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Montag, 25. November 2013

Insider-Märchen. Heide Simonis las in Höhr-Grenzhausen



Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, in den Abendstunden des 23. Novembers 2013 im renommierten Hotel Heinz in Höhr-Grenzhausen, was man durchaus mit einem Märchenschloss vergleichen kann. Die ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein, Heide Simonis (*1943, => Homepage), machte einen Zwischenstopp auf ihrer Lesereise mit dem evangelisch-lutherischen Verlagshaus, um auch im Westerwald aus ihrem Werk „Alles Märchen! Insider packen aus“ vorzulesen. Zu dieser Lesung hatten die Inhaber der Buchhandlung meinBUCHHAUS aus Höhr-Grenzhausen und Wirges, Marietta und Winfried Glöckner, eingeladen, die damit ihre bisherige Reihe von Autoren-Lesungen im Westerwald erfolgreich fortsetzten.




So exquisit wie der Veranstaltungsort, die Orangerie im Heinz, erwies sich auch das ungefähr sechzig Personen zählende Auditorium: es waren unter anderem einige bekannte Namen der lokalen politischen Bühne dabei und sogar eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hatte sich ins Heinz verirrt, wohl in der irrigen Annahme, eine Märchenstunde für Kinder zu besuchen.





Wenn eine Politikerin Märchen schreibt, oder besser, bekannte Märchen der Gebrüder Grimm neu fasst, dann wird es mitunter immer gewisse Schelme geben, die Böses dabei denken. Simonis' Märchenfassungen sind gegen den Strich gebürstet, teils in sehr moderner, teils in einer im Duktus der Alten belassenen Sprache, die, sehr sarkastisch und teilweise schon zynisch daherkommt. Aus eher ungewohntem Blickwinkel werden die bekannten Geschehnisse neu erzählt. Es kommen die Märchenfiguren selbst zu Wort; sie teilen dem Leser respektive dem Zuhörer in einer Art innerem Monolog oder auch Bewusstseinsstrom ihre intimsten und geheimsten Gedanken mit, die diesen dann doch sehr überraschen. Nebenbei bemerkt wäre das ein wunderbarer Stoff für einer Dramatisierung auf der Bühne oder der Leinwand. Fünfzehn Märchen werden auf diese Art und Weise neu entdeckt, gelesen und schließlich auch ausgedeutet, darunter bekannte Klassiker wie Dornröschen, Aschenputtel, Schneewitchen und natürlich der Froschkönig.




Dabei bleibt sich die Autorin in ihrer persönlichen Auffassung, dass man sich nur in dem Bereich bewegen solle, in dem man sich gut auskennt, absolut treu: Im Märchen, so ihre Überzeugung, erkenne man einerseits, was eine Gesellschaft schätze, wie sie leben wolle, wie sie ihre Kinder erziehen wolle, was wichtig für sie sei. Andererseits könne man im Märchen Dinge zum Ausdruck bringen, die man sonst nirgendwo so ausdrücken könne. Man könne zum Beispiel die bösen Gedanken, die man über die böse Stiefmutter hat, die man umbringen möchte, haben, ohne dass man dafür bestraft werde. Märchen seien, so Simonis weiter, obendrein noch unterhaltsam und das alles zusammen mache doch schon klar: man braucht Märchen im Leben. 




Märchen seien darüber hinaus sehr politisch und ein Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Märchen seien aber auch ein Spiegel dessen, was Menschen machen, um an Geld zu kommen, wie beispielsweise diese Knaben, die das Dornröschen wach küssen wollten. Märchen seien weiterhin eine Leitschnur für Erwachsene, die Kinder erziehen wollen, und für Kinder, die ihren Eltern folgen wollen. Die Gebrüder Grimm hätten gesagt: „Die Märchen sind zur Erziehung der Kinder da.“ Viele wollten das nicht wahrhaben, aber es sei so. Das könne man, wenn man wolle, dort nachlesen.




Der Erzählstil der Märchen zeichnet sich vor allem durch eine besondere Form des schwarzen Humors aus, die die volle Palette der rhetorischen Mittel auszuschöpfen scheint. Simonis verfremdet das bekannte vorliegende Material und gibt den Märchen eine andere Deutung, wozu Sie auch eine deutlich andere Sprache und einen deutlich anderen Ton benutzt, was ihr, nach eigener Aussage komischerweise gar nicht schwergefallen sei. Sie habe das auch nicht als Sakrileg betrachtet. Ihr Mann habe Sie zwar davor gewarnt, dass diese Märchen Ärger provozieren könnten, aber das habe es bis jetzt noch mit niemandem.




