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Mittwoch, 28. Dezember 2011

Ein Spiel der Schatten



Ich habe nun schon eine geraume Zeit nichts mehr auf meinen Blog geschrieben. Das hatte unterschiedliche Gründe, die ich hier nicht vertiefen möchte, aber mit Sicherheit trug die Masse an Arbeit, die bewältigt werden musste, sichtlich dazu bei. Deshalb nun hier ein Post zum Jahresabschluss 2011, den ich aus einem inneren Bedürfnis heraus schreibe und zu dem ich mich durch eine Facebook-Diskussion genötigt sehe.
Ich war gerade im neuen Sherlock-Holmes-Film. Er trägt den Titel „Spiel im Schatten“ und wurde, wie auch schon der vorherige erste Akt, von Guy Ritchie produziert. Der englische Originaltitel „A Game of Shadows“ spricht nun aber etwas genauer von einem Spiel der Schatten. Sollte hiermit schon ein klassischer zweiter Akt angedeutet werden, in dem bekanntlich die Helden ihre dunkelsten, schattenhaftesten Momente erleben? Und so ist es dann auch.
Der erste Schlag: Watson heiratet; eine durchaus im Kanon der Holmes-Erzählungen bekannte Tatsache, die in vielen Bearbeitungen oftmals weggelassen wird, da sie ja nicht so recht zum klassischen Duo-Charakter zu passen scheint. Und diese „Zerstörung“ der trauten Zweisamkeit wird von Holmes als persönlicher Affront gewertet, als ein Im-Stich-lassen durch seinen besten Freund, der für ihn nebenbei bemerkt auch sehr notwendig ist, damit Holmes' Brillianz richtig zur Geltung kommen kann. Im Film tut Holmes daher alles, um diese Hochzeit ein wenig zu, na, sagen wir mal „sabotieren“.
Der zweite Schlag: Irene Adler arbeitet für den Erzfeind Moriarty. Und damit nicht genug. Die Frau, die für ihn „immer nur die Frau bleiben wird“, stirbt auch noch durch Moriarty's heimtückischen Anschlag. Sie wird zwar scheinbar „ersetzt“, aber die Zigeunerin Sim kann ihr nicht wirklich das Wasser reichen. Sie kann und wird nie den Platz in Holmes' Herzen einnehmen können, den Irene in seinem Herzen einnahm.
Der dritte Schlag: Prof. James Moriarty, der „Napoleon des Verbrechens“ ist ihm immer eine Spur voraus. Ihm ist nicht beizukommen. Egal, was Holmes anstellt, Moriarty und sein Schoßhund, der designierte Offizier Colonel Sebastian Moran, spielen ihr Spiel und lassen Holmes ein wenig mitspielen. Im Übrigen ist die deutsche Synchronstimme von Frank Glaubrecht hier oscarreif.
Der vierte Schlag: Holmes muss auf die Hilfe seines äußerst exentrischen Bruders Mycroft zurückgreifen, jenes undurchdringlichen Staatsbeamten, der nicht wirklich klare Konturen gewinnt und auch nicht gewinnen will, vergegenwärtigt man sich einmal seine Stellung und Bedeutung für den englischen Staat. Besonders hervorzuheben ist hier Stephen Fry, der, wie ich finde, die seit Jahrzehnten beste Darstellung Mycroft Holmes' gibt, allein schon optisch gleicht er der Zeichnung von Paget aufs Haar.
Ich bin tief beeindruckt! Es ist ein Meisterwerk, ein wahres, echtes Meisterwerk in allem und jedem kleinen Detail. Es kommt ja selten vor, dass ich so überwältigend überzeugt bin, aber dieser Film hat mich überzeugt.
Wenn man ihn sich ansieht, sollte man einmal auf die kleinen Feinheiten achten, nicht nur auf die unzähligen Anspielungen auf den Kanon (von Moran über Moriarty bis zum Reichenbach-Fall), nein, auch auf die liebenswerten Zitate aus anderen Filmen, die Vermittlung von deutscher Kultur von Mozart's Don Giovanni bis zu Schubert-Liedern, wie der „Forelle“, deren Text eine Ausdeutung der geheimen Sprache eines Christian Daniel Friedrich Schubart filmisch erfährt, wie sie nie dagewesen ist. Auch die Bedeutung des Schach-Spiels als große Metapher auf das Ringen zweier großer Intellektes miteinander und so weiter, und so weiter ...
Ich bin wie gesagt tief beeindruckt und alle, die Guy Ritchie immer belächelt haben und in eine bestimmte Ecke zu drängen versuchen, werden durch diese Arbeit Lügen gestraft. Ein guter Freund äußerte sich folgendermaßen dazu: „Auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn. Es sind zwei Filme, die er bisher gemacht hat, die ansehnlich waren. Whow, er hat es geschafft, nach sieben Fehlversuchen zwei gute Filme zu machen.“ Oder ein anderer Kommentar lautete: „Guy Ritchie als Meister zu bezeichnen, käme der Behauptung gleich, der Papst sei keusch.“ Dazu bleibt nur zu sagen, dass die Anzahl der „Fehlversuche“ noch kein Indiz für fehlende Kompetenz ist. Er hat einen alten, vielen Menschen schon fast „heiligen“ Stoff neu interpretiert und erzählt, in dem er die alten Texte Doyles einmal gegen den Strich gebürstet hat und das herauslas, was sonst nur in Nebensätzen zu finden ist. Er hat sich wieder einmal - wie bereits in seinem ersten Holmes-Film - vor dem literarischen Werk Doyles verbeugt, er hatte eine wirklich gute Idee, er hat daraus ein tolles Drehbuch gemacht, er hat sehr gut gecastet, passend, wie ich finde, und bevor jemand das kritisiert und nicht anerkennen kann, soll er es erst einmal selbst so hinbekommen, geschweige denn, dann man bekanntlich über nichts urteilen sollte, was man nicht kennen gelernt hat. Mal sehen, ob der geneigte Kritiker es direkt im ersten Versuch schafft, besser zu sein, ansonsten sollte er besser schweigen. Denn was bedeutet "Kritik" ursprünglich denn? Das griechische Wort "kritein" heißt übersetzt soviel wie "unterscheiden". Und unterscheiden kann ich nur das, was ich kenne.
Man darf nun also gespannt sein auf den dritten Akt dieses gelungenen Spektakulums. Ich möchte denselben Satz, den Johannes Brahms einst nach dem Hören des Straußwalzers "An der schönen blauen Donau" auf die Noten desselben schrieb, gerne auch hier abschließend schreiben: "Leider nicht von mir!"
Denken Sie einmal darüber nach.

