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Samstag, 9. Juli 2011

Miss Sara Sampson & Emilia Galotti - Briefwechsel

Und wieder mal fand ich beim Aufräumen eine kleine Kostbarkeit, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. 

Im Wintersemester 2010/2011 entstand, im Rahmen des Seminars über das Bürgerliche Trauerspiel in der Sitzung vom 19.11.2010 bei Prof. Dr. phil. Helmut Schmiedt folgender fiktiver Brief.

Hintergrund war eine Aufgabenstellung zum Vergleich der Lessing-Dramen "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti". Um beide Stücke besser miteinander vergleichen zu können, verglichen wir einzelne Personen aus diesen Stücken miteinander, die in etwa vergleichbare Positionen in den jeweiligen Stücken vertraten. (Ich gebe zu, dass dieser Satz grausam ist, wenn ich gleich dreimal die Wortfamilie des Begriffs "vergleichen" bemühen muss. Aber mir fiel beim besten Willen keine andere Formulierung dazu ein.) 

Um diesen Vergleich ansprechend zu gestalten, sollte eine Person aus dem einen Stück ihrer ihr entsprechenden Person des anderen Stücks einen Brief schreiben. In meinem Fall musste ich aus der Sicht von Sara Sampson einen Brief an Emilia Galotti schreiben. Folgendes kam dabei heraus:

Juli 1755 

Meine liebe Emilia,



nun, da ich tot bin, kann ich dir endlich einmal in Ruhe schreiben und dir auf deine Frage in aller Ausführlichkeit antworten, was mich denn nun in den Tod getrieben habe. Ach Gott, ja, es war schon eine echte Tragödie, das alles, und doch, auch wenn mir oft vorgeworfen worden ist, meinem Tod mangele es an einer plausiblen Motivation und allem, was mir passiert ist, fehle es an Stringenz, so muss ich dir doch sagen, dass es ja so kommen musste. Ich war eben jung, in Liebesdingen völlig unerfahren, von Vater und Liebhaber völlig alleingelassen und einer aggressiven und wolllüstigen Furie wehrlos ausgeliefert. 

Doch der Reihe nach. Wenn man sich von einem charakterschwachen, wankelmütigen Manne wie Mellfont verführen lässt, mit ihm durchbrennt und sich in einem drittklassigen Provinzgasthof verschanzt, dann kann das ja nicht gutgehen. Ich habe ihn angefleht, ihn angebettelt, dass er mich heiraten möge, um mich aus dieser doch recht unseligen Lage zu rehabilitieren, doch er hat sich immer wieder herausgewunden. 

Mein Vater war mir nachgereist, ohne sich jedoch zu erkennen zu geben, im selben Gasthof abgestiegen und hatte dort inkognito Quartier bezogen. Ach, mein guter Vater, aber auch er war zu schwach, wie ich mich überhaupt immer nur in Gesellschaft schwacher Männer befunden habe. Er hatte den Verführer doch ins Haus geholt. Er hatte, als er seinen Fehler erkannte, nicht konsequent genug gehandelt, sondern mich mit meiner, ich muss es leider eingestehen, moralischen Starrheit und Unselbständigkeit im Stich gelassen. Er hatte mich damit schutzlos der aggressiv-erotischen Eifersucht meiner Rivalin preisgegeben, einer Rivalin, liebste Emilia, das musst du mir glauben, die ihresgleichen nicht hat auf dieser Welt. 

Marwood, so ihr Name, wurde mir erst von meinem feinen Herrn Liebhaber als Verwandte vorgestellt, entdeckte sich mir dann aber als seine ehemalige Geliebte, die er mitsamt seiner unehelichen Tochter sitzen gelassen hatte. Sie war sehr erfahren in Liebesdingen, oh ja, war von agressivem und expressivem Wesen und ihrem Auftreten nach eine fraulich-reife Erscheinung, der ich junges, dummes, tugendhaft-verführtes Mädchen nichts, aber absolut nichts entgegen zu setzen hatte. Brüsk und frech trat diese Person auf, nachdem sie zuvor vorgab, zutiefst gedemütigt und völlig zurückgestoßen von Mellefont zu sein, womit sie mich völlig an die Wand spielte. Doch am härtesten traf mich ihre unverschämte Ankündigung, dass mich Mellefont ebenso wie sie in Kürze beiseite schieben und verlassen werde. 

Sie war mir so ähnlich, diese verstoßene, gedemütigte und altgewordene Geliebte. Sie durchschaute meinen liebenswürdig-schwachen Verführer, entlarvte seine Untauglichkeit zu Ehe. Sie machte mir klar, mir, der ich das wohl durch meine Tugend bedingte Arroganz nicht wahrhaben wollte, geschweige denn sehen konnte, dass zur Liebe wohl jenes erotische Unterfutter gehört, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt weder etwas gehört, noch irgendeine Ahnung hatte. Mellefont jedenfalls war triebhaft und haltlos, und als ich das erkannte, war es zu spät. Er wurde zu einem Werkzeug Marwoods, welches ihr half, den Weg ihrer Intrige zu ebnen. 

Ob das Gift von ihr war, das mich letzten Endes umbrachte, weiß ich nicht genau, dennoch aber nehme ich es an, denn sie ist die einzige, die ein wirkliches Motiv zur Tat gehabt hat. 

Sei nicht traurig, dass es so gekommen ist. Ich hoffe, du machst keinen ähnlichen Fehler wie ich. Unsere Familien sind oftmals nur vordergründig das, was wir dafür halten. Gleichsam einer Ideologie verklären wir oft, ohne die Menschlichkeit in Betracht zu ziehen und insbesondere die menschliche Schwächen und so will ich mich auch bescheiden. 

