Translate/Übersetzung

Montag, 24. Juni 2013

Man Of Steel – Superman reloaded S.0?


Quelle: http://www.blackpaper.ch/wp-content/uploads/2013/06/MAN-OF-STEEL-2.jpg
 
Ist es ein Vogel? – Nein! Ist es ein Flugzeug? – Nein, es ist – Superman!“ – Wer erinnert nicht gerne an diesen Spruch, den wir seit Kindertagen kennen? Der Stählerne im blauroten Dress mit wallendem Cape und dreiecksförmigem S-Symbol auf der Brust, der Superheld meiner Kindertage ist erneut wieder ins Kino geflogen – zugegebenermaßen schon wieder! Je nachdem, wie man zählt und welche Kinofilme man gelten lässt, ist es die inzwischen neunte (zählt man die Verfilmungen am 1948) oder die sechste Verfilmung (zählt man die Verfilmungen ab 1978).
 
Und wieder erzählt uns wie in „Superman“ (1978) und „Superman Returns“ (2006) „Man Of Steel“ die ganze Geschichte noch einmal, die wir doch alle längst kennen dürften: Der Planet Krypton (im Übrigen ist Krypton ein tatsächlich realexistierendes chemisches Element mit dem Elementsymbol Kr und der Ordnungszahl 36) steht vor dem drohenden Untergang und Jor-El schickt seinen frisch geborenen Sohn Kal-El mit einem Raumschiff zur Erde, wo er vom Ehepaar Kent gefunden und im idyllischen Smallville großgezogen wird. Später, nach einigen rabiaten Jugendjahren als Superboy und einem vergeblichen Werben um seine Jugendliebe Lana Lang, kommt der erwachsene Superman als Reporter Clark Kent zum Daily Planet nach Metropolis, wo er die Starreporterin Lois Lane kennen und lieben lernt, die sich aber leider Gottes in Superman verknallt, und keine Augen für den armen Clark hat. Soweit, sogut. So kennen wir es aus Trickfilmen, Fernsehserien, Hörspielen, den oben bereits genannten Kinofilmen und letztlich ja auch aus dem Comic, welche ich selbst noch in der Version der 1970ziger und 1980ziger Jahre kannte und verschlungen hatte. Und ja, ich habe sie noch, sie liegen, gut verpackt und verstaut auf dem Dachboden meines Elternhauses – hoffe ich doch. 
 
Quelle: http://www.moviepilot.de/files/images/movie/file/10181350/man-of-steel-01.jpg

 
Ebenso kennen wir alle Supermans Supergegner, allen voran Lex Luthor und die Ganoven aus der sogenannten Phantomzone, jener mysteriösen Gefängnisdimension für ehemalige kryptonische Schwerverbrecher. Der geniale menschliche Widersacher Supermans, Lex Luthor, kommt nun in dieser neuen Verfilmung erst schon mal gar nicht vor. Auch fängt Clark Kent beim Daily Planet hier erst zum Schluss des Films an – geht man dann zur Normalität über? – und Perry White, man beachte die Bedeutung des Nachnamens White – ist ein Farbiger, ein Schwarzer, man verzeihe mir die politische Inkorrektheit, sie dient hier nur der Verdeutlichung: Ist das etwa der Versuch eines Witzes? Denn Humor findet man in diesem Superhelden-Epos vergeblich, ja, jeder kleine Versuch, selbstironisch zu wirken und dadurch eine Form von Selbstkritik zu üben, wird bereits im Keim erstickt, zum Beispiel als Martha Kent ihren Ziehsohn zum ersten Mal im Superman-Outfit sieht und bemerkt, dass das ja ein schicker Anzug sei! Nebenbei bemerkt hat sie im Originalcomic den Anzug selbst genäht und entworfen aus den Stoffen, die sie in der Rakete fand. Also wenn das ein Witz sein soll – oder der Versuch von Humor zumindest – zu wessen Lasten geht das dann? Wäre es nicht Laurence Fishburne, könnte man es fast schon als rassistisch empfinden.