Von einem kurzweiligen Abend zu sprechen, wäre genauso falsch, wie von einem langatmigen oder langweiligen Abend. Den knapp zwei Stunden Veranstaltungsdauer hätte ein wenig mehr Publikumsbeteiligung in den Möglichkeiten zu Fragen nach jedem Märchen gutgetan. Aber das Auditorium hielt sich seltsam bedeckt. Es sparte zwar nicht an Applaus, dennoch wagte niemand, eine Diskussion zu einem der Märchen anzuregen, geschweige denn, eine gescheite Nachfrage zu stellen. Schade eigentlich, denn das reine Vorlesen mit immer gleichem Erzählstil wird nach einer gewissen Zeit dahingehend langweilig, dass man sich auf die sprachliche und inhaltliche Parodie eingestellt hat und einfach nichts Neues, nicht Überraschendes mehr folgen will. Da hätte eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Märchentexten gutgetan. 



Abschließend sei noch auf eine eher unschöne Sache eingegangen, nämlich den Preis des Buches. Das Buch ist als gebundenes Exemplar zwar sehr schön aufgemacht, die Karikaturen von Steffen Butz (*1964) allein sind schon ein richtiger Hingucker, allerdings wirkt der Preis von stolzen 24,95 Euro doch recht überzogen für knappe 160 Seiten und wird wohl eine Menge potentieller Käufer vom Erwerb dieses Buchs abhalten, was die neugestalteten Märchen eigentlich nicht verdient haben. Und noch eine letzte Warnung: „Alles Märchen! Insider packen aus“ ist kein Kinderbuch und auch keinesfalls ein Märchenbuch für Kinder, wohl eher für nostalgische Erwachsene, deren Gehirne das Denken und das kritische Auseinandersetzen mit dem Zeitgeist und der sie umgebenden Gesellschaft noch nicht verlernt haben.





Sonntag, 24. November 2013

„Märchen sind politisch!“ – Heide Simonis im Interview mit Peter Wayand


Das im Folgenden wiedergegebene Interview mit Heide Simonis wurde am 23.11.2013 im Hotel Heinz in Höhr-Grenzhausen anlässlich ihrer Lesung aus ihrem neuen Buch „Alles Märchen! Insider packen aus“ mündlich im Anschluss an die Lesung geführt. Zu dieser Lesung eingeladen hatte die Buchhandlung meinBUCHHAUS aus Höhr-Grenzhausen und Wirges

Wayand: 

Sehr geehrte Frau Simonis, zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit nehmen, um mit mir hier dieses kurze Interview zu führen. Meine erste Frage lautet schlicht und ergreifend: Warum Märchen? Warum keine Fabeln oder andere literarische Gattungen? 

Simonis:

Ich glaube, im Märchen erkennt man einerseits, was eine Gesellschaft schätzt, wie sie leben will, wie sie ihre Kinder erziehen will, was wichtig für sie ist. Andererseits kann man im Märchen Sachen ausdrücken, die man sonst nirgendwo so ausdrücken kann, und da kann man die bösen Gedanken, die man hat – über die Stiefmutter, die man umbringen möchte – haben, ohne dass man dafür bestraft wird. Märchen sind obendrein noch unterhaltsam und das alles zusammen macht doch schon klar: man braucht Märchen im Leben. 

Wayand: 

Sie haben sich in Ihrem Buch auf die Märchen der Gebrüder Grimm bezogen. Würden Sie auch andere Märchen von anderen „Anbietern“ favorisieren, von denen Sie sagen, dass man da etwas Ähnliches daraus machen könnte? 

Simonis: 

Das ist nicht ganz einfach. „Die kleine Meerjungfrau“ ist ja ein bezauberndes Märchen, aber auch nicht zu vergleichen mit Märchen, die wir haben, und noch schwieriger wird es mit asiatischen und afrikanischen Märchen, wo ja Geister und böse Trolle und was weiß ich alles auftreten. Ich denke, man sollte sich am besten immer in dem Bereich bewegen, in dem man sich am besten auskennt, denn da kann man ja aus dem Rahmen des Märchens herausspringen, wohin man springen will, aber wenn man sich damit gar nicht auskennt, dann wird das schwierig. Ich sage immer als Beispiel: Wer Harakiri nicht gut findet, der kann auch schlecht über Harakiri reden! Und damit kann er auch schlecht oder schwer über andere Sachen reden. 

