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Sonntag, 24. Februar 2013

In eigener Sache - Publikationshinweise

 
Nach langem Hin- und Her und reiflicher Überlegung haben der Verlag 28 Eichen, seines Zeichens Dr. Olaf R. Spittel, und ich mit Datum vom 23.02.2013 unsere Zusammenarbeit beendet. Sämtliche fünf Publikationen, die in diesem Verlag erschienen sind, inklusive der Übersetzung, werden innerhalb der nächsten Woche vom Markt genommen und sind dann in der bisherigen Form nicht mehr lieferbar:

Wayand, Der Fall Conan Doyle,  978-3-940597-34-2
Wayand, Ich könnte weinen über Goethe,  978-3-940597-38-0
Wayand, Codename Blaue Blume,  978-3-940597-49-6
Wayand, Sünde, 978-3-940597-52-6
Wayand, Rosensieg,  978-3-940597-58-8
Übersetzung: Doyle, "Der Arzt vom Gaster Moor" in dem Band Doyle, Lord Barrymore, 978-3-940597-31-1

Damit verschwindet auch erst einmal das Stück "Rosensieg. Der Tod Old Shatterhands" vom Markt.

Eine Neuveröffentlichung meiner Stücke in einem anderen Verlag wird jedoch derzeit vorbereitet. Die Stücke werden in Sammelbänden zu je drei Stücken voraussichtlich ab Ende 2013 wieder lieferbar sein. Die Restbestände der alten Bücher werde ich demnächst aufkaufen. Sollte noch an einem der alten Bände Interesse bestehen, dann möge man sich bei mir melden. Ich stelle diese Bände gerne zur Verfügung, solange der Vorrat reicht. Ich bitte darum, die dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.

Der Grund für die Trennung war im eigentlichen die Art und Weise, wie Verlag und Verleger sich aufstellten, die Aufdeckung der Verträge als Knebelverträge und die damit verbundene Rückgewinnung sämtlicher Rechte an meinem geistigen Eigentum, sowie das von Spittel gewählte Druckverfahren über BoD (Book on Demand), welches mir den Stempel der Minderwertigkeit aufdrückte und mich in literarischen Kreisen als nicht ernstzunehmenden Dramatiker hinstellte. Außerdem waren meine Publikationen, gemessen an vergleichbaren Produkten, überteuert, was wiederum dazu führte, dass sie nicht gekauft wurden. Der Verlag sorgte darüber hinaus nicht für einen entsprechende Verbreitung in den Buchhandlungen, sondern beschränkte sich auf Onlinehändler wie libri.de (jetzt eBook.de) u.ä. Eine entsprechende Werbung war nicht flächendeckend vorhanden. 

Eine solche Rufschädigung konnte ich so nicht mehr hinnehmen. Der angerichtete Schaden erwies sich dann erst in voller Stärke in der zweiten Hälfte des letzten Jahres. Da der Verlag auch nicht bereit war, diesbezüglich etwas zu ändern, trennten wir uns jetzt in gegenseitigem Einvernehmen.

Jetzt gilt es, sich quasi völlig neu aufzustellen und dafür zu sorgen, dass die Arbeit der letzten Jahre nicht völlig umsonst war. Der erste Schritt hierzu ist getan.

Freitag, 22. Februar 2013

Von Feldwegen und Sommergästen - Peter Stamm in Mainz


Der Schweizer Journalist und Schriftsteller Peter Stamm (*1963 => Homepage), gehört wohl inzwischen zu den bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Roman "Agnes" (1998) und seine Erzählungen ("Blitzeis", 1999). Jetzt hat ihn die Stadt Mainz gemeinsam mit den Fernsehsendern ZDF und 3Sat zum Stadtschreiber des Jahres 2013 gemacht. Damit ist er der 29. Stadtschreiber seit Wiederbelebung dieses Amtes im Jahr 1984.
 

Gestern Abend nun fand seine Antrittslesung im Ratssaal des Mainzer Rathauses statt. Ein elegantes, sehr angemessenes Ambiente, wie ich fand. Ich war mit einer Bekannten hingefahren, um jenen Autor persönlich zu erleben und zu hören, den ich vor einigen Jahren durch die Empfehlung eines Literaturprofessors an der Universität Koblenz-Landau kennen gelernt hatte.