Behalte mich stets in guter Erinnerung und halte mein Angedenken in Ehren.

Deine Sara

Montag, 4. Juli 2011

Der Stalker

Es ist unglaublich – egal, wo ich hingehe, verfolgt mich dieser Kerl! Ich werde ihn nicht los. Es ist ja nicht so, dass er mich direkt belästigt, aber ich kann ja nirgendwo mehr hingehen, ohne dass er dort dann auch irgendwann auftaucht. 

Und dieses süffisante Grinsen! Es nervt mich nur noch! Vielleicht sollte ich zur Polizei gehen. Aber was werden die sagen? Werden die mir überhaupt glauben? Immerhin hat er ja auch das Recht, überall da zu sein, wo ich auch bin. Ich weiß es nicht. Was will der von mir? 

Er spricht mich ja auch nicht an. Wenn es wenigstens das wäre. Er steht einfach nur da und grinst mich dämlich an! Ob er taub ist? Ja, das wäre eine Möglichkeit. Ich werde ihn das nächste Mal einfach ansprechen, ihn konfrontieren, ihm sagen, dass ich mich von ihm belästigt fühle. 

Gott sei Dank habe ich im Moment keinen Freund! Das gäbe sicher Ärger! 

Schlecht sieht er ja nicht aus, ein wenig mager vielleicht, schmales, spitze Gesicht, so ähnlich wie … ja, wie eine Ratte. Er wirkt unbeholfen, konservativ ist sein Kleidungsstil. Ob der sich irgendwelche Hoffnungen macht? Der würde doch nie zu mir passen. Allein schon diese abstehenden Ohren und der Pagenschnitt! Fürchterlich! Ich sehe auch keinerlei Freunde, er ist immer allein da. 

Vielleicht sollte ich versuchen, ihn abzuhängen. Ja, eine gute Idee! Ich werde einfach jetzt zahlen und dieses Lokal verlassen. Draußen stehen immer einige Taxis, da werde ich eins von nehmen und ihm einfach davonfahren. Ja, so mache ich es. 

Die Bedienung kommt. Ich sage, dass ich zahlen möchte. Sie nickt und geht. Hoffentlich dauert es nicht so lange. Das Colaglas vor ihm ist noch halb voll, er wird mir nicht so schnell folgen können. 

He, ist das nicht ein bisschen teuer für meine zwei Getränke! Nein, ich gebe kein Trinkgeld diesmal. Ich packe mein Portmonnaie zurück in meine Handtasche. Jetzt heißt es schnell sein. Schnell aufstehen, die Jacke überwerfen, abhauen. Ich warte, bis er wegschaut. Na, nun schau schon in die andere Richtung! Los! Brav! Suggestive Beeinflussung oder so ähnlich nennt man das wohl. Jetzt schnell! 

Endlich, ich bin draußen. Da, das Taxi, ich steige hinten ein. Der Taxifahrer brummt. Ich nenne mein Ziel. Er fährt los. Ich blicke aus der Heckscheibe. Ich sehe ihn nicht … doch, da kommt er! Er sucht mich, er ist verzweifelt. Ha! Geschafft. 

Filmriss! Ich werde wach. Alles tut mir weh, ich kann mich kaum bewegen. Was ist passiert? Es ist nass, ich liege in einer Pfütze. Wo bin ich? So viele Menschen! Es ist dunkel, ich bin eingeklemmt, aber wie … das Auto … ich blicke mich um. 

Vor mir sehe ich den Taxifahrer. Er liegt auf der Seite, seine Augen sind seltsam verdreht. Das Bild ist seltsam schief. Nein, ich bin schief! Ich … o nein, das Auto liegt auf der Seite. Der Fahrer ist … tot … 

Durch das verschmierte, halbgesplitterte Fenster sieht jemand herein. Ich höre eine beruhigende Stimme. Ich höre diese Stimme zum ersten Mal, aber dennoch weiß ich, wessen Stimme es ist. Er ist es. Er holt mich hier raus, sagt er, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich solle ruhig bleiben. 

Ruhig bleiben! Der hat Nerven! Ich frage mich immer noch, was eigentlich passiert ist. Ein Unfall vermutlich, ich bin eingeklemmt, das Auto liegt auf der Seite, ich habe Schmerzen. Es wird schwarz. 

Ich erwache. Alles ist weiß. Ich liege in einem Bett. Mehrere Maschinen entlassen Schläuche, schlangengleich, in meinen Körper. Ich lebe. Und da steht ein Strauß Blumen. Es sind schöne Blumen. Ein Riesenschild hängt daran: Gute Besserung, Maus, alles wird gut. Na toll! Nicht einmal hier kann der mich in Ruhe lassen. Woher weiß der eigentlch, wo ich … 

Ein Mann in Blau kommt herein. Er lächelt mild. Ah, ich sei wach, meint er, das wäre ein gutes Zeichen. Ob ich mich erinnern könne, was passiert sei, wer ich sei. Ja, ich kann es. Wie komme ich hier her? 

Das Taxi hatte einen Unfall. Wenn mich nicht ein Mann aus den Trümmern gezogen hätte, wäre ich jetzt tot. Nein, bitte nicht das! Sollte mir mein Stalker etwa noch mein Leben gerettet haben? Jetzt werd ich ihn wohl nie wieder los … nie … 



(Diese Kurzgeschichte entstand im Rahmen eines Seminars über Lyrik nach 1945 an der Universität Koblenz-Landau am 03.07.2011. Die dazugehörige Aufgabe war, im Rahmen eines handlungs- und produktionsorientierten Herangehens an ein Gedicht, eine Geschichte zum Gedicht zu entwerfen. Das Gedicht, auf das sich dieser Text bezieht, ist Robert Gernhardts "Der Zähe" von 1987.)