Das erste Drittel von „Man Of Steel“ ist daher der Herkunftsgeschichte gewidmet, und das in einer Ausführlichkeit, wie nie zuvor. Man leidet mit Kal-Els Eltern, man versteht endlich einmal, warum der Planet Krypton untergehen muss. Das zweite Drittel ist der Selbstfindung Supermans gewidmet. Ähnlich wie Bruce Wayne in „Batman Begins“ (2005) geht er auf eine Reise um die Welt, versucht sich in immer wieder wechselnden Tätigkeit, nur um seine Bestimmung zu finden, lässt sich demütigen, arbeitet als quasi Schutzengel, und hinterlässt so Spuren, denen Lois Lane folgen kann, um zum wahren Kern seiner Persönlichkeit und seiner Identität vorzudringen. Im dritten Drittel schließlich fliegen die Fetzen, als sich die ehemaligen Rebellen um ihren Anführer General Zod anschicken, die Erde in ein neues Krypton zu verwandeln. Die massenweise Zerstörung von Mensch und Material hinterlässt ein fades und flaues Gefühl im Magen, wenn reihenweise Hochhäuser und Wolkenkratzer zerstört werden und es scheint einem doch recht makaber, dass die Amerikaner in ihren neueren Filmen doch eine merkwürdige Vorliebe dafür zu entwickeln scheinen, wie Türme und Hochhäuser dadurch zum Einsturz gebracht werden, dass irgendwelche Objekte – in diesem Film sind es Superman und Co. – in sie hineinkrachen. Das Heraufbeschwören der Apokalypse und sei es nur im Film ist meines Erachtens nach ein wenig zuviel des Guten. Denn davon sind irgendwie fast alle Superhelden-Epen in den letzten Jahren geprägt. Die Welt wird jedes Mal zerstört und die Bevölkerung dezimiert, und das mit jedem Mal ein Stück perfider und perverser, ja, man ist schon fast versucht, den Machern einen Hang zum Sadomasochismus zu unterstellen.

Quelle: http://blog.netzerei.com/wp-content/uploads/2012/12/bg.jpg


  
Man hat große Namen für die kleinsten Nebenrollen verpflichtet: Russel Crowe als Jor-El, Kevin Costner als Jonathan Kent, Diane Lane als Martha Kent, Laurence Fishburne als Perry White und Amy Adams als Lois Lane. Doch auch große Namen brauchen eine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten ausspielen zu können und dieses Möglichkeit wird den Stars hier nicht gewährt. Und so bleiben selbst die ganz Großen ziemlich klein und blass in diesem Film, in dem es trotz aller Übermenschlichkeit doch im Großen und Ganzen um die kleinen und leisen Töne geht, die Töne der Zwischenmenschlichkeit nämlich.

Konnte man bei den Verfilmungen der Helden des Marvel-Universums schon beginnend mit Spiderman von einer gerade glänzenden Demontage ihrer Superhelden sprechen, konnte man sich irgendwo dort noch mit der Menschlichkeit ihrer Helden identifizieren, so gelingt einem das bei DC nur mit Mühe und Not, oftmals aber auch gar nicht. Dieser Superman ist ein Alien, ein Außerirdischer, der nichts, aber auch gar nicht menschliches mehr an sich hat. Seine Genetik ist sogar so programmiert, dass er die DNA eines ganzen Volkes, nämlich des kryptonischen und nicht des menschlichen in sich trägt.

Quelle: http://images.cinefacts.de/News-Man-of-Steel-Lois%20Lane-Spot.jpg


  
Ernst, düster, fatalistisch – das sind die Synonyme für DC-Comic-Verfilmungen. Und das bringt mich wieder zurück zu dem Superman meiner Kindertage. Der war ein strahlender Held, dem alles gelang, der an sich glaubte – man beachte den Ansatz eines Versuchs in diesem Film, das hinzubekommen, wenn Superman in einer Kirche sitzt und dem Pfarrer sein Problem beichtet und darauf letztlich die lapidare Antwort bekommt: „Manchmal muss man einfach an etwas glauben, das Vertrauen kommt dann irgendwann später!“ Und wenn die oben bereits schon einmal angesprochene Selbstironie und Selbstkritik fehlt, das augenzwinkernde sich selbst Infragestellen, dann bleibt unterm Strich nur eine Klischeereiterei nach dem Motto: „Es kann nur so ausgehen, dass einer von uns beiden stirbt!“ Wollen wir das sehen? Braucht unsere Welt eine solche Botschaft? Mustern unsere Superhelden, die Träger der Träume und Hoffnungen unserer Kindertage, einfach so ab?

