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Dienstag, 21. Mai 2013

In paradisum - Zum Heimgang Lothar Schmids


(Quelle: http://www.chess-international.de/wp-content/uploads/SchmidLothar.jpg)
Es ist die Erde eine große Schrift
Und jeder Mensch trägt dort sein Wirken ein.
Mit Feder, Werkzeug, Griffel, wie es trifft,
Bald klein, doch riesengroß, bald riesengroß, doch klein.
Lothar Schmid (1928-2013) (=> englische Wikipedia) ist tot. Wie endgültig das klingt und wie endgültig es wohl letztlich auch ist. Aber das ist wohl der Sinn des Todes, oder? Nämlich endgültig zu sein? Der Sinn von Nachrufen ist da nicht so eindeutig festzustellen. Soll der Heimgegangene durch einen Nachruf nun im Gedächtnis der Nachwelt verankert werden und so immer wieder in der Erinnerung lebendig erscheinen oder soll ein würdiger Abschluss eines einmaligen und wertvollen Lebens – wie ja jedes Leben einmalig und wertvoll ist und zu sein hat – durch einen Text, ein paar Zeilen, ein paar zu Papier gebrachte Gedanken zelebriert werden?


Nun, ich möchte einige wenige solcher Gedanken über Lothar Schmid hier aufschreiben, einige wenige Gedanken, die eben nicht den Karl-May-Verleger und Schachgroßmeister im allgemeinen beleuchten, sondern ein paar sehr persönliche Erinnerungen beinhalten, die ich an diesen großen alten Mann habe, den ich leider nie persönlich, sondern immer nur telefonisch kennen lernen durfte.


Ich hatte in jungen Jahren bereits mit seinem Bruder Roland zu tun, der mir, als Kind und später als Jugendlichem mit unendlicher Geduld und viel Einfühlungsvermögen alle meine Fragen das Werk Karl Mays betreffend schriftlich beantwortete.


Gegen Ende meines Studiums, ich denke, es muss so in etwa im Jahr 1998 gewesen sein, erhielt ich eines Tages einen Anruf von Lothar Schmid, den ich bis dahin nicht kannte und von dem ich nicht gewusst hatte, dass er überhaupt existiert. Sehr freundlich interviewte er mich – er hatte meinen alten Briefwechsel mit seinem Bruder gefunden – und ich erzählte ihm von meinen Plänen, meine erste Staatsarbeit über Karl May zu schreiben – was ja dann auch schließlich wahr wurde. Auch meine ersten Gedichte nahm er an und leitete sie an den Verlagslektor Roderich Haug weiter, der mir eine wohlwollende und nette kleine Kritik schrieb.


Seit dieser Zeit waren wir mit einigen Unterbrechungen immer mal wieder im Kontakt, wobei er mich mehrfach nach Bamberg einlud, ihn einmal zu besuchen, mir den Verlag anzuschauen, usw. Leider ist es bis auf den heutigen Tag nicht dazu gekommen; geplant war, dass ich zu den Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum Anfang Juli diesen Jahres nach Bamberg kommen sollte. Geplant war, dass ich ihn, den Verlag und seine Familie dann persönlich kennen lernen sollte, aber, wie sagte John Lennon schon so schön: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“


Er begleitete mich mit guten Ratschlägen und Hilfestellungen bei meiner ersten Staatsarbeit über die Theologie des Old Surehand (1999), er begeisterte sich für meine Inszenierung von Karl Mays einzigem Drama „Babel und Bibel“ von 1906, welches ich mit Schülerinnen und Schülern eine zehnten Realschulklasse am 21. Juni 2005, 99 Jahre nach Entstehen des Dramas, auf einer notdürftig zusammengezimmerten Bühne in einer alten Turnhalle welturaufführte. Er war davon so angetan, dass er sogar 2008 anregte, diese Inszenierung zu wiederholen und zwar an keinem geringeren Haus als den Landesbühnen Sachsen (=> Homepage) in Radebeul bei Dresden, dem Ort, wo Karl May einen Großteil seines Lebens gelebt hatte. Er führte damals harte Verhandlungen, ich fuhr extra im Januar 2008 nach Radebeul, doch leider ist es nie dazu gekommen. Die Idee, das Stück im Rahmen der Schacholympiade so aufzuführen und zu inszenieren, dass der Kern des Dramas, das Schachspiel, das mit lebenden Figuren „geritten“ werden sollte, besonders hervortrat, war gut, fand aber kein Gehör bei den Behörden.