 
Es war ein Seminar über junge zeitgenössische deutschsprachige Autoren gewesen, und Stamm wurde damals in einer Reihe mit Judith Hermann (*1970 => Homepage), Daniel Kehlmann (*1975 => Homepage), Julia Franck (*1970 => Homepage) und Tanja Dückers (*1968 => Homepage) genannt und vorgestellt. In diesem Seminar lasen wir Auszüge aus dem oben erwähnten Erzählband "Blitzeis" (1999) und den Roman "Agnes" (1998).

 
Über Peter Stamm ist eine Menge geschrieben worden und weitaus renommiertere Kritiker als ich haben sich zu seinem Werk geäußert, man braucht eigentlich nur einmal einen Blick in die Zusammenstellung der Aussagen über ihn beim Perlentaucher zu werfen. Darin wird er sehr unterschiedlich beurteilt, von „scheinbar so einfachem“ Schreiben ist da die Rede, von „lakonischen Sätzen“, „unauffällig stimmungsvollen Szenen“, aber auch von „schwer verdaulich“, „nicht besonders anspruchsvoll“, „leichte Kost gegen die Langweile“, „zwar sprachlich ambitioniert“, „trivialisiertem Camus-Helden“, fehlender „Originalität und Spannung“, sowie „Rosamunde-Pilcher-Stories“. Allerdings wird ihm auch eine gewisse „erzählerische Selbstironie“ zugestanden.

 
Nun, solche Kritiken mögen wichtig für den aktuellen Literaturbetrieb sein – und sie waren es wohl schon in vorigen Jahrhunderten – man denke zum Beispiel an Eduard Hanslick (1825-1904) – und die Leute, die sie verfassen, mögen sich für wichtig halten, allerdings ist doch letztlich das Brot des Autors, des Schriftstellers seine Leserschaft und was diese von seinen Geschichten hält.
 
 
Ich jedenfalls habe mir angewöhnt, mir meine Meinung immer selbst zu machen. Wenn ich Kritiken lese, interessiert mich daran eigentlich immer nur, ob ich selbst sie bestätigt finde oder ob ich dazu eine völlig andere Meinung habe.
 
 
Betont lässig kam er rüber, der Peter Stamm! In einer einfachen beige-grünen Hose mit einem dünnen weißen Hemd, dessen Ärmel bis zum Unterarm hochgekrempelt waren und in dessen Brusttasche der obligatorische Kugelschreiber steckte, betrat er, die Hände in den Hosentaschen und die Jacke unter den linken Arm geklemmt, den Ratssaal, wo ihn eine Menge Menschen erwarteten und sogleich stürmten Anzugträger und Kameraleute auf ihn ein und umringten ihn. 


Die Sitze im Ratssaal sind kreisförmig angeordnet, so dass es keinen bevorzugten Sitzplatz gibt, gleich einer Arena, einer Manege, aber diese Anordnung erinnerte auch irgendwie an alte Hörsäle in noch älteren Universitäten, wo der Professor in der Mitte des Kreises stand und seine im Kreis um ihn herum positionierten Studenten lehrte. Und gleich einem solchen Professor setzte sich Stamm nach der offiziellen Begrüßung in die Mitte an einen kleinen Tisch, auf dem neben dem obligatorischen Glas Wasser eine Reihe von Mikrophonen standen. Zwei Bücher hatte er in den Händen, aus denen er jeweils eine Erzählung vorlas - „Geschichten“, wie er es nannte, ausgewählt hatte er die Texte wohl selbst.
 
 
Zum einen war es die Erzählung „In die Felder muss man gehen ...“ aus dem Erzählband „Wir fliegen. Erzählungen“ (2008) und zum anderen die Erzählung „Sommergäste“ aus dem Erzählband „Seerücken. Erzählungen“ (2011). Und unterschiedlicher konnten die beiden Texte nicht sein:
 

Die erste Erzählung, hochphilosophisch, als nachdenkliche Adresse formuliert, dass der Leser, bzw. in diesem Fall der Zuhörer, sich durch das ständige „du“ immer direkt angesprochen fühlte. Stamm entfaltete hier die Anatomie einer Künstler-Biographie, eines Lebens, welches, obwohl es ohne weiteres hätte ganz anders verlaufen können, doch genau so verlaufen musste, wie es verlief. Und – quasi im Vorbeigehen, so, wie man an einer Bildergalerie entlang schreitet, hier und da stehen bleibt, um eines der Bilder näher in Augenschein zu nehmen und an anderen Bilder zügig vorbeiläuft, aus irgendeinem unbestimmten Grund gerade diesem Werk kaum Beachtung schenkend – entfaltet Stamm die philosophische Sicht der Welt des Du's, welches ja auch man selbst sein könnte. Ein Text, der letztlich in der Banalität des Alltäglichen ankommt und dort langsam verebbt.
 
