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Freitag, 2. November 2012

Wenn Engel versagen

Dritte Sünde-Aufführung lässt den Teufel in Höhr-Grenzhausen alt aussehen.

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als Erster einen Stein auf sie!“ - Dies ist die Antwort von Jesus von Nazareth, als er eine Frau vorgeführt bekommt, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden ist. In solchen Dingen ist das jüdisches Gesetz zur biblischen Zeit unerbittlich. Darauf kann es nur eine Strafe geben: den Tod durch Steinigung. Und genau das wollen die Pharisäer nicht hören. Sie wollen, dass Jesus eine Anweisung entgegen der jüdischen Gesetze gibt. Doch der spielt nicht mit. Er geht ihnen nicht in die Falle und findet eine Lösung, die alle beschämt und die bereits erhobenen Steine fallen lassen lässt: Nur derjenige soll auf die Beschuldigte werfen dürfen, der selber absolut frei von moralischen Makeln ist, der absolut frei von SÜNDE ist.

Und genau darum geht es in Peter Wayand's Schauspiel SÜNDE, das – nun bereits zum dritten Mal – am Samstag, 20.10.2012, um 18 Uhr auf der Aulabühne der Ernst-Barlach-Realschule plus in Höhr-Grenzhausen zur Aufführung gelangte. Was ist also „Sünde“? Ein biblisches Relikt, dem man heute keine Bedeutung mehr beizumessen braucht? Ein Begriff, der nur noch Theologen und Kleriker interessiert und den wir heute durch modernere juristische Ausdrücke wie „Schuld“ oder „Verbrechen“ zu ersetzen versuchen? Ist „Sünde“ eine moralische oder auch eine rein praktische Instanz?

All das wird im Schauspiel auf mehreren Schauplätzen im Rahmen einer ländlich-dörflichen Öffentlichkeit verhandelt. In Sindorf, einem kleinen Ort irgendwo auf dem Land, leben das italienische Flüchtlingspärchen Romano (Sascha Nauroth) und Giulia (Anna Sophia Zittel), der türkische Gemischtwarenhändler Mehmet (Marius Draeger) und seine Frau Hatice (Natalia Samigullin), der jüdische Schreinermeister Jeschua (Michael Hintz) und seine Frau Magdalena (Saskia Lenz), Manni, der Fußballtrainer der E-Jugend (Manuel Engels), die Friseurin Esther (Mareike Schmidt), der Franziskanerpater Johannes, der Pfarrer der Gemeinde Sindorf (Peter Wayand), der Bürgermeister Zachäus (Marius Hohlstamm) und dessen Sekretärin Judith König (Laura Kind). Ihre scheinbare Idylle, die geprägt ist von Giulias Nörgeleien, Romanos Unzufriedenheit mit seiner Situation, Mehmets Arroganz, Hatices krampfhaftem Festhalten am Bild der intakten Beziehung, Mannis sexueller Frustration, dem Gebaren des Paters um eine „saubere“ Gemeinde, der Korrumpierbarkeit der Verwaltung und der dazu in scharfem Kontrast stehenden absoluten Harmonie von Jeschua und seiner Frau, wird auf eine harte Probe gestellt, als eines Morgens der Wohnwagen der Prostituierten Lucias Ferres (Burcu Yesilyurt) auf dem Marktplatz steht, direkt vor Mehmets Laden und vis-a-vis der katholischen Kirche.

Lucia beginnt, die Gemeinde Stück für Stück aufzumischen. Russel (Christian Müller) und Tazek (Jakup Murtezi), zwei Zeugen Jehovas versuchen erfolglos zu intervenieren. Aus der anfänglichen amüsierten Neugier der Anwohner wird schnell Ablehnung, aus der Ablehnung Hass und aus dem Hass der Wunsch, Ferres zu beseitigen und am dritten Tag ist die Unruhestifterin tatsächlich tot. Erstochen wird sie in ihrem Wohnwagen aufgefunden. Wer hat sie wohl umgebracht? Wer hatte ein Motiv zur Tat und die Kaltblütigkeit, die Tat zu begehen, während Manni, der einzige Freier, neben ihr schlafend lag?

Diesen Fragen versucht die äußerst taff auftretende Kommissarin Ruth Richter (Katharina Maria Mühlenhöver) nachzugehen. Doch ohne Erfolg, wie sich herausstellt. Jeder hätte ein Motiv zur Tat gehabt: Giulia und Romano fühlen sich in ihrer moralischen Abgeschiedenheit bedroht. Der türkische Gemischtwarenhändler Mehmet und seine Frau Hatice fürchten um Einbußen in ihrem Laden, wenn dieses Gefährt direkt davor steht. Pater Johannes gibt an, während seines Besuchs in ihrem Wohnwagen fast von ihr vergewaltigt worden zu sein. Dem Bürgermeister kann sogar ein Verhältnis mit der Prostituierten nachgewiesen werden und dessen Sekretärin ist augenscheinlich ziemlich eifersüchtig auf jede Frau in seiner Nähe. Nur der im ganzen Ort bekannte und beliebte Schreinermeister Jeschua mit seiner Frau Magdalena scheint sich zunächst herauszuhalten und baut munter am Dachstuhl für die neue Gemeindehalle weiter.

Schließlich und endlich bleibt der Kommissarin nur eines. Ein Deal mit dem korrupten Bürgermeister soll Licht in diese Angelegenheit bringen. Doch letztlich kommt alles anders. Die Friseurin Esther, die immer da ist, „wo ich hingehöre: Mitten im Geschehen und mitten unter den Menschen!“, entpuppt sich als der Teufel höchstpersönlich und Lucia Ferres, deren Name eine Ableitung der Bezeichnung „Luzifer“ ist, ist ein Dämon, den Esther in einem konterkarierenden biblischen Akt wieder zum Leben erweckt und der vor versammelter Gemeinde erklärt, weswegen das alles so hat stattfinden müssen. „Den Spiegel vorgehalten hab ich ihnen“, konstatiert der Teufel und versteht nicht – und versteht wohl niemals – weswegen Gott den Menschen so sehr liebte, dass er nicht nur seinen einzigen Sohn den Kreuzestod erleiden ließ, sondern auch seinen besten, schönsten und geliebtesten aller Engel aus dem Himmel auf die Erde werfen ließ. Und wieder einmal hat der Teufel versagt.

Doch damit ist das Stück nicht an seinem Ende. Das wäre zu banal, zu einfach, nein, es folgt noch eine allerletzte Sequenz, ein Nachspiel sozusagen, das im Himmel angesiedelt ist und in dem, angelehnt an eine Szene aus der geheimen Offenbarung des Johannes, die vier Erzengel Michael, Gabriel, Raphael und Uriel sich nach dem Kampf im Himmel darüber klar werden, dass sie selbst es waren, die die Menschheit in die Gefahr gebracht haben, da sie Luzifer einfach so gestürzt haben, ohne ihn anzuhören und ohne sich mit ihm auseinanderzusetzen. Damit wird dem Mensch erstmalig nicht die Schuld an der Welt und dem Verhalten der Menschen direkt gegeben, sondern es wird nach einer höheren Instanz gesucht, die diese Schuld auf ihre Schultern nehmen und auch wirklich bewältigen kann. Diese Szene ist von ihrer Ausstattung, ihren Kostümen und ihrer oppulenten un dramatischen Wirkung der absolute Höhepunkt der Inszenierung. Dennoch bleibt letztlich die Erkenntnis, dass der ewige Kampf zwischen Gut und Böse niemals enden wird, da das eine Extrem ohne das andere niemals definierbar ist und somit beide Positionen existieren müssen bis in alle Ewigkeit.

Die Besucher erlebten ein hervorragend aufgelegtes Ensemble, das frisch und professionell aufspielte und nicht mit Situationskomik und witzigen Einfällen sparte, eine ebenso professionelle Licht- und Tontechnik (vps Musik Wirges) und eine witzige bis nachdenkliche Inszenierung, die Lust auf weitere Stücke dieser Art machte.

Veranstalter war die Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen, die Ernst-Barlach-Realschule plus Höhr-Grenzhausen und der Türkisch-Islamische Kulturverein e.V. DITIB. Aufgeführt wurde das Stück im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zauber der Kulturen“ während der „interkulturellen Wochen“ Höhr-Grenzhausen und gefördert wurde es durch das Bundesprogramm „TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN“ des Bundesfamilienministeriums.

