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Donnerstag, 15. August 2013

Fundstück: Hexerei-Essay (2008)

Peter Wayand

Was ist Hexerei? 
Ein Essay


„Listen to them, children of night, what music they make.“ 
[Bram Stoker, Dracula, 1897]

„Verlang ich Rat von einem alten Weibe?
Und schafft die Sudelkocherei 
Wohl dreißig Jahre mir vom Leibe?“ 
[Goethe, Faust I, Z. 2340-2342]

„Mein Freund, das lerne wohl verstehn! 
Dies ist die Art mit Hexen umzugehn.“ 
[Goethe, Faust I, Z. 2516-2517]

„Du musst verstehn! 
Aus Eins mach Zehn, 
Und Zwei lass gehn, 
So bist du reich 
Verlier die Vier! 
Aus Fünf und Sechs, 
So sagt die Hex', 
Mach Sieben und Acht, 
So ist's vollbracht: 
Und Neun ist Eins, 
Und Zehn ist keins. 
Das ist das Hexen-Einmaleins.“ 
[Goethe, Faust I, Z. 2540-2552]

„Ich bin die Hexe Schrumpeldei und mache meine Hexerei! Potz Hokus-Pokus, hi und hu, und schon geht es los im Nu!“ Dieser – unter Hörspielfreunden – berühmt gewordene Satz der Hexe aus den gleichnamigen Kinderhörspielen von Eberhard Alexander-Burgh (1929-2004), die von 1976 bis 1978 bei Studio EUROPA erschienen, steht wohl stellvertretend für meine ersten Berührungen mit der Thematik „Hexen“ und „Hexerei“.

Natürlich hatte ich auch Grimm's Märchen gelesen, natürlich kannte ich auch deren Darstellung von Hexen, vor allem von der aus dem Märchen „Hänsel & Gretel“, aber die Hexe Schrumpeldei, die in einem windschiefen Haus in der Schwarzen Petergasse 13 wohnt, und die einen Hexenschuss, einen sprechenden Papagei (der Herr Stumpfenstiel heißt und eigentlich ein verzauberter Elefant ist, aber in seiner ursprünglichen Gestalt zu groß für das Hexenhaus war) und eine Hexentochter namens Schrumpelmei hat, beeindruckte mich doch am meisten.

Denn sie war keine böse alte Frau, die Kinder entführte, briet und aufaß, die irgendwelche bösen Flüche aussprach oder sich am Leid anderer labte und mit dem Teufel im Bunde war, nein, sie war eine – zugegebenermaßen illustre – alte Frau, zu der alle möglichen Leute kamen, um ihr ihre Probleme vorzulegen, die dann durch viel Weisheit und einen Schuss Hexenkunst gelöst wurden: ja, sie hexte etwas herbei, einen Trank etwa, oder sie löste mit allerlei phantastischen Mittelchen die Probleme in Wohlgefallen auf. Dabei verzichtete die Serie nicht auf bekannte Klischees, die nach Herzenslust ausgeweidet wurden und Anspielungen auf berühmte Vorbilder waren unverkennbar.

Ganz anders ist da schon die Hexe, die Gerd Hassler in einer seiner Kasperle-Geschichten beschreibt. Diese Hexe ist ein von Grund auf böses Geschöpf, das in enger Verwandtschaft zum Teufel steht – sie ist seine Gevatterin – und mit ihm gemeinsam Böses plant und ausführt; Böses, das eindeutig auf die Schädigung und Vernichtung anderer abzielt. Sie giert nach Gold und verwandelt Menschen in Tiere oder zaubert sie in einen ewigen Schlaf, aus dem man nur durch einen Kuss erweckt werden kann.