Donnerstag, 22. September 2011

Papst Benedikt XVI. spricht vor dem Deutschen Bundestag

Heute sprach der Papst (Benedikt XVI. alias Josef Ratzinger) vor dem deutschen Bundestag. Es hatte im Vorfeld eine Menge Rummel um diese Auftritt des Papstes gegeben, eine Menge Proteste und verbale Attacken, verbunden mit enormen emotionalen Ausbrüchen, sowohl von Politikern als auch von Privatpersonen. Wenn ich nun im Folgenden den Wortlaut dieser Rede hier wiedergebe, dann tue ich das, weil ich das für eine wirklich gelungene Rede halte, zu deren Thesen und Behauptungen ich uneingeschränkt ja sagen kann, und deren große Weisheit ich mit großer Ergriffenheit empfinde - er hat ihnen allen ein Schnippchen geschlagen. Ich verneige mich vor und bewundere diesen großen alten Mann, den Bischof von Rom, den Hauptverantwortlichen für die ganze katholische (=allgemeine) Christenheit.

Hier nun die Rede im Originalwortlaut, als Quelle diente mir folgender Link: 
http://www.welt.de/debatte/article13620503/Die-Politik-muss-mehr-moralische-Verantwortung-uebernehmen.html

Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Bundesratspräsident!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat.

In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten?

Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, ohne den er überhaupt nicht die Möglichkeit politischer Gestaltung hätte.

Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind.

Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren.

Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen. In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein.

Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage.

Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.

Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.

In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie … sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab …“

Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen.

Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so dass man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist.

Grundlegend ist zunächst die These, dass zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.

Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das Gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis.

Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.

Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzu sehr missverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet.

Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen.

Erlauben Sie mir, bitte, dass ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. – Es tröstet mich, dass man mit 84 Jahren offenbar doch noch etwas Vernünftiges denken kann. – Er hatte gesagt, dass Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur mit eingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu. Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis.

Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.

Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt würde? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Samstag, 9. Juli 2011

Miss Sara Sampson & Emilia Galotti - Briefwechsel

Und wieder mal fand ich beim Aufräumen eine kleine Kostbarkeit, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. 

Im Wintersemester 2010/2011 entstand, im Rahmen des Seminars über das Bürgerliche Trauerspiel in der Sitzung vom 19.11.2010 bei Prof. Dr. phil. Helmut Schmiedt folgender fiktiver Brief.

Hintergrund war eine Aufgabenstellung zum Vergleich der Lessing-Dramen "Miss Sara Sampson" und "Emilia Galotti". Um beide Stücke besser miteinander vergleichen zu können, verglichen wir einzelne Personen aus diesen Stücken miteinander, die in etwa vergleichbare Positionen in den jeweiligen Stücken vertraten. (Ich gebe zu, dass dieser Satz grausam ist, wenn ich gleich dreimal die Wortfamilie des Begriffs "vergleichen" bemühen muss. Aber mir fiel beim besten Willen keine andere Formulierung dazu ein.) 

