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Mittwoch, 28. Dezember 2011

Ein Spiel der Schatten



Ich habe nun schon eine geraume Zeit nichts mehr auf meinen Blog geschrieben. Das hatte unterschiedliche Gründe, die ich hier nicht vertiefen möchte, aber mit Sicherheit trug die Masse an Arbeit, die bewältigt werden musste, sichtlich dazu bei. Deshalb nun hier ein Post zum Jahresabschluss 2011, den ich aus einem inneren Bedürfnis heraus schreibe und zu dem ich mich durch eine Facebook-Diskussion genötigt sehe.
Ich war gerade im neuen Sherlock-Holmes-Film. Er trägt den Titel „Spiel im Schatten“ und wurde, wie auch schon der vorherige erste Akt, von Guy Ritchie produziert. Der englische Originaltitel „A Game of Shadows“ spricht nun aber etwas genauer von einem Spiel der Schatten. Sollte hiermit schon ein klassischer zweiter Akt angedeutet werden, in dem bekanntlich die Helden ihre dunkelsten, schattenhaftesten Momente erleben? Und so ist es dann auch.
Der erste Schlag: Watson heiratet; eine durchaus im Kanon der Holmes-Erzählungen bekannte Tatsache, die in vielen Bearbeitungen oftmals weggelassen wird, da sie ja nicht so recht zum klassischen Duo-Charakter zu passen scheint. Und diese „Zerstörung“ der trauten Zweisamkeit wird von Holmes als persönlicher Affront gewertet, als ein Im-Stich-lassen durch seinen besten Freund, der für ihn nebenbei bemerkt auch sehr notwendig ist, damit Holmes' Brillianz richtig zur Geltung kommen kann. Im Film tut Holmes daher alles, um diese Hochzeit ein wenig zu, na, sagen wir mal „sabotieren“.
Der zweite Schlag: Irene Adler arbeitet für den Erzfeind Moriarty. Und damit nicht genug. Die Frau, die für ihn „immer nur die Frau bleiben wird“, stirbt auch noch durch Moriarty's heimtückischen Anschlag. Sie wird zwar scheinbar „ersetzt“, aber die Zigeunerin Sim kann ihr nicht wirklich das Wasser reichen. Sie kann und wird nie den Platz in Holmes' Herzen einnehmen können, den Irene in seinem Herzen einnahm.
Der dritte Schlag: Prof. James Moriarty, der „Napoleon des Verbrechens“ ist ihm immer eine Spur voraus. Ihm ist nicht beizukommen. Egal, was Holmes anstellt, Moriarty und sein Schoßhund, der designierte Offizier Colonel Sebastian Moran, spielen ihr Spiel und lassen Holmes ein wenig mitspielen. Im Übrigen ist die deutsche Synchronstimme von Frank Glaubrecht hier oscarreif.
Der vierte Schlag: Holmes muss auf die Hilfe seines äußerst exentrischen Bruders Mycroft zurückgreifen, jenes undurchdringlichen Staatsbeamten, der nicht wirklich klare Konturen gewinnt und auch nicht gewinnen will, vergegenwärtigt man sich einmal seine Stellung und Bedeutung für den englischen Staat. Besonders hervorzuheben ist hier Stephen Fry, der, wie ich finde, die seit Jahrzehnten beste Darstellung Mycroft Holmes' gibt, allein schon optisch gleicht er der Zeichnung von Paget aufs Haar.
Ich bin tief beeindruckt! Es ist ein Meisterwerk, ein wahres, echtes Meisterwerk in allem und jedem kleinen Detail. Es kommt ja selten vor, dass ich so überwältigend überzeugt bin, aber dieser Film hat mich überzeugt.
Wenn man ihn sich ansieht, sollte man einmal auf die kleinen Feinheiten achten, nicht nur auf die unzähligen Anspielungen auf den Kanon (von Moran über Moriarty bis zum Reichenbach-Fall), nein, auch auf die liebenswerten Zitate aus anderen Filmen, die Vermittlung von deutscher Kultur von Mozart's Don Giovanni bis zu Schubert-Liedern, wie der „Forelle“, deren Text eine Ausdeutung der geheimen Sprache eines Christian Daniel Friedrich Schubart filmisch erfährt, wie sie nie dagewesen ist. Auch die Bedeutung des Schach-Spiels als große Metapher auf das Ringen zweier großer Intellektes miteinander und so weiter, und so weiter ...
Ich bin wie gesagt tief beeindruckt und alle, die Guy Ritchie immer belächelt haben und in eine bestimmte Ecke zu drängen versuchen, werden durch diese Arbeit Lügen gestraft. Ein guter Freund äußerte sich folgendermaßen dazu: „Auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn. Es sind zwei Filme, die er bisher gemacht hat, die ansehnlich waren. Whow, er hat es geschafft, nach sieben Fehlversuchen zwei gute Filme zu machen.“ Oder ein anderer Kommentar lautete: „Guy Ritchie als Meister zu bezeichnen, käme der Behauptung gleich, der Papst sei keusch.“ Dazu bleibt nur zu sagen, dass die Anzahl der „Fehlversuche“ noch kein Indiz für fehlende Kompetenz ist. Er hat einen alten, vielen Menschen schon fast „heiligen“ Stoff neu interpretiert und erzählt, in dem er die alten Texte Doyles einmal gegen den Strich gebürstet hat und das herauslas, was sonst nur in Nebensätzen zu finden ist. Er hat sich wieder einmal - wie bereits in seinem ersten Holmes-Film - vor dem literarischen Werk Doyles verbeugt, er hatte eine wirklich gute Idee, er hat daraus ein tolles Drehbuch gemacht, er hat sehr gut gecastet, passend, wie ich finde, und bevor jemand das kritisiert und nicht anerkennen kann, soll er es erst einmal selbst so hinbekommen, geschweige denn, dann man bekanntlich über nichts urteilen sollte, was man nicht kennen gelernt hat. Mal sehen, ob der geneigte Kritiker es direkt im ersten Versuch schafft, besser zu sein, ansonsten sollte er besser schweigen. Denn was bedeutet "Kritik" ursprünglich denn? Das griechische Wort "kritein" heißt übersetzt soviel wie "unterscheiden". Und unterscheiden kann ich nur das, was ich kenne.
Man darf nun also gespannt sein auf den dritten Akt dieses gelungenen Spektakulums. Ich möchte denselben Satz, den Johannes Brahms einst nach dem Hören des Straußwalzers "An der schönen blauen Donau" auf die Noten desselben schrieb, gerne auch hier abschließend schreiben: "Leider nicht von mir!"
Denken Sie einmal darüber nach.