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Sonntag, 20. Januar 2013

Kirchenhierarchie - gottgewollt?

Und wieder einmal habe ich beim Aufräumen ein interessantes Relikt gefunden, was ich hier gerne posten möchte. Es handelt sich hier um einen Leserbrief, den ich im Mai 1994 schrieb. Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Ich hatte damals eine bereits langjährige Brieffreundin, mit der ich regelmäßig, manchmal bis zu zweimal die Woche, im ausführlichen Briefwechsel stand. Barbara, so hieß die Brieffreundin, wohnte in Eichstätt (Oberbayern) und ich hatte sie während eines Urlaubs in Ramsau (Berchtesgadener Land) kennen gelernt.

Barbara gestaltete damals die Jugendseite der salesianischen Zeitschrift LICHT. Und für einen ihrer Artikel dort schrieb ich den im Folgenden hier wiedergegebenen Leserbrief. Barbara und ihre Redaktion waren von dem Text so begeistert, dass sie mir damals anboten, ihn zu veröffentlichen. Ich habe das damals abgelehnt, wohl aus Angst, dass die dort geäußerten, für damalige Verhältnisse doch recht aggressiven und progressiven Einstellungen und Meinungen zur katholischen Kirche mir in meinem geplanten Theologiestudium Probleme bereiten würden.

Wenn ich den Text heute wieder lese, dann muss ich umwillkürlich schmunzeln über die Radikalität und Kompromisslosigkeit, mit der ich damals vorging und meine Meinung kundtat. Ich war gerade zweiundzwanzig und scheinbar ungeheuer von mir überzeugt. Nichtsdestotrotz denke ich, dass einige meiner damaligen Thesen heute wieder neu gelesen und interpretiert werden können, darüber hinaus ist es einfach ein interessantes Dokument, das meine Entwicklung und meinen Status damals gut wiederspiegelt. 

Ich habe die Orthographie und Zeichensetzung dem heutigen Gebrauch behutsam angepasst, ansonsten aber den Text in seinem ursprünglichen Wortlaut belassen und auch das von mir damals angefertigte Schaubild gescannt und mit eingefügt.

Viel Vergnügen also bei der Lektüre aus einer anderen Zeit.

Kirchenhierarchie – gottgewollt? 

Jesus und die Idee der Communio-Kirche 

Ein Leserbrief 
von 
Peter Wayand 
 
Die Ausgabe 3 (Mai/Juni 1994) der salesianischen Zeitschrift zur Lebens- und Glaubenshilfe LICHT brachte einen Artikel von Barbara Reichmeyer unter der Rubrik „Jugend meint“ mit dem Titel „Hierarchie in der Kirche – Ja oder Nein?“, der mich veranlasste, diesen Leserbrief zu schreiben.

Die christliche Religion kennt verschiedene Entwicklungsstufen ihrer Entstehung. Als Erstes war da Jesus Christus selbst, dann kamen seine Apostel, dann seine Jünger, die heimlichen und offiziellen Anhänger der Lehre Christi, die Urchristengemeinde, die mittelalterliche Christengemeinde, die aufgeklärte Christengemeinde und die mehr oder minder moderne Christengemeinde. Die ganze Entwicklung gleicht einem Baum mit vielen Ästen und Zweigen, dem Stamm Jesus Christus und der Wurzel Monotheismus (Judentum). Wir berufen uns, wenn wir uns auf die Bibel beziehen, auf die zwei unteren Abschnitte. Das Alte Testament kannte nur den den Glauben der Juden mit all seinen Weissagungen und Prophezeiungen („Damit die Schrift erfüllt sei ...“). Das Neue Testament, welches ja für uns Christen das eigentlich 'gültige' Grundlehrwerk ist, bezieht sich auf Jesus selbst und begründet seine Existenz auf die in ihm aufgezeichneten Äußerungen Christi. Seine Lehre war schon für seine Zeitgenossen schwer zu begreifen und zu verstehen. Er sprach viel in Gleichnissen, in Bildern und Metaphern. Er brach hemmungslos mit althergebrachten Konventionen und Gebräuchen, er stürzte ein ganzes Weltbild und erschütterte so diejenigen, die bisher den alten Bund befolgt und als den einzig wahren Dank ansahen, den man dem einen Gott immerhin schuldig war, angesichts der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Man hatte Gott gefürchtet ob seiner unaussprechlichen Macht, man hatte ja immerhin erlebt, wie er den Ägyptern, den Städten Sodom und Gomorrha usw. mitgespielt hatte. Man fürchtete ihn und seine Rache. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Man hatte den Lehrsatz nicht vergessen. Man hatte einfach Angst vor dem grausam sich rächenden und unerbittlich gerechten Gott. Und da kam dann einer wie Jesus, der von Liebe, von Verzeihung und Erbarmen sprach. Dieser Mann scharte Anhänger um sich. Einige wenige, unter ihnen Petrus, drangen besonders nah zu ihm vor. Er 'liebte' sie. Und den einen, den hob er vor allen anderen hervor:

„Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas! Denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist. Und so sage ich dir: Du bist Petrus, der Fels. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was immer du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,17-19)

Diese Stelle ist seit eh und je der Zankapfel in der Kirche schlechthin. An ihr scheiden sich die Geister. An ihr rechtfertigt der Papst sein Amt. An ihr rechtfertigt die evangelische Religionslehre die Behauptung, der Papst sei unrechtmäßig; Petrus sei der einzige 'Papst' gewesen, nach ihm dürfe sich keiner mehr dieses Amt anmaßen. Und doch, betrachtet man es genau, steht in dieser Stelle kein Wort über ein künftiges Papsttum. Hier geht es um das Fundament, um das Felsenfundament, auf dem die Kirche Christi Wind und Stürmen des Lebens und des Schicksals trotzen soll. Ich denke, wenn man einen Bibelbeweis für die hierarchische Ordnung der Kirche heranziehen will, ist diese Stelle denkbar ungeeignet. Eine Stelle, die sich meiner Meinung nach wesentlich besser hierfür eignen würde, ist folgende:

„Nach dem Frühmahl sprach Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Da sprach er zu ihm: Weide meine Lämmer. Er fragte ihn abermals: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Und er sprach zu ihm: Weide meine Lämmer. Er fragte ihn zum dritten Mal: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da ward Petrus traurig, weil er ihn zum dritten Mal fragte: Liebst du mich? und er antwortete: Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sprach zu ihm: Weide meine Schafe.“ (Jo 21, 15-17)

Aus dieser Stelle heraus ist schon eher eine Bestätigung für das Oberhirtenamt herauszulesen. Die Eindringlichkeit der dreimaligen Frage, womit Petrus sein dreimaliges Verleugnen nach der Festnahme Christi sühnen soll, ist eigentlich rhetorischer Natur. Die ebenfalls gleich darauffolgende Antwort ist zweifelsfrei eine Erhöhung des Petrus, die Verleihung eines Status', der ihn zum Oberhaupt über alle Christen macht. Aber ist aus dieser Tatsache schon die Berechtigung für eine pyramidale Hierarchieordnung mit dem Papst als Spitze abzuleiten? Die von Jesus Christus in seiner Urchristengemeinde vorgesehene Ordnung ist die Idee der auf einer von Gemeinde und Gemeinschaftlichkeit geprägten Ordnung in Form eines Kreises mit Christus als Mitte. Stellen wir also einmal die beiden Ordnungen einander gegenüber:

Die momentan existente pyramidale Form ist eine über den Zeitraum von zirka zweitausend Jahren gewachsene. Diese, sehr stark an die Form der mittelalterlichen Ständegesellschaft erinnernde Darstellung hat so gar nichts mehr mit jener Form gemein, die die Urchristengemeinde noch kannte. Christus als das Zentrum. Die Gemeinde um ihn herum. Denn wie heißt es am Ende des Evangeliums nach Matthäus:

„Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht euch alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie alles halten lehrt, was ich euch geboten habe. Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Mt 28,18-20)
Damit ist zwar einerseits eine Art Befehl ausgesprochen, andererseits aber kein Hinweis auf einer hierarchische Ordnung gegeben. Ich möchte jetzt nicht noch zusätzlich auf die Möglichkeiten eingehen, die der Stille-Post-Effekt bei der mündlichen Überlieferung des Neuen Testaments (30-50 n. Chr.) gespielt haben wird, mal ganz abgesehen davon, dass die schriftliche Überlieferung (50-100 n. Chr.) durch die drei Synoptiker und Johannes in ihrer Eigenschaft als literarische Werke ihrer Zeit gewiss einige Ungereimtheiten, Übertreibungen und Erfindungen seitens ihrer Schöpfer erfahren haben. Fest steht jedenfalls, dass die kirchliche Ordnung, wie sie zur Zeit besteht, keinesfalls von Christus gewollt war. Die momentane Ordnung ist ein von Menschen erdachtes und geplantes System zum Zwecke der möglichst uneingeschränkten Machtausübung. Sie stammt aus einer Zeit, da die Mächtigen dieser Welt noch als einzig wahre Regierungsmöglichkeit die Monarchie „von Gottes Gnaden“ ansahen. Es gab noch keine Trennung von Kirche und Staat. Die Kirche, die seinerzeit noch stark in die politischen Geschehnisse eingriff, ja zum Teil sogar bestimmte, was die einzelnen Herrscher zu tun und zu lassen hatten, war eine sehr weltliche Angelegenheit, deren Mitglieder sich nur selten an ihre eigenen Glaubens- bzw. eventuell sogar Ordensvorschriften hielten. Den Menschen bot die Kirche die einzige Aussicht auf Besserung ihrer Armut und Standesdünkel, indem sie sie auf das Jenseits vertröstete. Im Diesseits wurden die Menschen aber ausgenutzt und mit Strafen belegt, falls sie einmal anfangen sollten, ihren Verstand zu benutzen.