Und ganz zielsicher, so als hätte er geahnt, dass er kaum noch Zeit hatte, arrangierte er den Kontakt zu seinem Sohn Bernhard, mit dem ich dann über den Vertrieb meines Stücks „Rosensieg. Der Tod Old Shatterhands“, welches ich anlässlich des Karl-May-Jahres 2012 geschrieben hatte und im Verlag28 Eichen publiziert hatte, verhandelte und mit dem ich sehr schnell handelseinig wurde.


Ich kann also sagen, dass mich Lothar Schmid über einen Zeitraum von zirka fünfzehn Jahren hinweg immer wieder wohlwollend und fördernd unterstützte und begleitete. Ich bin dafür sehr dankbar und hoffe, dass er diesen Dank, den ich ihm nun leider nicht mehr persönlich abstatten kann, doch in diesen Zeilen erfährt. Sein Andenken werde ich stets in Ehren halten und vielleicht kann ich irgendwann einen Teil davon gebührend zurückgeben.


Ruhen Sie in Frieden, Lothar Schmid! Sie waren der letzte der drei Söhne des ursrprünglichen Karl-May-Verlegers Dr. Euchar Albrecht Schmid, der seine Vision, seine Verehrung des sächsischen Volksschriftstellers weitertradierte. Nun ist mit dem Enkel Bernhard die nächste Generation am Werk, die den Karl-May-Verlag in ein neues Jahrtausend führen wird. Ich wünsche dazu viel Glück.


Zum Paradies mögen Engel dich geleiten,
die heiligen Märtyrer dich begrüßen
und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.
Die Chöre der Engel mögen dich empfangen,
und durch Christus, der für dich gestorben,
soll ewiges Leben dich erfreuen.
(in paradisum, lat. Hymnus)









und so weiter und so fort ...

Freitag, 17. Mai 2013

The Obscure Logic Of The Heart – Priya Basil las im Schloss Schönstein




„Mehr Europa heißt mehr gelebte und geeinte Vielfalt.“– Bundespräsident Joachim Gauck (*1940) formuliert diese Parole, diese indirekte Arbeitsanweisung in seiner Grundsatzrede zu Europa am 22. Februar 2013 im Schloss Bellevue und die 12. Westerwälder Literaturtage haben sich diese halbverdeckte Forderung auf ihre Fahnen geschrieben. Sie laden zwischen Mai und September insgesamt vierzehn teilweise renommierte, namenhafte, aber auch noch unbekannte und am Anfang ihres Schaffens stehende Autoren ein, um ihre aktuelle Bücher vorzustellen und daraus zu lesen. Den Anfang machte am 5. Mai bereits der bekannte Hildesheimer Professor und Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil (*1951), dem nun eben die britische Autorin Priya Basil (*1977) folgte. Basil lebt zeitweise in London und Berlin, wo sie mit einem Deutschen liiert ist.


Hier geht es zur Homepage von Priya Basil.


Ich hatte durch eine gute Freundin sehr kurzfristig davon erfahren und ebenso kurzentschlossen entschieden wir, dass wir nach Wissen fahren und uns das anhören wollten. Wir hatten den Namen noch nie gehört, waren also entsprechend neugierig und gespannt, was uns wohl erwarten würde. Die Westerwälder Literaturtage suchen für ihre Veranstaltungen besondere, außergewöhnliche Austragungsorte – 2013 sind das das Kulturwerk Wissen, das Schloss Schönstein (Wissen), das Besucherbergwerk Grube Bindende (Steinebach/Sieg), die Wied Scala (Neitersen), das Kulturhaus in Hamm am Synagogenplatz, das Tanzstudio STEP IN (Altenkirchen), der Große Sitzungssaal im Rathaus in Herdorf, die Scheune des Breidenbacher Hofs (Betzdorf/Sieg), 'Der Garten' (Wissen), die Ökumenische Stadtbücherei (Betzdorf) und das „Altes Gefängnis Wissen“, jetzt: Fotostudio Linke. Und so fuhren wir also nach Wissen ins Schloss Schönstein, was wir dann nach einigem Suchen etwas versteckt im Ortsteil Schönstein fanden. Ausgeschildert war es leider nicht.