(Eine leicht gekürzte und eingerichtete Version dieses Artikels erschien am 01.11.2012 im Kannenbäcker-Kurier Nr. 44, Jahrgang 46, auf Seite 21 und 22.)

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Lindwurm

Lindwurm
(in der Art eines Alptraums)

Wenn du in die dunklen Höhlen 
tiefer Drachenschlünde steigst; 
wenn du dann den heißen Atem, 
jenes Feuers glühend spürst;
wenn du selbst vor Angst nur schlotterst,
hilft auch dumpfe, tiefe Wut
kaum und stürzt dich
nur noch tiefer
in Verzweiflung, in Enttäuschung,
in noch größ're Marterpein.

Tief erschüttert durch das Grauen,
bis ins Mark erschrocken bebend,
grauenhaftes Grollen droht;
du dich tief in Felsenritzen
drängst und in den Nischen klemmst;
du als Speise auf dem Teller
jener alten Kreatur
enden sollst und
kaum noch Hoffnung,
kaum noch Glaube in dir wohnt.

Bleibt nur noch die Gegenwehr!
Du stehst auf, befreist dich selbst,
ziehst den scharfen Stahl hervor,
der dir tückisch glänzend wohl
Kraft und Mut zurückgegeben;
Muskeln straffen sich und Arme
heben sich zum Schlag empor;
Knie krümmen sprungbereit,
ölig glänzt gestählte Haut,
festen Schritt's trittst du hervor.

Und der Lindwurm rast und
richtet auf sich, um den Menschen
der dort steht, in Feuer Fleisch
und dorn'ge Schuppen zu verwandeln;
doch du lachst, dann schlägst du grimmig
auf den harten Panzer ein;
du fühlst die Flamme,
fühlst die Schmerzen,
doch dein Schwert sitzt tief im Herzen
jenes großen alten Feindes.

Verendet ist der große Alte,
verronnen längst das scharfe Blut;
bald schon rostet deine treue Klinge
im Rumpf des Lindwurms stille.
Du bist gestiegen, bist nun wieder
oben an der freien Luft;
du lächelst milde,
steigst zum Bade
in den klaren kühlen Bach;
Labsal der erschöpften Seele!

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Verlaubte Zeit

Verlaubte Zeit

( - Betrachtungen - )

Verlaubte Zeit, du Farbenfrohe!
Wenn Sonne durch der Blätter Dach
Mir Strahlen auf mein Antlitz sendet,
Was mich vorübergehend blendet,
Weil ich in der Natur Gemach
Entzünde meines Geistes Lohe!

Verlaubte Zeit, du Herbstzeitlose!
Wenn deine bunten Fahnen weh'n
In Blättern, Bäumen, Wiesen, Auen,
Derweil die Männer und die Frauen
Mit Kindern froh spazieren geh'n,
Verblüht im letzten Glanz die Rose!

Verlaubte Zeit, du Altersweise!
Denn nah schon sind die letzten Dinge,
Es werden langsam steif die Glieder,
Es werden wehmütig die Lieder,
Es mehren sich die Jahresringe
Und alle Töne werden leise!

Verlaubte Zeit, Geheimnisvolle!
Wer dringt in dein Mysterium?
Im nassen Laub verschwinden Leute
Mit des gemeinen Raubes Beute!
Wer baute dein Herbarium?
Was spielst du noch für eine Rolle?

Verlaubte Zeit, du Gnadenreiche!
Vollendest wohl des Jahres Lauf!
Bereitest vor dem jungen Leben
Den Weg und gibst ihm deinen Segen!
Ermöglichst Neubeginn zuhauf!
Vergoldest Gottes Königreiche!

Verlaubte Zeit, in tiefstem Herzen
Fühl' ich mich dir so nah verbunden,
Fühl' ich, dass stets zu allen Zeiten
Trotz aller Enge, allen Weiten
Ewig frei und ungezwungen
Befreit ich bin' von allen Schmerzen!

Auch dieses Gedicht habe ich wieder selbst eingesprochen und mit Bildern unterlegt und illustriert, die ich selbst in diesem Herbst gemacht habe.




Samstag, 13. Oktober 2012

Neues von der Lyrikfront - Herbstwald

Nun, es gibt Neuigkeiten von der Lyrikfront. Lange hatte ich schon keine Gedichte mehr geschrieben, aber nun hat mich die Muse wieder mal geküsst. Ein neues Herbstgedicht ist in mir gereift, das ich euch nicht vorenthalten möchte, und das ich vor allem auch als Aufmacher für diesen neuen Blogeintrag nutzen möchte. Der Text lautet:

Herbstwald

(In der Art einer Ode)

Vermostes Holz
Im bunten Laube,
Verlaubter Stolz,
Hochheil'ger Glaube -
Draußen im Wald
Wird's langsam kalt.

Gefror'ner Split
Säumt meinen Weg,
Mit strammem Schritt
Auf knarzendem Steg -
Mich zieht der Hund
Zum tiefen Schlund.

Verkrüppelte Äste
Sich über mir winden;
Des Waldes Paläste
Lassen sich finden -
Freudig und frei
Zieh ich vorbei.

Vermorschte Gemäuer
Aus alter Zeit,
Wie Ungeheuer,
Vergessen und weit -
Erzählen Geschichten,
Wollen berichten.

Braungrüne Flaschen
Liegen im Grase,
Künstliche Taschen
Kitzeln die Nase -
Verrottetes Ende
Fließt durch die Hände.

Verwolkte Sonne,
Grauschleiernes Licht,
Erkaltete Wonne
Auf dem Gesicht -
Natur, du wirst alt!
Im Herbst steht der Wald.

Ebenso habe ich den Text selbst eingesprochen und mit entsprechenden Bildern unterlegt, die ich natürlich selbst gemacht habe. Viel Spaß damit.



So long,

Peter

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Der "Tag der Deutschen Einheit" 2012


Still ist es auf diesem Blog geworden, still, nicht weil ich nichts mehr zu sagen hätte, nein, still aus Mangel an Zeit, was ich allerdings nicht als Entschuldigung gelten lassen möchte. Ich melde mich heute, an diesem geschichtsträchtigen Datum zurück, um hier etwas zu posten und zu veröffentlichen, was ich für Wert halte, dass es nicht vergessen wird, wenngleich ich auch in einigen Punkten die Dinge anders sehe, als der Verfasser des unten stehenden Kommentars. Doch will ich den Text hier nicht einpflegen, ohne kurz zu schildern, wie es dazu kam.

Ich hatte gestern Abend, wohl um ein wenig zu provozieren und zu sticheln, die Frage auf Facebook gestellt, warum der Tag der Deutschen Einheit im Osten mehr gefeiert werden würde, als im Westen. Ich hatte diese Frage formuliert, ohne überprüft zu haben, ob das auch so ist. Ähnlich wie Luther seine Thesen an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug - was übrigens zirka 80 Kilometer nordöstlich von Leipzig liegt, also auch in der ehemaligen DDR - setzte ich meine These einfach einmal so ins Netz und harrte der Dinge, die da kommen würden. 

Und die Reaktionen kamen, ein Komglomerat der üblichen Klischees! Alles war da, von den Geldern, die seit der Wiedervereinigung 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion 1990 in den Osten geflossen waren, über die nun im Osten blühenden Städte im Gegensatz zur Geldarmut viele Kommunen, Städte und Länder im Westen, die die Renovierung der einfachsten Dinge schier unmöglich macht, bis hin zum Thema Renten. Eines wurde drastisch bewusst, nämlich dass die Mauer im Kopf vieler Menschen immer noch besteht und höher zu sein scheint, als die reale Mauer, die Ost und West seit Anfang der 1960ziger Jahre trennte. Blühende Landschaften im Osten und verbrannte Erde im Osten also?

Und dann kam Kathleens Kommentar dazu, ihr erinnert euch, Kathleen, die Frau von Totti, die noch vor einiger Zeit meine Gastgeberin in Kanada gewesen war, wo Sie in Saskatoon, Sasketchewan mit Totti lebt. Für sie, die gebürtige DDR-Bürgerin, war das zu viel des Guten. Sie schrieb einen flammenden Kommentar, den ich für sehr wertvoll halte, weil er ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument ist, das den status quo sehr gut widerspiegelt, den wir gegenwärtig in Deutschland erleben.