Um diesen Vergleich ansprechend zu gestalten, sollte eine Person aus dem einen Stück ihrer ihr entsprechenden Person des anderen Stücks einen Brief schreiben. In meinem Fall musste ich aus der Sicht von Sara Sampson einen Brief an Emilia Galotti schreiben. Folgendes kam dabei heraus:

Juli 1755 

Meine liebe Emilia,



nun, da ich tot bin, kann ich dir endlich einmal in Ruhe schreiben und dir auf deine Frage in aller Ausführlichkeit antworten, was mich denn nun in den Tod getrieben habe. Ach Gott, ja, es war schon eine echte Tragödie, das alles, und doch, auch wenn mir oft vorgeworfen worden ist, meinem Tod mangele es an einer plausiblen Motivation und allem, was mir passiert ist, fehle es an Stringenz, so muss ich dir doch sagen, dass es ja so kommen musste. Ich war eben jung, in Liebesdingen völlig unerfahren, von Vater und Liebhaber völlig alleingelassen und einer aggressiven und wolllüstigen Furie wehrlos ausgeliefert. 

Doch der Reihe nach. Wenn man sich von einem charakterschwachen, wankelmütigen Manne wie Mellfont verführen lässt, mit ihm durchbrennt und sich in einem drittklassigen Provinzgasthof verschanzt, dann kann das ja nicht gutgehen. Ich habe ihn angefleht, ihn angebettelt, dass er mich heiraten möge, um mich aus dieser doch recht unseligen Lage zu rehabilitieren, doch er hat sich immer wieder herausgewunden. 

Mein Vater war mir nachgereist, ohne sich jedoch zu erkennen zu geben, im selben Gasthof abgestiegen und hatte dort inkognito Quartier bezogen. Ach, mein guter Vater, aber auch er war zu schwach, wie ich mich überhaupt immer nur in Gesellschaft schwacher Männer befunden habe. Er hatte den Verführer doch ins Haus geholt. Er hatte, als er seinen Fehler erkannte, nicht konsequent genug gehandelt, sondern mich mit meiner, ich muss es leider eingestehen, moralischen Starrheit und Unselbständigkeit im Stich gelassen. Er hatte mich damit schutzlos der aggressiv-erotischen Eifersucht meiner Rivalin preisgegeben, einer Rivalin, liebste Emilia, das musst du mir glauben, die ihresgleichen nicht hat auf dieser Welt. 

Marwood, so ihr Name, wurde mir erst von meinem feinen Herrn Liebhaber als Verwandte vorgestellt, entdeckte sich mir dann aber als seine ehemalige Geliebte, die er mitsamt seiner unehelichen Tochter sitzen gelassen hatte. Sie war sehr erfahren in Liebesdingen, oh ja, war von agressivem und expressivem Wesen und ihrem Auftreten nach eine fraulich-reife Erscheinung, der ich junges, dummes, tugendhaft-verführtes Mädchen nichts, aber absolut nichts entgegen zu setzen hatte. Brüsk und frech trat diese Person auf, nachdem sie zuvor vorgab, zutiefst gedemütigt und völlig zurückgestoßen von Mellefont zu sein, womit sie mich völlig an die Wand spielte. Doch am härtesten traf mich ihre unverschämte Ankündigung, dass mich Mellefont ebenso wie sie in Kürze beiseite schieben und verlassen werde. 

Sie war mir so ähnlich, diese verstoßene, gedemütigte und altgewordene Geliebte. Sie durchschaute meinen liebenswürdig-schwachen Verführer, entlarvte seine Untauglichkeit zu Ehe. Sie machte mir klar, mir, der ich das wohl durch meine Tugend bedingte Arroganz nicht wahrhaben wollte, geschweige denn sehen konnte, dass zur Liebe wohl jenes erotische Unterfutter gehört, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt weder etwas gehört, noch irgendeine Ahnung hatte. Mellefont jedenfalls war triebhaft und haltlos, und als ich das erkannte, war es zu spät. Er wurde zu einem Werkzeug Marwoods, welches ihr half, den Weg ihrer Intrige zu ebnen. 

Ob das Gift von ihr war, das mich letzten Endes umbrachte, weiß ich nicht genau, dennoch aber nehme ich es an, denn sie ist die einzige, die ein wirkliches Motiv zur Tat gehabt hat. 