Doch war dieser alte Verwaltungssitz der Fürstlich-Hatzfeldt-Wildenburg'schen Kammer und Wohnsitz der Familie der Grafen von Dönhoff eine ungeheuer urige, sehr erdige Angelegenheit, überall atmete man Geschichte und allein der Aufstieg in den Saal, in dem die Lesung stattfinden sollte, war ein kleines Abenteuer für sich. Flankiert von Wildschweinköpfen, die grimmig aus leeren Augen auf den Besucher herabstarrten, ging es über grobes Steinpflaster leicht bergan durch zwei Tore und einen Gang, der in den obersten Innenhof führte. Dort betrat man dann nach links gewendet ein Gebäude und gelangte über eine halbrunde Holztreppe in den besagten Saal.



Es waren verhältnismäßig wenige Besucher anwesend; im Nachhinein muss man das bedauern, denn die Lesung, die nun folgte, war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Normalerweise kennt man es so, dass man zunächst den Schriftsteller kennen lernt, ihn lesend als Gestalter seiner Texte erlebt – und beileibe kann nicht jeder Autor auch fesselnd vortragen –, dann folgt in der Regel eine Fragerunde, in der der Künstler seinem Auditorium Rede und Antwort steht, woran sich für gewöhnlich die obligatorische Signierstunde anschließt. Nicht so hier. Wir erlebten eine bilinguale, breitangelegte Mischung aus Moderation, Interview und ernsthafter Auseinandersetzung mit allen möglichen Fragen rund um die Schriftstellerin und ihre Vita, ihr Verständnis von Literatur, ihre politischen Ansichten und über 'ihre' Art des Schreibens, nein, besser ihre Philosophie des Schreibens, die die Tätigkeit des Schriftstellers als ein Handwerk begreift, das dem Betreffenden eine große Selbstdisziplin und in gewisser Form auch eine Askese abverlangt.



Der Moderator war der unter dem Pseudonym Robin Seals bekannte Übersetzer Robben Bernhard (*1955), dessen Stimme mit ihrem angenehm sonoren Grundton einen wunderbar kontrastreichen Gegenpol zur hellen und doch klaren und von einem ordentlichen Stimmsitz zeugenden Stimme Basils bildete. Bernhard sprach sehr oft bei fast geschlossenem Mund durch die Zähne, was seinem Vortrag und seiner Moderation einen eigentümlichen, fast schon mystischen Ton verlieh, in dem sich so mancher Zuhörer träumend verlor und zum genauen Hinhören zwang. Der gewagte Spagat des permanenten Wechsels zwischen der englischen und deutschen Sprache, zwischen Kommentar und moderierend freier Übersetzung gelang und die drei ausgewählten Exzerpte aus dem aktuellen Roman Basils, welcher in der deutschen Übersetzung schlicht „Die Logik des Herzens“ heißt und dem das eigentlich interessante Attribut „obscure“ = „obskur, dunkel“ aus verkaufstechnischen Gründen vorenthalten wurde, waren jeweils sehr differenziert ausgewählt und beleuchteten gekonnt die unterschiedlichen Facetten dieser Geschichte, die sich nahtlos in die vielen modernen Romeo-und-Julia-Varianten einzureihen scheint, die aber dennoch so vieles mehr als eine einfache Liebesgeschichte ist, tatsächlich aber im Gewande einer solchen recht naiv daherzukommen scheint und augenzwinkend zu fragen wagt: „War das was? Ich bin doch völlig unschuldig.“ 




Doch die Autorin ist alles andere als naiv. Wer sie kennen lernt und vor allem sprechen hört, erkennt am von scheinbar strengen Lehrern ausgeformten, ungeheuer eleganten Oxford-Englisch bereits die Bildung dieser bemerkenswerten jungen Schriftstellerin, die alles Naive sofort verbannt und verdeutlicht, dass alles, was sie schreibt, wohl durchdacht und ganz bewusst ist. Sie scheut auch keineswegs die direkte Auseinandersetzung mit den Religionen dieser Welt, die sehr kritisch und doch sehr realistisch gezeichnet werden, vor allem in den Charakteren, die sie erschafft und die sehr wirklich im Sinne von alltagstauglich, ja, man möchte schon fast von naturalistisch sprechen wollen, konzipiert sind. Dennoch aber überlegt sie sehr genau, wo die Grenzen sind, wo sie aus Respekt vor der Andersartigkeit, vor der Würde und dem Alter der jeweiligen Weltanschauungen kritische Szenen und Aussagen überdenkt und in einen Kontext stellt, der für beide Seiten erträglich ist. In diesem Sinne ist Priya Basil eine echte Europäerin, eine – auch im religiösen Sinne – Autorin, die die Forderung des Bundespräsidenten, die ich eingangs erwähnte, ernstnimmt und weitertradiert.