Wie oben bereits erwähnt, stimme ich nicht in allen Punkten mit ihr überein, dennoch aber ist das, was sie hier sagt, en gros richtig und sie hat, so finde ich, das Recht, ihre persönliche Meinung, Ansicht und Sichtweise der Dinge als Zeitzeugin auch genauso mitzuteilen, wofür ich ihr hier eine entsprechende Plattform gebe. Mögen ihre Gedanken alle, die das hier lesen, nachdenklich stimmen und diesem Tag eine besondere Note verleihen.


Hier der Kommentar von Kathleen Schröder-Brass aus Saskatoon, Sasketchewan, Kanada:

 
"Es ist sehr schade zu lesen, dass sich nur Wenige dessen entsinnen, was wir alle eigentlich sind, egal, wo auf der Welt wir auch gerade unser Zuhause haben! Wir sind Menschen, sollten Mitmenschen sein und auch stolz darauf sein, das wir Deutsche sind. 

Ja es sind Bürger der ehemaligen DDR dazugekommen und in den vergangenen 22 Jahren haben diese ebenso wie die Bürger der "alten" BRD die Leistungen des Staates in Anspruch genommen.

Auch die DDR hatte ein System, ein Sozialwesen, was die meisten von euch schon vom Alter her gar nicht kennen können! Ich bezweile, dass das heutige Schulsystem entsprechend über dieses System in der ehemaligen DDR aufklärt! Diese Bürger haben auch ihre Leistungen, ihre Abgaben gehabt. Das System der DDR wurde einfach plattgewalzt. Ja, es war an vielen Stellen marode, besser gesagt, ausgebeutet. Warum? Weil die kleine DDR über Jahrzehnte den Ostblock, vor allem die große und eigentlich an allem so reiche Sowjetunion (heute Russland und viele andere Staaten) ernährt hat.

Mit der Wende hat man die DDR in ihrem Wert, so natürlich auch die Finanzen, herabgewertet und das nicht unerheblich. Glaubt ihr, dass es für den fleißigen Arbeiter aus der ehemaligen DDR, der für die meisten Anschaffungen (z.B. Auto; damals gleich Luxus) lange sparen musste, schön war, das ihm fünfzig Prozent und mehr seiner Werte durch Abstufung genommen wurden? Dieser einfache Bürger, oder nennen wir ihn „Ottonormalverbraucher“, hatte nichts damit zu tun, was die Politik und die Industriemacht entschieden und vollzogen hat!

Bitte schaut zurück und entsinnt euch, dass hier einst ein Volk getrennt wurde und in einigen eurer Kommentare spiegelt sich wieder, warum dieses Volk noch immer nicht wieder eins geworden ist. Es ist allem voran die Politik, die seit der Wiedervereinigung Kerben gezogen hat und dies nach wie vor tut, d.h. die deutschen Bürger haben nicht allesamt die gleiche Basis. Will man das überhaupt? Nein sage ich, denn durch diese unnötigen Diskussionen, ja, auch spürbare Verachtung, lenken sich so viele Mitbürger von dem ab, was gerade wieder über ihre Köpfe entschieden wird!

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie das so mit all den Hilfsarbeitern von damals, ihren nachgekommenen Familien, ihren Nachkommen heute und dem nach wie vor immer noch enormen Ansturm an Immigranten oder Asylbewerbern so in puncto „Kosten-Nutzen“-Frage auf sich hat?

Nein, ich möchte keine Verachtung dieser Menschen schüren, sondern nur darauf hinweisen, von wie vielen Millionen Menschen wie auch Geldern wir hier mittlerweile sprechen … Open End …

Meines Wissens nach gibt es mittlerweile keine Leistung mehr im Sozialstaat Deutschland, die nicht sofort auch von Neuankömmlingen (welcher Hintergrund auch immer hier besteht) in Anspruch genommen werden kann. Nein diese Menschen sind das nicht Schuld! Der Staat Deutschland hat sich mächtig verkalkuliert und keine Grenzen gezogen und tut dies bis heute nicht. Und Einige von euch wollen den ehemaligen DDR-Bürger verantwortlich machen!

Nochmal, man hat das Deutsche Volk getrennt und es war richtig diese Mauer niederzureißen, aber viele von euch bauen diese Mauer im Geiste wieder auf und zwar immer höher, schüren Abneigung und Hass! Die Schuld für die Situation, in der Deutschland heute steckt, liegt nicht bei diesen Bürgern der ehemaligen DDR, sondern bei groben Fehlern die in der Politik gemacht worden sind und das lange bevor die Mauer gefallen ist. In all den Jahrzehnten danach haben sich diese politischen Fehlentscheidungen nur immer weiter aufgebaut und sind nicht mehr tragbar. Ja, und das ist mit Sicherheit nicht richtig! Ihr alle, die ihr als Bürger in Deutschland lebt, habt diese Fehlentscheidungen heute teilweise ganz heftig mit zu tragen. Es wird vorerst nicht besser werden!

Aber, der falsche Weg ist, jemanden verantwortlich zu machen, der Deutscher ist, wie auch ihr euch nennt. Wenn ihr den dritten Oktober nicht feiern wollt, müsst ihr das nicht, aber ihr solltet nicht solche abwertenden, von Schuldzuweisung durchfluteten Worte verbreiten. Wer Deutscher ist und dies auch stolz sagen möchte, sollte nicht mit West oder Ost und nicht nach schuldig oder nicht schuldig beurteilt werden.

Wer von euch kann denn behaupten, er hat schon viel in das Sozialwesen Deutschlands einbezahlt, so auch die hier angesprochene Rentenkasse? Habt ihr deshalb Anspruch? Ihr müsst euch umorientieren, mehr Selbstverantwortung und Vorsorge für "euren" Ruhestand übernehmen, denn Deutschlands Töpfe sind fast leer ... Seid ihr Deutschland, habt ihr Nationalstolz und wollt ihr gemeinsam mit anderen Deutschen die Zukunft ändern, egal, aus welchem Teil Deutschlands sie kommen?

Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, habe in verschieden Bundesländern der „alten“ BRD gewohnt und gelebt, und ich habe auch schon in der USA gelebt und nun ist Kanada mein Zuhause. Ob dies mein Zuhause bleibt, das weiß ich noch nicht, aber meine Heimat ist da, wo ich geboren wurde und wo meine Eltern mir viel für's Leben mitgegeben haben, dort wird auch immer meine Heimat sein, mein Herz.

Eines habe ich nie erlebt, dass man mich einen „Ossi“ genannt hat. Man hat sich mir gegenüber auch nie als etwas Besseres gegeben, weil man vielleicht „Wessi“ war! Mir sind auch nie feindselige Worte oder Verachtung entgegengeschlagen, weil ich Deutsche bin und aus dem Land komme, das in den Weltkriegen so viel Leid verstreut hat. Diese Zeit liegt lange hinter uns, genauso wie auch die guten fetten Jahre der BRD.

Weltoffentheit hat mir immer positive Erfahrungen gebracht, was nicht heißt, das immer alles einfach war. Es ist zu wünschen, dass viele von euch erst einmal lernen, offen gegenüber dem deutschen Bürger zu sein, eurem Nachbarn … nur so kann eine Einheit entstehen.

Ich danke für eure Zeit dies zu lesen und hoffe, dass ihr nachdenkt!

Kathleen Schröder-Brass"


Samstag, 8. September 2012

Grevenburg

Öfter mal was Neues, so habe ich mir gedacht, und habe die Anregung meines Verlegers Martin Werhand aufgegriffen und ernstgenommen. Der meinte neulich, ich solle doch mal das Gedicht Grevenburg einsprechen und auf YouTube setzen. Er habe da so einige Künstler gesehen, die das genauso machen würden. Er schickte mir auch einige Links, und da dachte ich mir, hm, das kannst du auch. So bin ich extra noch mal auf die Grevenburg gefahren, natürlich mit der Kamera im Gepäck, habe ein bisschen gefilmt, dann mit meinem neuen Studiomikro den Text sauber eingesprochen und voilà, hier ist das Ergebnis. Ich hoffe, es gefällt euch.

