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Donnerstag, 15. August 2013

Fundstück: Hexerei-Essay (2008)

Peter Wayand

Was ist Hexerei? 
Ein Essay


„Listen to them, children of night, what music they make.“ 
[Bram Stoker, Dracula, 1897]

„Verlang ich Rat von einem alten Weibe?
Und schafft die Sudelkocherei 
Wohl dreißig Jahre mir vom Leibe?“ 
[Goethe, Faust I, Z. 2340-2342]

„Mein Freund, das lerne wohl verstehn! 
Dies ist die Art mit Hexen umzugehn.“ 
[Goethe, Faust I, Z. 2516-2517]

„Du musst verstehn! 
Aus Eins mach Zehn, 
Und Zwei lass gehn, 
So bist du reich 
Verlier die Vier! 
Aus Fünf und Sechs, 
So sagt die Hex', 
Mach Sieben und Acht, 
So ist's vollbracht: 
Und Neun ist Eins, 
Und Zehn ist keins. 
Das ist das Hexen-Einmaleins.“ 
[Goethe, Faust I, Z. 2540-2552]

„Ich bin die Hexe Schrumpeldei und mache meine Hexerei! Potz Hokus-Pokus, hi und hu, und schon geht es los im Nu!“ Dieser – unter Hörspielfreunden – berühmt gewordene Satz der Hexe aus den gleichnamigen Kinderhörspielen von Eberhard Alexander-Burgh (1929-2004), die von 1976 bis 1978 bei Studio EUROPA erschienen, steht wohl stellvertretend für meine ersten Berührungen mit der Thematik „Hexen“ und „Hexerei“.

Natürlich hatte ich auch Grimm's Märchen gelesen, natürlich kannte ich auch deren Darstellung von Hexen, vor allem von der aus dem Märchen „Hänsel & Gretel“, aber die Hexe Schrumpeldei, die in einem windschiefen Haus in der Schwarzen Petergasse 13 wohnt, und die einen Hexenschuss, einen sprechenden Papagei (der Herr Stumpfenstiel heißt und eigentlich ein verzauberter Elefant ist, aber in seiner ursprünglichen Gestalt zu groß für das Hexenhaus war) und eine Hexentochter namens Schrumpelmei hat, beeindruckte mich doch am meisten.

Denn sie war keine böse alte Frau, die Kinder entführte, briet und aufaß, die irgendwelche bösen Flüche aussprach oder sich am Leid anderer labte und mit dem Teufel im Bunde war, nein, sie war eine – zugegebenermaßen illustre – alte Frau, zu der alle möglichen Leute kamen, um ihr ihre Probleme vorzulegen, die dann durch viel Weisheit und einen Schuss Hexenkunst gelöst wurden: ja, sie hexte etwas herbei, einen Trank etwa, oder sie löste mit allerlei phantastischen Mittelchen die Probleme in Wohlgefallen auf. Dabei verzichtete die Serie nicht auf bekannte Klischees, die nach Herzenslust ausgeweidet wurden und Anspielungen auf berühmte Vorbilder waren unverkennbar.

Ganz anders ist da schon die Hexe, die Gerd Hassler in einer seiner Kasperle-Geschichten beschreibt. Diese Hexe ist ein von Grund auf böses Geschöpf, das in enger Verwandtschaft zum Teufel steht – sie ist seine Gevatterin – und mit ihm gemeinsam Böses plant und ausführt; Böses, das eindeutig auf die Schädigung und Vernichtung anderer abzielt. Sie giert nach Gold und verwandelt Menschen in Tiere oder zaubert sie in einen ewigen Schlaf, aus dem man nur durch einen Kuss erweckt werden kann.

Aber was ist nun Hexerei? – Und warum habe ich gerade mit dieser Jugenderinnerung meinen kleinen Versuch begonnen, und nicht mit den Hexen zum Beispiel, die Jason Darks (alias Helmut Rellergerd *1945) fiktiver Geisterjäger John Sinclair bekämpft, Roald Dahls (1916-1990) Hexen in seinem satirischen Meisterwerk „Hexen, hexen“ (1983), den Anhängern des Wicca-Kultes, oder anderer moderner Hexenzirkel? –

Geht man etymologisch vor, so findet man – nach einem entsprechenden Blick ins Lexikon – sprachliche Wurzeln im Althochdeutschen „hagzissa“ oder auch „hag(a)zus(sa)“, was in etwa soviel heißt wie „sich auf Zäunen oder Hecken aufhaltendes dämonisches Wesen“. J. Kemper verweist auch auf die altniederdeutschen Worte „hagedisse“ oder „hagetisse“, in denen der Wortbestandteil „hage“ steckt, was soviel wie „kunstgeübt, gewandt“ heißt.

