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Freitag, 13. April 2012

Pressemitteilung SÜNDE


Pressemitteilung SÜNDE v. 13.04.2012

Sonntag, 8. April 2012

Eine erste Reaktion auf SÜNDE

Normalerweise ist der geneigte Leser meines Blogs gewöhnt, dass er sich hier 'meine' Beiträge durchlesen muss, allerdings mache ich heute, an Ostern, aus gewichtigem Grund eine Ausnahme von der Regel. Mein akademischer Lehrer Dr. phil. Helmut Müller, derzeit akademischer Direktor am Institut für Kath. Theologie an der Universität Koblenz-Landau Abtlg. Koblenz, hat eine erste Rezension zu meinem neuesten Stück SÜNDE verfasst, das am 5. & 12. Mai in der Festhalle in Selters (Westerwald) Premiere haben wird. Der Text dieser Rezension ist mir so außerordentlich wichtig, dass ich ihn gerne auch hier im Rahmen eines eigenen Posts veröffentliche. 

In diesem Sinne, frohe Ostern,

Euer Peter


Helmut Müller

Sünde, ein Schauspiel von Peter Wayand


„Sünde“ ist ein Schauspiel über die großen Fragen des Menschseins: Sünde, Schuld, Gut und Böse, Liebe und Glück. Verhandelt werden sie auf einem Dorfplatz, in einem Friseurladen, einem Gemischtwarenladen und einer Amtsstube. Aber so ist Menschsein, wenn man nicht glaubt, dass es da endet, wo es sich abspielt und die genannten Fragen wirklich groß sind. Dann führt nämlich jeder von uns ein Stück auf zwischen Himmel und Erde, in dem er die Hauptrolle spielt, also ganz großes Theater auf Kulissen wie oben geschrieben. Und großes Theater ist dieses Stück von Peter Wayand. Verständlich wird das Stück, wenn man es von hinten liest. Ich beginne mit dem Nachspiel im Himmel. 

Der christliche Glaube versucht, aus irdischer Perspektive das Übel auf Erden durch einen Aufstand gegen Gott im Himmel zu erklären. Peter Wayand nimmt in diesem Nachspiel eine himmlische Perspektive ein, in der die Protagonisten, vier Erzengel, nicht bedenken, was es bedeutet, die Revolte des prächtigsten und stolzesten aller Engel, Luzifer, niedergeschlagen und ihn und sein Gefolge auf die Erde gestürzt zu haben. Aus „englischer“ Perspektive werden die „da unten“ nicht mit dem Problem fertig, das sie „da oben“ mit Mühe und Not beseitigt haben. 

Genau dieses Problem landet in einem kleinen Dorf namens Sindorf mitten auf dem Marktplatz neben der katholischen Kirche in Gestalt eines Wohnwagens, in dem eine Prostituierte ihrem Gewerbe nach geht. Auch Peter Wayand ist nicht der Ansicht, dass die aus Sicht der Engel erbärmlichen Menschen, dieses Problem lösen können. Da geht er mit der christlichen Dogmatik konform. Denn nicht nur am Ende sind die Kulissen himmlisch. Wayand konterkariert seine Szenen nämlich mit Passagen aus dem Neuen Testament, in denen Jesus mit Sünde und Sündern umgeht und selbst ein Opfer menschlichen Schuldigwerdens wird. 

Auch in der dörflichen Kulisse gibt es einen Christusprotagonisten, einen jüdischen Mitbürger namens Jeschua, der allerdings mit einer Frau namens Magdalena zusammenlebt. Diese Freiheit nimmt sich Peter Wayand heraus, um – wie nachher deutlich wird – dem Menschen eine Macht zu geben, die Engel nicht haben, die Liebe. Diese beiden leben nämlich die einzige geglückte Beziehung im Stück. Alle anderen Beziehungen sind innerlich vergiftet. 

Das ist zunächst nicht offensichtlich. Aber schon ein Blick aus dem Küchenfenster der verschiedenen Behausungen um den Marktplatz herum reicht, dass die Männer und Frauen, die eigentlich mit alltäglichen Dingen beschäftigt sind, aneinandergeraten. Das Interesse der Männer für die Bewohnerin des Wohnwagens und das Angewidert sein der dazugehörigen Ehefrauen über dieselbe, sorgt dafür. 