Sonntag, 12. August 2012

Neue Trailer


Dies ist ein kleiner Vorgeschmack auf den Film, den ich von meiner diesjährigen Reise nach Kanada und einigen nördlichen US-Bundesstaaten machen werde. Da ich derzeit noch keine wirkliche Zeit für die Produktion des kompletten Films habe, hier für alle, die ungeduldig sind, schon einmal der Trailer.

Und anbei ein kleiner Spaßtrailer, die die Figur zum Thema hat, die Totti und ich in Kanada und USA erfunden haben: Bob Corn, den Proll mit dem gewissen Etwas. Dies ist aber wirklich nur ein reiner Spaß.


Samstag, 4. August 2012

Rosensieg - Der Tod Old Shatterhands


 Es gibt Neuigkeiten - natürlich gibt es die, es muss ja weitergehen. Wir haben den Titel des Stücks geändert! Der ursprünglich als sehr sperrig empfundene Titel "Just remember - erinner' dich, Scharlih!" wurde geändert in:

Rosensieg - Der Tod Old Shatterhands

Dieser Titel wird gängiger von den Lippen gehen. Das Buch mit dem Text wird, so wie es derzeit aussieht, Anfang September im Verlag 28 Eichen erscheinen.


Also Werbetext wird es eine veränderte Form des bereits einen Blogeintrag früher geposteten Möglichkeit geben. Hier schon einmal die Rohfassung:

Ein Tag im Leben des wohl berühmtesten Volksschriftstellers deutscher Zunge, der 30. März 1912. Da dieser Tag, der sein Sterbetag sein wird, zugleich sein Hochzeitstag ist, spricht er mancherlei mit seiner Frau über die Vergangenheit und auch über die Zukunft. Er ist heiter und trägt sich mit neuen Plänen: Ein Drama will er schreiben, das sein eigenes Leben schildern und erst lange nach seinem Ableben an die Öffentlichkeit kommen soll. Nach Jahren erst, wenn er längst gegangen, werde man sein Wollen und Wirken begreifen. Nachmittags verfällt er in ein eigenartiges waches Träumen und unterhält sich, wie er das überhaupt häufig zu tun pflegt, mit den Gestalten seiner Phantasie. Er trifft Freund und Feind, Gestalten der eigenen Erfindung und reale Personen. Um sieben Uhr abends legt er sich schlafen, setzt aber seine Selbstgespräche in einem undeutlichen Murmeln fort. Gegen acht Uhr richtet er sich plötzlich im Bett auf, sieht mit leuchtenden Augen, die nichts von seiner Umgebung zu fassen scheinen, in die Ferne und sagt mit klarer Stimme: "Sieg, großer Sieg - Rosen - rosenrot!" Mit unendlich freudigem, verklärtem Ausdruck sinkt er zurück; sein Atem wird schwächer, bis er nach wenigen Minuten erlischt. Er stirbt also nicht allein, sondern im Innersten seiner Schöpfung, im Innersten seines menschlichen Daseins. Ein wahrer Rosensieg des Vielbefehdeten. Dies sichtbar zu machen, den inneren Konflikt, Kampf aber auch Erfolg und Freude dieses einzigartigen interessanten Künstlerlebens zu zeigen, soll Aufgabe dieses Stückes sein. Und welches Medium könnte das besser als das Theater. Denn wer anders als das Theater vermag es, beispielsweise die Gestalten seiner Phantasie, mit denen er sich umgab und unterhielt, vor dem Auge des Betrachters noch einmal lebendig werden zu lassen.


Wir hoffen, dass wir den Erwartungen gerecht werden und ein tolles Stück auf die Bühne zaubern können, das dem Mayster zur Ehre gereichen wird.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Just remember - erinner' dich, Scharlih!

Am 30.03.2012 jährt sich zum 100. Mal der Todestag des wohl größten Volksschriftstellers deutscher Zunge: 
Karl May (25.02.1842-30.03.1912)

Aus diesem Anlass werde ich ein neues Stück zum Karl-May-Jahr unter dem Titel "Just remember - erinner' dich, Scharlih!" bringen. Natürlich werde ich es mit meinem Projekttheater Westerwald e.V. inszenieren und aufführen. Die Aufführung ist für den Dezember 2012 geplant.

Das Stück behandelt Karl-May's letzten Lebenstag in der Zeit von morgens 8:00 Uhr bist abends gegen 20:00 Uhr, also bis zu seinem Tod.

Seine zweite Ehefrau Klara, die er liebevoll "Herzle" nannte, war bis zum Schluss bei ihm:

"Der Herbst und der Winter kamen. Mays 70. Geburtstag nahte. Zwei richterliche Entscheidungen ergingen zu seinen Gunsten. Und zu meiner Freude erhielt ich aus der Villa "Shatterhand" die Kunde, dass seine angegriffene Gesundheit und sein Befinden sich mit raschen Schritten bessere; ja, am 22. März 1912 gedenke er sogar in Wien einen Vortrag über seine Weltanschauung zu halten!
Der Vortrag fand statt und verlief glänzend; selbst des Dichters Widersacher konnten diesen Erfolg nicht in Abrede stellen: volle zwei Stunden lauschten nahezu 2000 Zuhörer im gewaltigen Sofiensaal den begeisterten Worten des Siebzigjährigen. Zum ersten Mal wieder seit langer Zeit dämmerte ein Glücksgefühl in dem Vielbefehdeten auf. Mit neuem Mut kehrte er nach Radebeul zurück. Doch acht Tage nach dem Vortrag, am 30. März, gänzlich unerwartet, nahte ihm der Tod; und ohne sich seiner Sterbestunde bewusst zu werden, ist er heimgegangen in jenes Reich, aus dem es keine Rückkehr gibt.
Er hatte sich bei dem Vortrag in Wien leicht erkältet und musste nach der Heimfahrt im Haus bleiben, ohne aber bettlägerig zu sein. Am Samstag, dem 30. März, fühlte er sich wieder etwas kräftiger und beauftragte seine Gattin, für die kommende Woche Zimmer im schlesischen Bad Salzbrunn zu bestellen. Aus Besorgnis hielt sich seine Frau jedoch während des ganzen Tags in seiner Nähe, wenngleich sie nicht etwa einen tödlichen Ausgang der Erkrankung vermutete. Sie war die einzige, die zur Todesstunde an seiner Seite weilte. Da dieser Tag, der sein Sterbetag wurde, zugleich sein Hochzeitstag war, sprach er mancherlei mit ihr über die Vergangenheit und auch über die Zukunft. Er war heiter und trug sich mit neuen Plänen: Ein Drama wollte er schreiben, das sein eigenes Leben schildern und erst lange nach seinem Ableben an die Öffentlichkeit kommen sollte. Nach Jahren erst, wenn er längst gegangen, werde man sein Wollen und Wirken begreifen.
Nachmittags verfiel er in ein eigenartiges waches Träumen und unterhielt sich, wie er das überhaupt häufig zu tun pflegte, viel mit den Gestalten seiner Phantasie.
Um sieben Uhr abends legte er sich schlafen, setzte aber seine Selbstgespräche in einem undeutlichen Murmeln fort. Gegen acht Uhr richtete er sich plötzlich im Bett auf, sah mit leuchtenden Augen, die nichts von seiner Umgebung zu fassen schienen, in die Ferne und sagte mit klarer Stimme:
"Sieg, großer Sieg - Rosen - rosenrot!"
Mit unendlich freudigem, verklärtem Ausdruck sank er zurück; sein Atem wurde schwächer, bis er nach wenigen Minuten erlosch.
Entsprechend seinem vielfach geäußerten Wunsch wurde Mays Heimgang erst nach seiner Beisetzung bekanntgegeben. Diese erfolgte in aller Stille am Mittwoch, dem 3. April, mittags 12 Uhr, in seiner Gruft auf dem Friedhof von Radebeul."


