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Samstag, 6. Juli 2013

100 Jahre Karl-May-Verlag (1913-2013) – Teil 2

(Der vorliegende Text erscheint in gekürzter und eingerichteter Fassung in den KMG-Nachrichten Nr. 177. Das Vierteljahresmagazin der Karl-May-Gesellschaft, III. Quartal - 2013, S. 30-36)


Natürlich war ich viel zu spät. Um 17:00 Uhr hätte ich eigentlich vor Ort sein müssen, aber auf bundesdeutschen Autobahnen ohne Baustellen und Staus voranzukommen, scheint einfach nicht möglich zu sein. Vor allem fährt man dann an kilometerlangen Baustellen vorbei – genauer an kilometerlangen abgesperrten Fahrbahnbereichen – auf denen nichts und niemand etwas arbeitet! Hallo? Weswegen Staus entstehen, ist oftmals ebenso unklar – der „Klassiker“, ein Unfall, ist Gott sei Dank diesmal nicht dabeigewesen – denn erst steht man in einer langen Schlange, die kein Ende zu nehmen scheint, wenn man Glück hat, geht es noch im Ruckeltempo voran, dann, wie von Geisterhand bewegt, löst sich die Schlange wieder auf und es geht weiter, als wäre nichts gewesen. Das verstehe wer will.



Mein Navi zeigte jedenfalls vorher eine Gesamtfahrtdauer von 2:50 Stunden an und gebraucht habe ich letztlich um die 5:50 Stunden für knappe 300 Kilometer! Mein Hotel, das Alt-Bamberg mitten in der Altstadt, ist richtig schnuckelig, mein Einzelzimmer ist nicht größer als meine ehemalige Studentenbude im Koblenz, aber zum Nächtigen und Blogschreiben reicht das ja auch. Nur mein Auto steht jetzt irgendwo weiter entfernt in einer Nebenstraße, da das offizielle Parkhaus wegen Baurenovierungen geschlossen ist … Ich muss da morgen früh noch mal genau nachschauen, ob es wirklich keine Möglichkeit gibt, in das Parkhaus hineinzukommen.



Für den ersten Tag standen zwei Programmpunkte zur Auswahl. Nummer eins, das „gemütliche Beisammensein“ in der Brauerei Greifenklau – in Anlehnung an Band 59 der Gesammelten Werke Karl Mays „Die Herren von Greifenklau“. Nun bin ich ja zum ersten Mal auf einer solchen Veranstaltung, auf der sich May-Experten, -Liebhaber, -Fans, -Forscher und ähnliches Volk die Türklinken in die Hand geben. Was macht man also, wenn man zwar bisher Namen kannte, aber nie ein entsprechendes Gesicht dazu gesehen hat? Richtig, man fragt sich durch. Höflich, ein wenig zurückhaltend, aber entschieden! Immerhin bewegen sich hier Menschen, vor deren Lebensleistung man schon einigen Respekt haben sollte.

René Wagner

Ekkehard Bartsch

Der älteste Gast des KMV mit 93 Jahren

Hartmut Kühne


Einige wichtige Begegnungen konnte ich so dort schon einmal machen. Zuallerförderst der neue Verlagsleiter Bernhard Schmid (*1962), der mich sogar erkannte – obwohl er nur ein Bild von mir gesehen hatte –, mich begrüßte und mir die entspechenden Karten für die Veranstaltungen aushändigte. Dann der Bad-Segeberger Karl-May-Experte Ekkehard Bartsch (*1943), mit dem ich ein kurzes aber sehr nettes Gespräch hatte – der Mann hatte seinerzeit Ende der 1980ziger Jahre mit einem einzigen Brief mein Leben verändert! –, der ironische Satiriker Rolf Dernen (*1952) von KarlMay & Co., der mich darauf hinwies, dass ich ihn genausowenig ernstnehmen solle, wie seine Texte, Prof. Christoph F. Lorenz (*1957), der mich als Schüler von Willy Gesell erkannte, Hartmut Kühne (*1935), Gründungsmitglied der Karl-May-Gesellschaft e.V., René Wagner (*1950), Geschäftsführer der Karl-May-Stiftung und Direktor des Karl-May-Museums in Radebeul, und, als Höhepunkt des ersten Tages, die große Marie Versini (*1940), die an der Seite von Lex Barker (1919-1973) und Pierre Brice (*1929) Winnetous Schwester Nscho-tschi Leben einhauchte und sie auf der Leinwand verkörperte – und nicht nur ihr. Sie wunderte sich über mein Französisch und fragte mich erst, ob ich Franzose sei. Ein großes Kompliment von einer großen Frau, mit der ich die Ehre hatte, einen Teil des Weges von der Brauerei zum Programmpunkt Nummer zwei, der Freilichtinszenierung des Stücks „Von Zeit zu Zeit“ in der Alten Hofhaltung, zu gehen und mich mit ihr nett zu unterhalten. Und wenn ich nett schreibe, dann meine ich auch nett, denn sie war ganz Französin, mit einem natürlichen Anet'schen Charme, der sie trotz ihres mittlerweile doch recht beachtlichen Alters immer noch umgibt, wie in jungen Filmjahren.