Sei nicht traurig, dass es so gekommen ist. Ich hoffe, du machst keinen ähnlichen Fehler wie ich. Unsere Familien sind oftmals nur vordergründig das, was wir dafür halten. Gleichsam einer Ideologie verklären wir oft, ohne die Menschlichkeit in Betracht zu ziehen und insbesondere die menschliche Schwächen und so will ich mich auch bescheiden. 

Behalte mich stets in guter Erinnerung und halte mein Angedenken in Ehren.

Deine Sara

Montag, 4. Juli 2011

Der Stalker

Es ist unglaublich – egal, wo ich hingehe, verfolgt mich dieser Kerl! Ich werde ihn nicht los. Es ist ja nicht so, dass er mich direkt belästigt, aber ich kann ja nirgendwo mehr hingehen, ohne dass er dort dann auch irgendwann auftaucht. 

Und dieses süffisante Grinsen! Es nervt mich nur noch! Vielleicht sollte ich zur Polizei gehen. Aber was werden die sagen? Werden die mir überhaupt glauben? Immerhin hat er ja auch das Recht, überall da zu sein, wo ich auch bin. Ich weiß es nicht. Was will der von mir? 

Er spricht mich ja auch nicht an. Wenn es wenigstens das wäre. Er steht einfach nur da und grinst mich dämlich an! Ob er taub ist? Ja, das wäre eine Möglichkeit. Ich werde ihn das nächste Mal einfach ansprechen, ihn konfrontieren, ihm sagen, dass ich mich von ihm belästigt fühle. 

Gott sei Dank habe ich im Moment keinen Freund! Das gäbe sicher Ärger! 

Schlecht sieht er ja nicht aus, ein wenig mager vielleicht, schmales, spitze Gesicht, so ähnlich wie … ja, wie eine Ratte. Er wirkt unbeholfen, konservativ ist sein Kleidungsstil. Ob der sich irgendwelche Hoffnungen macht? Der würde doch nie zu mir passen. Allein schon diese abstehenden Ohren und der Pagenschnitt! Fürchterlich! Ich sehe auch keinerlei Freunde, er ist immer allein da. 

Vielleicht sollte ich versuchen, ihn abzuhängen. Ja, eine gute Idee! Ich werde einfach jetzt zahlen und dieses Lokal verlassen. Draußen stehen immer einige Taxis, da werde ich eins von nehmen und ihm einfach davonfahren. Ja, so mache ich es. 

Die Bedienung kommt. Ich sage, dass ich zahlen möchte. Sie nickt und geht. Hoffentlich dauert es nicht so lange. Das Colaglas vor ihm ist noch halb voll, er wird mir nicht so schnell folgen können. 

He, ist das nicht ein bisschen teuer für meine zwei Getränke! Nein, ich gebe kein Trinkgeld diesmal. Ich packe mein Portmonnaie zurück in meine Handtasche. Jetzt heißt es schnell sein. Schnell aufstehen, die Jacke überwerfen, abhauen. Ich warte, bis er wegschaut. Na, nun schau schon in die andere Richtung! Los! Brav! Suggestive Beeinflussung oder so ähnlich nennt man das wohl. Jetzt schnell! 

Endlich, ich bin draußen. Da, das Taxi, ich steige hinten ein. Der Taxifahrer brummt. Ich nenne mein Ziel. Er fährt los. Ich blicke aus der Heckscheibe. Ich sehe ihn nicht … doch, da kommt er! Er sucht mich, er ist verzweifelt. Ha! Geschafft. 

Filmriss! Ich werde wach. Alles tut mir weh, ich kann mich kaum bewegen. Was ist passiert? Es ist nass, ich liege in einer Pfütze. Wo bin ich? So viele Menschen! Es ist dunkel, ich bin eingeklemmt, aber wie … das Auto … ich blicke mich um. 

Vor mir sehe ich den Taxifahrer. Er liegt auf der Seite, seine Augen sind seltsam verdreht. Das Bild ist seltsam schief. Nein, ich bin schief! Ich … o nein, das Auto liegt auf der Seite. Der Fahrer ist … tot … 

Durch das verschmierte, halbgesplitterte Fenster sieht jemand herein. Ich höre eine beruhigende Stimme. Ich höre diese Stimme zum ersten Mal, aber dennoch weiß ich, wessen Stimme es ist. Er ist es. Er holt mich hier raus, sagt er, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich solle ruhig bleiben. 

Ruhig bleiben! Der hat Nerven! Ich frage mich immer noch, was eigentlich passiert ist. Ein Unfall vermutlich, ich bin eingeklemmt, das Auto liegt auf der Seite, ich habe Schmerzen. Es wird schwarz. 