Das Zeitalter der Aufklärung brachte zwar neue Ideen, Kant sprach von „dem Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, konnte sich aber lange nicht durchsetzen. Der Klimax dieser Ideen in die Praxis umgesetzt bedeutete Revolution. Und die kam ja auch. Im Jahr 1789 brach in Frankreich eine Revolution los, die das Aufbäumen des Menschen gegen Unterdrückung und Monarchie schlechthin symbolisierte. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hieß die Devise. Doch die weitere Entwicklung der Geschehnisse zeigt, dass das blutige Opfer zunächst nichts einbrachte. Mit Napoleon trat ein neuer Monarch auf den Plan, der sich sogar zum Kaiser aller Franzosen ausrufen ließ und so die Idee der Demokratie auf das Schmählichste verriet. Nachdem der Versuch, den Machtbereich weiter auszudehnen, im Jahre 1812 gescheitert war, wurde das Voranschreiten der aufklärerischen Tendenz auf dem Wiener Kongress endgültig eingedemmt. Es ging wieder um handfeste machtpolitische Interessen von mehr oder minder Einzelpersonen und nicht um die Wünsche und Vorstellungen der voller Hoffnung nach Wien blickenden Völker.

In einer solchen Zeit war es nur verständlich, dass auch die Kirche eine ähnliche Organisation für sinnvoll hielt. Und damit die Gläubigen das auch einsahen, musste man es geschickt mit Bibelstellen belegen, um es für rechtmäßig oder 'gottgewollt' hinzustellen. Aber heute? –

Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen haben sich geändert, die Regierungen haben sich geändert, die Weltbilder haben sich geändert – die Kirche hat sich NICHT geändert. Alles hat sie einander irgendwie angepasst, hat Kompromisse gebildet, wie sie in einer Gemeinschaft unerlässlich für das tägliche Miteinander sind. Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Kirche um der Menschen willen, die noch an einen Gott glauben, ihre Jenseitsausrichtung in eine Diesseitsausrichtung verwandelt und sich wieder mehr zu der ursprünglich von Jesus Christus geforderten Communio-Idee bekennt. Jesus Christus steht im Mittelpunkt und kein Papst oder Bischof. Es ist also kein 'Auflösen' der Kirchenhierarchie nötig, sondern einfach nur ein Umdenken derer, die diese Hierarchie bilden. Wenn sich die Kirchenoberhäupter wieder mehr auf ihre Hirtenaufgabe besinnen, statt auf das weltliche Herrschen und Konkurrieren um Taufscheine und Mitglieder, dann kann die Kirche sich auch bestimmt wieder steigernder Beliebtheit freuen. Nicht das Beharren in althergebrachten längst als überkommen und falsch entlarvten Moralvorstellungen (z.B.: Verhütung, Sexualität in der Kirche allgemein), sondern das Öffnen und Offensein für neue Ideen und Weltanschauungen und das Fallenlassen des Unfehlbarkeitsanspruches wird die Jugend beeindrucken. Menschen können nicht und werden nie unfehlbar sein. Und der Papst ist ja auch nur ein Mensch, oder? Ebenso ist die Öffnung und die Gleichbehandlung gegenüber den Frauen, sowohl als Inhaberinnen geistlich-klerikaler Ämter, als auch als Ehefrauen von Priestern ein immens wichtiger Schritt. So könnte man die Sinnhaftigkeit des Zölibats durch Mt. 19, 10-12 anzweifeln. Ein möglicher Kompromiss wäre doch, es den Priestern freizustellen, ob sie heiraten dürfen oder nicht.

In diesem Sinne ist es nun an der Kirche, wie ihre Zukunft aussehen wird. Sie trägt die Verantwortung für sich selbst. Sie kann ihr Problem selbst lösen – wenn sie auf Christus Jesus hört.

„Wer es fassen kann, der fasse es.“ (Mt. 19,12)

Dernbach, im Mai 1994

Peter Wayand

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