(vgl. Karl May's Gesammelte Werke Bd. 34 - "Ich". Karl Mays Leben und Werk, 39. Aufl., Karl-May-Verlag: Bamberg 1995, S.332-333)

Diese Schilderung gab den Ausschlag für das geplante Stück und seine Handlung. 
Karl May unterhält sich, für andere nicht sichtbar, mit den Gestalten seiner Phantasie. Er trifft Freund und Feind, Gestalten der eigenen Erfindung und reale Personen. Er stirbt also nicht allein, sondern im Innersten seiner Schöpfung; im Innersten seines menschlichen Daseins. Eine wahrhaft gelungene Vorlage für eine Dramatisierung, die wohl ganz in seinem Sinne sein muss, wenn sie sein Leben und Schaffen zum Thema hat und jetzt, 100 Jahre nach seinem Tod an die Öffentlichkeit gelangen soll. Dies sichtbar zu machen, den inneren Konflikt, Kampf aber auch Erfolg und Freude dieses einzigartigen interessanten Künstlerlebens zu zeigen, soll Aufgabe dieses Stückes sein. Und welches Medium könnte das besser als das Theater. Denn wer anders als das Theater vermag es, beispielsweise die Gestalten seiner Phantasie, mit denen er sich umgab und unterhielt, vor dem Auge des Betrachters noch einmal lebendig werden zu lassen: Freund und Feind, Fiktion und Realität verschwimmen und werden manifest. Ein hoher Anspruch, ein große Aufgabe und noch größere Ehre.

Möge das Werk gelingen!

Sonntag, 8. April 2012

Eine erste Reaktion auf SÜNDE

Normalerweise ist der geneigte Leser meines Blogs gewöhnt, dass er sich hier 'meine' Beiträge durchlesen muss, allerdings mache ich heute, an Ostern, aus gewichtigem Grund eine Ausnahme von der Regel. Mein akademischer Lehrer Dr. phil. Helmut Müller, derzeit akademischer Direktor am Institut für Kath. Theologie an der Universität Koblenz-Landau Abtlg. Koblenz, hat eine erste Rezension zu meinem neuesten Stück SÜNDE verfasst, das am 5. & 12. Mai in der Festhalle in Selters (Westerwald) Premiere haben wird. Der Text dieser Rezension ist mir so außerordentlich wichtig, dass ich ihn gerne auch hier im Rahmen eines eigenen Posts veröffentliche. 

In diesem Sinne, frohe Ostern,

Euer Peter


Helmut Müller

Sünde, ein Schauspiel von Peter Wayand


„Sünde“ ist ein Schauspiel über die großen Fragen des Menschseins: Sünde, Schuld, Gut und Böse, Liebe und Glück. Verhandelt werden sie auf einem Dorfplatz, in einem Friseurladen, einem Gemischtwarenladen und einer Amtsstube. Aber so ist Menschsein, wenn man nicht glaubt, dass es da endet, wo es sich abspielt und die genannten Fragen wirklich groß sind. Dann führt nämlich jeder von uns ein Stück auf zwischen Himmel und Erde, in dem er die Hauptrolle spielt, also ganz großes Theater auf Kulissen wie oben geschrieben. Und großes Theater ist dieses Stück von Peter Wayand. Verständlich wird das Stück, wenn man es von hinten liest. Ich beginne mit dem Nachspiel im Himmel. 

Der christliche Glaube versucht, aus irdischer Perspektive das Übel auf Erden durch einen Aufstand gegen Gott im Himmel zu erklären. Peter Wayand nimmt in diesem Nachspiel eine himmlische Perspektive ein, in der die Protagonisten, vier Erzengel, nicht bedenken, was es bedeutet, die Revolte des prächtigsten und stolzesten aller Engel, Luzifer, niedergeschlagen und ihn und sein Gefolge auf die Erde gestürzt zu haben. Aus „englischer“ Perspektive werden die „da unten“ nicht mit dem Problem fertig, das sie „da oben“ mit Mühe und Not beseitigt haben. 

Genau dieses Problem landet in einem kleinen Dorf namens Sindorf mitten auf dem Marktplatz neben der katholischen Kirche in Gestalt eines Wohnwagens, in dem eine Prostituierte ihrem Gewerbe nach geht. Auch Peter Wayand ist nicht der Ansicht, dass die aus Sicht der Engel erbärmlichen Menschen, dieses Problem lösen können. Da geht er mit der christlichen Dogmatik konform. Denn nicht nur am Ende sind die Kulissen himmlisch. Wayand konterkariert seine Szenen nämlich mit Passagen aus dem Neuen Testament, in denen Jesus mit Sünde und Sündern umgeht und selbst ein Opfer menschlichen Schuldigwerdens wird. 

Auch in der dörflichen Kulisse gibt es einen Christusprotagonisten, einen jüdischen Mitbürger namens Jeschua, der allerdings mit einer Frau namens Magdalena zusammenlebt. Diese Freiheit nimmt sich Peter Wayand heraus, um – wie nachher deutlich wird – dem Menschen eine Macht zu geben, die Engel nicht haben, die Liebe. Diese beiden leben nämlich die einzige geglückte Beziehung im Stück. Alle anderen Beziehungen sind innerlich vergiftet. 

Das ist zunächst nicht offensichtlich. Aber schon ein Blick aus dem Küchenfenster der verschiedenen Behausungen um den Marktplatz herum reicht, dass die Männer und Frauen, die eigentlich mit alltäglichen Dingen beschäftigt sind, aneinandergeraten. Das Interesse der Männer für die Bewohnerin des Wohnwagens und das Angewidert sein der dazugehörigen Ehefrauen über dieselbe, sorgt dafür. 

Peter Wayand macht es aber dem Zuschauer nicht einfach, wenn der jetzt vermutet, die Prostituierte sei die Verkörperung des gestürzten Engels. Es stellt sich nämlich heraus, dass es sich bei ihr, wie bei C. S. Lewis, nur um einen dienstbaren Geist, einen „Unterteufel“ handelt. Die eigentlichen Fäden und das ist das Überraschende, was auch für Spannung sorgt bis zum Schluss, hält die Besitzerin des Friseursalons Esther in Händen. Und auch da hat sich Peter Wayand bei der christlichen Dogmatik als Ideengeber inspirieren lassen. Der Diabolos, so der griechische Name für den Teufel, der „Durcheinanderbringer“, ist im richtigen Leben nur schwer auszumachen. Er tritt in vielen Masken auf. Im Stück eben ganz überraschend als Friseuse. 

Im großen Showdown auf dem Marktplatz wird dann aber klar, dass sie es war, die alles arrangiert hatte, die dann alle Beziehungen in ihrer ganzen Vergiftung offenlegt. Auch hier noch spielen sich die beiden gestürzten Engel die Bälle zu. Lucia, die Prostituierte, die alle in Sünde verstrickt und Esther, die eigentlich nicht diese Sünde als Sünde offen legt, sondern nur die Heuchelei – und nur diese – anklagt, was so viel heißen könnte, wie: man kann alles tun ohne schlechtes Gewissen. Wer heuchelt, weiß das noch nicht. Heucheln ist nämlich immer noch die Verbeugung des Lasters vor der Tugend. Und vor der Tugend verbeugt sich kein Teufel. Denn der Heuchelnde erkennt immer noch an, dass die Tugend eigentlich das Richtige ist. Esther scheint zu sagen: „Du kannst tun, was Du willst, alles ist richtig.“ Das heißt im Klartext: Alles ist erlaubt, es gibt gar keine Sünde. Du brauchst nichts zu verbergen. Sei mutig und tu was Du willst. Nur vor dir selber bist Du verantwortlich. 

Und bei diesem Gedanken mutiert der Satan in den beiden gestürzten Engeln zum Affen Gottes. Wayand lässt die Prostituierte Lucia wieder von den Toten auferstehen. Esther erweckt Lucia. Der Satan äfft die Erlösung Christi nach. Thema dieser Erlösung und die Botschaft des gestürzten Engels ist: „Euer Heucheln“ – der letzte Tribut an die Tugend – „hat Lucia getötet“, so stellt es Wayand im Schauspiel dar. Der Dolch des Heuchelns fuhr ihr zwischen die Rippen wie Christus der Speer. „Durch die Auferstehung Lucias seid ihr jetzt auch von diesem Heucheln erlöst: Alles was ihr tut ist richtig“, ist offensichtlich die teuflische Botschaft. Es gibt gar keine Sünde. Wer etwas „Besseres“ heuchelt, ist noch nicht erlöst und hat nichts verstanden. Sünde wird dann endlich als „jüdische Erfindung“ demaskiert, wie Nietzsche meint, die das Abendland bis ins Christentum hinein versklavt hat. Die Logik des Stücks lässt diese Deutung zu, ob sie von Peter Wayand in dieser Präzision intendiert wird, ist nicht klar. 