Simrock leitet ab vom Wort „hag“, was für „Hain“ steht. Der Volksglaube an Hexen ist jedoch bereits im Alten Orient und sogar im AT nachweisbar (Ex, 22,18), so dass einige sogar das Wort Hexe aus dem Griechischen abzuleiten versuchen, in dem sie eine Verwandtschaft zu „Hekate“ herstellen, einer berühmten Zauberin des Altertums. Etymologisch kommen wir also auch nicht näher an den Begriff heran, da er scheinbar nicht wirklich definitiv eindeutig ableitbar ist.

Der Volksglaube hingegen beschreibt das, was eine Hexe zur Hexe macht, sehr genau: eine alte, hässliche Frau ohne Zähne, die allein meist in einer Hütte im Wald haust, dem Hexenhaus, und dort zusammen mit einer Katze ein einsames geheimnisvolles Dasein fristet, nachts auf einem Besen reitet, und allerhand okkultes Wissen in sich trägt. Hexen machen das Wetter, verderben die Früchte des Feldes, fliegen durch die Luft und wirken auf die Gesundheit von Menschen und Tieren ein, wie sich bei der Lektüre diverser Sagenkreise immer wieder feststellen lässt. Diese Vorstellung wurzelt in der schwarzen Magie. Hexen sind demnach Schaden bringende, Kinder raubende und Gift mischende Frauen, die einen Pakt mit dem Teufel haben, mit ihm sexuell verkehren, ketzerische Ansichten vertreten, durch die Lüfte fliegen und sich und andere in Tiere verwandeln können.

Zur Zeit des Hexenwahns verstand man unter einer Hexe eine Frau, die in Folge eines ihr vorgespiegelten oder eingebildeten Bündnisses mit dem Teufel glaubt, alle möglichen Übeltaten durch Gedanken oder Verwünschungen, durch den „Bösen Blick“ oder andere (lächerliche) zur Erreichung eines Zwecks völlig unbrauchbare Mittel anrichten zu können, zum Beispiel die Luft mit ungewöhnlichem Donner, Blitz oder Hagel bewegen, Stürme hervorrufen, die Früchte auf den Feldern verderben oder anderswohin bringen, unnatürliche Krankheiten den Menschen und Tieren zufügen und wieder heilen, in wenigen Stunden weite Räume durchfliegen, mit den bösen Geistern Tänze aufführen, Festmahle - im Sinn von sinnenfrohen ausschweifenden Gelagen – halten, sich und andere in Tiere verwandeln und tausenderlei andere seltsame Narrheiten vollbringen zu können.

Außer diesen genannten Dingen wurden die Hexen noch anderer schrecklicher Taten bezichtigt. Sie gruben, so glaubte und sagte man, Leichen von Kindern auf den Friedhöfen aus und kochten daraus eine „Schmiere“, die sogenannte „Hexensalbe“. Zeitweilig versammelten sie sich an besonderen

Orten und hielten hier Ihren „Hexensabbat“ ab, bei dem der Teufel die Hauptrolle spielte. Zu diesem Hexensabbat ritten die Hexen auf Ofengabeln, Besen und ähnlichen Dingen, die sie vorher mit der Hexensalbe bestrichen hatten, durch die Luft.

Berühmt geworden ist in dieser Weise der Blocksberg im Harz, zu dem die Hexen in der Walpurgisnacht (30. April/1. Mai) eilten, um den wichtigsten Hexensabbat des Jahres zu feiern.

Der allerheiligsten Dreifaltigkeit mussten sie auf den Befehl des Teufels hin abschwören und das Kreuz Christi mit Füßen treten. Ein Gebet zur Gottesmutter Maria war den Hexen vom Satan strengstens untersagt. Das allerheiligste Sakrament des Altares verunehrten sie in der schändlichsten Weise. Das waren im Allgemeinen die Vorstellungen, die man sich zur Zeit des Hexenwahns von einer Hexe machte.

Und all das, was Hexen tun, und was Ihnen unterstellt wird, subsumiert sich unter dem Begriff Hexerei. Somit ist Hexerei ein Synonym für eine Handlung oder Tat, die logisch rational nicht erklärbar ist und deren erklärte Absicht eine negative ist und darauf abzielt zu schädigen und zu zerstören.