Ich erwache. Alles ist weiß. Ich liege in einem Bett. Mehrere Maschinen entlassen Schläuche, schlangengleich, in meinen Körper. Ich lebe. Und da steht ein Strauß Blumen. Es sind schöne Blumen. Ein Riesenschild hängt daran: Gute Besserung, Maus, alles wird gut. Na toll! Nicht einmal hier kann der mich in Ruhe lassen. Woher weiß der eigentlch, wo ich … 

Ein Mann in Blau kommt herein. Er lächelt mild. Ah, ich sei wach, meint er, das wäre ein gutes Zeichen. Ob ich mich erinnern könne, was passiert sei, wer ich sei. Ja, ich kann es. Wie komme ich hier her? 

Das Taxi hatte einen Unfall. Wenn mich nicht ein Mann aus den Trümmern gezogen hätte, wäre ich jetzt tot. Nein, bitte nicht das! Sollte mir mein Stalker etwa noch mein Leben gerettet haben? Jetzt werd ich ihn wohl nie wieder los … nie … 



(Diese Kurzgeschichte entstand im Rahmen eines Seminars über Lyrik nach 1945 an der Universität Koblenz-Landau am 03.07.2011. Die dazugehörige Aufgabe war, im Rahmen eines handlungs- und produktionsorientierten Herangehens an ein Gedicht, eine Geschichte zum Gedicht zu entwerfen. Das Gedicht, auf das sich dieser Text bezieht, ist Robert Gernhardts "Der Zähe" von 1987.)

Samstag, 25. Juni 2011

Ferienbeginn

Ferienbeginn. In dem einen Wort liegt soviel an Bedeutung(en). Neulich war ich nachmittags in Koblenz unterwegs. Ich war nicht allein und mit meiner Begleiterin in ein angenehm kurzweiliges Gespräch vertieft. Wir waren unterwegs am Ufer der Mosel in Richtung des Deutschen Ecks.

Da wurde ich plötzlich unterbrochen von drei jungen Leuten, die dort in Höhe der ersten Beete, die wegen der BUGA angelegt worden waren, auf einer Bank saßen. Ich weiß gar nicht mehr, ob es nun drei junge Damen waren oder ob da auch noch ein junger Mann dabei war, allerdings erinnere ich mich noch sehr genau, dass mich eine dieser drei mit einem strahlenden Gesicht musterte und sich allerdings auch selbst nicht schlüssig war, ob sie mich kannte. Rasend schnell suchte ich in meinen Erinnerungen, mein Geist scante quasi mein Gehirn, doch so richtig wollte ich keine Übereinstimmung finden, die mir eine Ahnung davon vermittelt hätte, wer die junge Frau war. Wir sahen uns eine kurze Weile an, dann hub sie an zu sprechen, doch ich wehrte ab und sagte – schneller als es vielleicht gut und richtig war: „O nein, ich habe Ferien, ich kenne euch jetzt nicht!“ Damit drehte ich mich weg und ging mit meiner Begleitung weiter.

Doch seit dieser Begegnung lässt sie mir keine Ruhe mehr. Hatte ich das Recht dazu, so mit der jungen Frau umzugehen? Ich sehe immer noch den Ausdruck, der sich als Reaktion auf meine Aussage auf ihrem Gesicht widerspiegelte. Überraschung, Unverständnis, das Überlegen, ob ich das im Scherz gemeint haben könnte, aber auch Empörung, Wut und verletzter Stolz. 

Wer sie wohl gewesen ist? Ob ich das jemals erfahren werde? Sie könnte eine Schülerin gewesen sein, eine Ehemalige, eine Studentin, die ich von der Uni kannte … tja, und all diese Unsicherheit, all dieses Nachdenken nur eines unbedacht geäußerten Satzes wegen, einer Ablehnung von Kommunikation, einem Nachgeben von spontanen Lust- beziehungsweise Unlustgefühlen?

Ferienbeginn. In dem einen Wort liegt soviel an Bedeutung(en).

Montag, 13. Juni 2011

Lehrer, Leerer

Lieber Leser, weißt du, was das Wort „Lehrer“ bedeutet? Na sicher weißt du das, denn immerhin hast du, wie jeder andere Mensch, der in einem sogenannten zivilisierten Land aufgewachsen ist, selbst viele solcher Männer und Frauen erlebt, die sich mit dem Wort Lehrer bezeichnen und anreden ließen und lassen. Mal ganz nebenbei: Solche Leute gibt es natürlich auch in sogenannten nicht zivilisierten Ländern der Erde; dort werden sie unter Umständen anders genannt, aber das ist auch alles. Außerdem ist das hier nicht das Thema. 

Ein Lehrer ist demnach einer, der mal mehr mal weniger erfolgreich versucht, jemandem (in der Regel seinen Schülern – und auch allen anderen, die nicht seine Schüler sind und die sich nicht schnell genug davor retten können) etwas beizubringen. Dabei tut dieser Mensch so, als sei er das Nonplusultra und als habe nur er allein den Durchblick. 