Rolf Dernen

Marie Versini

Marie Versini, Frank Zimmermann & Gattin

Von Zeit zu Zeit“ ist ein Stück, dass zwei frühe Erzählungen von Karl May („Der Falkenmeister“ und „Der Samiel“) auf eine recht originelle Art und Weise miteinander verbindet. Das Stück wurde von Rainer Lewandowski (*1950) für die Bühne bearbeitet und arbeitet mit einer Art temporaler Versatztechnik am selben Ort. Der Zeitunterschied zwischen den beiden Erzählungen beträgt in etwa vierhundert Jahre und die Inszenierung springt ständig zwischen diesen beiden Zeitebenen und Handlungen hin und her, was das eigentlich Innovative und Überraschende dieses Theaterabends war. Das Ensemble des E.T.A-Hoffmann-Theaters Bamberg in der Inszenierung von Georg Mittendrein (*1950) spielte frisch und witzig auf und, wenngleich auch im Nachhinein viele Stimmen laut wurden, die bemängelten, dass man Karl Mays Texte hier teilweise überzeichnete und mit einem Humor versähe, der ihnen nicht innewohne, so war mein Eindruck doch eher der, dass genau das der Weg ist, diese alten Texte noch so zu rezipieren, dass es Spaß macht und man gerne zuschaut.




Das Ambiente der Freilichtaufführung war absolut passend, der Pflastersteinboden in der Alten Hofhaltung korrespondierte wundervoll mit den zwei Spielbühnen, die versetzt in die Tiefe gestellt waren, die Spieldauer mit knapp neunzig Minuten ohne Pause angemessen und der schreibende Karl May, der beide Geschichten gleichzeitig erfindet und aufschreibt, der mit seinen Figuren spricht, als wären sie reale Geschöpfe, der sie stellt, ihnen Anweisungen erteilt, nimmt sich selbst nicht wirklich ernst, darin aber nimmt er sich sehr ernst und deckt auch schon einmal während des Stücks logische Fehler selbst auf und korriert sie schnell und sehr unkonventionell in absoluter „dichterischer Freiheit“. Mehr davon, möchte man ausrufen, denn es durfte und wurde herzlich gelacht und endlich wieder einmal keine Regietheaterproduktion angeboten, sondern echtes Kostümtheater, wo das Auge nicht nur mitessen, sondern geradezu schlemmen konnte.







So, das soll für den ersten Tag reichen, den ich im Übrigen mit Prof. Dr. Holger Kuße (*1964) von der TU-Dresden und seiner Gattin beschloss, den ich gerade frisch kennen gelernt hatte. Wir aßen im Gast- und Brauhaus Zum Ringlein gemeinsam zu Abend und es wurde bei diesen beiden netten und angenehmen Menschen ein kurzweiliger, sehr angenehmer Gedankenaustausch mit vielen wichtigen Informationen zu Karl May, der deutschen und slawischen Literaturlandschaft im Allgemeinen und auch für meine geplante Dissertation. Die Eindrücke waren reichhaltig und gut. Mal sehen, was der zweite Tag in Bamberg so für Überraschungen bereithält.


1 Kommentar:

  1. Hallo Peter,
    schöne Fotos, die den tollen Abend in Bamberg perfekt widerspiegeln!
    Liebe Grüße
    Jörg & Corinna (Kastner)

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