So schließt sich der Kreis und wir können auf weitere Werke gespannt sein. Und auch auf weitere Veranstaltungen der Westerwälder Literaturtage.

(Priya Basil zitiert diesen Blogbericht dankenswerter Weise auf ihrer Homepage. Vielen Dank dafür!)


Donnerstag, 9. Mai 2013

Star Trek XII - Khans Dunkelheit

Rezension zu STAR TREK - INTO DARKNESS (2013)

„Space, the final frontier. These are the voyages of the starship Enterprise. It's continuing mission: to explore strange new worlds, to seek out new life and civilizations, to boldly go where no one has gone before.“

Gestern Abend war es endlich soweit! Das lange Warten hatte ein Ende und ich konnte in meinem Stammkino in Montabaur in die Vorpremiere des neuen, mittlerweile 12. Star Trek-Films gehen, der den dramatischen Titel „Into Darkness“ („In die Dunkelheit“) trägt. Lange angekündigt, mit unglaublichem Aufwand promoted, mit Starbesetzung und vom derzeitigen Erfolgsregisseur J.J. Abrams (*1966) in Szene gesetzt, kam ich voller Erwartungen ins Kino. An der Kasse versuchte ich mich vermittels des offiziellen Zeichens der Sternenflotte als Sternenflottenoffizier auszuweisen, einen geringeren Eintrittspreis erhielt ich trotzdem nicht, was ich auch ehrlich gesagt nicht einmal zu hoffen gewagt hatte.

Die Besucherzahl war enttäuschend, und das obwohl es ein Tag vor einem Feiertag (Christi Himmelfahrt - man beachte die feinsinnige Ironie!) war, wo am nächsten Morgen doch alle ausschlafen konnten. Aber es fanden sich verhältnismäßig wenig Zuschauer ein, was wohl auf keine große Fangemeinde von Trekkies in unserer Region schließen lässt.


Bereits bei der ersten Regiearbeit von Abrams im Star Trek-Universum, dem 11. Film, der schlicht und ergreifend einfach nur „Star Trek“ (2009) hieß, behaupteten viele Fans und Anhänger der Serie, das sei kein Star Trek mehr, das sei etwas, das vielleicht noch die Namen benutzt, aber mit dem Flair, der Art und der Philosophie der von Gene Roddenberry (1921-1991) erfundenen Serie nicht mehr viel gemein habe. Und in der Tat, es gibt eine Menge Veränderungen, neue Schauspieler in altbekannten Rollen – man könnte von einer Staffelstabübergabe reden, da die Originalschauspieler bereits in ihren Achtzigern (Leonard Nimoy (*1931), William Shatner (*1931)) oder schon tot sind (DeForest Kelley (1920-1999), James Doohan (1920-2005)) – nackte Haut und ein wenig Sex, was es bisher kaum bis gar nicht in der Serie gegeben hatte, Tabubrüche, wie die schier unglaublich anmutende Tatsache, dass Mr. Spock (Zachary Quinto (*1977)) ein zu echten Gefühlen fähiges Wesen ist, welches auch noch eine Freundin hat (in der neuen Version Nyota Penda Uhura (Zoë Saldaña, urspr. Nichelle Nichols)). Natürlich sind auch Dr. Leonard "Pille" McCoy (Karl Urban, urspr. DeForest Kelley), Hikaru Sulu (John Cho, urspr. George Takei), Pavel Andreievich Chekov (Anton Yelchin, urspr. Walter Koenig) und Montgomery "Scotty" Scott (Simon Pegg, urspr. James Doohan) wieder mit von der Partie. Die zentrale Rolle von Cpt. James T(iberius). Kirk, die im Original vom legendären William Shatner verkörpert wurde – und teilweise heute noch wird – übernahm der junge unverbrauchte Chris Pine (*1980).