Wayand:

Ja, jetzt die Frage, die natürlich jedem auf der Seele brennt: Wenn ein Politiker Märchen schreibt, oder, man darf ja sagen, Märchen neu fasst, dann fragt natürlich jeder: Sind Märchen politisch? Steckt da ein doppelter Boden drin? 

Simonis:

Märchen sind politisch. Märchen sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Märchen sind aber auch ein Spiegel dessen, was Menschen machen, um an Geld zu kommen, z.B. diese Knaben, die das Dornröschen wachküssen wollen, und Märchen sind eine Leitschnur für Erwachsene, die Kinder erziehen wollen, und für Kinder, die ihren Eltern folgen wollen. Die Gebrüder Grimm haben gesagt: „Die Märchen sind zur Erziehung der Kinder da.“ Viele wollen das nicht wahrhaben, aber es ist so. Das kann man, wenn man will, dort nachlesen.

Wayand:

Jetzt könnte man ja böserweise, wenn Sie von Erziehung sprechen, die Frage stellen, ob Sie einen Zusammenhang sehen zwischen den Märchen und der sozialdemokratischen Schulpolitik zuzeit, wobei das jetzt eher rhetorisch gemeint war.

Simonis:

Das müsste man wohl mühsam aus- und dann zusammenarbeiten, nein, da würde ich heute Abend passen.

Wayand:

Ihre Texte strotzen nur so vor Ironie, Sarkasmus, ja, teilweise auch schon Zynismus. Wie wichtig ist Ihnen das? Humor in dem Sinne, dass man doch mehr diese rhetorischen Stilmittel zuhilfe nimmt, um die Märchen auszuloten?

Simonis:

Wenn ich das nicht machen würde, würde ich ja wieder die ursprünglichen Märchen erzählen. Ich muss ja aus dem uns bekannten vorliegenden Material heraus verfremden um neu aufzuschreiben, und wenn Sie dem Märchen eine andere Deutung geben wollen, brauchen Sie auch deutlich eine andere Sprache und deutlich einen anderen Ton und das ist mir komischerweise gar nicht schwergefallen. Ich hab das auch nicht betrachtet als ein – sagen wir mal so – Sakrileg oder so, sondern, das muss man akzeptieren, wenn man ein anderes Märchen schreibt. Das Komische dabei ist – mein Mann hatte mir gesagt: „Sei vorsichtig, das könnte Krach geben!“ – und das hat es bis jetzt noch mit niemandem.

Wayand:

Gut. Nun meine letzte Frage: Wird es eine Fortsetzung geben, einen zweiten Band, z.B. in Form von japanischen oder afrikanischen Märchen, die Ihnen ja liegen und nahe sind?

Simonis:

Ich werde jetzt erst einmal meinen Krimi zuende schreiben, mit dem ich angefangen habe. Der liegt da herum und das muss weg. Und dann sehen wir weiter.

Wayand:

Frau Simonis, ich bedanke mich für das Gespräch und die mir geopferte Zeit.

Dienstag, 29. Oktober 2013

CFP: Sammelband/Streitschrift mit Beiträgen von Autoren, Lektoren und Wissenschaftlern


Call For Paper - Call For Participation

Titel: 
Belanglose Ästhetik – Ästhetik des Belanglosen – Belanglosigkeit der Ästhetik

Untertitel: 
Autoren, Lektoren und Wissenschaftler über das moderne Erzählen oder 
eine Bestandaufnahme der Gegenwartsliteratur 

Leitgedanke: 
Haben moderne Autoren wie Kehlmann, Stamm, Hermann, Franck oder Timm noch etwas zu sagen? Oder driften ihre Inhalte in die Belanglosigkeit ab?


Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit jungen, deutschsprachigen Autoren. Mein Interesse gilt vor allem Daniel Kehlmann, Peter Stamm, Judith Hermann und Julia Franck. Aber auch Juli Zeh, Uwe Timm, Tanja Dückers, Ferdinand von Schirach u.a. könnten in den Mittelpunkt einer Untersuchung rücken, die nach dem fragt, was heutzutage moderne junge deutschsprachige Autoren in ihren Texten noch wirklich zu sagen haben. Welche Botschaften möchten sie mit ihrer Literatur vermitteln? Dabei ist streng zwischen dem Äußeren, der Aufmachung, dem Schreibstil, der oft entweder gefällig und angenehm oder hochgradig anspruchsvoll und verwirrend ist, und dem Inhalt zu unterscheiden, denn die Inhalte driften meines Erachtens in den letzten Jahren immer mehr in Belangloses ab. Es wird über derart Profanes geschrieben, allerdings auf einem sehr hohen Niveau und durchaus ästhetisch, dass das einfach auffallen muss. Ist dies eine neue Richtung der Literatur, eine „belanglose Ästhetik gewissermaßen? Ist es ein philosophisches Phänomen, dass dort unterschwellig zu Tage treten will und das man mit einer „Ästhetik des Belanglosen“ überschreiben könnte? Oder führt die Ästhetik sich selbst als belanglos ad absurdum; müssen wir eine „Belanglosigkeit der Ästhetik“ für unsere Zeit beschreiben?

Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, sollen drei Berufsgruppen in diesem Sammelband zu Wort kommen und ihre jeweilige Position vertreten dürfen. Es sind dies erstens natürlich die Autoren der Texte selbst, die damit eine Möglichkeit zur Selbstreflexion und Erklärung des eigenen Schaffens erhalten. Zweitens sollen aber auch hier einmal die Verlagslektoren zu Wort kommen, die in der Regel ein neues Werk eine gewisse Wegstrecke über betreuen und auch darüber entscheiden, warum gerade dieser Text und nicht ein anderer veröffentlicht wird. Welches sind deren Kriterien, und welche Anforderungen stellen sie an moderne Literatur? Drittens und letztens sollen natürlich auch die Wissenschaftler zu Wort kommen – vorwiegend natürlich Literaturwissenschaftler, aber auch alle anderen Disziplinen, die sich berufen fühlen, sind herzlich eingeladen –, die sich mit dem Endprodukt, sobald es auf dem Markt ist, auseinanderzusetzen haben. Eventuell sollten einige (kritische) Leserstimmen den Band abrunden.

Geplant sind Beiträge zu folgenden Themengebieten (Ergänzungen sind immer möglich):

Verlag: 
Einen Verlag, der den Sammelband/die Streitschrift herausbringen soll, habe ich bisher nicht gefunden. Aber ich befinde mich derzeit noch in der Planungsphase.
 
Sponsoren:
Sponsoren sind ebenfalls noch keine vorhanden, hier wäre ich für Hinweise und entsprechende Anregungen ebenfalls sehr dankbar. Ausschließen möchte ich aber ausdrücklich eine Buchproduktion über BoD, im Selbstverlag oder auf sonstige unseriöse Art und Weise.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Kongress-Nachlese: Nachtrag - Bild & Ton

Nachdem nun mein fünfteiliger Bericht hier auf meinem Blog so gut angekommen ist, möchte ich mich zunächst bei allen treuen Leserinnen und Lesern für das rege Interesse bedanken, das meiner Arbeit zuteil wird und wurde.

Ebenso sei an dieser Stelle auch meinem Assistenten Timur Kara (Frankfurt/Main) herzlichst für seine uneigennützige und zuverlässige Arbeit gedankt, er hat das toll gemacht, auch wenn ich ihn ins kalte Wasser werfen musste.

Ich möchte nun auch alle Mitschnitte zugänglich machen. Die Tondokumente sind fertig geschnitten, und können hier im mp3-Format gedownloaded werden. Ebenso möchte ich bei den Filmdokumenten verfahren und bitte im Vorhinein schon um Nachsicht, wenn ich diese erst nach und nach hier aktualisieren kann, da der Schnitt teilweise doch sehr aufwendig ist und ich die Zeit nicht immer habe.

Natürlich werde ich hier nur die offiziellen Vorträge usw. anbieten, keine Vereinsinterna. Ich bitte um Verständnis.

Herzlichst,

Peter Wayand

Abteilung I: Tonmitschnitte


Abteilung II: Filmmitschnitte


Samstag, 12. Oktober 2013

Kongress-Nachlese: Teil 5 - Der dritte & letzte Tag



Tag 3

Der letzte Konferenztag war der Sonntag, der Tag des Herrn gewissermaßen. Man hatte nur noch den Vormittag eingeplant. Gegen ein Uhr am Nachmittag sollte der Kongress mit einem Rundgang zu den Karl-May-Stätten in Radebeul zu Ende geführt werden.