 
Die zweite Erzählung berichtet von einem als Arbeitsurlaub begonnenen Aufenthalt eines Mannes, der ein Referat über Maxim Gorki (1869-1936) überarbeiten möchte, und dazu Ruhe benötigt, in einem einsamen Hotel, in dem er der einzige Gast zu sein scheint. Das Hotel wirkt heruntergekommen, die einzige Person außer ihm ist eine Frau namens Anna, die als Wirtschafterin daherkommt, allerdings keinerlei Ambitionen zeigt, den Gast zu bewirten. Nichts funktioniert in diesem Hotel, weder Strom, noch Wasser, noch sonst irgendein Komfort – vom Essen einmal ganz zu schweigen. Trotz allem bleibt der Mann und richtet sich irgendwie ein, immerhin hat er für zwei Wochen bezahlt. Eine merkwürdige, fast schon surreal anmutende Beziehung entwickelt sich zwischen ihm und Anna, die in einer Berührung gipfelt, nach der sich schlagartig alles verändert. Anna verschwindet spurlos und als eines Morgens zwei Männer auftauchen und erklären, dass das Hotel schon lange geschlossen ist und man keine Frau namens Anna kenne, beginnt auch der Zuhörer sich zu fragen, ob Anna wirklich existiert hat, oder ob es sie überhaupt nicht gegeben hat und alles nur ein Traum war. "It was all a dream", um ein Zitat von Leonard Bernstein (1918-1990) zu bemühen, das könnte die Quintessenz dieses Textes sein, der mit einer gehörigen Portion stillem, dennoch aber sehr beißendem Humor daher kommt, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleiben will.


Es ist selten, dass ein Autor auch eine angenehme Vortragsstimme hat. Bei Stamm ist das allerdings so, eine sonore, warme, sehr wohlklingende und gut modulierende Stimme, mit einem kaum merklichen Schweizer Idiom, was doch für das Zuhören sehr angenehm ist, kurz: man hört ihm gerne zu und der Bann, der oftmals von seinen Texten ausgeht, jene Form von „Lese-Fessel“, die den Leser an seine Texte bindet, übermittelt sich erst recht im Vortrag dieses sympathischen Autoren, dem Selbstgefälligkeit, Starallüren oder jedwede Art von Arroganz oder Überheblichkeit völlig fremd zu sein scheinen.
 

Sympathisch auch der kurze Wortwechsel, als er mir mein Exemplar von Seerücken.Erzählungen signierte. Ich bedankte mich für den netten Mailwechsel, den ich vor einiger Zeit mit ihm geführt hatte, als ich mit meiner 10. Klasse seinen Roman „Agnes“ gelesen und besprochen hatte. Er erinnerte sich sogar daran. Dann bemerkte er, dass ich meinen Namen vorne ins Buch geschrieben hatte, und fragte, nachdem er augenzwinkernd festgestellt hatte, dass „da ja schon ein anderer hineingeschrieben hätte“, ob ich mir das „angemaßt“ habe, was ich natürlich lächelnd verneinte und weit von mir wies. Es sei eben meine Art, meine Bücher zu markieren. 
 

Was bleibt nun von einem solchen Abend? Unterm Strich eine ganze Menge, denke ich. Wenn man schon einmal die Gelegenheit bekommt, einen solch renommierten Gegenwartsautoren live zu erleben, dann sollte man das auch wahrnehmen. Und um Peter Braun (*1960) zu zitieren: „(..) und oft werden Bücher noch weit spannender durch das Wissen um die Lebensgeschichten derer, die sie schrieben.“



Einziger Wermutstropfen des Abends: Die Stadt Mainz schenkte Peter Stamm das „kleinste Buch der Welt“, ein Touristensouvenir, was jeder für kleines Geld käuflich in Mainz erwerben kann. Ein wenig peinlich für eine Stadt wie Mainz, wie ich finde, auch wenn das Preisgeld für den Stadtschreiber doch recht stattlich ist.

Denken Sie einmal darüber nach.



