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Sonntag, 20. Februar 2011

Selbstbewusste Außenseiter

Wenn man krank daheim im Bett liegt, tut man plötzlich Dinge, die man sonst nicht tut oder, wie in meinem Fall, schon lange nicht mehr getan hat. Ich habe seit Jahren mal wieder ferngesehen. Ich zappe also so durch die Kanäle und bleibe bei einer dieser unzähligen Talkrunden hängen. Ich fange einen Satz auf, der mich ins Nachdenken bringt. Es handelt sich um eine Definition. Sie lautet sinngemäß: Das Lebenskonzept, das ein Künstler ganz bewusst für sich wählt, ist das eines selbstbewussten Außenseitertums.
Whow, denke ich, wie ungemein tiefsinnig. Aber stimmt das auch? Sind Künstler wirklich besondere Menschen, die selbstbewusst außerhalb der menschlichen Gesellschaft stehen? Außerhalb der Gesellschaft – a-, ab-, diese lateinische Vorsilbe bedeutet soviel wie „weg von“ und die Gesellschaft betreffend wird aus dem Lateinischen kommend im Deutschen mit „sozial“ bezeichnet. Wenn also Künstler Menschen sind, die außerhalb der Gesellschaft stehen, wären sie dann asozial?
Was verstehen wir unter dem Begriff „asozial“? Ist der Begriff nicht in unserer Gesellschaft generell zunächst einmal negativ konnotiert? Sind damit automatisch Künstler gleichzusetzen mit Menschen, die sich generell außerhalb der Gesellschaft aufhalten? Sind, konsequent weitergedacht, Menschen, die außerhalb der Gesellschaft leben, diese Gesellschaft von ihrem Standpunkt aus beobachten und sich auseinandersetzen automatisch auch asozial? 
Denken Sie einmal darüber nach.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Stadt, Land, Single