Peter Wayand macht es aber dem Zuschauer nicht einfach, wenn der jetzt vermutet, die Prostituierte sei die Verkörperung des gestürzten Engels. Es stellt sich nämlich heraus, dass es sich bei ihr, wie bei C. S. Lewis, nur um einen dienstbaren Geist, einen „Unterteufel“ handelt. Die eigentlichen Fäden und das ist das Überraschende, was auch für Spannung sorgt bis zum Schluss, hält die Besitzerin des Friseursalons Esther in Händen. Und auch da hat sich Peter Wayand bei der christlichen Dogmatik als Ideengeber inspirieren lassen. Der Diabolos, so der griechische Name für den Teufel, der „Durcheinanderbringer“, ist im richtigen Leben nur schwer auszumachen. Er tritt in vielen Masken auf. Im Stück eben ganz überraschend als Friseuse. 

Im großen Showdown auf dem Marktplatz wird dann aber klar, dass sie es war, die alles arrangiert hatte, die dann alle Beziehungen in ihrer ganzen Vergiftung offenlegt. Auch hier noch spielen sich die beiden gestürzten Engel die Bälle zu. Lucia, die Prostituierte, die alle in Sünde verstrickt und Esther, die eigentlich nicht diese Sünde als Sünde offen legt, sondern nur die Heuchelei – und nur diese – anklagt, was so viel heißen könnte, wie: man kann alles tun ohne schlechtes Gewissen. Wer heuchelt, weiß das noch nicht. Heucheln ist nämlich immer noch die Verbeugung des Lasters vor der Tugend. Und vor der Tugend verbeugt sich kein Teufel. Denn der Heuchelnde erkennt immer noch an, dass die Tugend eigentlich das Richtige ist. Esther scheint zu sagen: „Du kannst tun, was Du willst, alles ist richtig.“ Das heißt im Klartext: Alles ist erlaubt, es gibt gar keine Sünde. Du brauchst nichts zu verbergen. Sei mutig und tu was Du willst. Nur vor dir selber bist Du verantwortlich. 

Und bei diesem Gedanken mutiert der Satan in den beiden gestürzten Engeln zum Affen Gottes. Wayand lässt die Prostituierte Lucia wieder von den Toten auferstehen. Esther erweckt Lucia. Der Satan äfft die Erlösung Christi nach. Thema dieser Erlösung und die Botschaft des gestürzten Engels ist: „Euer Heucheln“ – der letzte Tribut an die Tugend – „hat Lucia getötet“, so stellt es Wayand im Schauspiel dar. Der Dolch des Heuchelns fuhr ihr zwischen die Rippen wie Christus der Speer. „Durch die Auferstehung Lucias seid ihr jetzt auch von diesem Heucheln erlöst: Alles was ihr tut ist richtig“, ist offensichtlich die teuflische Botschaft. Es gibt gar keine Sünde. Wer etwas „Besseres“ heuchelt, ist noch nicht erlöst und hat nichts verstanden. Sünde wird dann endlich als „jüdische Erfindung“ demaskiert, wie Nietzsche meint, die das Abendland bis ins Christentum hinein versklavt hat. Die Logik des Stücks lässt diese Deutung zu, ob sie von Peter Wayand in dieser Präzision intendiert wird, ist nicht klar. 

Umgekehrt besteht die Erlösungstat Jesu für Wayand schließlich in einem im besten Sinne verleiblichten Menschsein, Leib verstanden als der kaum lösbare Verbund von Körper und Seele, aus dem Sexualität nicht heraussubstrahiert werden kann. Ob der Mensch im christlichen Sinne von der Sünde erlöst wird, wird nicht klar. Gott liebt den Menschen jedenfalls auch mit dieser Erbärmlichkeit. Deshalb ist Jeschua auch in irdischer Kulisse verheiratet um zu zeigen, dass Liebe die erlösende Macht ist. Liebe wird bei Engeln nicht erkenntlich, sie sind konstitutionell nicht auf ein „Du“ angelegt. Sie sind als Individuen fertig, von allem Anfang an, sie kennen keine Reifestadien, aber auch keine Liebe. Liebe ist dynamisch und wächst. In ihrer Körperlichkeit birgt sie ein erhebliches Energiepotential und ist in ihrer Verleiblichung offensichtlich enorm anstrengend. 

Das alles verstehen die zum Dämon gewordenen Engel nicht und Esther meint, indem sie den Menschen ihr ständiges Versagen demonstriert, zu zeigen, wie erbärmlich sie eigentlich sind. Aber Gott liebt sie gerade in dieser Erbärmlichkeit, so dass er selbst seinen Sohn für sie sterben lässt. Die „perfekten“ Gottessöhne, die Engel, sind Gott offensichtlich nicht in dem Maße „ans Herz gewachsen“. Gott liebt Menschen nicht erst als Vollendete, sondern schon als Unvollendete. Das versteht der zum Dämon gewordene Engel nicht und deshalb verlässt er auch den Dorfplatz abermals als Besiegter. 

