Translate/Übersetzung

Freitag, 11. Oktober 2013

Kongress-Nachlese: Teil 4 - Der zweite Tag


 Tag 2


Der zweite Tag begann mit der Mitgliederversammlung der KMG. Hier wurde Rechenschaft abgelegt über alles, was die KMG in den letzten beiden Jahren so geleistet hatte, angefangen beim Bericht des Kassierers und der Kassenprüfer bis hin zur Wahl des Austragungsortes für die nächsten beiden Kongresse. Das Rennen machte, ich denke, das darf hier schon einmal verraten werden, für das Jahr 2015 die Stadt Bamberg, Heimat des Karl-May-Verlags, und für das Jahr 2017 die Stadt Naumburg an der Saale, für die es engagierte Streiter gegeben hatte.









































Ein besonderes Ereignis im Rahmen dieser Mitgliederversammlung stellte ganz ohne Frage die Ernennung von Hans Grunert zum Ehrenmitglied dar. Grunert, der sich gemeinsam mit seiner Frau immer wieder auf vielfältigste Art und Weise in die Arbeit der KMG eingebracht hatte und es wohl immer noch tut, erhielt für diese besondere Ehrung viel Beifall und stehende Ovationen.



In der Mittagspause begab sich der Vorstand geschlossen zum Friedhof, um am Grabmal Karl Mays einen Kranz niederzulegen, den das bereits genannte Motto: „Karl May lebt“ in goldenen Lettern zierte. Doch nicht nur die Kranzniederlegung war Ziel des Ausflugs, es wurde auch ein Fotoshooting mit der BILD-Zeitung veranstaltet. Ein Fotograf, der sein Equipment schon aufgebaut hatte, und ein Reporter im Anzug und langem Mantel (irgendwie hatte ich mir BILD-Zeitungsreporter immer anders vorgestellt!) warteten schon vor Ort um den Vorstand entsprechend zu inszenieren und auch, wir mir jetzt im Nachhinein scheinen will, ein wenig zu instrumentalisieren. Der Mann von der BILD wollte die Herren mit der rechten Hand auf dem Herzen wehmütigen Blicks vor dem Grabmal stehen sehen, einen (Winnetou-)Schwur leistend, der irgendwie deplaziert und unzeitgemäß wirkte. Nun, was daraus geworden ist, kann man sich gerne auf der Homepage der BILD ansehen, ich habe meine eigenen Fotos geschossen. Ob das nun wirklich so ein gelungener Coup war, oder ob es, wie ein Mitglied des Vorstands hinterher resignierend äußerte, „den Tiefpunkt einer bisherigen wissenschaftlichen Karriere“ darstellte, möchte ich hier nicht beantworten. Es mag sich jeder selbst seine Meinung dazu BILDen.

















Um Viertel nach zwei ging es dann mit dem nächsten Vortrag weiter, nachdem man von dem kleinen Ausflug in die goldene Herbstsonne und das raschelnde Laub auf dem Friedhof ins Conference Center zurückgekehrt war. Und wie aufs Stichwort passend schloss sich der Vortrag von Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid, einem der wohl bekanntesten und renommiertesten May-Forscher in der Geschichte der Karl-May-Gesellschaft, mit einem theologisch-literarischen Thema an: Es ging um transparente Transzendenz: Biblisch-kindliche Vexierbilder in Mays Spätwerk. Scheinhammer-Schmid veröffentlichte eine nicht zu überschauende Reihe von Aufsätzen, Editionen, Artikel und Rezensionen nicht ausschließlich nur zu Karl May, sondern auch zu anderen Themen der Literatur und Musikgeschichte. Einer der Bände, von denen man wohl am ehesten gehört hat, ist Im Kampf für einen Vielgeschmähten. Die Augsburger Postzeitung und Karl May, eine Dokumentation, die 2010 im Hansa Verlag als fünfter Band der Materialien zum Werk Karl Mays erschien und die er gemeinsam mit Jürgen Hillesheim publizierte.