Die Zauberformel, die all dies ermöglicht, die einer Verjüngung des Teams und ein Neuerleben der alten Abenteuer als verstecktes Remake, wie es Harald Peters in seinem am 07.05.2013 erschienen Artikel in der Welt kritisiert, rechtfertigt, heißt „alternative Zeitlinie“. Die SF-Literatur früherer Jahrzehnte nannte das auch ein „Großvaterparadoxon“ oder schlicht ein Zeitparadoxon. Die Grundidee dabei ist, dass man durch eine Zeitreise in die Vergangenheit, die Zukunft verändern kann, in dem man etwas, das in der Vergangenheit passiert, verändert und somit die komplette folgende Zeitlinie neu formt. Und genau dies passiert im 11. Star Trek-Film durch das Eingreifen des Romulaners Nero (Eric Bana), der nachdem ihn ein Schwarzes Loch in die Vergangenheit katapultiert hat, entscheidend die Zeitlinie des Star Trek-Universums verändert.

Und da sich die Geschichte nun anders fortschreibt, erleben wir im neuesten Star Trek-Abenteuer eben Altbekanntes im neuen Gewand und mit gravierenden Veränderungen. Kirk wird zum Beispiel nicht in Iowa geboren, sondern im Weltraum, während sein Vater George Kirk (Chris Hemsworth), bei der Rettung von 800 Menschen sein Leben verliert, was er in der alten Serie nicht tat. 



Und so treffen Kirk und seine Crew in „Into Darkness“ auf einen alten Feind: Khan Noonien Singh (Benedict Cumberbatch, urspr. Ricardo Montalbán), der uns bereits in „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ (1982) begegnet. Dieser Film ist im Prinzip die Fortsetzung der Episode „Der schlafende Tiger“ (org. Space Seed) aus der ursprünglichen Originalserie.

Nun gibt es nicht nur eine äußere Ähnlichkeit zwischen Cumberbatch und dem jungen Montalbán, sondern es gibt sie auch in der inneren Welt, dieser Figur, in der sich nur Dunkelheit ausbreitet, die Dunkelheit des Khan, in der nur der Gedanke an Rache Platz findet und in der sich sogar Kirk und seine Mitstreiter zunächst verirren und nach Orientierung suchen müssen. Mit zunehmendem Handlungsverlauf wird die Ähnlichkeit zwischen Star Trek XII und II immer größer, liebevolle Originalzitate sind Teil dieser modern durchgestylten Reminiszenz, dieser unglaublichen Verbeugung vor der alten Geschichte, die schließlich in der berühmten Sterbeszene mündet, in der sich Kirk und Spock scheinbar für immer zu verlieren scheinen. Doch auch hier greift die alternative Zeitlinie und wir sehen alles spiegelverkehrt. Nicht Spock stirbt den edelmütigen Strahlentod, nein, Kirk selbst ist es ist, der hinter der Strahlenschutztür dem durch den legendären Satz: „Sie sollten besser mal hier herunterkommen, Sir!“ herbeigerufenen Spock die Hand von innen gegen die Scheibe presst, während er stirbt.

Das ganze Kino wartete gespannt auf den Satz: „Ich war es und werde es immer sein: Ihr Freund!“, doch der kam nicht, sondern man sah stattdessen einen Vulkanier weinen. Tun Vulkanier so etwas? Vulkanier doch nicht, oder? Spocks berühmt berüchtigte Logik „Das Wohl von vielen steht über dem Wohl des Einzelnen!“versagt im Angesicht des Todes und er erkennt die Bedeutung wahrer Freundschaft, was er mit einer Träne und einem Wutausbruch zum Ausdruck bringt.

Natürlich stirbt Kirk nicht wirklich, doch mit dieser Nachricht warten die Macher von Star Trek XII nicht erst bis zum nächsten Film, sondern es gibt ein versöhnliches Ende mit dem Verweis auf kommende Streifen. Es wird also wohl noch lange weitergehen mit dem Trek to the stars …


Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.