Aber was ist nun Hexerei? – Und warum habe ich gerade mit dieser Jugenderinnerung meinen kleinen Versuch begonnen, und nicht mit den Hexen zum Beispiel, die Jason Darks (alias Helmut Rellergerd *1945) fiktiver Geisterjäger John Sinclair bekämpft, Roald Dahls (1916-1990) Hexen in seinem satirischen Meisterwerk „Hexen, hexen“ (1983), den Anhängern des Wicca-Kultes, oder anderer moderner Hexenzirkel? –

Geht man etymologisch vor, so findet man – nach einem entsprechenden Blick ins Lexikon – sprachliche Wurzeln im Althochdeutschen „hagzissa“ oder auch „hag(a)zus(sa)“, was in etwa soviel heißt wie „sich auf Zäunen oder Hecken aufhaltendes dämonisches Wesen“. J. Kemper verweist auch auf die altniederdeutschen Worte „hagedisse“ oder „hagetisse“, in denen der Wortbestandteil „hage“ steckt, was soviel wie „kunstgeübt, gewandt“ heißt.

Simrock leitet ab vom Wort „hag“, was für „Hain“ steht. Der Volksglaube an Hexen ist jedoch bereits im Alten Orient und sogar im AT nachweisbar (Ex, 22,18), so dass einige sogar das Wort Hexe aus dem Griechischen abzuleiten versuchen, in dem sie eine Verwandtschaft zu „Hekate“ herstellen, einer berühmten Zauberin des Altertums. Etymologisch kommen wir also auch nicht näher an den Begriff heran, da er scheinbar nicht wirklich definitiv eindeutig ableitbar ist.

Der Volksglaube hingegen beschreibt das, was eine Hexe zur Hexe macht, sehr genau: eine alte, hässliche Frau ohne Zähne, die allein meist in einer Hütte im Wald haust, dem Hexenhaus, und dort zusammen mit einer Katze ein einsames geheimnisvolles Dasein fristet, nachts auf einem Besen reitet, und allerhand okkultes Wissen in sich trägt. Hexen machen das Wetter, verderben die Früchte des Feldes, fliegen durch die Luft und wirken auf die Gesundheit von Menschen und Tieren ein, wie sich bei der Lektüre diverser Sagenkreise immer wieder feststellen lässt. Diese Vorstellung wurzelt in der schwarzen Magie. Hexen sind demnach Schaden bringende, Kinder raubende und Gift mischende Frauen, die einen Pakt mit dem Teufel haben, mit ihm sexuell verkehren, ketzerische Ansichten vertreten, durch die Lüfte fliegen und sich und andere in Tiere verwandeln können.

Zur Zeit des Hexenwahns verstand man unter einer Hexe eine Frau, die in Folge eines ihr vorgespiegelten oder eingebildeten Bündnisses mit dem Teufel glaubt, alle möglichen Übeltaten durch Gedanken oder Verwünschungen, durch den „Bösen Blick“ oder andere (lächerliche) zur Erreichung eines Zwecks völlig unbrauchbare Mittel anrichten zu können, zum Beispiel die Luft mit ungewöhnlichem Donner, Blitz oder Hagel bewegen, Stürme hervorrufen, die Früchte auf den Feldern verderben oder anderswohin bringen, unnatürliche Krankheiten den Menschen und Tieren zufügen und wieder heilen, in wenigen Stunden weite Räume durchfliegen, mit den bösen Geistern Tänze aufführen, Festmahle - im Sinn von sinnenfrohen ausschweifenden Gelagen – halten, sich und andere in Tiere verwandeln und tausenderlei andere seltsame Narrheiten vollbringen zu können.

Außer diesen genannten Dingen wurden die Hexen noch anderer schrecklicher Taten bezichtigt. Sie gruben, so glaubte und sagte man, Leichen von Kindern auf den Friedhöfen aus und kochten daraus eine „Schmiere“, die sogenannte „Hexensalbe“. Zeitweilig versammelten sie sich an besonderen

Orten und hielten hier Ihren „Hexensabbat“ ab, bei dem der Teufel die Hauptrolle spielte. Zu diesem Hexensabbat ritten die Hexen auf Ofengabeln, Besen und ähnlichen Dingen, die sie vorher mit der Hexensalbe bestrichen hatten, durch die Luft.

Berühmt geworden ist in dieser Weise der Blocksberg im Harz, zu dem die Hexen in der Walpurgisnacht (30. April/1. Mai) eilten, um den wichtigsten Hexensabbat des Jahres zu feiern.