Dienstag, 12. Februar 2013

Benedikt XVI tritt zurück - Ein historisches Fanal

„In was für großartigen Zeiten wir leben“, um einmal eine Aussage von Sandra Bullock bei der Bambi-Verleihung im Jahr 2000 aufzugreifen, dass wir Ereignisse von solch historischer Tragweite erleben dürfen! Benedikt XVI, bürgerlich Joseph Ratzinger (*16.04.1927), Theologe von Weltruf und 2005 im Alter von 78 Jahren auf den Stuhl Petri berufen, hat gestern gegen Mittag seinen Rücktritt vom Papstamt erklärt. 
 
Eine unerhörte Begebenheit, ein Ereignis von historischer Tragweite! Seit dem Jahr 1294, als Coelestin V., der „Engelpapst“ von seinem Amt zurücktrat – im übrigen ein umstrittener Fall, wie ein Blick in die historischen Quellen belegt – geschieht dies zum ersten Mal, sieht man einmal von einer kleinen Anzahl offiziell nicht anerkannter Päpste im 15. Jahrhundert ab. Darf ein Papst überhaupt zurücktreten? (Quelle)
 
Doch was ist eigentlich das wirklich Bedeutsame an dieser Entscheidung? Allerorts ist von immensem Respekt die Rede, die man dem Papst für diese Entscheidung zollt. Doch warum eigentlich? Dazu muss man einen Blick in den Originalwortlaut seiner Erklärung werfen, aus der ich hier nur einige entscheidende Sätze zitieren will:

"(...) Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben. 
Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. 
Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.
Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, so dass ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird und von denen, in deren Zuständigkeit es fällt, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes zusammengerufen werden muss. (…)"
(Quelle)

Der Papst anerkennt die moderne Welt! Er setzt ein deutliches Signal, ja, ein Fanal dafür, dass auch die Kirche sich verändern muss, sich anpassen muss, und nicht mehr in althergebrachten, erstarrten Formen steckenbleiben darf. 
 
Sprach noch sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. davon, dass die Kirche gerade in ihrem Festhalten an den alten Formen, in ihrer Beständigkeit, ihrem Konservativismus, der sprichwörtliche Fels in der Brandung des stürmischen Meeres der Gegenwart sei, so zeigt Benedikt auf, dass es eben nicht die Ignoranz der modernen Welt und des modernen Menschen ist, die die Kirche aus der Krise holt, sondern ein Bekenntnis zum Menschsein, zur Fehlbarkeit, und das macht die eigentliche Weisheit, die eigentliche Großtat des Joseph Ratzinger aus, mit der er sich einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert haben dürfte. 
 
„Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen.“ Das ist der Kern des Rücktritts, die Erkenntnis, die sich in der Kirche manifestieren muss. Somit hat Benedikt uns den einzigen gangbaren Weg aufgezeigt, der in eine für uns alle sichere Zukunft führt. Wir sollten ihn gehen und nicht wieder in Altes, längst Überholtes, zurückverfallen.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Burton meets Tolstoi – Anna Karenina surreal

Ach, es ist das doch immer wieder eine wahre Krux mit diesen Literaturverfilmungen. Allein in dem Wort steckt schon ein Paradoxon: Literatur ist etwas zum Lesen, etwas, das während des Vorgangs des visuellen Erfassens, als welches ich das Lesen beschreiben möchte, in der Phantasie des Lesenden entsteht und mit der er sich sozusagen eine eigene Welt kreiert. Dieses Phänomen unterliegt keiner zeitlichen Einschränkung und es ist absolut subjektiv. Das einzelne Individuum erschafft sich eine jeweils einmalige Welt, die nicht kopierbar oder vergleichbar mit der Welt ist, die sich das nächste lesende Individuum erschafft.

Der Film als Medium ist etwas völlig anderes. Er unterliegt zeitlichen Beschränkungen, die eine gewisse Erzählgeschwindigkeit bedingen, was wiederum zu einer erzwungenen Selektion und Reduzierung der Handlung führt. Außerdem werden dem Zuschauer die Bilder der Vorstellungswelt einer Person aufoktroyiert. Es bleibt wenig Platz für die eigene Phantasie.

Bringt man nun beides zusammen, in dem man Literatur verfilmt, so darf man von vornherein einen Fehler nicht machen: man darf auf keinen Fall den Film mit dem Buch vergleichen! Tut man das, wird man immer in irgendeiner Art und Weise enttäuscht sein und eine Unmenge an Dingen finden, die nicht so umgesetzt wurden, dass man als Leser damit zufrieden ist. Denn kein Regisseur kann individuelle Vorstellungen toppen, die man sich beim Lesen selbst erzeugt. Das ist auch gar nicht die Absicht eines Regisseurs. Ebenso verhält es sich mit der Vollständigkeit eines umfangreichen Romans, der von dem, was alles erzählt werden müsste, wohl kaum in die bekannten Grenzen von 90 bis 120 Minuten zu pressen ist.