Heute Nachmittag war ich mit einer sechsten Klasse, die ich in Deutsch unterrichte, in der Dreiuhrvorstellung im Kino. Wir haben uns den neuen Film von Til Schweiger „Kokowääh“ angesehen. Dienstags ist das immer sehr günstig, da ist Kinotag, und man kommt zu wirklich günstigen Preisen ins Kino. Ich mache das ab und an einmal, wenn ich mich bei den Kids bedanken will, weil sie so ordentlich gearbeitet haben und fleißig waren. Es sind in der Regel auch immer einige Eltern mit. 
In dem Film, den ich für einen sehr guten, gelungen, ja, ich bin sogar versucht zu sagen „pädagogisch wertvollen“ Film halte – ob das Prädikat nun passt oder nicht – geht es um die zentrale Frage: „Was ist ein Vater?“ Schweiger nennt das selbst in seiner Rolle als Drehbuchautor den „zentralen Konflikt“ seiner Geschichte. Diese Geschichte ist schnell erzählt. Ein 42-jähriger Drehbuchautor, der sein Singledasein genießt, massenhaft Affaire mit Frauen hat, deren Namen er oftmals nicht mehr weiß wird drastisch mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Zum einen taucht eine verflossene Freundin auf, die er verlassen hat und die mittlerweile zu Geld gekommen ist. Sie möchte ihn als Co-Autor für die Film-Adaptation ihres Erfolgsromans haben. Parallel dazu setzt ihm eine ehemalige Freundin, die er seit seiner Schulzeit kennt, und die er im Rahmen einer Affaire in Stockholm, als sie auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ist, geschwängert hat, seine 8-jährige Tochter vor die Tür, von der er bis dato noch nichts wusste.
Das dies Probleme aufwirft, lässt sich leicht vorstellen, denn der Lebemann und Gigolo kann nicht und will nicht mit Kindern. Verschärft wird der Konflikt noch, als der bisherige Vater der Kleinen, nachdem er erfahren hat, dass er nicht der leibliche Vater ist, auftaucht und Ansprüche anmeldet.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich ein Gespräch mit einer Mutter, die mich direkt ansprach, ob ich denn auch Kinder hätte. Überrascht verneinte ich und bemerkte ironisch, dass mir Gott diese Gnade versagt hätte. Freundlich aber bestimmt kam darauf die Frage: Noch nicht, oder?
Ich erklärte ihr flüsternd, dass ich in diesem Jahr neununddreißig würde, und dass ich mich langsam damit abfinden würde, dass ich wohl kein Vater mehr werden würde. Der Zug sei abgefahren oder das Ding sei durch und hinter'm Pflug wäre geackert.
Blödsinn, bekam ich zur Antwort, hier am Land wäre das wohl so, aber in einer Großstadt wie Berlin, Frankfurt oder München sei ich in diesem Alter ein relativ junger Single.
Ich bemerkte konsterniert, dass ich aber nun mal nicht sechzig sein wollte, wenn meine Kinder zwanzig wären. Sie sehen aber erstens nicht aus wie ein fast 40-Jähriger und außerdem hätten Männer doch kein Verfallsdatum. Die könnten immer. Das sähe bei Frauen doch ganz anders aus. Sie hätte sich auch nicht träumen lassen, einmal nur ein einziges Kind zu bekommen.
Dieses Gespräch veranlasst mich, heute einmal die wichtige Frage zu stellen, ob es wirklich einen gravierenden Unterschied zwischen Single sein auf dem Land und in der Großstadt gibt. Was das Kennen lernen betrifft, ist es wirklich so. Wenn man auf dem Land jemand treffen will, dann muss man gewisse Entfernungen in Kauf nehmen, was in der Stadt wesentlich erleichtert wird. Auf dem Land eine Disco zu finden ist schwieriger, es bleiben nur die Dorfkirmes, Feuerwehrfeste, Kommerze und solche Sachen.
Nun leben wir aber im Kommunikationszeitalter, was bedeutet, dass man im Durchschnitt die meisten Kontakte im Internet über sogenannte Single-Plattformen schließt. Das wirkt sich nicht nur auf die Art und Weise sondern auch auf die Qualität des Kennenlernens aus. Man kann heute alles mögliche über den potentiellen oder auch real existenten Partner erfahren, wenn man Plattformen wie Facebook oder wer-kennt-wen benutzt, oder vermittels Twitter oder Flickr alles mögliche in den Äther bläst, wovon man noch vor einigen Jahren gar nicht gewollt hätte, dass es jeder erfährt.
Leben wir also in einem Glaskasten und kann jeder unser Leben von überall her durchleuchten, ob und das passt oder nicht?
Es gibt viele junge Menschen, die derzeit geradezu einen Rückfall in die Steinzeit vollziehen, in dem sie auf sämtliche moderne Kommunikationsmedien verzichten. Sie besitzen kein Handy, keinen Computer, ja, oftmals noch nicht mal einen Fernseher. Sie sind ganz bewusst analoge Menschen in einer digitalen Welt. Sie gehen auch wieder in Bars und Kneipen, um mögliche Partner kennen zu lernen. Sie verlassen sich auf den Zufall, den Lebenspartner im Supermarkt an der Kasse zu treffen. 
Sicher sind beides Extreme. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, irgendwo in der Mitte.
Denken Sie mal darüber nach.