Der allerheiligsten Dreifaltigkeit mussten sie auf den Befehl des Teufels hin abschwören und das Kreuz Christi mit Füßen treten. Ein Gebet zur Gottesmutter Maria war den Hexen vom Satan strengstens untersagt. Das allerheiligste Sakrament des Altares verunehrten sie in der schändlichsten Weise. Das waren im Allgemeinen die Vorstellungen, die man sich zur Zeit des Hexenwahns von einer Hexe machte.

Und all das, was Hexen tun, und was Ihnen unterstellt wird, subsumiert sich unter dem Begriff Hexerei. Somit ist Hexerei ein Synonym für eine Handlung oder Tat, die logisch rational nicht erklärbar ist und deren erklärte Absicht eine negative ist und darauf abzielt zu schädigen und zu zerstören.

Unser modernes, zumeist von aktuellen esoterischen Strömungen, Verfilmungen und einschlägigen Romanen geprägtes Hexenbild hat sich allerdings enorm gewandelt. Am besten beschreibt diese Wandlung der englische Autor Roald Dahl (1916-1990), der sehr pointiert an der Grenze zwischen Komik und Entsetzen über Hexen folgende Aussage macht: „Im Märchen haben Hexen immer alberne schwarze Hüte auf, tragen schwarze Umhänge und reiten auf dem Besen. […] Echte Hexen tragen ganz normale Kleider und sehen auch wie ganz normale Frauen aus. Sie wohnen in normalen Häusern und sie üben ganz normale Berufe aus. Deshalb ist es so schwer, sie zu erwischen.“ Nach Dahl hassen Hexen Kinder, und ihr einziger Lebenszweck ist es, Kinder aus ihrer Umgebung zu vertreiben und zu vernichten. Hexen haben ihre eigentliche Heimat in Norwegen. Sie tragen Handschuhe, um die Krallen zu verstecken, die ihnen anstelle von Fingernägeln wachsen. Sie tragen Perücken, da sie kahl sind, und diese Perücken jucken ganz entsetzlich. Ihre Nasenlöcher sind ein wenig größer und an den Rändern rosa und ein wenig gewellt. Die Augen einer Hexe spiegeln alle Farben wider, man kann Feuer darin lodern und Eisschollen tanzen sehen. Auch sind Hexen nicht wirklich Frauen, obwohl sie sich so kleiden, so aussehen und sich so benehmen können, wie Frauen, aber sie sind Dämonen in menschlicher Gestalt. Ihre Füße haben keine Zehen und ihr Speichel ist blau. Soweit Dahl.

Die moderne Vorstellung geht also weg von der klassischen. Man versucht das Unbekannte, das Teuflische hinter dem Alltäglichen zu erkennen. Man versucht zu demaskieren und zu entlarven. Aber letzten Endes ist dies auch nicht mehr als eine Form der Denunziation. In dieser Hinsicht hat sich seit dem Beginn der Neuzeit nichts geändert.

Frauen, die sich heutzutage als moderne Hexen bezeichnen, behaupten, dass der Hexenglaube die älteste Religion sei, ungefähr 35.000 Jahre alt. Die heutigen Hexen sehen sich als Teil der Renaissance der „Ur-Religion der großen Göttin“. Viele huldigen der römischen Göttin Diana (entspricht der griechischen Artemis) und sprechen eher von ihren Traditionen als von einer Religion. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene traditionelle Richtungen (Dianischer Kult, Druiden, Welsche Traditionen, Wicca, usw.) entwickelt.

Keine einzige der Traditionen des Hexenkultes verehrt jedoch den Teufel. Vielmehr wollen die modernen Hexen, dass die Menschen wieder ein Gespür für die Natur und die Naturgewalten bekommen sollen. Magie wird als Kunst bezeichnet, die unsichtbaren durch die Welt strömenden Kräfte zu spüren und zu gestalten.