Meine Kritik ist eigentlich keine Kritik, sondern nur ein Desiderat, das ich als traditionell Gläubiger habe und sicherlich für die meisten Zuschauer nicht zu Buche schlägt. Gott liebt den Menschen zwar auch schon als Unvollendeten, aber das Streben nach Vollendung, nach Glück ist ganz offensichtlich da. Denn wer möchte nicht glücklich werden? Sünde behindert dieses Glücklichsein. Der gestürzte Engel sagt, es gibt sie gar nicht und befreit die Menschheit in seiner Sicht nur von einer religiösen Selbstfesselung. Für den Christen gibt es die Sünde sehr wohl als das Leben niederhaltende und vergiftende, ja Tod bringende Macht, von der der Kreuzestod Christi erlöst. Wenn Menschsein sich – wie das Schauspiel eindrucksvoll demonstriert – zwischen Himmel und Erde erstreckt, dann ist Vollendung nicht schon die private geglückte Beziehung oder eine Gemeinschaft nur mit Menschen, sondern schließlich auch eine mit Gott. Körperlichkeit, das Attribut, das Engel nicht haben, ist dann etwas Begrenzendes. Sexualität als reine Körperlichkeit neigt wie keine andere Strebung zu dieser Begrenztheit. Im Menschen ist sie allerdings auch Seelenkraft. Diese Seelenkraft sprengt die enge begrenzte Körperlichkeit. Als ganzheitliche Verleiblichung wird sie dann zur Vollendungsform menschlicher Liebe. 

Soweit so gut. Die Botschaft Jesu zielt also letztlich eine Gemeinschaft mit Gott an. Sexualität ist da nur Wegweiser. Sie reicht von der Erde zum Himmel, mit den Worten von Georges Bernanos ist sie als Ehe „ein irdisches Haus mit Fenstern zum Ewigen.“ 

All dies mindert in keiner Weise die geniale Gedankenführung des Stückes, das wirklich großes Theater ist und hoffentlich bald nicht mehr nur auf kleinen Bühnen gespielt wird. 

Montag, 2. April 2012

Der Geiger auf dem Dach

Kommentar zur Premiere von Anatevka in Wiesbaden am 31.03.2012

„Jeder von uns ist ein 'Fiedler auf dem Dach'. Jeder versucht, eine einschmeichelnde Melodie zu spielen, ohne sich das Genick zu brechen.“, so äußert sich der Milchmann Tewje im Prolog zum ersten Akt des Musicals 'Anatevka', das im englischen Original auch den Titel „Fiddler On The Roof“ (Geiger/Fiedler auf dem Dach) trägt. Und dieser Satz zog sich am Samstagabend wie ein roter Faden durch das Geschehen auf der Bühne im großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden und rot war ja auch die Gewandung des Geigers, der an entscheidenden Stellen des Stücks immer wieder seine kleine klagende Melodie, mit der er geschickt das Geschehen kommentierte, zum Besten gab. 

Der roten Faden – der rote Geiger – eine Allegorie auf den modernen Menschen im Gewand des heraufdämmernden 20. Jahrhunderts vor der großartigen Kulisse des vorrevolutionären Russlands und des Schicksals der Juden in aller Welt, das am Beispiel der jüdischen Bevölkerung des ukrainischen Dorfes Anatevka verdeutlicht werden soll?


Jedenfalls erlebte die Gruppe von zweiundfünfzig Schülerinnen, Schülern, Lehrerinnen, Lehrern, Ehemaligen und Freunden, die sich aus Höhr-Grenzhausen zu dieser Theaterfahrt aufgemacht hatten, ausnahmsweise mal keine Regietheaterarbeit, wie in den vorangegangenen Inszenierungen, die man besucht hatte, sondern eine absolut klassische Inszenierung, die gerade wohl deswegen einen besonderen Reiz auf alle ausübte. 

Lag es nun daran, dass es sich um ein Gastspiel des Staatstheaters Darmstadt handelte, lag es daran, dass die Kulisse eine wundervolle Komposition von Farben, Dekorationen, Requisiten und Bauten darstellte, die in ihrer erdfarbenen Grundstimmung das Geschehen reizvoll unterstützte, oder lag es an der dem Stück innewohnenden Komik, jedenfalls erzeugte die gesamte Darbietung ein wunderbar warmes Gefühl, das selbst dem traurigen Schluss etwas durchaus Versöhnliches abzugewinnen im Stande war. 

Also eine Tragikomödie wie aus dem Lehrbuch? – Der rote Geiger, nicht nur der rote Faden, sondern auch der Blutstropfen, der auf die braune Erde fällt? 