Quelle: http://oyster.ignimgs.com/wordpress/stg.ign.com/2013/05/ManofSteel.jpg
Denken Sie einmal darüber nach ...

P.S.: Hier einmal ein Beitrag der wirklich guten YouTube-Reihe "Kino anders gedacht! - Die Filmanalyse". Ich fand diesen Punkt so interessant, dass ich ihn hier einfach kommentarlos anfügen möchte, möge sich jeder selbst ein Bild machen.

Sonntag, 16. Juni 2013

The Host – Seelen – Mormonische SF?

Both Rowling and Meyer, they’re speaking directly to young people … 
The real difference is that Jo Rowling is a terrific writer 
and Stephenie Meyer can’t write worth a darn. She’s not very good.“ 
(Stephen King in einem Interview mit USA Weekend)

Und wieder einmal fühle ich mich genötigt, meinen geneigten Lesern eine weitere Film-Rezension zu liefern, die mit Sicherheit die Gemüter spalten wird und das, wenn man den Kritiken glauben darf, wohl auch schon getan hat. Es geht um die Verfilmung des 2008 erschienen Science-Fiction-Romans „Seelen“ (orig.-engl. „The Host“) der amerikanischen Autorin Stephenie Meyer (*1973), die jüngst mit der fünfbändigen Biss-Reihe (org.-engl. „The Twilight-Series“) einen fulminanten Erfolg feierte und die man mancherortens schon als legitime Nachfolgerin von Joanne K. Rowling (*1965) (=> Website) feiert. Die Biss-Reihe, Sie erinnern sich, die Geschichte von Bella und ihrem Vampirfreund Edward, die den klassischen Vampirroman revolutionierte, indem sie einen völlig neuartigen Typ von Vampir vorstellte. Doch das ist ja hier jetzt nicht das Thema.

Quelle: http://cdn.sheknows.com/articles/crave/stephenie-meyer-interview.jpg


  
In „The Host“ wendet sich die Autorin nicht nur einem gänzlich anderen Genre – der Science Fiction (SF) – zu, sondern nach eigenen Angaben ihrer Website will sie mit diesem Roman vor allem erwachsene Leser erreichen.

Quelle: http://www.cms.bistum-fulda.de/stiftsschule/images/unsere_schule/buecherei_neues/seelen_st_meyer.jpg

Meine Leseerfahrung mit der Biss-Reihe waren bereits nicht sehr gut. Ich quälte mich förmlich durch die Bücher hindurch, wohl ein Grund dafür, dass ich damals – 2008 – auf die Lektüre des Seelen-Buches dankend verzichtete, da ich die Befürchtung hegte, dass mir der Schreibstil der Autorin, den ich als extrem langatmig und wenig spannend empfand, auch dort das Lesevergnügen vergällen würde. Nun wurde dieses Buch verfilmt und ich dachte mir, wenn du schon das Buch nicht gelesen hast, so solltest du doch wenigstens den Film gesehen haben. Ich hätte durch die Verfilmung der Twilight-Series schon gewarnt sein sollen, immerhin hatte ich auch hier die ersten beiden Filme im Kino gesehen und war wenig begeistert gewesen.

Quelle: http://content5.promiflash.de/article-images/w500/stephenie-meyer-max-irons-saoirse-ronan-diane-krueger.jpg


  
Es geht ja schon beim Titel los. Wieso in der deutschen Übertragung das Werk „Seelen“ heißt, ist nicht wirklich nachvollziehbar, denn „The Host“, was vom einfachen „Gastgeber“ bis hin zum „Herrn des Hauses“ eine Menge an Bedeutungen haben kann, wäre hier doch am besten mit „Wirt“ im Sinne eines Wirtskörpers zu übersetzen gewesen. Das klingt wohl aber nicht so reißerisch wie „Seelen“.