Einige Richtungen moderner Hexen sind vom Feminismus geprägt. Hexenrituale werden als magische Rituale bezeichnet, die angeblich die Wahrnehmung und die vergessenen Kräfte des menschlichen Geistes wiedererwecken sollen. Obwohl keine einheitlichen Ritualbücher vorhanden sind, sind alle Rituale für die einzelnen Richtungen bindend. Als Richtschnur gelten das „Buch der Schatten“ und das „Grimoire“. Es gibt zellenartig aufgebaute Hexenzirkel mit in der Regel bis zu dreizehn Mitgliedern. Höhepunkte sind die acht jährlichen Sabbatfeiern. Der Hexenkalender besteht aus 14 Monaten mit insgesamt 31 Fest- bzw. Feiertagen. Daneben werden verschiedene Frauenfeste gefeiert. Das oberste Gesetz der Hexenmagie lautet: „Tu, was du willst, und schade niemandem.“

Was bleibt nun an wirklich harten Fakten bestehen, abgesehen von den Bildern, Sagen und Mythen rund um das „sich auf Zäunen oder Hecken aufhaltende dämonische Wesen“, also um die Hexe? – Was ist Mythos und was Wahrheit von dem, was uns heute an Beschreibungen und anderweitigen Annäherungen an Schrumpeldei und Co. vorliegt, hervorgebracht durch Dichter und Künstler, Verfechter, Verehrer und auch Gegner von Hexerei? –

Ob nun verteufelt oder verehrt, ob belächelte Wicca-Anhängerin der Neuzeit oder kräuterbegabte und als Hexe an den Pranger gestellte Frau im so oft als düster überzeichneten Mittelalter, über die Jahrhunderte hinweg gehalten haben sich einerseits des Menschen Faszination und Unermüdlichkeit im Ersinnen neuer Beispiele für Hexenkulte – jüngste Ausgeburt war J. K. Rowlings viel kritisierter und unterschiedlich rezipierter Harry Potter mit Hexenfreundin Herminone – andererseits treiben Aberglaube und Halbwissen eifrig weiter ihre Blüten, ebenso der Hang zu denunzieren, was fremd ist, auch wenn sich die „Waffen“ gewandelt haben mögen. –

Dienstag, 6. August 2013

Fundstück: Ekklesiologie-Essay (2009)

Peter Wayand

Maria – Die Lade des Neuen Bundes

Mariologische, christologische und eucharistische Deutungsansätze des Marienportals von Notre Dame de Paris

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt, 
doch keins von allem kann dich schildern, 
wie meine Seele dich erblickt. 
(Novalis)

I. 

„Eine der herrlichsten Ruhmestaten der Baukunst ist doch gewiss diese Fassade mit den drei Spitzbogenportalen, mit dem reich gezackten Gesims der achtundzwanzig Königsnischen, mit der ungeheuren Rosette, der die beiden Fenster zu Seiten stehen wie die Dechanten dem Priester, mit dem hohen Bogengang, der auf seinen schlanken Säulen eine schwere Plattform trägt, und den beiden schwarzen massigen Türmen mit ihrem Fensterschutz aus Schiefer. Alle Teile verschmelzen harmonisch zum prächtigen Ganzen, dessen fünf gigantische Stockwerke sich dem Auge auf einmal darbieten und sich doch stufenweise vor ihm entfalten, überwältigend durch ihre zahllosen Einzelheiten an Bildhauer- und Steinmetzenarbeit und doch nicht verwirrend, weil alles durch die ruhige Größe des Ganzen mächtig zusammengefasst wird. Eine ungeheure steinerne Symphonie ist diese Fassade, das Riesenwerk eines Mannes und eines Volkes, einheitlich und doch zusammengesetzt, wie die Iliaden und Romanzen, deren Schwester sie ist, ein wunderbares Erzeugnis der gesammelten Kräfte einer Zeit, da sich die Einbildungskraft des Handwerkers, vom Genius des Künstlers gebändigt, jedem Steine in hundertfältiger Form einprägte; kurz, eine menschliche Schöpfung selbst, von der sie das Doppelantlitz „Vielheit und Einheit“ entlehnt zu haben scheint.“ So beschreibt kein Geringerer als der große französische Romancier Victor Hugo (1802-1885) in seinem 1831 erschienenen Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ den ungeheuren Eindruck, der jeden Besucher der Seine-Metropole auch heute noch ergreift, wenn er auf der Ile de la Cité zum ersten Mal das imposante Bauwerk der Kathedrale Notre Dame vor sich sieht. Aber nein, nicht das Bauwerk steht vor ihm, er steht vor dem Bauwerk! Klein und winzig kommt er sich vor, wie die Wanze, die aus dem Staub den Adler in den Lüften bewundert, und dieser Vergleich trifft es noch nicht annähernd. Derart überwältigt stand ich selbst noch im Mai des Jahres 2008 auf dem Platz vor dieser Kirche, eine Menschenmenge umflutete mich, die Sonne schien und irgendwie war die Zeit scheinbar stehen geblieben. Wenngleich ich auch nur, bedingt durch die Umstände meines ersten Besuchs in Paris, kurz Zeit hatte und mit der Reisegruppe am Gebäude vorbeigezogen wurde, hat sich doch dieser Eindruck in mir erhalten, gleichsam einer Erinnerung aus längst vergangner Zeit. 