Sonntag, 5. Mai 2013

Andreas Wellano - Durchgeritten. Alles von Karl May - Birgitta Linde

Rezension der Premiere des neuen Stücks über Karl May von Birgitta Linde mit Andreas Wellano

(Der vorliegende Text erschien in den KMG-Nachrichten Nr. 176. Das Vierteljahresmagazin der Karl-May-Gesellschaft, 2. Quartal - Juni 2013, S. 41-43)



Und in der Tat, Old Shatterhand hielt mit nichts zurück, sondern erzählte uns von allem Möglichen, und zwar im buntesten Wechsel, von einem Gebiet ins andere überspringend, ohne dass es mir gelungen wäre, irgendwelche Assoziationspunkte zu entdecken, von den intimsten Dingen, die ihm persönlich Seele und Leib berührten, von seiner Brautwerbung wie von seinen Mahlzeiten, von erlebten Abenteuern …“1 So berichtet es ein Zeuge, der bei einem der Vorträge von Dr. Karl May (1842-1912) persönlich zugegen war. Und so erlebten ich, Gordon Piedesack und viele andere es am Abend des 4. Mai 2013 in Neuen Theater in Frankfurt-Höchst.



Ich war durch einen Freund aus Frankfurt am Main darauf aufmerksam gemacht worden, dass es da ein neues Karl-May-Stück gäbe, das demnächst Premiere hätte: „Durchgeritten. Alles von Karl May. Director's Cut“ (Link zum Bffftheater) Also buchten wir die Karten, ich setzte mich gemütlich in den Zug und fuhr nach Frankfurt-Höchst, um der Dinge zu harren, die da kommen sollten, immerhin ist man als Karl-May-Freund immer ein wenig skeptisch, bei allem, was Bühnenschaffende so mit dem verehrten Autor auf der Bühne treiben, man erinnere sich nur an Daniel Calls (*1967) Tumult auf Villa Shatterhand und ähnliches. Nicht so hier.





In dem kleinen aber sehr atmosphärischen Theater, welches eigentlich eher auf Kabarett, Comedy und sonstige Kleinkunst-Inszenierungen spezialisiert ist, entfaltete der Schauspieler Andreas Wellano (*1948) gemeinsam mit der Autorin und Regisseurin Birgitta Linde die perfekte Illusion der leibhaftigen Begegnung mit dem Abenteuerschriftsteller. Die Idee dabei war: Was wäre, wenn Karl May in der heutigen Zeit noch einmal aus dem Himmel der Seligen herabsteigen könnte und uns seine Erlebnisse präsentieren könnte? Eine zugegeben gleichsam faszinierende, wie, auf den ersten Blick, absurde Idee! Wer würde ihn heute noch besuchen? Wer würde sich heute noch als bekennender May-Leser outen? Mit wem – vor allem von unseren deutschen Politikern – würde sich May beschäftigen?



Andreas Wellano, bekannt als der Tod aus der „Sorry“-Werbung von Mercedes Benz, meisterte die schwierige Gradwanderung und die große Herausforderung für Schauspieler und Publikum mit Bravour, ganz allein – in einem Ein-Mann-Stück, oder modern gesprochen in einer One-Man-Show – all die vielen verschiedenen Facetten der schillernden Persönlichkeit Mays kongenial nicht nur zu verkörpern, sondern auch zu leben: Mit dem Sattel auf der Schulter betrat Karl May durch den Zuschauerraum die Bühne, schrieb Autogramme noch und nöcher, erzählte, phantasierte, kommentierte, verkleidete sich, posierte und dokumentierte und … und … und …



Dabei machte er vor der deutschen Bahn genauso wenig Halt, wie vor der aktuellen deutschen Tagespolitik. Ein Feuerwerk an Gags und witzigen Einfällen, eine ironisch-überspitzte Auseinandersetzung mit seinen Werken, eine Satire, die aber zu keinem Zeitpunkt respektlos wirkte, eben eine glänzende Hommage an den verehrten Sachsen, der hier, konsequent in der Rolle des Abenteuerers von Welt, wohltuend eben einmal nicht sächselte, sondern glänzendes weltmännisches Hochdeutsch sprach. Ein Höhepunkt jagte den nächsten: Die Entblösung seines narbenübersähten Oberkörpers – die Narben bildeten feuerrote Post-its, mit denen er sich über und über beklebte –, die Rezension und Besprechung des Buches Vorerst gescheitert von Karl-Theodor zu Guttenberg, welches augenzwinkernd ein Karl-May-Autograph (sic! = Autogramm) erhält, da er, Karl May, ja der eigentliche Meister des modern gesprochen Copy & Paste ist, der Kampf mit drei Grizzlybären gleichzeitig, die die Namen der Gründer von Google, Amazon und Facebook erhalten, die natürlich alle von May nah hartem Kampfe besiegt werden, und so weiter und so fort.