Umgekehrt besteht die Erlösungstat Jesu für Wayand schließlich in einem im besten Sinne verleiblichten Menschsein, Leib verstanden als der kaum lösbare Verbund von Körper und Seele, aus dem Sexualität nicht heraussubstrahiert werden kann. Ob der Mensch im christlichen Sinne von der Sünde erlöst wird, wird nicht klar. Gott liebt den Menschen jedenfalls auch mit dieser Erbärmlichkeit. Deshalb ist Jeschua auch in irdischer Kulisse verheiratet um zu zeigen, dass Liebe die erlösende Macht ist. Liebe wird bei Engeln nicht erkenntlich, sie sind konstitutionell nicht auf ein „Du“ angelegt. Sie sind als Individuen fertig, von allem Anfang an, sie kennen keine Reifestadien, aber auch keine Liebe. Liebe ist dynamisch und wächst. In ihrer Körperlichkeit birgt sie ein erhebliches Energiepotential und ist in ihrer Verleiblichung offensichtlich enorm anstrengend. 

Das alles verstehen die zum Dämon gewordenen Engel nicht und Esther meint, indem sie den Menschen ihr ständiges Versagen demonstriert, zu zeigen, wie erbärmlich sie eigentlich sind. Aber Gott liebt sie gerade in dieser Erbärmlichkeit, so dass er selbst seinen Sohn für sie sterben lässt. Die „perfekten“ Gottessöhne, die Engel, sind Gott offensichtlich nicht in dem Maße „ans Herz gewachsen“. Gott liebt Menschen nicht erst als Vollendete, sondern schon als Unvollendete. Das versteht der zum Dämon gewordene Engel nicht und deshalb verlässt er auch den Dorfplatz abermals als Besiegter. 

Meine Kritik ist eigentlich keine Kritik, sondern nur ein Desiderat, das ich als traditionell Gläubiger habe und sicherlich für die meisten Zuschauer nicht zu Buche schlägt. Gott liebt den Menschen zwar auch schon als Unvollendeten, aber das Streben nach Vollendung, nach Glück ist ganz offensichtlich da. Denn wer möchte nicht glücklich werden? Sünde behindert dieses Glücklichsein. Der gestürzte Engel sagt, es gibt sie gar nicht und befreit die Menschheit in seiner Sicht nur von einer religiösen Selbstfesselung. Für den Christen gibt es die Sünde sehr wohl als das Leben niederhaltende und vergiftende, ja Tod bringende Macht, von der der Kreuzestod Christi erlöst. Wenn Menschsein sich – wie das Schauspiel eindrucksvoll demonstriert – zwischen Himmel und Erde erstreckt, dann ist Vollendung nicht schon die private geglückte Beziehung oder eine Gemeinschaft nur mit Menschen, sondern schließlich auch eine mit Gott. Körperlichkeit, das Attribut, das Engel nicht haben, ist dann etwas Begrenzendes. Sexualität als reine Körperlichkeit neigt wie keine andere Strebung zu dieser Begrenztheit. Im Menschen ist sie allerdings auch Seelenkraft. Diese Seelenkraft sprengt die enge begrenzte Körperlichkeit. Als ganzheitliche Verleiblichung wird sie dann zur Vollendungsform menschlicher Liebe. 

Soweit so gut. Die Botschaft Jesu zielt also letztlich eine Gemeinschaft mit Gott an. Sexualität ist da nur Wegweiser. Sie reicht von der Erde zum Himmel, mit den Worten von Georges Bernanos ist sie als Ehe „ein irdisches Haus mit Fenstern zum Ewigen.“ 

All dies mindert in keiner Weise die geniale Gedankenführung des Stückes, das wirklich großes Theater ist und hoffentlich bald nicht mehr nur auf kleinen Bühnen gespielt wird. 

Montag, 2. April 2012

Der Geiger auf dem Dach

Kommentar zur Premiere von Anatevka in Wiesbaden am 31.03.2012

„Jeder von uns ist ein 'Fiedler auf dem Dach'. Jeder versucht, eine einschmeichelnde Melodie zu spielen, ohne sich das Genick zu brechen.“, so äußert sich der Milchmann Tewje im Prolog zum ersten Akt des Musicals 'Anatevka', das im englischen Original auch den Titel „Fiddler On The Roof“ (Geiger/Fiedler auf dem Dach) trägt. Und dieser Satz zog sich am Samstagabend wie ein roter Faden durch das Geschehen auf der Bühne im großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden und rot war ja auch die Gewandung des Geigers, der an entscheidenden Stellen des Stücks immer wieder seine kleine klagende Melodie, mit der er geschickt das Geschehen kommentierte, zum Besten gab. 

Der roten Faden – der rote Geiger – eine Allegorie auf den modernen Menschen im Gewand des heraufdämmernden 20. Jahrhunderts vor der großartigen Kulisse des vorrevolutionären Russlands und des Schicksals der Juden in aller Welt, das am Beispiel der jüdischen Bevölkerung des ukrainischen Dorfes Anatevka verdeutlicht werden soll?


Jedenfalls erlebte die Gruppe von zweiundfünfzig Schülerinnen, Schülern, Lehrerinnen, Lehrern, Ehemaligen und Freunden, die sich aus Höhr-Grenzhausen zu dieser Theaterfahrt aufgemacht hatten, ausnahmsweise mal keine Regietheaterarbeit, wie in den vorangegangenen Inszenierungen, die man besucht hatte, sondern eine absolut klassische Inszenierung, die gerade wohl deswegen einen besonderen Reiz auf alle ausübte. 

Lag es nun daran, dass es sich um ein Gastspiel des Staatstheaters Darmstadt handelte, lag es daran, dass die Kulisse eine wundervolle Komposition von Farben, Dekorationen, Requisiten und Bauten darstellte, die in ihrer erdfarbenen Grundstimmung das Geschehen reizvoll unterstützte, oder lag es an der dem Stück innewohnenden Komik, jedenfalls erzeugte die gesamte Darbietung ein wunderbar warmes Gefühl, das selbst dem traurigen Schluss etwas durchaus Versöhnliches abzugewinnen im Stande war. 

Also eine Tragikomödie wie aus dem Lehrbuch? – Der rote Geiger, nicht nur der rote Faden, sondern auch der Blutstropfen, der auf die braune Erde fällt? 

1965 von Joseph Stein, Sheldon Harnick und Jerry Bock erdacht, ersonnen, getextet und komponiert, kommt dieses Musical ganz konventionell daher, eigentlich viel zu konventionell für die Entstehungszeit. Die Art und Weise, mit dermaßen leisen, traurigen Tönen ein Musical zu beenden, rückt es in die Nähe von Leonard Bernsteins West Side Story. 

Aber ist das ein Manko? – Ist es minderwertig, weil es Evergreens produziert hat, die die Spatzen heute noch von den Dächern pfeifen? – Ich denke, es entfaltet gerade darin seine Genialität und Bedeutung. Niemals zuvor wurde auf derart drollige Weise die Frage nach der Liebe gestellt oder dem Wunsch, reich zu sein, Ausdruck verliehen. – Und die Zwiegespräche Tewjes mit seinem Gott erinnern in ihrer Art stark an Giovannino Guareschi's Don Camillo und Peppone. 

Natürlich gab es – wie bei allen Live-Events – ein paar Pannen. So war die Tontechnik nicht wirklich auf Zack, denn die Schauspieler waren stellenweise – wenn überhaupt – nur sehr schlecht zu verstehen, vor allem in ihren Gesangspartien, die oftmals vom Klang des sehr ordentlich aufspielenden Orchesters überlagert wurden. – Konnten die Stimmen sich nicht gegen den wuchtigen Klang durchsetzen oder vermochte die Orchesterleitung es einfach nicht, den Klangkörper in seiner Dynamik entsprechend zu drosseln? – 

Entschädigt wurde man für diese technischen Pannen allerdings durch absolute Klangausnahmen, wie ein Akkordeon Bajan, ein russisches, chromatisches Knopfgriffakkordeon, welches sich elegant in den Orchesterklang einfügte und herrliche Solopartien vorlegte. Auch durch solche Originalinstrumente erzeugt man ein gewisses Feeling für landestypische Stimmungen. 

