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Donnerstag, 10. Oktober 2013

Kongress-Nachlese: Teil 3 - Der erste Tag





„Sei uns gegrüßt! Wir, deine Erdentaten,
erwarteten dich hier am Himmelstor.
Du bist die Ernte deiner eignen Saaten
und steigst mit uns nun zu dir selbst empor.“

(Selmar Werner, „Engel empfangen eine irdische Seele“, 1903)



Mein erster Kongress! Wie das klingt! So erhaben, aber auch so fürchterlich naiv! Mein erster Kongress war allerdings bereits der 22. Kongress der Karl-May-Gesellschaft e.V. und er fand vom 4. bis 6. Oktober im Radisson Blu Park Hotel & Conference Center in Radebeul bei Dresden, der Karl-May-Stadt schlechthin, dem Mekka für Mayaner, statt.





Dieser Kongress war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes, ja, der erste Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft, die im Folgenden mit dem offiziellen Kürzel „KMG“ bezeichnet wird, Dr. Johannes Zeilinger, sprach sogar von einem „historischen“ Kongress, da er eben zum ersten Mal in Radebeul stattfand. Die Gesellschaft der Freunde Karl Mays kehrte quasi nach Hause zurück oder besser: sie kehrte endlich einmal im Zuhause des von ihr favorisierten und so verehrten Dichters ein, dort, wo die Villa Shatterhand und die Villa Bärenfett steht, dort, wo die neuerrichtete Villa Nscho-tschi ihren Standort hat und wo – last but not least – auch das bereits 1903 errichtete Grabmal des Maysters zu finden ist, in dessen Sockel, gleich unterhalb des Bildnisses von Selmar Werner (1864-1953), die obigen Geleitzeilen eingeprägt sind.



Das Programm der zweieinhalb Kongresstage war reichhaltig, ein üppiges Bankett aus wissenschaftlichen Vorträgen, die doch sehr in die Breite des schier unendlichen Themas „Karl May“ gingen, der obligatorischen Buchauktion, einem ökumenischen Gottesdienst und einem von der KMG ausgerichteten Gala-Abend aus Anlass des 100jährigen Jubiläums der Karl-May-Stiftung.





Darüber hinaus gab es rund um den Kongress Buchstände zum Erwerb von sogenannten „Mayensien“, aber auch der Karl-May-Verlag aus Bamberg hatte einen Stand errichtet und natürlich die Zeitschrift „Karl May & Co.“, die ja in Kennerkreisen einen guten Ruf genießt.






















Tag 1

Nach der Eröffnung am Freitagmorgen durch Dr. Johannes Zeilinger, den, wie bereits oben erwähnt, ersten Vorsitzenden der KMG, betrat Frau Prof. Dr. Birgit Hans das Podium. Hans emigrierte nach einem Studium der Anglistik an der Universität Münster in die USA, wo sie zunächst ihren Master und dann ihren Ph.D., also ihren Doktorgrad in Philosophie, an der Universität von Arizona in Tucson erwarb, und lehrt seit 1991 als Professorin am Institut für Indianerkunde (Department of Indian Studies) an der Universität von North Dakota in Grand Folks. Sie hat zahlreiche Arbeiten über indianisches Leben und indianische Kultur veröffentlicht. Ihre Spezialgebiete sind indianische Literatur und indianische Schriftsteller, vor allem D’Arcy McNickle.
Aus der Sicht einer Indianerexpertin mit deutschen Wurzeln, die nach eigener Aussage durch die Karl-May-Lektüre zu ihrer Profession gekommen war, referierte sie über Karl May und die Indianerpolitik des 19. Jahrhunderts. Hauptsächlich sei sie interessiert gewesen an den Beziehungen zwischen den Indianern und den Weißen, was wohl vorrangig durch die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand ausgelöst, dann aber noch durch andere sympathische und unsympathische Häuptlinge der Komantschen, Kiowa und Osagen verstärkt worden sei. Ihre überraschende Erkenntnis, nachdem sie sich noch einmal intensiv mit den drei Winnetou-Bänden, den drei Old Surehand-Bänden und Winnetous Erben (Winnetou IV) auseinandergesetzt habe, sei, dass Karl May sich primär mit der ethnozentrischen Idee der Zivilisation auseinandergesetzt, aber die Beziehung zwischen Weißen und Indianern auf der politischen Ebene fast überhaupt nicht eingebracht habe. Die Berührungspunkte zwischen Zivilisation und Wildnis seien rar und fast nur auf den gelegentlichen Kontakt der Vertreter beider Welten reduziert. Karl May, so Hans weiter, fand offensichtlich, dass das Indianerproblem ein Philosophisches sei, das losgelöst vom alltäglichen Leben der Indianer und Weißen zu lösen war.