Notre Dame de Paris – Unsere (liebe) Frau zu Paris ist, wie der Name schon erahnen lässt, der Jungfrau und Gottesmutter Maria geweiht. Allerdings gibt es eine ganze Menge an Kirchenbauten, vor allem im französischen Sprachraum, welche die Bezeichnung „Notre Dame“ führen. Darunter ist Notre Dame in Paris aber die berühmteste Kirche dieses Namens. Sie steht auf den Trümmern der alten Kathedrale St. Etienne – dem Stefansdom –, der um die Mitte des 6. Jahrhunderts vom fränkischen König Childebert I. (511-558) erbaut wurde. 

Bischof Maurice de Sully (1110-1196) und Ludwig VII. (1120-1180), „der Junge“, begannen 1163 mit dem Chor, jedoch sollte es noch knappe 182 Jahre dauern, bis der Bau schließlich 1345 vollendet werden konnte. Während dieser langwierigen Bauphase erlebte Notre Dame eine Vielzahl von Veränderungen. Am 27. Februar des Jahres 1805 erhob Papst Pius VII. (1742-1823) die Kirche zur ersten französischen Basilica minor.

Durch den eingangs zitierten Roman Hugos initiiert, wurde sie ab 1844 umfassend renoviert und restauriert, was die prächtigen früh- und hochgotischen Bauelemente vor der Zerstörung bewahrte. Das Pariser Baudenkmal liegt inmitten der Seine auf einer kleinen Insel, der Ile de la Cité, die durch mehrere Brücken mit der Stadt verbunden ist. Die Kirche ist eine der ältesten christlichen Gebetsstätten innerhalb der heutigen Pariser Stadtgrenzen.

II.

An der Westfassade erheben sich, direkt unter den beiden Zwillingstürmen und der im Zentrum sitzenden Fensterrose, die im übrigen mit gut zwölf Metern Durchmesser eine der größten Fensterrosen in Europa ist, drei mächtige Eingangsportale, die den Besucher zum Betreten der Kirche einladen. Das mittlere Portal, das porteil du jugement dernier (Portal des Jüngsten Gerichts), wird flankiert durch das porteil de St. Anne (Portal der Hl. Anna), die den apokryphen Schriften nach die Mutter von Maria gewesen ist, und das porteil de la Vièrge (Portal der Jungfrau (Maria)). Im Folgenden soll nun dieses letztere Portal in den Mittelpunkt des Interesses rücken.