In diesem Fall geht es um Leo Tolstoi's (1828-1910) unglückliche Anna Karenina, und sogleich wird der geneigte Leser begreifen, warum diese ausführliche film- und literaturtheoretische Vorrede nötig war. Kurz zum Roman: Anna Karenina, das achtteilige Romanepos, entsteht zwischen den Jahren 1873 und 1878 mitten im sogenannten russischen Realismus, und wird 1887/88 erstmals veröffentlich. Tolstoi spiegelt unter Zuhilfenahme autobiographischer Erfahrungen die zaristische Gesellschaft der Mitte des 19. Jahrhunderts und zeigt die falsche und verlogene Moral in Sachen Liebe und Ehe auf. Ein monumentales Werk – ein Konglomerat an Themenfeldern.

Im letzten Jahr lief am 6. Dezember in Deutschland eine nagelneue britische Verfilmung an, die der Regisseur Joe Wright (*1972) mit den großartig agierenden Hauptdarstellern Keira Knightley, Jude Law und Aaron Taylor-Johnson auf die Leinwand gebracht hatte. Es ist meines Wissens nach die 13. Verfilmung seit 1914, und ich hatte sie mir gestern Abend im Rahmen der Reihe „Der besondere Film“ im Kino in Montabaur angesehen.

Ich muss sagen, ich war zunächst verwirrt, hatte ich doch nicht mit einer filmischen Liebeserklärung an die Arbeiten von Tim Burton gerechnet, die sich auf verblüffende Weise mit den Verfremdungseffekten eines brecht'schen Theaters mischte. Alles wirkte ziemlich surreal – eine surreale Verfilmung eines Realismus-Stoffes?

Wright legt den Film als großes Theaterstück an, als Bühnenstück, das durch die Kamera nur beobachtet, selten auch kommentiert wird. Dabei spielen alle Schauplätze irgendwie auf einer einzigen Bühne, die gedreht, gewendet, ausgeblendet, eingeblendet wird, was ein extrem hohes Erzähltempo provoziert. Der Zuschauer ist auch wirklich der Zuschauer des Geschehens. Die Figuren bewegen sich scheinbar wie selbstverständlich aus einer Kulisse in die nächste und überwinden so problemlos riesige Entfernungen. Aber bei allem Tempo hetzt Wright keineswegs durch die Handlung, nein, er 'seziert' und reduziert vor allem den Roman auf das Allernotwendigste, auf die pure Geschichte der Anna Karenina, auf die Gefühle, die sie bewegen, die sich immer mehr verdichten und in Form von Gewissensbissen, die durch die Reaktionen ihres Umfeldes und der sie umgebenden Gesellschaft verstärkt werden, und die sich letztlich wie eine Gewitterwolke drohend über ihr zusammenziehen und sie in den Selbstmord treiben. 

Wird diese Form der Darstellung der Figur gerecht? Das ist hier wohl die entscheidende Frage. Sind die komischen Momente der Eingangssequenzen, die zum Lachen reizen, das kaleidoskopartige aufgesetzte übertriebene Schauspiel der Statisten und Nebenrollen ein sinnvolles Mittel, um die zeitlose Botschaft, die zweifelsohne immer noch in Tolstoi's Roman steckt, zu transportieren?

Die Darstellung der Hauptrollen wird mit jeder Sekunde immer intensiver. Sind die Dialoge zu Beginn noch banal und sehr kurz, so wachsen Keira Knightley, Jude Law und Aaron Taylor-Johnson in ihrem Spiel immer weiter in eine hautnahe Charakterdarstellung hinein, die erst ihr wahres Können und ihre Meisterschaft zum Vorschein bringt.

Wahrlich keine leichte Kost also, der Schwere der Romanvorlage durchaus angemessen. Allerdings insgesamt auch sehr gewöhnungsbedürftig und mit einigen Längen versehen, was den Film in der Tat zu einem 'besonderen' Film werden lässt, dem ein zahlreicheres Publikum zu gönnen gewesen wäre. Aber es waren nur wenige, die sich das 'antaten' und die, die dort saßen, waren alle älteren Datums und entweder Literaturliebhaber oder solche, die sich von Berufs wegen damit befassen.

Denken Sie einmal darüber nach.