Auch Kritisches blickte zwischen den Zeilen hindurch, wenn nämlich der berühmte Messerstich, den Old Shatterhand von Winnetou im ersten Winnetou-Band oberhalb des Halses in den Mund und durch die Zunge verabreicht bekommt, aus moderner medizinischer Sicht detailreich evaluiert und kommentiert wird. Die Tränenrührigkeit von Winnetous verklärtem Sterben wird durchlitten und gipfelt in der Aufführung aller drei Strophen des Ave Marias, welches sich der sterbende rote Freund kurz vor seinem Tod wünscht. May-Wellano singt es in Popstar-Manier zur Harfe, die er in derselben charakteristischen Art und Weise hält und bedient, wie einst June Carter Cash, die Ehefrau der amerikanischen Country-Legende Johnny Cash. Weiterhin liest er Auszüge aus seinen Werken vor, die er – natürlich, wie könnte es heutzutage auch anders sein – nicht mehr als Buch dabei hat, nein, er hat es auf seinem E-Book-Reader oder Tablet-PC gespeichert, weshalb er auch in völliger Dunkelheit noch vorzulesen vermag – man erinnere sich an das Unter-der-Bettdecke-mit -der-Taschenlampe-lesen frühere Jugendzeiten! Dazwischen stellt er sich immer und immer wieder in verschiedenen Verkleidungen in Pose, ganz so, wie der Mayster es sooft getan hat, wenn er sich zum Beispiel als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi für Bilder und Postkarten ablichten ließ.


Andreas Wellano gibt Autogramme

Das zahlreiche Publikum – der Saal war voll – war von der ersten bis zur letzten Minute unglaublich gut aufgelegt, man kam aus dem Lachen kaum noch heraus, und in einer anschließenden kleinen Premierenfeier ließ man noch einmal den Schauspieler und natürlich die Autorin und Regisseurin Birgitta Linde hochleben und brachte ihnen Ovationen dar. Wellano selbst fand für jeden, mit dem er sprach, ein kurzes freundliches Statement, Linde zeigte sich überwältigt über die Reaktionen, ist sie doch keine ausgewiesene May-Kennerin, jedoch zeigt das Stück eine unglaublich eingehende, tiefgreifende Beschäftigung mit dem Volksschriftsteller und seinem Werk. Wohltuend war auch die Tatsache, dass sie May einmal zu der Zeit seines Lebens zeigt, da es ihm wirtschaftlich und schriftstellerisch gut geht, da er erfolgreich ist, quasi auf dem absoluten Höhepunkt seines folgenden Niedergangs schwimmt, also May, wie er wohl im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gewesen sein muss.



Höhepunkt und Abschluss der Old-Shatterhand-Legende? Verarbeitung des Münchhausen-Syndroms (Pseudologia phantastica), welches ihn zeitlebens nicht verlassen sollte und ihn auf seiner Orientreise in die große Krise stürzte? „Fantast, genialer Spinner und Schwadroneur, hinreißender Aufschneider und Schwindler, begnadeter Geschichtenerzähler und Bilderfinder, geehrter und geliebter „Weltreisender“ ...“, wie er im Programmheft beschrieben wird? Fest steht, dass hier nicht versucht wurde, den Dichter zu demontieren, sondern man sich in jeglicher Hinsicht verehrend vor ihm verbeugte und ihn als das wahrnahm, was er letztlich ist und war – ein Mensch mit allen Fehlern und Stärken eines in voller tiefster Menschlichkeit gelebten Menschenlebens.

Birgitta Linde, Autorin & Regisseurin
Weitere Aufführung sind in Planung. Die Tournee wird durch ganz Deutschland gehen. Die Tourneedaten erfahren Sie hier: Tourdaten)



1Aus: Zur Jugendschriftenfrage. Eine Sammlung von Aufsätzen und Kritiken. Herausgegeben von den Vereinigten deutschen Prüfungs-Ausschüssen für Jugendschriften. Leipzig, Verlag von Ernst Wunderlich. 1903, S.22-25. Reprint in: Siegfried Augustin: Für und wider Karl May. Aus des Dichters schwersten Jahren. KMG-Presse, Ubstadt 1995. (=Materialien zur Karl-May-Forschung Band 16)