Steht man direkt davor, so wird der Blick zunächst auf das dreiteilige Tympanon gelenkt. Jenes Halbrund über der Kirchentür ist der Nachfolger des römischen Triumphbogens und Sinnbild des Himmels. Bei den Römern stand der Triumphbogen in der Regel vor der Stadt oder an ihrem Rand und ihre Reliefdarstellungen mit Kriegstrophäen und gefesselten Gefangenen dienten zum einen der Verherrlichung der Sieger, aber auch der Abschreckung der unterworfenen Völker. Den Unterlegenen war die ins offene Land gerichtete Seite als Drohung zugekehrt, der von den Römern bewohnten und befestigten Stadt die den Sieger rühmende. In diesem Sinn ist auch dieses Tympanon zu verstehen. Es ist selbst die Krönung des gesamten Portals. Auf die Aussage des Tympanons zielt alles ab, was am Portal dargestellt ist.

Das Tympanon steht nun auf dem Türsturz. Dieser hat nicht nur die Form, sondern auch den Sinn einer Barriere, eines letzten ‚Halt-Gebietens’ für den unwürdigen Eindringling. Dies ist seine Bedeutung, von links nach rechts gesehen. Von unten nach oben betrachtet, stellt er aber auch ebenso oft die Verbindung zwischen der irdischen und der himmlischen Sphäre dar und ist eine Einstimmung für den Würdigen auf das, was ihn in der Kirche empfängt. Seine Themen, die obendrein noch technisch durch die Länge und seinen Balkencharakter bestimmt werden, sind diesen Bedeutungen angepasst.

Trumeau und Türsturz werden von einem Mittelpfeiler gestützt. Das ist aus technischen Gründen unerlässlich. ‚Le trumeau’, der Mittelpfeiler am Portal, ist als trennende Achse zu verstehen, die zum einen das Tympanon trägt, aber auch die rechte von der linken Seite trennt. An zweitürigen Portalen findet man sehr oft die rechte Tür geöffnet, während die linke verschlossen ist. Die rechte Seite ist die ‚gute Seite’, die im Schutz von Aposteln, Heiligen und klugen Jungfrauen zum Betreten der Kirche einlädt, die man in den Gewänden erkennen kann.

Die reich ausgestatteten Wölbungen des Torbogens, ‚Archivolten’ genannt, symbolisieren den Himmel, dessen irdischen Bereich man mit dem Passieren des Portals betritt.

Durchschreitet man nun dieses Portal, gelangt man in den Narthex, die Vorhalle. Diese Vorhalle hat, neben ihrem praktischen Zweck als Versammlungsort, einen klaren Bezug zur Erde. Sie versinnbildlicht die ‚vier Enden der Welt’, d.h. sie grenzt den irdischen Raum durch seine klar quadratische Form ein, so wie vier Arkaden stets die irdische Stadt bezeichnen, im Gegensatz zu Jerusalem, der himmlischen Stadt, die an drei Bögen zu erkennen ist. Die Vier (das Quadrat und der Würfel) ist – von den Evangelistensymbolen und den vier Flüssen des Paradieses abgesehen – eine durchaus irdische Zahl. Vier Himmelsrichtungen, vier Winde, vier Elemente, vier Temperamente des Menschen – das sind alles irdische Bezüge, so wie auch die Vier teilbar ist im Gegensatz zur himmlischen unteilbaren Drei. Der Narthex ist also noch irdisch zu verstehen, ein ‚Vorhof zum Haus Gottes’, das hinter dem Portal beginnt. 

III.

Betrachtet man nun die Bestandteile des Portals im Einzelnen, findet man auf dem Trumeau eine Frauengestalt, die in wallende Gewänder gehüllt ist und eine Krone trägt. Sie hält in ihrer rechten Hand einen zepterartigen Gegenstand. Auf dem rechten (heraldisch linken) Arm trägt sie ein Kind, das ebenfalls in ein – wenn auch schlichteres – Gewand gekleidet ist, und dessen rechte Hand eine typische Segensgeste ausführt, während die linke Hand einen buchähnlichen Gegenstand festhält. Die Frau steht auf den Blättern eines Baumes unter dem sich nackte Menschen scheinbar winden, vorder-gründig eine Frau und ein Mann. Diese wiederum befinden sich auf einem Söller, einem Wachturm einer Burg.