Montag, 14. Februar 2011

Verluste

Am Valentinstag 2011

Es heißt, wenn ein Mensch geht, geht er niemals so ganz. Er hinterlässt etwas, ein Stückchen, einen Bruchteil, einen Hauch von dem, was ihn ausgemacht hat. Nun kann ein Mensch aber auf verschiedene Art und Weise gehen. Er kann sterben, das ist, mal abgesehen von den unterschiedlichen Varianten des Todes, die absoluteste Form, ein Fluss ohne Wiederkehr, wenn man so will. Er kann aber auch einfach so beschließen, nicht mehr an deinem Leben teilzunehmen, einfach aus deinem Bekanntenkreis oder deinem intimen Umfeld zu verschwinden. Dieses Gehen ist die schlimmere Form, denn wenn jemand stirbt, hat das, neben der Trauer um ihn, auch den Effekt, dass man sicher sein kann, dass man ihm auch nie wieder begegnet. Klingt das jetzt sarkastisch?
Noch schlimmer macht es dieser Mensch, wenn er/sie ohne jegliche Begründung geht. Wenn er/sie dann noch einige wenige Vorwürfe fallen lässt, aus denen sich aber keine ausreichenden Rückschlüsse ziehen lassen, dann ist das mehr als unschön. Es bleibt dann dieses schale Gefühl zurück, dieses schlechte Gewissen, das man sich selber macht, obwohl man wohl wissentlich nichts verbrochen hat, oder besser, nichts verbrochen zu haben weiß oder glaubt.
Es kann sich dabei um Freunde handeln und um Partner; wenn Affairen gehen, stimmt einen das oft eher nicht traurig – sorry about that. Wenn Freunde gehen, kann man gewiss sein, es waren nicht wirklich Freunde, denn eine gute Freundschaft hält auch einmal ein reinigendes Gewitter, einen Wutanfall oder eine Ungerechtigkeit aus, sonst wäre es eben keine Freundschaft. Und somit hat man schon eine ganz passable Entschuldigung parat und der Wert dieses Kontakts wird nicht mehr so hoch angesetzt, was einen dann doch eher beruhigt zurücklässt.
Wenn ein Partner – eine Partnerin – geht, dann ist das schon heikler. Man fragt sich, was habe ich falsch gemacht – komischerweise fragt man sich das in einem solchen Fall zuerst. Man fragt sich nicht, was er/sie angestellt hat oder ob er/sie ein schlechtes Gewissen hat, unter dem er/sie leidet.
Warum nur tut es – egal, welchen Verlust man zu betrauern hat – immer so verdammt weh? Wieso sind es die wirklich bedeutenden Verluste, die einem schlaflose Nächte bereiten, die einen nicht wirklich zur Ruhe kommen lassen und die man sich selber vorwirft, auch wenn man sie gar nicht verschuldet hat?
Ich weiß es nicht und habe darauf auch keine Patentrezeptlösung! Aber es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken. Oder ist dieses Nachdenken schon Zeitverschwendung? Sollte man sich nicht lieber auf die Zukunft und auf neue Menschen konzentrieren, die einem begegnen und begegnen werden?
Denken Sie einmal darüber nach.

Montag, 7. Februar 2011

Auf der Durchreise

Ich bin auf der Durchreise. 
Ich bin es nun schon seit etlichen Jahren. 
Ich habe an verschiedenen Orten gewohnt und gearbeitet, allerdings habe ich mich nie wirklich irgendwo heimisch gefühlt. In der großen weiten Welt bin ich noch nicht wirklich viel herumgekommen. Wien, Paris, Dresden, Langeoog... das waren meine weitesten Ziele. Mein bisheriges Leben spielte sich in geographisch relativ kleinem Rahmen ab, alles so im Grenzgebiet zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen, mit einem kleinen Abstecher an die Mosel. 
Ich bin mit sechsundzwanzig, während dem Studium, daheim in einer Nacht- und Nebelaktion ausgezogen. Raus aus der relativen Sicherheit des elterlichen Wohnhauses und rein in die brutale Realität des Lebens! Zunächst wohnte ich in Koblenz, im Studentenwohnheim, bis ich meinen Abschluss hatte. Dann verschlug es mich für ein halbes Jahr an die Mosel. 
Im Anschluss daran kam ich nach Hessen, unweit der Grenze zu Rheinland-Pfalz in die Bistumshauptstadt. Dort blieb ich zwei Jahre. Danach war mein nächster Wohnsitz auf dem hohen Westerwald, wo ich nach vier Jahren, die angefüllt waren mit reichhaltigen Erfahrungen und einigen nachhaltigen Erfolgen, unsanft verstoßen und in die alte Heimat verschlagen wurde. Hier fand ich ein neues Domizil in einem kleinen Bauernhaus, in dem ich mich häuslich einrichtete. 
Doch egal, wo ich wohnte, überall war ich immer nur auf der Durchreise. Dieses Gefühl verließ mich nie, dass ich dort, wo ich hauste, nie wirklich zuhause war. Und das Allerschlimmste ist, dass ich mittlerweile auch in meinem Elternhaus, in dem ich sonst immer ein Gefühl von Heimat und Zuhause sein verspürte, nunmehr nur noch auf der Durchreise bin.