Seine Hypothese basierte auf der Behauptung, dass Mays Spätwerk bestimmt ist vom Weg zurück in die Kindheit. Und so vermutete er, dass die Illustrationen des biblischen Bilderbuchs von Vetter Klemm, wie sie das Büchereiverzeichnis von 1931 nennt, in diesen späten Romanen und Erzählungen als Raumgestaltungen, Personenbildnisse oder vielleicht sogar als Handlungselemente unübersehbar wiederzuerkennen sein müssten. Zur Untersuchung bediente er sich eines Phänomens, das in der Kunst- und Filmanalyse als Diaphanie bezeichnet wird. „May sei ein sehr klarer Kopf, der seine Gedanken und Beobachtungen nur auf Dinge richtet, die innerhalb unseres irdischen Horizontes liegen, aber, eben darum entgeht es ihm nicht, dass sich dieser Horizont stetig verändert.“ (Amand von Ozoróczy, 1908)








Den letzten wissenschaftlichen Vortrag des Tages hielt dann eine Persönlichkeit, eine Autorität ersten Ranges, die eigentlich keiner näheren Vorstellung bedürfen sollte. Prof. Dr. Gert Ueding, langjähriger Karl-May-Forscher, hielt auf Karl-May-Tagungen bereits viele lebhafte Vorträge. Er war ab 1983 Professor für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard Karls Universität in Tübingen, später dann als Nachfolger von Walter Jens Inhaber des bislang einzigen deutschen Lehrstuhls für Rhetorik. Er wurde 2010 emeritiert, ist aber immer noch als Gastprofessor, zum Beispiel in Sankt Gallen, tätig. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Karl May und gab unter anderem natürlich auch den Klassiker Karl May Handbuch heraus. Seine gesammelten Reden und Studien über Karl May erschienen 2012 unter dem Titel Utopisches Grenzland: Über Karl May.




In seinem Vortrag betrachtete er das Thema Karl May aus dem Blickwinkel seiner eigenen wissenschaftlichen Profession. Er sprach unter dem Titel „Professorenspiele“ über Karl May und seine Wissenschaftler. Und es wurde, wie er es direkt in seinen ersten Worten ankündigte, ein wesentlich spielerischeres denn wissenschaftliches Referat, als man das nach den vorangegangenen Beiträgen vielleicht hätte erwarten können. Er begann mit einem Gespräch, das er vor einer ganzen Reihe von Jahren mit einem befreundeten Kollegen an der TU Hannover führte. Dieser Kollege, Mitglied der KMG von ihren Anfängen an, erklärte seinen überraschenden Austritt aus der Gesellschaft wie folgt: „Alles Wichtige zu Karl May sei gesagt und die Arbeit der Karl-May-Gesellschaft komme ihm nun so vor, wie die übliche Dichterforschung über Goethe oder Schiller, wo man, wie Rut auf dem abgeernteten Felde noch das letzte Gerstenkorn aufliest, und dazu habe er keine Lust. Damit habe die Karl-May-Gesellschaft für ihn ihren eigentlichen Reiz verloren, denn die grüne Farbe der Kindheit habe sich in trautes wissenschaftliches Grau verwandelt.“ Dann präzisierte er den Titel „Professorenspiele“ zu „Gelehrtenspiele“, denn das sei ein ganz wesentlicher Punkt, der die KMG von anderen literarischen Gesellschaften unterscheide: das überaus breite, wissenschaftliche Interesse aller ihrer Mitglieder, ob sie nun aus einem professionellen Hintergrund sich mit Karl May beschäftigen oder als Privatgelehrte sozusagen, nach der Pensionierung, oder als engagierte und in allen May'schen Winkelzügen bewanderte Leser sich ihrem Karl May und seinem Werk widmen. 
 