Der Plot ist wieder einmal nicht neu. Die Idee der Besetzung und Übernahme des menschlichen Körpers durch einen fremden, außerirdischen Geist, hier „Seele“ genannt, ist nicht nur in der SF-Literatur ein durchaus bekannter Stoff, man denke nur an die Individualverformer in der Perry-Rhodan-Serie (Perry-Rhodan-Net) und die vielfachen Umsetzungen in der Horror-Literatur. Was allerdings neu ist, ist die Verpackung und die Message, also das, was zwischen den Zeilen steht. Denn Meyer ist Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), hat infolgedessen wie es in ihrer Religionsgemeinschaft üblich ist, vermittels eines Stipendiums auch an einer Mormonen-Universität, der Brigham Young University in Provo (Utah), studiert und ihre religiöse Einstellung zum Leben und vor allem zur Sexualität findet sich deutlich auch in dieser Verfilmung wieder.

Quelle: https://sphotos-b.xx.fbcdn.net/hphotos-frc1/p480x480/482599_250996541702571_814955986_n.jpg


    
Dies scheint indess zur Zeit in Mode zu sein, findet man zum Beispiel im aktuellen Film „After Earth“ von Manoj Nelliyattu Shyamalan (*1970), in dem Will Smith (*1968) und seinem Sohn Jaden Smith (*1998) die Hauptrollen spielen, einige Anklänge an den Gründer von Scientology, den SF-Autoren L. Ron Hubbard wieder, doch das nur am Rand.


Religiöse Symbole und Motive haben wieder Hochkonjunktur, vor allem aber im amerikanischen Film. Bei Meyer führt das allerdings auch dazu, dass die Verfilmung, obwohl technisch sehr ordentlich gemacht, viel zu einseitig wird. Die Charaktere sind sehr flach und klischeebehaftet, und eine wirklich Lösung des Problems wird, ob bewusst oder unbewusst, offen gelassen. Das totalitäre Regime der Außerirdischen, die den Menschen ja nur gut wollen, die den Planeten in den Griff bekommen haben und die Menschen durch die Übernahme, die eigentlich ein dämonischer Akt sein müsste, hier aber als wunderbar gewaltlose und geradezu gnadenvolle Angelegenheit dargestellt wird, ist über weite Strecken nicht klar als Bedrohung gekenntzeichnet, sondern viel eher als Erlösung. Die Triebhaftigkeit der Menschen wird als negativ dargestellt, allen voran das sexuelle Verlangen, das nach Vorstellung der Autorin nur dadurch in den Griff zu bekommen ist, dass man sich definitiv einem Partner zuwendet. Es wird keine Befreiung vom feindlichen Joch angestrebt, sondern eher eine Koexistenz, also eine Form von Arrangement mit den örtlichen Gegebenheiten. Mit der individualisierten Freiheit des Menschen, was bei uns immerhin noch ein Grundrecht ist, hat das nicht mehr viel gemein.

Quelle: http://brav0.de/bilder/480x300x71/seelen-buch-stephenie-meyer-verfilmung-bilder-interview-saoirse-ronan-jake-abel-72vb-xKwn.jpg


    
Erzählt wird das Ganze in langen Einstellung und einem extrem langweiligen Stil, der wenig Tempo und viel Zeit für innere Erkenntnis und innere Zwiegespräche zwischen der Seele des Wirtskörpers und des Opponenten lässt. Hier liegt übrigens eine weitere Schwäche des Films, die wohl in der Wahl der deutschen Synchronstimmen liegt, denn die recht piepsige Off-Stimme von Melanie, dem besetzten Wirt, geht einem relativ schnell auf die Nerven.

Quelle: http://www.abload.de/img/hostbannerposter1pwubm.jpg


   
Was bleibt, ist wohl das Bewahren eines kritisches Blicks auf alles, was unter der Maske als eine Form von religiöser Predigt daherkommt, sofern es die persönliche Freiheit einschränkt und einem eine Weltsicht unbewusst aufoktroyieren will, die an den Grundfesten unserer Menschlichkeit und unserer verbrieften Menschenrechte rüttelt. Kunst darf sich nicht instrumentalisieren lassen und allein einer Idee dienen, sondern sie muss ihre Eigenständigkeit und ihre kritische Distanz bewahren, damit sie ihrer eigentlichen Aufgabe, des Menschen Tätigkeit in Worten und Gedanken Gestalt zu verleihen und dieselben kritisch zu hinterfragen, weiterhin gerecht werden kann.

Quelle: http://stephenie-meyer.net/sources/header_main.jpg


   
Denken Sie einmal darüber nach.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Kehlmann kafkaesk – Poetik-Dozentur in Landau im Grenzgebiet von Literatur und Film




Landau liegt tief im südwestlichen Rheinland-Pfalz, und ist ein idyllisches kleines Städtchen, welches die eine Hälfte der Universität Koblenz-Landau beherbergt. Die andere Hälfte liegt weiter nördlich, eben, wie es der Name schon sagt, in Koblenz am Rhein, der Stadt, wo Rhein und Mosel am Deutschen Eck unter den Augen des gestrengen Kaisers Wilhelm I. Hochzeit halten. Und obwohl die beiden Universitäten eigentlich eine Gemeinschaft bilden, gibt es doch hin und wieder Dinge, die dann nur jeweils einer Hälfte vorbehalten bleiben; so auch hier. Der Schauplatz war die beeindruckende Jugendstil-Festhalle in Landau.



Das Zentrum für Kultur und Wissendialog, kurz ZKW, in Landau hatte die diesjährige Poetik-Dozentur an den österreichisch-deutschen Schriftsteller Daniel Kehlmann verliehen, der wohl mit Fug und Recht als der derzeit bedeutendste deutschsprachige Gegenwartsschriftsteller bezeichnet werden darf. Sein Roman Die Vermessung der Welt (2005), in dem er den biographischen Spuren des Mathematikers Carl Friedrich Gauß (1777-1855) und des Naturforschers Alexander von Humboldt (1769-1859) folgt, verhalf Kehlmann nach Mahlers Zeit (Roman, 1999), Der fernste Ort (Novelle, 2001) und Ich und Kaminski (Roman, 2003) zu Weltruhm. Sein früher Roman Beerholms Vorstellung (1997) fand dagegen wenig Beachtung. Danach folgten das Romanexperiment Ruhm(2009) und einige essayistische und eher poetologische Werke wie Wo ist Carlos Montúfar? (Essays, 2005) und Lob: Über Literatur (2010). Neuerlich macht er auch als Theater- und Bühnenautor von sich reden. Zwei Theaterstücke hat er derzeit in seiner Werkliste, nämlich „Geister in Princeton“ (2011) und „Der Mentor“ (2011/12). Er lebt und arbeitet abwechselnd in Wien, Berlin und New York, wozu, darf man den Worten eines gewissen Herrn Staatssekretärs Glauben schenken, Landau in der Pfalz in etwa die geographische Mitte bildet.



PD Dr. Anja Ohmer, Akad. Oberrätin, Leiterin des ZKW der Universität Koblenz-Landau

Das Thema, das sich der vielfach preisgekrönte und ausgezeichnete Autor für die dreitägige Poetik-Dozentur gewählt hatte – es ist im Übrigen nicht die erste Dozentur dieser Art, die er bekleidet, Landau ist nach den Universitäten Mainz (2001), Göttingen (2006/07), Köln und Tübingen (2010), der Fachhochschule Wiesbaden (2005/06) und der New York University (2012) die insgesamte siebte Dozentur dieser Art – lautete: „Die Kunst der Adaption: Wie aus Büchern Filme werden“. Er bewegte und bewegt sich wohl gegenwärtig generell an dieser schwierigen Grenze einer interdisziplinären Forschung, an der Gradwanderung zwischen Literatur und Film, zwischen Kino im Kopf und fiktiver Realität, zwischen Bildern der Phantasie und Bildern, die ein Filmemacher seinem Publikum vorgibt und hofft, dass sie – die Bilder – allgemeinen Anklang finden. 



Nun gehört Kehlmann zu dem seltenen, ja fast eigentlich kaum vorhandenen Typus Autor, der seine eigenen Werke selbst für den Film adaptiert und die Drehbücher schreibt. So wurde Die Vermessung der Welt (2012, Regie: Detlev Buck (*1962)) nach seinem eigenen Drehbuch umgesetzt, das er zusammen mit Buck und Daniel Nocke (*1968) verfasste, Ruhm (2012, Regie: Isabel Kleefeld (*1966)) lag komplett in den Händen der Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb, und beim gegenwärtig im Entstehen begriffenen Film „Ich und Kaminski“ hat er, wie er sagt, fast alles aus seinen Händen gegeben und dem Regisseur Thomas Wendrich (*1971) anvertraut, den Kehlmann direkt mitgebracht hatte und der als eingefleischter Filmmann einen interessanten Kontrast zum literarischen intellektuellen Schriftsteller bildete.

Der Regisseur Thomas Wendrich

Und dieser Kontrast, der sich vornehmlich im zweiten Teil des Abends, einer Art angedeuteter Podiumsdiskussion mit Verfremdungseffekt in Gestalt einer viel zu brav und mit einer fast schon bieder zu nennenden Fragetechnik agierenden Anja Ohmer, zeigte, hatte etwas wahrlich Kafkaeskes.
 
Da war, nach den obligatorischen Grußworten seitens der Universität und der Politik und einer Einführung in den Autor und sein Werk durch die Leiterin des ZKW Privatdozentin und Akademische Oberrätin Dr. Anja Ohmer, zunächst im ersten Teil dieser lässige, fast schon schlaksig auftretende junge Autor, der in légèrer Kleidung – einfaches dunkles Hemd und Hose, womit er im krassen Gegensatz zur doch recht festlichen Kleiderordnung vieler Anwesenden stand – ans Podium trat, wobei er den Eindruck eines unbedarften Lausbuben vermittelte, dem der Schalk herausfordernd im Nacken saß und dessen Körperhaltung auszudrücken schien „Ihr könnt mir ja gar nichts!“; der dann aber eine scharfsinnige, in seinen Thesen gewagte und in seiner Beweisführung bestechend pointierte Rede ausführte, die unmissverständlich auch noch den letzten Skeptiker davon überzeugen musste, dass er es hier mit einem durch und durch intellektuellen, schöngeistigen und vor allem durchgeistigten Literaten zu tun hatte, der sich nicht scheute, die weiter oben bereits angesprochene Gradwanderung noch zu einem Hochseilakt zu verschärfen. 


Er sprach über seine Vorbilder, allen voran seinen Vater Michael Kehlmann (1927-2005), wie er geprägt worden war durch dessen Arbeitsweise, das Diktieren von Drehbüchern auf Band, das ständige Korrigieren und Redigieren, währenddessen er als Kind sehr oft dabeigesessen hatte. Er verdeutlichte den Zusammenhang zwischen Buch und Film am Beispiel der Coen-Brüder und ihres filmischen Meisterwerks „No Country for Old Men“ (2007), hier insbesondere an der Schlussszene. Die Verwandtschaft zwischen der Gattung des Romans und des Films ist seiner Meinung nach enger als die zwischen einem Theaterstück und einem Film, da beide, Film wie Roman, vor allem mit Bildern arbeiten, die erzeugt werden. Eine seiner gewagtesten Thesen lautete dahingehend, dass der Film dem Roman gegenüber sogar einen Vorteil habe, der vor allem in der Gestik und Mimik eines Schauspielers, aber auch vor allem in dem liegt, was man nicht zeigt bzw. zeigen muss. Die Menschenheit war immer in der Lage, noch bevor sie Buchstaben und Texte lesen und verstehen konnte, die Körpersprache, die Gestik und die Mimik sowie den Blick zu deuten, so in etwa lautete sinngemäß Kehlmanns These. Doch das war nur einer von vielen Aspekten dieses ungemein spannenden, in vielen Bereichen extrem provokanten und gerade dadurch sehr kurzweiligen und mitreißenden Vortrags.

Dann wurde Thomas Wendrich, der Regisseur, zu Kehlmann auf die Bühne gebeten – er passte optisch gut zu Kehlmann, denn auch er hatte sich für den légèren Look mit Turnschuhen entschieden – man setzte sich mit Ohmer zu dritt an den Tisch und es sollte sich wohl ein Gespräch über die Praxis hinter der Theorie entwickeln, so war es die erklärte Absicht, scheinbar. Was sich aber tatsächlich anbahnte, war ein launiges Frage-Antwort-Spielchen, dem viele Zuhörer ab einem gewissen nicht näher bestimmbaren Punkt nicht mehr so recht folgen konnten oder wollten, wie ein schneller Blick in die Gesichter vieler anwesender Studentinnen und Studenten zeigte, und deren Körpersprache – das unvermeidliche Abstützen des Kopfes oder das Betten desselben auf Hände und Arme – ein tapferes Durchhalten erahnen ließ. 

Nichtsdestotrotz waren vor allem die Ausführungen Wendrichs aufschlussreich und erhellend und wenngleich auch nicht viel aus ihm herauszukitzeln war, was die neue Verfilmung „Ich und Kaminski“ betraf, und wenn auch Kehlmann sich nicht wirklich eindeutig zu der Frage äußern wollte, ob er wieder eine Gastrolle – wie bereits in der „Vermessung der Welt“ – spielen werde – er konnotierte das mit dem lapidaren Verweis darauf, dass er ja nicht Hitchcock sei – so darf man doch gespannt darauf sein, wenn der Film in 2014 in die Kinos kommen wird. 


Kehlmann kündigte dann nebenbei auch noch einen neuen Roman mit dem verheißungsvollen Titel „F“ für den Herbst an, ein großer 380-Seiten-Wälzer sei das, aber mehr gab es auch hier nicht. Einige Anekdoten vom Filmset, die man immer besuchen sollte, weil es einfach so interessant sei, wie Kehlmann betonte, und immer wieder diese eigenartigen Blicke oder eben auch Nicht-Blicke zwischen den beiden jungen Künstlern, die eben in ihrer Gesamtheit in Tateinheit mit der ebenfalls weiter oben bereits erwähnten zurückhaltenden Fragetechnik eine Atmosphäre und Stimmung erzeugten, die ich gar nicht anders als kafkaesk bezeichnen mochte.


Den Abschluss des Abends bildete dann noch eine äußerst unterhaltsame Lesung aus dem ersten Akt seines aktuellen Theaterstücks „Der Mentor“. Kehlmann las – nachdem er süffissant darauf hingewiesen hatte, dass im bewusst sei, dass die Länge des Abends schon an die Grenzen des Erträglichen gehe – selbst. Und es gelang ihm tatsächlich, die einzelnen Figuren so auf die geistige Kinoleinwand seines Publikums zu zaubern, dass er mit vielen Heiterkeitsausbrüchen belohnt wurde. Und so fand diese erste der drei Poetik-Dozentur-Veranstaltungen auch ihr Ende. Es schloss sich noch eine Signierstunde an und im Foyer ergab sich im Ausklang des Abends noch die Möglichkeit für viele interessante Gespräche und Gedankenaustausch.


Mein Fazit: Ich war froh, dass ich die Reise gemacht hatte. Es war ein tolles Erlebnis, eine geistige Bereicherung und Daniel Kehlmanns schillernde und ungemein faszinierende Persönlichkeit live zu erleben, war das alles und noch viel mehr wert. Leider – ja, ich muss es wirklich zugeben – leider konnte ich nicht an den beiden folgenden Tagen dabei sei, aber ich hoffe, dass die Arbeit des ZKW in Landau noch viele solcher kulturell so wertvollen und doch so seltenen Momente hervorbringt und vielleicht darf man ja dann auch einmal darauf hoffen, dass eine solche Veranstaltung nicht nur an einem Standort der Universität Koblenz-Landau, sondern dann gegebenenfalls auch an beiden Standorten stattfinden kann und wird. 




(Anm.: Dieser Artikel bildet ein kleines Jubiläum! Es handelt sich um den 50. Post auf diesem Blog! Und das Thema Daniel Kehlmann ist diesem Anlass durchaus angemessen, finde ich. ;-))