 
Der zweite Redner des Vormittags war Dr. Hagen Schäfer. Schäfer studierte Germanistik, Politikwissenschaft und neuere bzw. neueste Geschichte an den Universitäten Leipzig und Chemnitz. 2012 wurde an der TU Chemnitz mit einer Arbeit über das Hörspielwerk Fred von Hörschelmanns promoviert. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu Karl May und hielt Vorträge zu Leben und Werk Mays, insbesondere zu den Aspekten Politik, Religion und Musik im Werk Mays. Schäfer knüpfte nun in seinem Vortrag an das große Leipziger Symposion 2012 „Karl May im Aufbruch zur Moderne“ an, das bekanntlich die Stellung des symbolisch-allegorischen Spätwerks des Autors im Kontext der literarischen Moderne um 1900 untersuchte. Schäfer setzte diese Untersuchung gewissermaßen fort, in dem er den Moderne-Begriff rezeptionsorientiert auf unsere aktuelle Gegenwart ausweitete. In seinem Vortrag unter dem Titel „Karl May und die Moderne“ stellte er die ganz zentrale, gewichtige und zukunftsweisende Frage, wie junge Menschen heute wieder für Karl May begeistert werden können.



Dazu untersuchte er zunächst die Marktentwicklung, das Konsumverhalten und die Lektüre-Präferenzen heutiger Jugendlicher unter der Fragestellung: Was, warum und wie viel lesen junge Menschen heute? Dann kam er auf den Stellenwert der Werke Mays zu sprechen, in dem er fragte: Was kennzeichnet das Werk Karl Mays und welchen Stellenwert hat das heute noch für junge Leser?, um schließlich daraus Strategien und Maßnahmen zur Steigerung der Karl-May-Begeisterung bei jungen Menschen abzuleiten.

















Sein Vortrag, den ich persönlich als den wichtigsten, weil zukunftsweisendsten, halte, war sehr umstritten. In der anschließenden Ausprache meldeten sich viele zu Wort, unter anderem auch der May-Verleger Bernhard Schmid aus Bamberg, der eine Verfilmung vor allem des Silberlöwen und Ardistan und Dschinnistans im Stile eines Peter Jackson rundheraus ablehnte, da er sich nicht vorstellen könne, dass Jugendliche im Anschluss an einen solchen Film dann auch das Spätwerk lesen würden. Seiner Meinung nach müsse es Winnetou sein, der, aufgrund der Tatsache, dass die bekannten Karl-May-Filme nunmehr fünfzig Jahre alt seien und auch so wahrgenommen würden, ein filmisches Comeback erleben solle. Ob diese Meinung wirklich die stimmigere ist, bleibt abzuwarten, denn, und das erlaube ich mir hier zu Bedenken zu geben, ob die Indianerthematik in ähnlicher Weise aktuell und ansprechend ist, wie die zeitgeschichtlich bedingte Auseinandersetzung mit dem Islam, der in Deutschland in den letzten Jahren Einzug gehalten hat, wage ich zu bezweifeln. Wir können gerade aus den Orienterzählungen Mays noch eine Menge lernen für unsere Gegenwart, daher sollte man die Idee einer Verfilmung der Orienterzählungen oder des Spätwerks nicht allzuweit wegschieben oder gar verwerfen. Meines Erachtens nach hat der, der das leugnet oder nicht sehen will, die Zeichen der Zeit nicht erkannt.




