 Doch zunächst standen noch zwei Referenten auf dem Programm, die diesen ganz besonderen Platz am Sonntagmorgen für ihre Vorträge bekommen hatten, die wohl mit Fug und Recht zu den Titanen der May-Forschung zu zählen sind.




Den ersten Vortrag hielt Prof. Dr. Helmut Schmiedt. Schmiedt, den stellvertretenden Vorsitzenden der KMG, muss man eigentlich nicht eigens vorstellen. Er gilt wohl als einer der profiliertesten und profundesten May-Forscher der neueren Zeit. Er veröffentlichte seit seiner 1979 erschienenen May-Dissertation Karl May: Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers zahlreiche Arbeiten über Karl May, und erfuhr mit seiner 2011 im Beck Verlag publizierten Biographie Karl May oder die Macht der Phantasie eine zurecht große mediale Beachtung. Als Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landy Abteilung Koblenz widmet sich Helmut Schmiedt immer wieder mit kritischem philologischem Blick Karl May betrachtet dabei den Erfolgsschriftsteller literarhistorisch. Sein Kongressbeitrag zum Thema „Von männlichen Tanten und seehundartigen Bayern. Groteske Figurenbeschreibungen in Thomas Manns 'Buddenbrooks' und Karl Mays 'Der Schatz im Silbersee'“ setzte seine verdienstvollen Maystudien fort.









Schmiedt begann mit einigen ganz und gar unliteraturwissenschaftlichen und ungermanistischen Bemerkungen, wie er es nannte, und kehrte damit indirekt zu Hagen Schäfers Vortrag vom Freitag zurück, was in gewisser Weise den Kreis wieder schloss und das meiner Meinung nach und weiter oben bereits ausgeführte Thema noch einmal aufgriff und vertiefte: „Zu den unstrittig wichtigsten Tugenden in unserem sozialen Alltagsleben gehört es sicherlich, dass wir uns um das Wohlergehen der jüngeren Generationen kümmern. Anständige Menschen tragen stets Sorge dafür, dass ihre Kinder und Kindeskinder materiell, geistig und in emotionaler Hinsicht unter optimalen Bedingungen aufwachsen, dass Schaden von ihnen ferngehalten wird, und dass sie, soweit sich das von den Älteren beeinflussen lässt, nicht in schlechte Gesellschaft geraten. Und da frage ich Sie nun im Blick auf das Thema meines Vortrags und ohne Rücksicht auf die political correctness ganz direkt: Würden Sie Ihren minderjährigen Sohn für längere Zeit einem Transvestiten anvertrauen? - Hielten Sie es für angemessen, wenn Ihr Kind eine strapaziöse und wohl gar gefährliche Reise von unabsehbarer Dauer an der Seite eines Mannes durchführt, der sich öffentlich in einem sleeping gown, einem Nachtgewand für Frauen, durch die Welt bewegt, der überhaupt in jeder Hinsicht lächerlich wirkt, der mit einer hohen Fistelstimme spricht, seine Ausführungen in regelmäßigen Abständen mit einer albernen Floskel würzt und sich seiner Muttersprache nur in einem so zugespitzten Dialekt bedient, dass Menschen aus anderen Regionen ihn manchmal kaum verstehen?“
 



















 
Wie der Titel schon vermuten lässt, verglich Schmiedt im Folgenden verschiedene Figuren aus Thomas Manns Zeitroman „Die Buddenbrooks“ und Karl Mays Raumroman „Der Schatz im Silbersee“ unter anderem die gute alte Tante Droll und Herrn Permaneder, und stellte so den Chronotopos der Jahrhundertwende in zwei Büchern auf sehr humorvolle und unterhaltende Art und Weise dar.




















Der zweite Redner des Vormittags, der gleichzeitig auch der letzte Vortragende des Kongresses war, zählt ebenfalls zu den langjährigen, überaus produktiven, verdienstvollen und geschätzten May-Forschern der Gegenwart. Prof. Dr. Christoph F. Lorenz publizierte zahlreiche Arbeiten über Karl May und gab auch viele Textsammlungen über May heraus. Bis zu seiner Emeritierung im Wintersemester 2012/2013 war Christoph F. Lorenz als Professor für systematische und historische Musikwissenschaft an der Universität Düsseldorf tätig.