Geliebt, gehasst, gefürchtet und total verkannt, ist der Lehrer ein Wesen, welches im Alltag trotz seines enormen Wissens eher durch den Drang, dieses Wissen zu verströmen, denn durch praktische Lebenstauglichkeit auffällt. Ein Lehrer hat in der Regel viel zu viel frei – nein, mache nicht den Fehler und addiere die Tage der Schulferien, das frustriert nur. Und ein Lehrer steht immer in einer nicht näher nachvollziehbaren Verbindung zu einer Einrichtung, die sich Schule nennt, Schule, Haus des Lernens, Bildungsanstalt, Penne, wie auch immer. 

Der Lehrer verteilt Noten, Klassenbucheinträge, Strafarbeiten und was die Klaviatur der Bestrafung noch so hergibt und er erfreut sich entweder einer totalen Beliebtheit oder wird gehasst und gemieden. Er verbringt oft mehr Zeit mit einem, als die eigene Familie und ist Papa und Mama und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Sozialarbeiter und Jobvermittler und noch so vieles mehr in einer Person. 

So ein Lehrer ist schon ein wunderlicher Zeitgenosse und so ein Lehrer war damals auch ich, beziehungsweise, ich hatte vor, so einer zu werden.

[Auszug aus: Peter Wayand, Lehrer, Leerer. Aus dem Leben eines Realschullehrers. Eine Reise. Fragment] 

Dienstag, 5. April 2011

Star Trek - Gynesis

Computerlogbuch der Enterprise, Sternzeit 2011,4, Zusatzeintrag: In die umfangreiche Biblioteksdatenbank des Schiffes wurde als neuester Bestand das Werk des jungen, äußerst beeindruckenden Autors Thomas A. Herrig unter dem Titel "... wo noch nie eine Frau zuvor gewesen ist ... - 45 Jahre Star Trek und der Feminismus" aufgenommen. Herrig nähert sich in seinem Werk auf äußert nüchterne, sachliche, streng wissenschaftliche, aber durchaus nicht humorlose Art und Weise zwei auf den ersten Blick scheinbar unvereinbaren Themengebieten, nämlich der Geschichte Star Treks und der des Feminismus. Dabei zieht er beeindruckende Parallelen zur jeweiligen Zeit- und Geistesgeschichte und zeigt auf, wie eine ursprünglich als triviale Unterhaltungsserie gedachte Fernsehreihe sich zur gehobenen, anspruchsvollen Unterhaltung mausert, die nicht nur ein eigenes Universum erschafft, in dem eine eigene Philosophie herrscht und die fiktive Geschichte der Menschheit in der Zukunft fortzuschreiben versucht, sondern auch noch eben in der konsequenten Weiterentwicklung der spezifischen Frauenrollen der eigenen Gegenwart der Menschheitsgeschichte den Spiegel vorzuhalten scheint. 


Das vorliegende Werk zeugt von einer tiefgreifenden Beschäftigung mit der Thematik, überzeugt durch profunde Kenntnisse in der Sache und wohltuend nüchterne Auseinandersetzung in einem für ein solches Thema notwendigen wissenschaftlichen Rahmen. 

Und so kommt die Arbeit auch im Gewand einer strengen wissenschaftlichen Abhandlung daher, die allerdings anderen wissenschaftlichen Werken gegenüber einen entscheidenden Vorteil hat: Sie lässt den Leser nicht mehr los! Sie zieht ihn hinein in das Geschehen, mag man nun Trekkie sein oder nicht, sie fasziniert, elektrisiert und ehe man sich versieht, ist man schon einige dutzend Seiten weiter, ohne dass man sich anzustrengen brauchte. Und das können wohl nur die wenigsten wissenschaftlichen Werke von sich behaupten. Dabei ist sie weder populärwissenschaftlich, noch sprachlich trivial gehalten, nein, hier schreibt ein sprachlich versierter, in der Sache hoch talentierter junger Mann, dem mit Sicherheit eine große Zukunft vorausgesagt werden kann, so er denn in diesem Stil weiterzuarbeiten beschließt. 

Inhaltlich gelingt der gewagte Wurf, alle Serien von 1964 an bis zum aktuellsten Kinofilm von 2009 hin zu untersuchen, in geradezu wunderbarer Weise. Herrig verliert sich Gott sei Dank nicht in erschöpfender und langatmiger Detailversessenheit, vielmehr behält er immer den Blick aufs Ganze und zeichnet mit feinem Geschick die großen Linien und Zusammenhänge nach. Dabei gelingt es ihm, kein einseitig lobendes Werk aus der Sicht des Feminismus oder der Trekkiegemeinde zu fabrizieren, sondern er hält trotz deduktiver Vorgehensweise die Faszination, die die Serie immer noch hat, in idealer Weise hoch. Seine Bewertungen sind, wenn überhaupt vorhanden, sehr vorsichtig, ja geradezu subtil, was den Ergebnissen, zu denen er gelangt, etwas geradezu Feinsinniges verleiht. Und seine Ergebnisse sind phänomenal, in ihrer Gesamtheit betrachtet. 