Im Folgenden entwickelte er, ausgehend von dem Bonmot Ernst Blochs „Ich kenne nur Hegel und Karl May, alles dazwischen ist eine unreine Mischung aus beidem.“ (zit. n.: Westfälische Rundschau vom 11.03.1978) Abenteuerlandschaften des Geistes und der Seele vor allem in den Gelehrtenfiguren, die May in seinem Werk brachte, und gipfelte in der Märchenparole: „Vergiss das Beste nicht!“







An diese letzte Karl-May-Erkundung schloss sich dann ein gelungener ökumenischer Gottesdienst in der Lutherkirche von Radebeul unter der Leitung von Pfarrer Willi Stroband (Ahlen) und Pfarrer Christof Heinze (Radebeul) an, die erst vor kurzem wieder die Originalglocken bekommen hatte, die schon Karl May noch zu Lebzeiten gehört hatte, da das Gotteshaus ja in unmittelbarer Nachbarschaft zur Villa Shatterhand liegt. Während dem Gottesdienst gelangten dann auch noch einmal die May-Lieder „Vergiss mich nicht“ und „Ave Maria“ in einer Fassung für Sologesang und Orgel zur Aufführung. Susanne Kühne (Hamburg) las die Texte, Kantor emeritus Hartmut Kühne (Hamburg) spielte hingebungsvoll die Orgel, unter anderem mit Werken von Hans Friedrich Micheelsen (1902-1973), und ich hoffe, man legt mir das nicht als mangelnde Bescheidenheit aus, wenn ich erwähne, dass ich selbst der Sänger war.

































Das große Finale des Tages fand dann am Abend ab halb Acht im umdekorierten Conference Center des Radisson Blu Park Hotels statt. Die Konferenzbestuhlung und die Büchertische waren verschwunden und hatten ansehnlich geschmückten kreisrunden Tischen für jeweils zehn Personen Platz gemacht. Auf den Tischen rundherum war ein üppiges Büffet aufgebaut, was mit allen möglichen Speisen und Köstlichkeiten aufwartete.






 Was folgte, war ein Abend mit abwechselungsreichem Programm, durch das keine geringere als die ehemalige BRISANT-Moderatorin, Schauspielerin, Kabarettistin, Vorleserin und sogar Vorsitzende der „Silberbüchse“, des Fördervereins Karl-May-Haus e.V. Griseldis Wenner mit viel Charme und Verve führte. Als Showacts hatte man Prof. Dr. Volker Wahl, den stellvertretenden Präsidenten des Kuratoriums der Karl-May-Stiftung zu ein paar Worten gebeten, der Liedermacher, Lyriker und Komponist Holger Saarmann (=> Homepage) gab die „Ballade des armen Webersohnes Karl May“ und Ausschnitte aus seinem Programm „Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen“ zum Besten, Claudia Kaulfuß, die Geschäftsführerin des Karl-May-Museums und der Karl-May-Stiftung, gewährte einen Einblick in die Zukunft des Karl-May-Museums, Ralf Herzog brachte alle mit seiner gekonnten Pantomime zum Lachen, Bernhard Schmid überreichte die Originalkaufurkunde der Villa Shatterhand als Geschenk an die Karl-May-Stiftung und begrub so symbolisch das Kriegsbeil zwischen Karl-May-Verlag und Stiftung, Dr. Johannes Zeilinger zeigte in einem Bildvortrag, das Karl May zu Lebzeiten auch gern gefeiert hatte und präsentierte einige unbekannte, sehr private Fotographien der Familie May, der Schauspieler und Regisseur Jürgen Stegmann nahm die Anwesenden mit auf die Felsenbühne Rathen und lieh der unsterblich gewordenen May-Figur Lord Castlepool Stimme und Gestalt und schließlich und endlich riss der Musiker, Komponist und Dirigent René Giessen alle mit seinem Solospiel auf der Mundharmonika in seinen Bann.






Wenngleich der Abend bei einigen Mitglieder mit gemischten Gefühlen gesehen wurde, zeitweilig konnte man den Spruch „Je später der Abend, desto tiefer das Niveau der Beiträge“ hören, so kann er doch insgesamt als ein gelungenes Event von großer Ausstrahlungskraft gewertet werden. Und damit war der zweite Tag des Kongresses auch beendet.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen