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Montag, 30. September 2013

22. Kongress der Karl-May-Gesellschaft e.V. - Vorbemerkungen

Karl May um 1907 (Quelle: gemeinfrei)

Und schon wieder ist es soweit, dass ein weiteres Großereignis vor der Tür steht, über das ich hier in Form einer regelmäßigen Nachlese auf meinem Blog berichten will. Ähnlich wie ich das bereits für das Jubiläum des Karl-May-Verlags in Bamberg getan habe, soll auch hier der

22. Kongress der Karl-May-Gesellschaft e.V. 

im Conference Center des Radisson Blu Park Hotels Dresden Radebeul ordentlich besprochen und kommentiert werden.

Der offizielle Termin ist zwar der 4. bis 6. Oktober 2013, dennoch aber fahre ich bereits am Mittwoch, den 2. Oktober 2013, da es auch im Vorfeld bereits ein interessantes Programm gibt, wovon ich gerne profitieren möchte. 

In meiner Begleitung wird sich mein ehemaliger Schüler Timur Kara befinden, dessen Interesse an Karl May durch meine Schuld erwachte und der sich nun gerne auf dem Kongress ein erstes Bild von der Karl-May-Szene, insbesondere von der Karl-May-Gesellschaft e.V. machen möchte.

Ich habe mir aus dem umfangreichen Programm folgende Punkte herausgepickt, die ich auf alle Fälle mitmachen möchte. Daraus ergibt sich auch die Berichterstattung und Kommentierung für den Blog:

Mittwoch, 2. Oktober 2013

16:30 Uhr: Pressekonferenz im Karl-May-Museum, Villa »Nscho-tschi«

18:00 Uhr: Eröffnung der Sonderausstellung »Karl Mays Reisephantasien als Zinnfiguren« im Karl-May-Museum 

19:00 Uhr: Vortrag Prof. Dr. Birgit Hans (Grand Forks, North Dakota, USA): »Indianer heute – Erfahrungsbericht als Professor für Indian Studies in Amerika« im Karl-May-Museum, Villa »Nscho-tschi«

Donnerstag, 3. Oktober 2013

18:00 Uhr: »Das Karl-May-Museum lädt ein« – kostenlose Besichtigung des Karl-May-Museums und der neu errichteten Villa »Nscho-tschi« mit anschließendem Grillabend

Freitag, 4. Oktober 2013

09:30 Uhr: Eröffnung des 22. Kongresses der Karl-May-Gesellschaft

10:00 Uhr: Vortrag Prof. Dr. Birgit Hans (Grand Forks, North Dakota, USA): Karl May und die Indianerpolitik der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert 

11:15 Uhr: Vortrag Dr. Hagen Schäfer (Radebeul): Karl May und die Moderne. Wie können junge Menschen wieder für Karl May begeistert werden?

14:00 Uhr: Vortrag Dr. Florian Schleburg (Regensburg): »Der Kenner weiß... keineswegs... das versteht sich ganz von selbst!« – Sprachliche Strategien der Welt- und Selbstmanipulation beim alten May 

16:00 Uhr: Podiumsdiskussion: Karl May nach 100 Jahren – Experten im Gespräch
 
Teilnehmer:
  • Prof. Dr. Helmut Schmiedt - *1950, Literaturwissenschaftler (Universität Koblenz-Landau); stv. Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft und Autor der Biographie »Karl May oder Die Macht der Phantasie« (2011).
  • Dr. Thomas Kramer - *1959, Literaturwissenschaftler, Privatdozent (Humboldt-Universität Berlin); Autor der Biographie »Karl May - Ein biographisches Porträt« (2011).
  • Rüdiger Schaper - *1959, Journalist (Tagesspiegel), Theaterkritiker und Autor der Biographie »Karl May: Untertan, Hochstapler, Übermensch« (2011).
  • Dr. Hermann Wohlgschaft - *1944, kath. Pfarrer und Klinikseelsorger. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Leben und Werk Karl Mays. Autor der dreibändigen Biographie »Karl May - Leben und Werk« (2005).
  • Nicolas Finke - *1977, Medienwissenschaftler und Pressereferent eines TV-Unternehmens. Redakteur des Magazins »Karl May & Co«. Zahlreiche Veröffentlichungen insbesondere zu Freilichtaufführungen und Verfilmungen der Werke Karl Mays.
Moderation: Dr. Johannes Zeilinger (Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft)

19:00 Uhr: (evt. da nur für KMG-Mitglieder) Buchauktion mit Christoph Blau und Wolfgang Hermesmeier

Samstag, 5. Oktober 2013

09:30 Uhr: Mitgliederversammlung (Rundgang zu den Karl-May-Stätten in Radebeul)

14:30 Uhr: Vortrag Dr. Ulrich Scheinhammer-Schmid (Neu-Ulm): Transparente Transzendenz. Biblischkindliche Vexierbilder in Mays Spätwerk

16:00 Uhr: Vortrag Prof. Dr. Gert Ueding (Jungingen): ›Professorenspiele.‹ Karl May und seine Wissenschaftler

17:30 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst in der Lutherkirche (hier werde ich mit Hartmut Kühne gemeinsam das ›Ave Maria‹ und das ›Vergiss mich nicht‹ von Karl May musizieren, sowie Stephen C. Fosters ›Swanee River (Old Folks At Home)‹)

19:30 Uhr: Galaabend anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Karl-May-Stiftung im Radisson Blu Park Hotel (Moderation: Griseldis Wenner)

Sonntag, 6. Oktober 2013

09:30 Uhr: Vortrag Prof. Dr. Helmut Schmiedt (Köln): Von männlichen Tanten und seehundartigen Bayern. Groteske Figurenbeschreibungen in Thomas Manns ›Buddenbrooks‹ und Karl Mays ›Der Schatz im Silbersee‹.

11:15 Uhr: Vortrag Prof. Dr. Christoph F. Lorenz (Köln): [Karl May und T. E. Lawrence]

Die programmatischen Angaben erfolgen hier noch unter dem Verweis auf die Homepage der Karl-May-Gesellschaft e.V., wo das obigen Programm so abgedruckt wurde. Die KMG behält sich kurzfristige Änderungen und Umstellungen des Programms natürlich vor.

Ich weise noch einmal darauf hin, dass die folgende Berichterstattung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern die getroffene Auswahl eine rein subjektive, auf meine persönliche Interessenlage zugeschnittene ist. 

Ich hoffe, meine treuen Leser werden mir, ganz im Sinne des Maysters in dessen Heimat folgen und meine Eindrücke und Erfahrungen mit Freude auf dem Blog mitverfolgen.


Freitag, 6. September 2013

Hebels Hollywood – Patrick Roth las in Bad Ems aus seiner amerikanischen Fahrt

(Der vorliegende Artikel erschien in stark redigierter und gekürzter Form in der Rhein-Lahn-Zeitung in Bad Ems Nr. 211 vom Mittwoch, 11. September 2013 auf Seite 20 und in der Westerwälder Zeitung Nr. 216 vom 17. September 2013 auf Seite 26.)



Der Kultursommer Rheinland-Pfalz steht 2013 unter dem Motto „Eurovisionen“. In diesem Rahmen fand in der Zeit vom dritten bis siebten September in Bad Ems an der Lahn in Kooperation mit dem Festival „Gegen den Strom“ das 1. Filmmusikfestival Bad Ems statt. Wiederum in diesem Rahmen las nun der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller und Regisseur Patrick Roth (*1953) (=> Homepage) aus seinem neuesten Buch vor.



Das Ambiente war angemessen. Die kleine Eventhalle Theater im Badhaus war, im Verhältnis gesehen, für eine solche Veranstaltung reichlich gefüllt. Der Ideengeber und künstlerische Leiter des Filmmusikfestivals, der renommierte Pianist, Keyboarder und Filmmusikkomponist Matthias Frey (*1956) (=> Homepage) begrüßte persönlich den Autor und das Publikum. Am Beginn des Abends stand ein leider nur sehr kurzer Ausschnitt aus dem im Jahr 2006 für das ZDF produzierten Film-Essay „In My Life – 12 Places I Remember“ – eine Arbeit, die Roth im Rahmen seiner Mainzer Stadtschreibertätigkeit verfertigt hatte. Das ZDF hatte nur zirka sechs bis sieben Minuten genehmigt (sic!).