Das Werk schließt, glaubt man dem Vorwort des Fachmanns, eine wesentliche Lücke in der Literatur zur Serie. Doch sei die Frage erlaubt, ob es darauf überhaupt ankommt. Ist es nicht die kreative Idee, die hinter diesem Bestreben, diesem Projekt stand und steht, die Beachtung und Aufmerksamkeit verdient? 

Sollte den geneigten Leser aufgrund dieses Buches nun die Lust zum weiteren Studium, zu weiterer Auseinandersetzung und Diskussion gepackt haben, so eignet sich das Material in Form von Literatur-, Quellenhinweisen und Tabellen, das dem Werk beigegeben ist, mit Sicherheit sehr gut zur Vertiefung der Thematik. Dann hätte das Buch auch seinen Zweck, das Interesse an diesem außergewöhnlichen Phänomen wachzuhalten und zur Beschäftigung damit anzuregen, erfüllt. Und dies ist ihm und seinem Autor von Herzen zu wünschen. Ad astra!

(Rezension des Werks: Thomas A. Herrig, ...wo noch nie eine Frau zuvor gewesen ist ... 45 Jahre Star Trek und der Feminismus, o.A., Tectum: Marburg 2011)

Freitag, 4. März 2011

Beckett und die Trivialkunst des 21. Jahrhunderts

Unverhofft kommt oft – so könnte man die Entstehung des Stücks "Codename Blaue Blume" wohl treffend in drei Worten beschreiben, denn beinahe wäre es eben nie entstanden. Als ich vor einem Jahr auf einer Sitzung der Kroatischen Kulturgesellschaft Koblenz e.V. mit der Idee konfrontiert wurde, auf der Bundesgartenschau im Jahr 2011 mit meiner Theatergruppe aufzutreten, erschien mir das zunächst undurchführbar. Was hatten wir als freie Theatergruppe und insbesondere eine kroatische Kulturgesellschaft einer bundesweiten Veranstaltung wie der BUGA schon zu bieten? – Welche Verbindung gab es? – Doch das Veranstaltungskonzept der BUGA sah unter anderem die Aufführung von Theaterstücken vor und als ich die Aufführungsorte gesehen hatte, keimte relativ schnell in mir die Vision, das bereits im Jahr 2005 von mir uraufgeführte Drama „Babel und Bibel“ von Karl May vor der Kulisse des Ehrenbreitsteins im großen Stil aufzuziehen. Also bewarb ich mich im Namen der Kroatischen Kulturgesellschaft Koblenz e.V. mit einer Infomappe und einem eigens hierfür erstellten fünfminütigen DVD-Filmtrailer, der querschnittartig unser bisheriges Theaterschaffen dokumentierte.

Die BUGA lehnte den Karl May rundheraus ab. Er eigne sich nicht, allerdings habe der Trailer derart überzeugt, dass man gerne das Projekttheater Westerwald – den Namen hatten wir uns eigens hierfür gegeben – auf der BUGA sehen wollte. Ich bekam einen halben Monat Zeit, um ein anderes passenderes Konzept vorzulegen. Die Vorgabe war, es sollte spannend, kurzweilig, am Publikum der BUGA orientiert und vor allem lustig sein. Außerdem sollte es, wenn möglich, irgendetwas mit Koblenz und natürlich mit der BUGA zu tun haben.

Also setzten wir uns zusammen, machten ein Brainstorming, jonglierten mit den krudesten Ideen herum, bis schließlich die zentralen Begriffe Deutsches Eck, Festung Ehrenbreitstein, Greifkanone, Kaiser Wilhelm und Clemens Brentano hängen blieben. Auch sollte es ein Kriminalstück werden, etwas im Stil der alten Mafiafilme. Und es wurde eine Reminiszenz an die ganz Großen, wie Sergio Leones „Der Pate“, „Casino“, „Good Fellas“, „Smokin' Aces“, „Leon, der Profi“, usw. Ja sogar eine augenzwinkernde Verbeugung vor Quentin Tarantinos „Kill Bill“ habe ich mir erlaubt.

Ich machte schließlich aus Kaiser Wilhelm Willi, den Kaiser von Koblenz, einen schmierigen Zuhälter und Unterweltboss, und aus Clemens Brentano einen Kommissar vom BKA, bei dem Peter Falk in der Rolle des schrulligen Inspektor Columbo Pate gestanden hatte.

