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Montag, 25. November 2013

Insider-Märchen. Heide Simonis las in Höhr-Grenzhausen



Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, in den Abendstunden des 23. Novembers 2013 im renommierten Hotel Heinz in Höhr-Grenzhausen, was man durchaus mit einem Märchenschloss vergleichen kann. Die ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein, Heide Simonis (*1943, => Homepage), machte einen Zwischenstopp auf ihrer Lesereise mit dem evangelisch-lutherischen Verlagshaus, um auch im Westerwald aus ihrem Werk „Alles Märchen! Insider packen aus“ vorzulesen. Zu dieser Lesung hatten die Inhaber der Buchhandlung meinBUCHHAUS aus Höhr-Grenzhausen und Wirges, Marietta und Winfried Glöckner, eingeladen, die damit ihre bisherige Reihe von Autoren-Lesungen im Westerwald erfolgreich fortsetzten.




So exquisit wie der Veranstaltungsort, die Orangerie im Heinz, erwies sich auch das ungefähr sechzig Personen zählende Auditorium: es waren unter anderem einige bekannte Namen der lokalen politischen Bühne dabei und sogar eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hatte sich ins Heinz verirrt, wohl in der irrigen Annahme, eine Märchenstunde für Kinder zu besuchen.





Wenn eine Politikerin Märchen schreibt, oder besser, bekannte Märchen der Gebrüder Grimm neu fasst, dann wird es mitunter immer gewisse Schelme geben, die Böses dabei denken. Simonis' Märchenfassungen sind gegen den Strich gebürstet, teils in sehr moderner, teils in einer im Duktus der Alten belassenen Sprache, die, sehr sarkastisch und teilweise schon zynisch daherkommt. Aus eher ungewohntem Blickwinkel werden die bekannten Geschehnisse neu erzählt. Es kommen die Märchenfiguren selbst zu Wort; sie teilen dem Leser respektive dem Zuhörer in einer Art innerem Monolog oder auch Bewusstseinsstrom ihre intimsten und geheimsten Gedanken mit, die diesen dann doch sehr überraschen. Nebenbei bemerkt wäre das ein wunderbarer Stoff für einer Dramatisierung auf der Bühne oder der Leinwand. Fünfzehn Märchen werden auf diese Art und Weise neu entdeckt, gelesen und schließlich auch ausgedeutet, darunter bekannte Klassiker wie Dornröschen, Aschenputtel, Schneewitchen und natürlich der Froschkönig.




Dabei bleibt sich die Autorin in ihrer persönlichen Auffassung, dass man sich nur in dem Bereich bewegen solle, in dem man sich gut auskennt, absolut treu: Im Märchen, so ihre Überzeugung, erkenne man einerseits, was eine Gesellschaft schätze, wie sie leben wolle, wie sie ihre Kinder erziehen wolle, was wichtig für sie sei. Andererseits könne man im Märchen Dinge zum Ausdruck bringen, die man sonst nirgendwo so ausdrücken könne. Man könne zum Beispiel die bösen Gedanken, die man über die böse Stiefmutter hat, die man umbringen möchte, haben, ohne dass man dafür bestraft werde. Märchen seien, so Simonis weiter, obendrein noch unterhaltsam und das alles zusammen mache doch schon klar: man braucht Märchen im Leben. 




Märchen seien darüber hinaus sehr politisch und ein Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Märchen seien aber auch ein Spiegel dessen, was Menschen machen, um an Geld zu kommen, wie beispielsweise diese Knaben, die das Dornröschen wach küssen wollten. Märchen seien weiterhin eine Leitschnur für Erwachsene, die Kinder erziehen wollen, und für Kinder, die ihren Eltern folgen wollen. Die Gebrüder Grimm hätten gesagt: „Die Märchen sind zur Erziehung der Kinder da.“ Viele wollten das nicht wahrhaben, aber es sei so. Das könne man, wenn man wolle, dort nachlesen.