Unser modernes, zumeist von aktuellen esoterischen Strömungen, Verfilmungen und einschlägigen Romanen geprägtes Hexenbild hat sich allerdings enorm gewandelt. Am besten beschreibt diese Wandlung der englische Autor Roald Dahl (1916-1990), der sehr pointiert an der Grenze zwischen Komik und Entsetzen über Hexen folgende Aussage macht: „Im Märchen haben Hexen immer alberne schwarze Hüte auf, tragen schwarze Umhänge und reiten auf dem Besen. […] Echte Hexen tragen ganz normale Kleider und sehen auch wie ganz normale Frauen aus. Sie wohnen in normalen Häusern und sie üben ganz normale Berufe aus. Deshalb ist es so schwer, sie zu erwischen.“ Nach Dahl hassen Hexen Kinder, und ihr einziger Lebenszweck ist es, Kinder aus ihrer Umgebung zu vertreiben und zu vernichten. Hexen haben ihre eigentliche Heimat in Norwegen. Sie tragen Handschuhe, um die Krallen zu verstecken, die ihnen anstelle von Fingernägeln wachsen. Sie tragen Perücken, da sie kahl sind, und diese Perücken jucken ganz entsetzlich. Ihre Nasenlöcher sind ein wenig größer und an den Rändern rosa und ein wenig gewellt. Die Augen einer Hexe spiegeln alle Farben wider, man kann Feuer darin lodern und Eisschollen tanzen sehen. Auch sind Hexen nicht wirklich Frauen, obwohl sie sich so kleiden, so aussehen und sich so benehmen können, wie Frauen, aber sie sind Dämonen in menschlicher Gestalt. Ihre Füße haben keine Zehen und ihr Speichel ist blau. Soweit Dahl.

Die moderne Vorstellung geht also weg von der klassischen. Man versucht das Unbekannte, das Teuflische hinter dem Alltäglichen zu erkennen. Man versucht zu demaskieren und zu entlarven. Aber letzten Endes ist dies auch nicht mehr als eine Form der Denunziation. In dieser Hinsicht hat sich seit dem Beginn der Neuzeit nichts geändert.

Frauen, die sich heutzutage als moderne Hexen bezeichnen, behaupten, dass der Hexenglaube die älteste Religion sei, ungefähr 35.000 Jahre alt. Die heutigen Hexen sehen sich als Teil der Renaissance der „Ur-Religion der großen Göttin“. Viele huldigen der römischen Göttin Diana (entspricht der griechischen Artemis) und sprechen eher von ihren Traditionen als von einer Religion. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene traditionelle Richtungen (Dianischer Kult, Druiden, Welsche Traditionen, Wicca, usw.) entwickelt.

Keine einzige der Traditionen des Hexenkultes verehrt jedoch den Teufel. Vielmehr wollen die modernen Hexen, dass die Menschen wieder ein Gespür für die Natur und die Naturgewalten bekommen sollen. Magie wird als Kunst bezeichnet, die unsichtbaren durch die Welt strömenden Kräfte zu spüren und zu gestalten.

Einige Richtungen moderner Hexen sind vom Feminismus geprägt. Hexenrituale werden als magische Rituale bezeichnet, die angeblich die Wahrnehmung und die vergessenen Kräfte des menschlichen Geistes wiedererwecken sollen. Obwohl keine einheitlichen Ritualbücher vorhanden sind, sind alle Rituale für die einzelnen Richtungen bindend. Als Richtschnur gelten das „Buch der Schatten“ und das „Grimoire“. Es gibt zellenartig aufgebaute Hexenzirkel mit in der Regel bis zu dreizehn Mitgliedern. Höhepunkte sind die acht jährlichen Sabbatfeiern. Der Hexenkalender besteht aus 14 Monaten mit insgesamt 31 Fest- bzw. Feiertagen. Daneben werden verschiedene Frauenfeste gefeiert. Das oberste Gesetz der Hexenmagie lautet: „Tu, was du willst, und schade niemandem.“

Was bleibt nun an wirklich harten Fakten bestehen, abgesehen von den Bildern, Sagen und Mythen rund um das „sich auf Zäunen oder Hecken aufhaltende dämonische Wesen“, also um die Hexe? – Was ist Mythos und was Wahrheit von dem, was uns heute an Beschreibungen und anderweitigen Annäherungen an Schrumpeldei und Co. vorliegt, hervorgebracht durch Dichter und Künstler, Verfechter, Verehrer und auch Gegner von Hexerei? –

Ob nun verteufelt oder verehrt, ob belächelte Wicca-Anhängerin der Neuzeit oder kräuterbegabte und als Hexe an den Pranger gestellte Frau im so oft als düster überzeichneten Mittelalter, über die Jahrhunderte hinweg gehalten haben sich einerseits des Menschen Faszination und Unermüdlichkeit im Ersinnen neuer Beispiele für Hexenkulte – jüngste Ausgeburt war J. K. Rowlings viel kritisierter und unterschiedlich rezipierter Harry Potter mit Hexenfreundin Herminone – andererseits treiben Aberglaube und Halbwissen eifrig weiter ihre Blüten, ebenso der Hang zu denunzieren, was fremd ist, auch wenn sich die „Waffen“ gewandelt haben mögen. –

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