Über dem Kopf der Frau wölbt sich ein Dach, welches direkt in das Tympanon mündet. Über diesem Dach ist eine Kiste oder ein kistenähnlicher Gegenstand zu sehen, der im unteren Drittel des Tympanons von Männern flankiert werden, die diverse Herrschaftsinsignien wie Kronen und edle Gewänder vorweisen. Auf den Knien liegen diesen Männern schriftrollenartige Gebilde. Über der Kiste befindet sich wiederum ein Dach, welches in das zweite Drittel des Tympanons direkt auf ein Bett – oder Lager – deutet, auf dem eine Person auf einem Tuch liegt. Das Tuch wird am Kopf- und Fußende von zwei Männern mit Flügeln gehalten und um das Lager herum stehen dreizehn Personen, wobei die mittlere etwas seitlich der liegenden Gestalt zugewandt steht und mit der rechten Hand die Segensgeste ausführt. Alle tragen einen Nimbus, wobei derjenige der zentral stehenden Person ein Kreuz aufweist.

Im dritten Drittel schließlich sieht man zwei sitzende Gestalten, die einander in Brusthöhe berühren. Die linke (heraldisch rechte) Person trägt einen Bart und eine Krone, während die rechte (heraldisch linke) Person keinen Bart hat, zierlicher wirkt, aber ebenfalls eine Krone trägt. Diese Krone wird gehalten von einer kleineren Person über den beiden. Flankiert werden beide von zwei knienden, geflügelten Gestalten, die in den Händen jeweils einen Kerzenhalter mit einer Kerze tragen und ihre Köpfe gesenkt, wie zur Verehrung, halten. 

Die Kiste über der Säule scheint eine zentrale Bedeutung zu haben, da sie genau an der Schnittstelle von Trumeau und Tympanon angebracht ist. Sie erinnert an die alttestamentarische Darstellung der Bundeslade. Das lateinische Wort für Bundeslade ist ‚arca dominica’. ‚Arca’ kann aber auch noch andere Bedeutungen, wie (Geld-)Kasten, Kasse, Gefängniszelle, Sarg, Arche oder Brückenbogen haben. Im Zusammenhang mit dem Begriff ‚ventris’ bedeutet es sogar ‚Mutterleib’. Wie passt diese Erkenntnis nun zu einer Darstellung an einer katholischen Kirche des Mittelalters? – 

IV.

Die Bundeslade ist im Ersten Testament ein tragbarer Kasten oder eine vergoldete Truhe aus Akazienholz, später mit zwei goldenen Cherubgestalten auf dem Deckel. Mose ließ sie auf Befehl Jahwes herstellen. Die Bundeslade war wohl ursprünglich ein kanaanäischer Kultgegenstand, der, dem nomadischen Leben der damaligen Israeliten entsprechend, als tragbares Heiligtum galt, das dann zum Zeichen des Alten Bundes zwischen Gott und Israel wurde.

Die Bundeslade enthielt die Bundestafeln oder auch Gesetzestafeln, zwei Steintafeln, auf denen die zehn Gebote aufgezeichnet waren und ein gewisse Menge des ‚Himmelsbrotes’ Manna (Ex 16, 34). Die Steintafeln, auf die Gott – der Schilderung des Ersten Testamentes nach – im Anschluss an seine Offenbarung an Mose die zehn Gebote (‚Dekalog’) niederschrieb, zerschmetterte Mose im Zorn über sein Volk, das den Alten Bund mit Gott durch die Anbetung des goldenen Kalbs gebrochen hatte. Auf Geheiß Gottes fertigte Moses zwei neue Tafeln an. Diese „Zweitfassung“ wurde in der Bundeslade aufbewahrt. König David heiligte die Stadt Jerusalem, als er die Bundeslade dorthin bringen ließ. Salomo veranlasste ihre Aufstellung im Allerheiligsten des von ihm erbauten Tempels. Als die Babylonier 586 v. Chr. Jerusalem eroberten und den Tempel dabei durch Feuer verwüsteten, verschwand die Bundeslade. Sie wird heute noch in der jüdischen Synagoge durch den Thora-Schrein versinnbildlicht.

