine andere Deutung geben wollen, brauchen Sie auch deutlich eine andere Sprache und deutlich einen anderen Ton und das ist mir komischerweise gar nicht schwergefallen. Ich hab das auch nicht betrachtet als ein – sagen wir mal so – Sakrileg oder so, sondern, das muss man akzeptieren, wenn man ein anderes Märchen schreibt. Das Komische dabei ist – mein Mann hatte mir gesagt: „Sei vorsichtig, das könnte Krach geben!“ – und das hat es bis jetzt noch mit niemandem.

Wayand:

Gut. Nun meine letzte Frage: Wird es eine Fortsetzung geben, einen zweiten Band, z.B. in Form von japanischen oder afrikanischen Märchen, die Ihnen ja liegen und nahe sind?

Simonis:

Ich werde jetzt erst einmal meinen Krimi zuende schreiben, mit dem ich angefangen habe. Der liegt da herum und das muss weg. Und dann sehen wir weiter.

Wayand:

Frau Simonis, ich bedanke mich für das Gespräch und die mir geopferte Zeit.

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