Nach der Mittagspause ging es dann um 14 Uhr mit dem Vortrag von Dr. FlorianSchleburg weiter. Schleburg unterrichtet als Akademischer Rat englische Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg und gehört seit 2011 als wissenschaftlicher Mitarbeiter dem Vorstand der KMG an. Er publizierte mehrere Arbeiten über Karl May, war Mitherausgeber des Bandes „Der Ölprinz“ in der historisch-kritischen Ausgabe (HKA) der Werke Karl Mays, Mitorganisator des oben bereits erwähnten Leipziger Symposions 2012 und Mitherausgeber des im Karl-May-Verlags erschienenen Symposionbandes, er ist aber bemerkenswerter Weise auch als Schriftsteller tätig und veröffentlichte 2011 unter dem Pseudonym Siegfried Frieseke den vielseitigen Roman „Glibber bis Gräzist“.
Der Sprachexperte Schleburg sprach also nun zum Thema „Der Kenner weiß … keineswegs … das versteht sich von selbst!“. Der Titel verdeutlicht bereits die sprachlichen Strategien der Welt- und Selbstmanipulation vor allem beim alten May. Karl May habe zur Wahrheit zeitlebens ein recht kompliziertes Verhältnis gehabt, vor allen auf zwei Ebenen: einmal in der Darstellung dessen, was er wusste, wofür zu seiner Zeit eine recht holzschnittartig urteilende Moral zuständig war, zum anderen aber auch, psychologisch betrachtet, im Wahrhabenwollen dessen, was er hätte wissen können. Er verdeutlichte vor allem Sprechakte, Sprachhandlungen des alten May, wobei er sich an die Sprechakttheorie Searles genauso orientierte, wie an dem Faces-Konzept der linguistischen Pragmatik. Alles in allem ein hochkompliziertes, sehr durchgeistigtes Thema, eine Art Gymnastikübung für das Denkvermögen der Anwesenden, dennoch aber mit viel Verve und ungeheur sympathischer Natur vorgetragen. Ein echtes Bonbon der sonst als so trocken verschrieenen Linguistik.




Den Abschluss dieses ersten Tages bildete dann eine Podiumsdiskussion, in der sich ausgesuchte Experten in einer Art Bestandsaufnahme versuchten: Karl May nach 100 Jahren! Es diskutierten zum Thema Nicolas Finke von Karl May & Co. (=> Homepage), die lebende Karl-May-Enzyklopädie Ekkehart Bartsch aus Bad Segeberg, der für den kurzfristig verhinderten Rüdiger Schaper eingesprungen war, der Klinikpfarrer und Karl-May-Kenner Dr. Hermann Wohlgschaft (=> Homepage), Dr. ThomasKramer, Privatdozent an der Humboldt-Universität Berlin und Prof. Dr. Helmut Schmiedt, zu dem ich später noch ausführlich kommen werde. Die Moderation übernahm wieder Dr. Zeilinger. Auf eine ausführliche Besprechung der Podiumsdiskussion möchte ich an dieser Stelle gerne verzichten, da dies an anderer Stelle noch ausführlich nachgeholt werden wird. Letztlich schloss der erste Tag mit dem Appell: „Karl May lebt!“, dem man sich nur begeistert anschließen konnte.
















Kongress
(- Symposión -)

Weiße, weite, weiche Formen, 
Roter Boden im Kontrast,
Eit'le Wahrheit man erfasst,
In den ungebroch'nen Normen.

Rauschebärte, tiefe Falten,
Altes Leben rings umher,
Jungsein fällt hier schwer,
Müde gähnen tiefe Spalten.

Rundherum sich Stände drängen,
Jeder will sein Stück vom Kuchen,
Bald schon hängt man in den Fängen,

Und es hilft kein Zetern, Fluchen,
Hat ein Vortrag auch noch Längen,
Viele nach Erlösung suchen.

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