Letztlich bleibt noch der Bildungswert der Inszenierung zu erwähnen. Dieses Stück ist ein Paradebeispiel dafür, wie man Wissen über eine Weltreligion – in diesem Fall das Judentum – auf humorvolle, witzige und sehr drollige Art und Weise rüberbringt, eigentlich ist das Stück ein Muss für alle Religionspädagogen: Tief ergreifend die Pesachszene, das Abendmahl, bei dem jeder willkommen ist, selbst der Fremde – ein einfaches Mahl am Tisch des Herrn. 

Das Leitmotiv der Tradition, welches sich durch das ganze Stück zieht, wird kritisch hinterfragt, das sich Auflehnen gegen Althergebrachtes, Konservatives, wird mit dem Heraufdämmern einer neuen Zeit erklärt, mit dem Wandel, dem Umbruch, dem sich vor allem die Jugend so gerne anschließt, wenn sie mit vorhandenen, gewohnten Konventionen bricht und sogenannte große Ideen entwickelt. Verpackt wird diese Thematik in die Irrungen und Wirrungen junger, sich anbahnender Liebe und Ehe. 

Am Ende steht der Abschied, wie an jedem Ende – aber kein Abschied für immer, wenngleich er durch die Obrigkeit erzwungen wird. Und darin liegt ein weiterer großer Wert dieses Stücks, den diese Inszenierung so wundervoll herausgearbeitet hat, nämlich, dass jedem Abschied auch ein Neuanfang innewohnt. 

Solches Theater macht Lust auf mehr, mehr von der klassischen Art des Theaters nämlich. Denn dieses mahnende Wort sei am Ende dieser kurzen Betrachtung gestattet: Wenn sich die Theater in Deutschland weiterhin auf künstlerisch sicher sehr wertvolle Regietheaterarbeiten beschränken, machen sie nur noch Theater für einen sehr klein gewordenen Kreis besonderer Liebhaber und Intellektueller. Wenn Theater aber wieder etwas werden soll, was alle Menschen anspricht, so muss Theater auch für alle verstehbar gemacht werden, es muss zum Event werden, bei dem die Leute sagen „Das war toll, da gehen wir gerne wieder hin!“ und nicht „Das war langweilig, ich hab' ja nichts verstanden.“ Und das erreicht nun einmal eine Regietheaterarbeit selten, so etwas kann nur das klassische, traditionelle Theater bewirken. Alles gewürzt mit einem Spritzer Humor und einer Handvoll Bildung kann – wie an diesem Abend bewiesen – die eigentliche Zukunft des Theaters sein. 

Denken Sie einmal darüber nach.



Samstag, 24. März 2012

Sünde

Wenn ein Projekt in die entscheidende Phase geht, ist es immer gut, einen Moment innezuhalten, sich umzuschauen, zurückzublicken und den eigen Standort zu bestimmen. Die Vorbereitungen zur Uraufführung meines neuesten Stücks "SÜNDE" gehen nun langsam in die heiße Phase. Hier schon mal das Plakat und der Flyer. Eine genauere Besprechung an dieser Stelle behalte ich mir vor und werde sie nach den Aufführungen nachliefern.



Donnerstag, 22. März 2012

Auf der Durchreise - Reloaded

Es ist manchmal schon interessant, wie das Leben so spielt. Ich hab diesem Blog den Titel "Auf der Durchreise" gegeben, als ich ihn schuf und ihn online stellte. Dementsprechend war mein erster Blogeintrag auch eine, wenn auch nicht sehr ausführliche, Erklärung zum Titel.

Nun kaufte ich mir dieser Tage den zweiten Teil der Autobiographie von Bud Spencer mit dem Titel "Bud Spencer - In achtzig Jahren um die Welt", erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf. Und dort fand ich folgenden Text auf den ersten Seiten:

"Lasst mich vorbei - ich bin auf der Durchreise! Ich durchquere mein langes, erfülltes und mit einer großen Portion Glück beschenktes Leben. Ereignisse, Erinnerungen und Personen erscheinen vor meinem inneren Auge wie die Szenen eines Films, in dem ich mich nicht als Protagonist wiederkenne und an dem ich schon nicht mehr teilhabe - denn ich stehe bereits mit einem Bein in einer Zukunft, die verspricht, das größte Abenteuer von allen zu werden. Bud Spencer"

Bud Spencer, der große Held meiner Kindheit und Jugend, das Nilpferd, Mücke, Rizzo und wie er in seinen Filmen noch genannt wurde, hat für seine Autobiographie denselben Gedankengang gehabt, wie ich, als ich diesen Blog schuf. Ich könnte an dieser Stelle nun eine lange Diskussion darüber beginnen, ob und wer nun der Erste war, der die Idee hatte, aber nein, nach der Lektüre dieses altersweisen Textes, der mich in vielerlei Hinsicht sehr berührt hat, bin ich einfach nur stolz, dass er eine ähnliche Eingebung hatte, wie ich.

Die Ratschläge, die er - eingekleidet in Zitate von Seneca, Aristoteles und Platon - im Prolog des Buches schon erteilt, sind praktische Lebenshilfe, sind wertvolle Denkanstöße gerade auch für junge Menschen. Und so ist es oft - das eigentliche Vermächtnis eines Lebens besteht in wenigen Erkenntnissen, die dafür aber prägnant und treffend sind.

Lieber Carlo Pedersoli, ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Lebenswerk.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Koblenz am Lake Okeechobee

Kommentar zum 5. Koblenzer Literaturpreis 2012 

Die Preisträgerin des fünften Koblenzer Literaturpreises steht fest! Eigentlich sollte das ein Grund zum Gratulieren sein, wenn eine relativ kleine, im Vergleich mit den großen Metropolen Deutschlands relativ unbedeutende Stadt wie Koblenz – nunmehr zum fünften Mal – einen Literaturpreis ausschreibt und auch vergibt. Und es ist kein unbedeutender Preis, immerhin ist er der Bestdotierte des Landes. 2012 hat er einen Wert von 13.000 Euro und wird gefördert vom Theater der Stadt Koblenz und der Universität Koblenz-Landau, sowie den jeweiligen Freundeskreisen. 

Hier einige Passagen aus den Ausschreibungen und von der Website des Literaturpreises: „1999 ins Leben gerufen, zeichnet der Koblenzer Literaturpreis alle drei Jahre die experimentelle Umsetzung von Themen aus dem Land an Rhein und Mosel und über die Landesgrenzen hinaus aus. Der Preis will zugleich Mut machen und finanziell fördern, neue literarische Wege zu gehen. Damit wird eine Plattform für junge Literaten geschaffen, die es ermöglicht, Kunst und Literatur in größerem Kreis zu präsentieren. Die Kriterien für die Preisvergabe sind bewusst offen gehalten, Bewerbungen sind weder an eine literarische Gattung noch an eine Altersgrenze gebunden.“ Ebenso sollte man sich noch folgende Angaben aus der aktuellen Ausschreibung ins Gedächtnis rufen: „Der Preis verfolgt die Förderung der Literatur am Mittelrhein in zwei Richtungen: 1. Förderung der Literaturschaffenden in der Region Mittelrhein: Förderung von Autorinnen und Autoren, die in der Region Mittelrhein leben, deren literarische Werke aber nicht diese Region thematisieren müssen, sowie 2. Förderung der Literatur im Kontext der Region Mittelrhein: Förderung von Autorinnen und Autoren, die außerhalb der Region leben, deren literarische Werke aber den Raum Mittelrhein - regional weit gefasst – thematisieren. Die Kriterien der Vergabe orientieren sich an diesem regionalen Bezug und an der Qualität der Texte. Es können sowohl einzelne publizierte Werke als auch das umfassende Schaffen einer Autorin oder eines Autors gewürdigt werden. Es sollten aber nicht mehr als drei Publikationen eingereicht werden, wobei alle literarischen Genres zugelassen sind. Bei nicht deutschsprachigen Arbeiten sollte eine Übersetzung beigelegt werden.“ 

Wie sind diese Aussagen nun zu werten oder zu interpretieren? Man kann es nach mehrmaligem Lesen so verstehen: Junge Literaten – wobei die Bezeichnung jung relativ dehnbar ist und sich augenscheinlich nicht nur auf das Alter der Bewerber, sondern wohl eher auf das Alter von deren Werken bezieht – sollen mit diesem Preis gefördert werden, wenn sie entweder durch ihren persönlichen Werdegang oder die jeweiligen Inhalte ihrer Werke einen direkten Bezug zur Region Mittelrhein haben – wobei auch hier der Terminus technicus „Mittelrhein“ nur mit „Land an Rhein und Mosel“ näher eingegrenzt wird. Darüber hinaus gab es keinerlei Vorgaben, was das Genre anging, es konnten also – ja es sollten sogar alle Textsorten eingereicht werden, die im literarischen Schreiben denkbar sind. 

