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Freitag, 4. März 2011

Beckett und die Trivialkunst des 21. Jahrhunderts

Unverhofft kommt oft – so könnte man die Entstehung des Stücks "Codename Blaue Blume" wohl treffend in drei Worten beschreiben, denn beinahe wäre es eben nie entstanden. Als ich vor einem Jahr auf einer Sitzung der Kroatischen Kulturgesellschaft Koblenz e.V. mit der Idee konfrontiert wurde, auf der Bundesgartenschau im Jahr 2011 mit meiner Theatergruppe aufzutreten, erschien mir das zunächst undurchführbar. Was hatten wir als freie Theatergruppe und insbesondere eine kroatische Kulturgesellschaft einer bundesweiten Veranstaltung wie der BUGA schon zu bieten? – Welche Verbindung gab es? – Doch das Veranstaltungskonzept der BUGA sah unter anderem die Aufführung von Theaterstücken vor und als ich die Aufführungsorte gesehen hatte, keimte relativ schnell in mir die Vision, das bereits im Jahr 2005 von mir uraufgeführte Drama „Babel und Bibel“ von Karl May vor der Kulisse des Ehrenbreitsteins im großen Stil aufzuziehen. Also bewarb ich mich im Namen der Kroatischen Kulturgesellschaft Koblenz e.V. mit einer Infomappe und einem eigens hierfür erstellten fünfminütigen DVD-Filmtrailer, der querschnittartig unser bisheriges Theaterschaffen dokumentierte.

Die BUGA lehnte den Karl May rundheraus ab. Er eigne sich nicht, allerdings habe der Trailer derart überzeugt, dass man gerne das Projekttheater Westerwald – den Namen hatten wir uns eigens hierfür gegeben – auf der BUGA sehen wollte. Ich bekam einen halben Monat Zeit, um ein anderes passenderes Konzept vorzulegen. Die Vorgabe war, es sollte spannend, kurzweilig, am Publikum der BUGA orientiert und vor allem lustig sein. Außerdem sollte es, wenn möglich, irgendetwas mit Koblenz und natürlich mit der BUGA zu tun haben.

Also setzten wir uns zusammen, machten ein Brainstorming, jonglierten mit den krudesten Ideen herum, bis schließlich die zentralen Begriffe Deutsches Eck, Festung Ehrenbreitstein, Greifkanone, Kaiser Wilhelm und Clemens Brentano hängen blieben. Auch sollte es ein Kriminalstück werden, etwas im Stil der alten Mafiafilme. Und es wurde eine Reminiszenz an die ganz Großen, wie Sergio Leones „Der Pate“, „Casino“, „Good Fellas“, „Smokin' Aces“, „Leon, der Profi“, usw. Ja sogar eine augenzwinkernde Verbeugung vor Quentin Tarantinos „Kill Bill“ habe ich mir erlaubt.

Ich machte schließlich aus Kaiser Wilhelm Willi, den Kaiser von Koblenz, einen schmierigen Zuhälter und Unterweltboss, und aus Clemens Brentano einen Kommissar vom BKA, bei dem Peter Falk in der Rolle des schrulligen Inspektor Columbo Pate gestanden hatte.

Noch eine weitere Idee baute ich mit ein. Samuel Beckett war im 20. Jahrhundert ein unglaublicher Erfolg mit seinem Stück „Warten auf Godot“ geglückt, welches zu einem Meilenstein des absurden Theaters werden sollte. In dem Stück geht es – grob vereinfacht – um Wladimir und Estragon, die an einer Bushaltestelle auf einen Mann namens Godot warten, der allerdings nie (an-)kommt. Als Schüler hatte mich dieser Sachverhalt schon aufgeregt und in den letzten Jahren war die Idee gereift, dass ich ein Stück machen wollte, das den Titel „Godot kommt an“ trägt. Die Idee verschwand aber für Jahre in der Schublade. Für das vorliegende Stück reaktivierte ich sie und aus Godot wurde Frank Godot, ein Auftragskiller und Profi mit Herz. Wladimir und Estragon mutierten zu Ede und Ole, zwei Straßenganoven in Anlehnung an den Titelsong zu der Fernsehserie „Großstadtrevier“ von der Gruppe Truck Stop, die sich in den Dienst einer verbrecherischen, weltumspannenden Organisation mit dem Decknamen „Blaue Blume“ gestellt hatten, deren oberster Führer kein Geringerer als der Teufel selbst in Gestalt der grauen Eminenz im Hintergrund ist.

Die Blaue Blume war nun zum einen natürlich dem Symbol der Romantik geschuldet, wie sie Eichendorf in seinem gleichnamigen Gedicht beschreibt als ein Symbol für die Sehnsucht nach der Einheit von Realität und Traumwelt, Möglichem und Mystik, Verstand und Empfindung durch die Realität überschreitende vielschichtige Sinneswahrnehmungen (Novalis); allerdings wurde durch die Blaue Blume auch eine direkte Verbindung zur BUGA ermöglicht.

Hieraus baute ich das Grundkonzept einer Story, deren Inhalt in seiner Vermischung von historisch Korrektem und literarisch frei Erfundenem und künstlich Überspitztem, schon mehr als grotesk war. Trotz alledem gefiel das Konzept und wurde angenommen. Zur Aufführung gelangt das Stück, für dessen endgültige Fertigstellung ich zirka drei Monate benötigte, am 09. August und am 02. September 2011 auf dem RZ-Forum im Kernbereich „Blumenhof am Deutschen Eck“ auf der BUGA in Koblenz. Aufgeführt wird es durch meine eigene Theatergruppe, die eigens für die BUGA den Schritt unternahm, Verein zu werden. 
 
(vgl. Peter Wayand, Codename Blaue Blume. Eine Kriminalgroteske in 12 Bildern, o.A., Verlag 28 Eichen: Barnstorf 2010, S. 7-9)