Matthias Frey

Und noch einmal Patrick Roth! Oder sollte es besser heißen: Und wieder einmal Patrick Roth? Ich hatte bereits im April auf diesem Blog über eine Lesung dieses außergewöhnlichen und sehr sympathischen Ausnahmeautors, dieses Intellektuellen par exellence, berichtet. Seinerzeit – im Frühjahr – ging es in Sunrise. Das Buch Joseph um ein biblisches Thema, es ging um den Lebensweg Josephs, des Ziehvaters des Jesus von Nazareth. Am Abend des fünften September 2013 jedoch – also im beginnenden Herbst – ging es nun um einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte, die er in einer Sammlung von zehn autobiographischen Stories festgehalten hat. Siebenunddreißig Jahre (1975-2012) hatte Patrick Roth in Amerika gelebt und gearbeitet, in Santa Monica in direkter Nähe zur Traumfabrik Hollywood gewohnt. Und so klärte er seine zahlreich erschienenen Zuhörer unter anderem über den höchst interessanten Sachverhalt auf, was der südbadischen Dichter, Theologe und Pädagoge Johann Peter Hebel (1760-1826) und die Filmmetropole Hollywood wohl miteinander gemeinsam haben. Ein Blick in sein im Göttinger Wallstein Verlag – im übrigen war der Verleger und Lektor Thorsten Ahrend (ehemals suhrcamp) persönlich zugegen – neu erschienenes Buch „Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen“, welches nun die oben genannten zehn Stories zwischen Buchdeckeln vereint, brachte die Antwort: Patrick Roths Ankunft im Amerika der 1970ziger Jahre ist geprägt von unglaublich vielen Eindrücken, die es zu verarbeiten gilt, und die allererste Story „Hebels Hollywood“, welche die Erfahrungen der Jahre 1975 bis 1981 zusammenfasst, war das zentrale Moment der Lesung, die etwa eine Stunde dauerte.






Und genau dieser Umstand, dass von den zehn Stories des Buches nur eine einzige – diese aber dann komplett – gelesen wurde, empfand ich als wohltuend. Wohltuend war ebenso die Länge der Lesung, die mit knapp einer Stunde genau richtig war – obwohl man einem Mann von Roths Format und Erfahrungsschatz ewig gebannt lauschen könnte – und der anschließenden kurzen Fragerunde noch genügend Raum bot, auf der Seele brennende Fragen zu stellen, denen der Autor sich nur allzugern annahm. „Hebels Hollywood“ ist allerdings nicht nur ein Appetizer, ein Appetitanreger, sie ist weit mehr. Sie ist eine Einladung, Hollywood durch Roths Augen wahrzunehmen, ihn auf seinen Cruising-Touren über die nächtlichen Boulevards zu begleiten, sich auf die Rückbank seines alten VWs zu setzen, dessen Beifahrertür nicht mehr aufgeht, und seinen eigenen Worten zu lauschen, mit denen er die Geschichten seiner Lieblingsdichter auf ein Tonbandgerät gesprochen hat, was er auf diesen Fahrten dann abspielte. Sie ist schon ein Meisterwerk der Erzählkunst für sich. 






Und so wird Hebels „Unverhofftes Wiedersehn“ (1811) zum Kommentar, zum Seelenspiegel der großen Einsamkeit, der ungeheuerlichen amerikanischen Weite, wenn seine Worte an ganz besonderen Plätzen und Orten in und um Hollywood aus Roths eigenem Mund erklingen, und bewahrt gleichzeitig davor, die eigene Muttersprache zugunsten der amerikanischen Alltagssprache mehr und mehr zu verlieren. Berühmte Namen der deutschen und europäischen Kulturlandschaft des 20. Jahrhunderts begegen dem Zuhörer in Roths Erzählung genauso, wie Namen, die untrennbar mit der amerikanischen Filmgeschichte verbunden sind. Namen wie Thomas (1875-1955) und Heinrich Mann (1871-1950), Igor Stravinsky (1882-1971), Lion Feuchtwanger (1884-1958), Lotte Eisner (1896-1983) und Honoré de Balzac (1799-1850), aber auch Alfred Hitchcock (1899-1980), John Ford (1894-1973) und David Wark Griffith (1875-1948) tauchen schemenhaft aus dem Nebel auf, nur um im nächsten Moment wieder zu verglühen wie Momentaufnahmen einer längst vergessenen Zeit – eine Generation, wie Roth erklärt, die er damals für längst vergangen hielt, war dort, an jenen Plätzen, immer noch sehr lebendig.






Und so wie Roth seine Erzählung aufbaut, als große einzigartige Kamerafahrt, als Montage unterschiedlicher Erzählperspektiven, so ist auch das ganze Buch an den Aufbau eines Drehbuchs angelehnt. Filmtechnik und Prosastil gehen so eine fulminante Symbiose ein. Gebannt lauschte man, ließ sich hineinziehen, das Kino im Kopf lieferte die Bilder, die durch den Text, durch die Zeilen hindurch den Weg in die eigene Vorstellungswelt fanden. Mehr möchte man ausrufen, mehr, und immer mehr von dieser fast schon magisch zu nennenden Literatur, die süchtig zu machen vermag. Und so bleibt am Ende nur in respektvoller Abwandlung einer berühmt gewordenen Aussage über Johann Sebastian Bach nur zu sagen: „Nicht Roth – Mehr (davon) müsste er heißen!“