1965 von Joseph Stein, Sheldon Harnick und Jerry Bock erdacht, ersonnen, getextet und komponiert, kommt dieses Musical ganz konventionell daher, eigentlich viel zu konventionell für die Entstehungszeit. Die Art und Weise, mit dermaßen leisen, traurigen Tönen ein Musical zu beenden, rückt es in die Nähe von Leonard Bernsteins West Side Story. 

Aber ist das ein Manko? – Ist es minderwertig, weil es Evergreens produziert hat, die die Spatzen heute noch von den Dächern pfeifen? – Ich denke, es entfaltet gerade darin seine Genialität und Bedeutung. Niemals zuvor wurde auf derart drollige Weise die Frage nach der Liebe gestellt oder dem Wunsch, reich zu sein, Ausdruck verliehen. – Und die Zwiegespräche Tewjes mit seinem Gott erinnern in ihrer Art stark an Giovannino Guareschi's Don Camillo und Peppone. 

Natürlich gab es – wie bei allen Live-Events – ein paar Pannen. So war die Tontechnik nicht wirklich auf Zack, denn die Schauspieler waren stellenweise – wenn überhaupt – nur sehr schlecht zu verstehen, vor allem in ihren Gesangspartien, die oftmals vom Klang des sehr ordentlich aufspielenden Orchesters überlagert wurden. – Konnten die Stimmen sich nicht gegen den wuchtigen Klang durchsetzen oder vermochte die Orchesterleitung es einfach nicht, den Klangkörper in seiner Dynamik entsprechend zu drosseln? – 

Entschädigt wurde man für diese technischen Pannen allerdings durch absolute Klangausnahmen, wie ein Akkordeon Bajan, ein russisches, chromatisches Knopfgriffakkordeon, welches sich elegant in den Orchesterklang einfügte und herrliche Solopartien vorlegte. Auch durch solche Originalinstrumente erzeugt man ein gewisses Feeling für landestypische Stimmungen. 

Letztlich bleibt noch der Bildungswert der Inszenierung zu erwähnen. Dieses Stück ist ein Paradebeispiel dafür, wie man Wissen über eine Weltreligion – in diesem Fall das Judentum – auf humorvolle, witzige und sehr drollige Art und Weise rüberbringt, eigentlich ist das Stück ein Muss für alle Religionspädagogen: Tief ergreifend die Pesachszene, das Abendmahl, bei dem jeder willkommen ist, selbst der Fremde – ein einfaches Mahl am Tisch des Herrn. 

Das Leitmotiv der Tradition, welches sich durch das ganze Stück zieht, wird kritisch hinterfragt, das sich Auflehnen gegen Althergebrachtes, Konservatives, wird mit dem Heraufdämmern einer neuen Zeit erklärt, mit dem Wandel, dem Umbruch, dem sich vor allem die Jugend so gerne anschließt, wenn sie mit vorhandenen, gewohnten Konventionen bricht und sogenannte große Ideen entwickelt. Verpackt wird diese Thematik in die Irrungen und Wirrungen junger, sich anbahnender Liebe und Ehe. 

Am Ende steht der Abschied, wie an jedem Ende – aber kein Abschied für immer, wenngleich er durch die Obrigkeit erzwungen wird. Und darin liegt ein weiterer großer Wert dieses Stücks, den diese Inszenierung so wundervoll herausgearbeitet hat, nämlich, dass jedem Abschied auch ein Neuanfang innewohnt. 

Solches Theater macht Lust auf mehr, mehr von der klassischen Art des Theaters nämlich. Denn dieses mahnende Wort sei am Ende dieser kurzen Betrachtung gestattet: Wenn sich die Theater in Deutschland weiterhin auf künstlerisch sicher sehr wertvolle Regietheaterarbeiten beschränken, machen sie nur noch Theater für einen sehr klein gewordenen Kreis besonderer Liebhaber und Intellektueller. Wenn Theater aber wieder etwas werden soll, was alle Menschen anspricht, so muss Theater auch für alle verstehbar gemacht werden, es muss zum Event werden, bei dem die Leute sagen „Das war toll, da gehen wir gerne wieder hin!“ und nicht „Das war langweilig, ich hab' ja nichts verstanden.“ Und das erreicht nun einmal eine Regietheaterarbeit selten, so etwas kann nur das klassische, traditionelle Theater bewirken. Alles gewürzt mit einem Spritzer Humor und einer Handvoll Bildung kann – wie an diesem Abend bewiesen – die eigentliche Zukunft des Theaters sein. 

Denken Sie einmal darüber nach.