Der Erzählstil der Märchen zeichnet sich vor allem durch eine besondere Form des schwarzen Humors aus, die die volle Palette der rhetorischen Mittel auszuschöpfen scheint. Simonis verfremdet das bekannte vorliegende Material und gibt den Märchen eine andere Deutung, wozu Sie auch eine deutlich andere Sprache und einen deutlich anderen Ton benutzt, was ihr, nach eigener Aussage komischerweise gar nicht schwergefallen sei. Sie habe das auch nicht als Sakrileg betrachtet. Ihr Mann habe Sie zwar davor gewarnt, dass diese Märchen Ärger provozieren könnten, aber das habe es bis jetzt noch mit niemandem.




Von einem kurzweiligen Abend zu sprechen, wäre genauso falsch, wie von einem langatmigen oder langweiligen Abend. Den knapp zwei Stunden Veranstaltungsdauer hätte ein wenig mehr Publikumsbeteiligung in den Möglichkeiten zu Fragen nach jedem Märchen gutgetan. Aber das Auditorium hielt sich seltsam bedeckt. Es sparte zwar nicht an Applaus, dennoch wagte niemand, eine Diskussion zu einem der Märchen anzuregen, geschweige denn, eine gescheite Nachfrage zu stellen. Schade eigentlich, denn das reine Vorlesen mit immer gleichem Erzählstil wird nach einer gewissen Zeit dahingehend langweilig, dass man sich auf die sprachliche und inhaltliche Parodie eingestellt hat und einfach nichts Neues, nicht Überraschendes mehr folgen will. Da hätte eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Märchentexten gutgetan. 



Abschließend sei noch auf eine eher unschöne Sache eingegangen, nämlich den Preis des Buches. Das Buch ist als gebundenes Exemplar zwar sehr schön aufgemacht, die Karikaturen von Steffen Butz (*1964) allein sind schon ein richtiger Hingucker, allerdings wirkt der Preis von stolzen 24,95 Euro doch recht überzogen für knappe 160 Seiten und wird wohl eine Menge potentieller Käufer vom Erwerb dieses Buchs abhalten, was die neugestalteten Märchen eigentlich nicht verdient haben. Und noch eine letzte Warnung: „Alles Märchen! Insider packen aus“ ist kein Kinderbuch und auch keinesfalls ein Märchenbuch für Kinder, wohl eher für nostalgische Erwachsene, deren Gehirne das Denken und das kritische Auseinandersetzen mit dem Zeitgeist und der sie umgebenden Gesellschaft noch nicht verlernt haben.





Sonntag, 24. November 2013

„Märchen sind politisch!“ – Heide Simonis im Interview mit Peter Wayand


Das im Folgenden wiedergegebene Interview mit Heide Simonis wurde am 23.11.2013 im Hotel Heinz in Höhr-Grenzhausen anlässlich ihrer Lesung aus ihrem neuen Buch „Alles Märchen! Insider packen aus“ mündlich im Anschluss an die Lesung geführt. Zu dieser Lesung eingeladen hatte die Buchhandlung meinBUCHHAUS aus Höhr-Grenzhausen und Wirges

Wayand: 

Sehr geehrte Frau Simonis, zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit mir hier dieses kurze Interview zu führen. Meine erste Frage lautet schlicht und ergreifend: Warum Märchen? Warum keine Fabeln oder andere literarische Gattungen? 

Simonis:

Ich glaube, im Märchen erkennt man einerseits, was eine Gesellschaft schätzt, wie sie leben will, wie sie ihre Kinder erziehen will, was wichtig für sie ist. Andererseits kann man im Märchen Sachen ausdrücken, die man sonst nirgendwo so ausdrücken kann, und da kann man die bösen Gedanken, die man hat – über die Stiefmutter, die man umbringen möchte – haben, ohne dass man dafür bestraft wird. Märchen sind obendrein noch unterhaltsam und das alles zusammen macht doch schon klar: man braucht Märchen im Leben. 