Sein Vortrag mit dem Titel „Geistermühle und Prägestock – Karl May und Thomas Edward Lawrence auf dem Weg zur Läuterung“ brachte den Kongress in Mays zweite Heimat, den Orient, zurück, wenngleich er auch Mays erdachtes und erfundenes Orientbild mit der Realität eines Lawrence of Arabia verknüpfte und verglich. Lorenz würzte seinen Vortrag mit allerlei besonderen Schmankerln und Bonbons, für die stellvertretend nur der Schluss seines Vortrags stehen soll, denn diese Art der Formulierung und der Heiterkeit durchzog seine ganzen Ausführungen: „So, jetzt hab ich genug gesprochen. Wenn Sie Sitara suchen wollen, nehmen Sie The Hitchhiker's Guide To The Galaxy und gucken Sie nach, dort wird sicher auch der Weg dahin beschrieben, nur Vorsicht in Alpha Centauri, da gibt’s mit dem Umsteigen Probleme.“





 


Fazit

Wenn man ein solches Event zum ersten Mal besucht – man erinnere sich an meinen Anfang: „Mein erster Kongress!“ –, aber auch, wenn man ein alter Hase in solchen Dingen ist, so ist die Frage, die sich einem hinterher immer abschließend stellt, diesselbe: Und was hat mir das Ganze jetzt gebracht? Oder, um es von der eigenen Person wegzubringen: Was hat es generell für einen Sinn gehabt? Und diese Frage muss man hier eindeutig mit einem Wort beantworten: Viel! Sehr viel, um gleich den Superlativ zu nutzen! Viel zunächst einmal im Sinne von Eindrücken, die ich sammeln konnte, und derer übervoll ich zurückkam. Viel im Sinne von wertvollen und erhellenden Begegnungen, die ich sehr genoss. Viel im Sinne von guten Gesprächen mit ganz alltäglichen aber auch ganz und gar unalltäglichen Menschen. Viel im Sinne des Erwerbs eines Zusammengehörigkeitsgefühls, ähnlich dem in einer großen Familie, wo man sich auch trefflich streiten kann, wo man aber niemals die Sonne über einem Streit untergehen lässt. Viel im Sinne von Versöhnung und Zusammenarbeit. Viel im Sinne von Einblicken in Verlags- bzw. Verlegertätigkeiten, den Buchhandel und den Ablauf großer Veranstaltungen. Viel im Sinne von … ach, ich könnte hier noch so VIEL aufschreiben und aufführen, doch will ich es damit erst einmal bewenden lassen.






Und um abschließend die Frage zu beantworten, die vielleicht dem ein oder anderen auf der Seele brennt, warum ich nicht näher auf den Inhalt der Vorträge eingegangen bin, so weise ich hier nur darauf hin, dass es in absehbarer Zeit ein Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft geben wird, worin die Vorträge wohl als Aufsätze nachzulesen sein werden, oder, falls dem nicht so ist, vielleicht plant die KMG ja sogar eine gedruckte Nachlese des Kongresses? Lassen wir uns überraschen. Für hier und jetzt bleibt mir nur, mich bei meinen treuen Leserinnen und Lesern zu bedanken, dass sie mir – wieder einmal – bis hierher durch fünf Teile hindurch gefolgt sind und so ein wenig vom Flair dessen miterleben konnten, dass ich das große Glück hatte, erleben, filmen, fotografieren und dokumentieren zu dürfen.




Eines Künstlers Leben
(- Symposion -)

Vom Fuße des Erzgebirges in die Welt,
In Weberverhältnissen wundervoll arm,
Zu Füßen der Großmutter nur war es warm,
Die eigene Phantasie macht' ihn zum Held.

Als Lehrer gescheitert und arg diffamiert,
Als Räuber und Schwindler verzweifelt berühmt,
Aus profaner Zelle heraus unverblümt,
Hat er sich vor aller Welt grausam blamiert.

Doch dann schlägt Old Shatterhands Faust schon zurück!
Die Gegner bald fallen wie nasse Säcke!
Doch bald schon es wendet sich des Helden Glück!

Denn in hohem Alter bleibt auf der Strecke,
Der Mayster, es fehlt ihm an Weisheit kein Stück,
Er stirbt überhöht in Syberbergs Decke.