Der Alte Bund ist der am Sinai geschlossene Bund Gottes mit Israel. Neben dem Gedanken der Erwählung (‚auserwähltes Volk’) umschreibt der Begriff auch das besondere Bundesverhältnis zwischen Gott und seinem Volk Israel. Als Vertrag zwischen zwei ungleichen Partnern begründete der Bund ein besonderes Rechtsverhältnis, das einerseits Schutz gewährte, andererseits dem Volk die Verpflichtung der Bundestreue auferlegte. Die prophetische Vorstellung vom Bruch des Bundes führte zu der Erwartung eines neuen Bundes (Jer 31, 31-34). Im Zweiten Testament gilt der verheißene neue Bund als in Jesus Christus erfüllt. 

Hier – also im Zweiten Testament – finden wir auch in der geheimen Offenbarung des Johannes einen Hinweis auf eine andere Lade: „Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar: Da begann es zu blitzen, zu dröhnen und zu donnern, es gab ein Beben und schweren Hagel.“ (Offb 11,19)

Diese Lade, lateinisch ‚arca testamenti’, erklärt und deutet der Kommentar der Jerusalemer Bibel folgendermaßen: „Der Tempel des Himmels ist nicht mehr der Jerusalems (11, 1-2). Er enthält die Lade (Ex 25) des neuen Bundes (= arca testamenti): die endgültige Wohnung Gottes inmitten seines Volkes (vgl. 2 Makk 2, 5-8; Weish 9, 8f).“

V.

Zusammenfassend kann das ‚Portail de la Vierge’, das ‚Jungfrauenportal’, als ‚Marienkrönungsportal’ verstanden werden, also als Portal, auf dem die Aufnahme Mariens in den Himmel und ihre Krönung zur Himmelskönigin dargestellt wird. Die Ikonographie des Tympanons ist von unten nach oben zu lesen.

Über dem Trumeau mit der stehenden Gottesmutter erscheint die Stiftshütte mit der Bundeslade, flankiert von sitzenden Priestern, Patriarchen oder Königen. Die Bundeslade gilt als alttestamentarische Vorausdeutung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, welche mit der Erhebung ihres Leibes darüber beginnt und in der Krönung kulminiert.

Diese Anordnung sowie der Vollzug der Krönung durch den Engel sind dabei ebenso ikonographische Neuerungen wie die Tatsache, dass hier erstmals Lokalheilige in den Gewänden erscheinen.

VI.

Doch welches Bild von Kirche wird hier vermittelt? Welches Bild von Kirche erschloss sich dem mittelalterlichen Menschen, der dieses Portal betrachtete und durchschritt, und welches Bild erschließt sich dem modernen Menschen heute? – 

Jesus Christus sagt im Johannesevangelium: „Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt.“ (Joh. 6, 48-51)

Der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth: „Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe. Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot, und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11, 23-25)

Wenn also Jesus Christus das lebendige Himmelsbrot ist, und wir Christen in der Eucharistie jeden Sonn- und Feiertag in der Kirche den Bund mit Jesus Christus erneuern, in dem wir Mahl halten und den Leib und das Blut Christi in uns aufnehmen, dann ist die Kirche, der Ort, an dem wir dieses Gedächtnis begehen, die Hüterin und Wahrerin des Neuen Bundes mit Gott durch Jesus Christus. So wie das Manna, das Brot vom Himmel, in der Bundeslade aufbewahrt wird, so wird Jesus, das Brot, das vom Himmel gekommen ist, im Mutterleib Mariens (arca ventris) aufbewahrt, bevor es auf die Erde kommt. In diesem Sinne ist Maria die Lade des Neuen Bundes (= ‚arca testamenti’) und damit ein Sinnbild der Kirche, in der der Leib Christi im Tabernakel aufbewahrt und in der die Feier seines Gedächtnisses (Eucharistie) stattfindet.



(Der hier abgedruckte Essay stammt aus dem Februar des Jahres 2009 und war das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema an der Universität Koblenz-Landau Abtlg. Koblenz im Ekklesiologie-Seminar Bilder von der Kirche. Dozent war Dipl. Theol. Andreas Matena.)