Wayand: 

Sie haben sich in Ihrem Buch auf die Märchen der Gebrüder Grimm bezogen. Würden Sie auch andere Märchen von anderen „Anbietern“ favorisieren, von denen Sie sagen, dass man da etwas Ähnliches daraus machen könnte? 

Simonis: 

Das ist nicht ganz einfach. „Die kleine Meerjungfrau“ ist ja ein bezauberndes Märchen, aber auch nicht zu vergleichen mit Märchen, die wir haben, und noch schwieriger wird es mit asiatischen und afrikanischen Märchen, wo ja Geister und böse Trolle und was weiß ich alles auftreten. Ich denke, man sollte sich am besten immer in dem Bereich bewegen, in dem man sich am besten auskennt, denn da kann man ja aus dem Rahmen des Märchens herausspringen, wohin man springen will, aber wenn man sich damit gar nicht auskennt, dann wird das schwierig. Ich sage immer als Beispiel: Wer Harakiri nicht gut findet, der kann auch schlecht über Harakiri reden! Und damit kann er auch schlecht oder schwer über andere Sachen reden. 

Wayand:

Ja, jetzt die Frage, die natürlich jedem auf der Seele brennt: Wenn ein Politiker Märchen schreibt, oder, man darf ja sagen, Märchen neu fasst, dann fragt natürlich jeder: Sind Märchen politisch? Steckt da ein doppelter Boden drin? 

Simonis:

Märchen sind politisch. Märchen sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Märchen sind aber auch ein Spiegel dessen, was Menschen machen, um an Geld zu kommen, z.B. diese Knaben, die das Dornröschen wachküssen wollen, und Märchen sind eine Leitschnur für Erwachsene, die Kinder erziehen wollen, und für Kinder, die ihren Eltern folgen wollen. Die Gebrüder Grimm haben gesagt: „Die Märchen sind zur Erziehung der Kinder da.“ Viele wollen das nicht wahrhaben, aber es ist so. Das kann man, wenn man will, dort nachlesen.

Wayand:

Jetzt könnte man ja böserweise, wenn Sie von Erziehung sprechen, die Frage stellen, ob Sie einen Zusammenhang sehen zwischen den Märchen und der sozialdemokratischen Schulpolitik zuzeit, wobei das jetzt eher rhetorisch gemeint war.

Simonis:

Das müsste man wohl mühsam aus- und dann zusammenarbeiten, nein, da würde ich heute Abend passen.

Wayand:

Ihre Texte strotzen nur so vor Ironie, Sarkasmus, ja, teilweise auch schon Zynismus. Wie wichtig ist Ihnen das? Humor in dem Sinne, dass man doch mehr diese rhetorischen Stilmittel zuhilfe nimmt, um die Märchen auszuloten?

Simonis:

Wenn ich das nicht machen würde, würde ich ja wieder die ursprünglichen Märchen erzählen. Ich muss ja aus dem uns bekannten vorliegenden Material heraus verfremden um neu aufzuschreiben, und wenn Sie dem Märchen eine andere Deutung geben wollen, brauchen Sie auch deutlich eine andere Sprache und deutlich einen anderen Ton und das ist mir komischerweise gar nicht schwergefallen. Ich hab das auch nicht betrachtet als ein – sagen wir mal so – Sakrileg oder so, sondern, das muss man akzeptieren, wenn man ein anderes Märchen schreibt. Das Komische dabei ist – mein Mann hatte mir gesagt: „Sei vorsichtig, das könnte Krach geben!“ – und das hat es bis jetzt noch mit niemandem.

Wayand:

Gut. Nun meine letzte Frage: Wird es eine Fortsetzung geben, einen zweiten Band, z.B. in Form von japanischen oder afrikanischen Märchen, die Ihnen ja liegen und nahe sind?

Simonis:

Ich werde jetzt erst einmal meinen Krimi zuende schreiben, mit dem ich angefangen habe. Der liegt da herum und das muss weg. Und dann sehen wir weiter.

Wayand:

Frau Simonis, ich bedanke mich für das Gespräch und die mir geopferte Zeit.