Wie wird nun dieser Wettbewerb im Einzelnen abgewickelt? Zunächst wird eine Vorauswahl aus den Einsendungen getroffen, eine Vorauswahl, die dann der Jury vorgelegt werden wird. Für den Wettbewerb 2012 waren das immerhin einhunderteins Arbeiten. Auch das ist noch nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen, wird doch oft eine Vorauswahl bei solchen Wettbewerben getroffen, nur stand davon leider nichts in der Ausschreibung. In diesem Fall wurde die Vorauswahl von einer Privatdozentin der Universität Koblenz vorgenommen. 

Auf eine diesbezügliche telefonische Anfrage im Frühjahr 2011 teilte die Sachbearbeiterin der Koblenz Touristik mit, dass jedes Werk von der Jury in Betracht gezogen würde – tatsächlich hatte jeder in der Jury wohl jederzeit die Möglichkeit, alle Wettbewerbsbeiträge einzusehen und zu überprüfen, aber mal ehrlich, wer macht das schon in einer solchen Situation? Die Jury sollte das erste Mal im November zusammenkommen und dann sei auch mit den ersten Ergebnissen zu rechnen. 

Und Anfang Dezember bekamen die „Aussortierten“ einen netten Brief mit einem standardisierten Text, in dem lapidar mitgeteilt wurde, dass man den entsprechenden Beitrag nicht würde weiterhin berücksichtigen können. Eine nähere Begründung wurde nicht geliefert mit der Begründung, dies sei nicht leistbar. Hatte also eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den eingereichten Arbeiten überhaupt stattgefunden? 

Eine daraufhin eingeleitete Recherche, unter anderem eine Korrespondenz mit der betreffenden Sachbearbeiterin und einem Professor der Universität, der darüber hinaus noch Jurymitglied ist, brachte Ergebnisse, die ernüchternd und erschütternd zugleich waren: Zum einen war die Vorauswahl von der oben genannten Privatdozentin an eine kleine Gruppe „kompetenter“ Studierender höherer Semester delegiert worden, die jeweils die Werke „gelesen“ und „eingestuft“ hatten, sprich: eine Stellungnahme hierüber abgegeben hatten. – Hallo? – Geht’s noch? – Bei einem so großen und bedeutenden Preis, bei dem es neben dem Renommee auch noch um eine beträchtliche Summe Geldes geht, übernehmen Studenten (!) die Vorauswahl? Wie qualifiziert waren diese überragenden Studenten denn, dass sie es in Angriff nehmen durften, eine solche Bewertung vorzunehmen? Und welche Kriterien wurden der Vorauswahl zugrunde gelegt? – Warum übernahmen überhaupt Studenten die eigentliche Arbeit der Jury? – Darüber ist nichts bekannt. 

Doch es kam noch besser: Die Jury war sich durchaus bewusst, dass die Formulierung der Ausschreibung missverständlich, ungenau und schlichtweg ungenügend war, und darüber hinaus – wie so mancher juristische Gummiparagraph – gedehnt werden konnte. Man war sich bewusst, dass die Frage, wie man die Ausschreibungstexte genau zu verstehen und für die Praxis zu deuten habe, in Zukunft einer Überarbeitung bedurfte. Und dennoch stoppte keiner diese Farce? 

Betrachten wir uns nun noch das Ergebnis: Die diesjährige Preisträgerin ist eine promovierte Germanistin, Anglistin und Philosophin, die Prosa, Essays und Theatertexte schreibt, und sogar szenisches Schreiben in der Schweiz studiert hat. Sie hat bereits mehrere bedeutende Preise abgesahnt und auch entsprechende Stipendien erhalten. Also ein Vollprofi, wenn man so will, eine professionelle Autorin und Literatin, die in München geboren wurde und nun mit ihrer Familie in Berlin lebt. Die einzige Verbindung zur Region Mittelrhein ist ihre Kindheit und Schulzeit in Kirn im Hunsrück, was man wohl weitgehend noch zur Region zählen kann. Dass ihr Nachname auf merkwürdige Weise mit dem Namen eines Politikers korreliert, der in Kirn lebte – und dessen Sohn, der ebenso politisch aktiv ist, immer noch dort lebt – und den man als den „guten Menschen von Kirn“ bezeichnete, ist doch wohl hoffentlich auch nur eine auffällige Zufälligkeit, oder? 

Bei dem ausgezeichneten Werk handelt es sich um einen Roman, der bereits 2009 den Anna-Seghers-Preis erhalten hat und aus dem Jahr 2009 stammt. Dieser Roman befasst sich mit einer Person, deren Schicksal sich in Schottland im 18. Jahrhundert konstituiert. – Nichts gegen diesen Roman, aber wo ist da der Bezug zu den in der Ausschreibung geforderten Bereichen? – Er ist schlichtweg nicht ersichtlich, wenn er überhaupt vorhanden ist. – Trotz alledem natürlich herzlichen Glückwunsch, Frau Dr. phil. Daniela Dröscher! Immerhin soll Ihnen der Preis gerne gegönnt sein, wenngleich Sie nichts eingereicht haben, was den Kriterien der Ausschreibung entsprach. Oder reichte etwa Ihr Management Ihren Beitrag ein, und Sie wussten nichts davon, frei nach dem Motto: Wir nehmen mal an allen Wettbewerben teil, bei einem wird schon was herausspringen? Dann ein Kompliment an Ihr Management. 

Aber werfen wir noch einmal einen Blick auf die anderen bisherigen Preisträger und die ausgezeichneten Werke. In allen Fällen wurde – mit einer Ausnahme, in der es um ein Lebenswerk ging – jeweils ein Roman ausgezeichnet. Es wurde nie eine andere Textgattung in Erwägung gezogen, obwohl doch die Ausschreibung ausdrücklich vermerkt, dass keine literarische Gattung bevorzugt behandelt wird. Ist nun der Roman die Königsdisziplin unter den Textgattungen, dass er in allen bisherigen Fällen im Mittelpunkt steht? – Hat er die einzige Daseinsberechtigung, was Wettbewerbe dieser Art betrifft? – Sollte man nicht annehmen, dass ein Theater beispielsweise auch an entsprechend szenisch-dialogischen Texten interessiert ist? – Oder haben hier schlicht und ergreifend die Blinden wieder mal nicht geradeaus sehen können? 

Diesen Sachverhalt kommentierte ein promovierter Literaturwissenschaftler und Verleger, also ein Insider, der seit etlichen Jahren das Geschäft und das System kennt, folgendermaßen: „Solche Wettbewerbe sind prinzipiell nicht dazu da, Gutes, Neues oder Interessantes zu finden. Es geht dabei auch nicht um Gerechtigkeit, Neutralität oder sachliche Unvoreingenommenheit.“ Bei einem Literaturwettbewerb geht es also infolgedessen nie um die Qualität der eingereichten Arbeiten, sondern immer nur um Beziehungen. 

Zum Schluss bleibt vor allem eigentlich nur eine einzige Frage zu stellen: Hat man es denn als Kultur schaffender Autor so dringend nötig, diese Wettbewerbe zu gewinnen und entsprechende Preise einzuheimsen? Sicher, es liest sich gut in der Bio, wenn man schreiben kann, dass man den und den Preis und die und die Auszeichnung erhalten hat. Aber gehört man nicht zu der entsprechenden Lobby, die sich gegenseitig deckt und entsprechende Personen zuschustert, hat jedwede Diskussion mit der Jury oder den Beteiligten sowieso von vornherein keinen Sinn. Man braucht diese Lobby zwar nicht zwingend, um Erfolg zu haben, in Deutschland kann sie aber auch nicht schaden. Man schont daher dann besser Nerven und Motivation. Welchen Wert hat ein solcher Preis dann überhaupt noch, angesichts einer derartigen Vetternwirtschaft? – Hat ein Goethe beispielsweise jemals einen Literaturpreis gewonnen? 

Denken Sie einmal darüber nach.