Noch eine weitere Idee baute ich mit ein. Samuel Beckett war im 20. Jahrhundert ein unglaublicher Erfolg mit seinem Stück „Warten auf Godot“ geglückt, welches zu einem Meilenstein des absurden Theaters werden sollte. In dem Stück geht es – grob vereinfacht – um Wladimir und Estragon, die an einer Bushaltestelle auf einen Mann namens Godot warten, der allerdings nie (an-)kommt. Als Schüler hatte mich dieser Sachverhalt schon aufgeregt und in den letzten Jahren war die Idee gereift, dass ich ein Stück machen wollte, das den Titel „Godot kommt an“ trägt. Die Idee verschwand aber für Jahre in der Schublade. Für das vorliegende Stück reaktivierte ich sie und aus Godot wurde Frank Godot, ein Auftragskiller und Profi mit Herz. Wladimir und Estragon mutierten zu Ede und Ole, zwei Straßenganoven in Anlehnung an den Titelsong zu der Fernsehserie „Großstadtrevier“ von der Gruppe Truck Stop, die sich in den Dienst einer verbrecherischen, weltumspannenden Organisation mit dem Decknamen „Blaue Blume“ gestellt hatten, deren oberster Führer kein Geringerer als der Teufel selbst in Gestalt der grauen Eminenz im Hintergrund ist.

Die Blaue Blume war nun zum einen natürlich dem Symbol der Romantik geschuldet, wie sie Eichendorf in seinem gleichnamigen Gedicht beschreibt als ein Symbol für die Sehnsucht nach der Einheit von Realität und Traumwelt, Möglichem und Mystik, Verstand und Empfindung durch die Realität überschreitende vielschichtige Sinneswahrnehmungen (Novalis); allerdings wurde durch die Blaue Blume auch eine direkte Verbindung zur BUGA ermöglicht.

Hieraus baute ich das Grundkonzept einer Story, deren Inhalt in seiner Vermischung von historisch Korrektem und literarisch frei Erfundenem und künstlich Überspitztem, schon mehr als grotesk war. Trotz alledem gefiel das Konzept und wurde angenommen. Zur Aufführung gelangt das Stück, für dessen endgültige Fertigstellung ich zirka drei Monate benötigte, am 09. August und am 02. September 2011 auf dem RZ-Forum im Kernbereich „Blumenhof am Deutschen Eck“ auf der BUGA in Koblenz. Aufgeführt wird es durch meine eigene Theatergruppe, die eigens für die BUGA den Schritt unternahm, Verein zu werden. 
 
(vgl. Peter Wayand, Codename Blaue Blume. Eine Kriminalgroteske in 12 Bildern, o.A., Verlag 28 Eichen: Barnstorf 2010, S. 7-9)

Sonntag, 20. Februar 2011

Selbstbewusste Außenseiter

Wenn man krank daheim im Bett liegt, tut man plötzlich Dinge, die man sonst nicht tut oder, wie in meinem Fall, schon lange nicht mehr getan hat. Ich habe seit Jahren mal wieder ferngesehen. Ich zappe also so durch die Kanäle und bleibe bei einer dieser unzähligen Talkrunden hängen. Ich fange einen Satz auf, der mich ins Nachdenken bringt. Es handelt sich um eine Definition. Sie lautet sinngemäß: Das Lebenskonzept, das ein Künstler ganz bewusst für sich wählt, ist das eines selbstbewussten Außenseitertums.
Whow, denke ich, wie ungemein tiefsinnig. Aber stimmt das auch? Sind Künstler wirklich besondere Menschen, die selbstbewusst außerhalb der menschlichen Gesellschaft stehen? Außerhalb der Gesellschaft – a-, ab-, diese lateinische Vorsilbe bedeutet soviel wie „weg von“ und die Gesellschaft betreffend wird aus dem Lateinischen kommend im Deutschen mit „sozial“ bezeichnet. Wenn also Künstler Menschen sind, die außerhalb der Gesellschaft stehen, wären sie dann asozial?
Was verstehen wir unter dem Begriff „asozial“? Ist der Begriff nicht in unserer Gesellschaft generell zunächst einmal negativ konnotiert? Sind damit automatisch Künstler gleichzusetzen mit Menschen, die sich generell außerhalb der Gesellschaft aufhalten? Sind, konsequent weitergedacht, Menschen, die außerhalb der Gesellschaft leben, diese Gesellschaft von ihrem Standpunkt aus beobachten und sich auseinandersetzen automatisch auch asozial? 
Denken Sie einmal darüber nach.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Stadt, Land, Single

Heute Nachmittag war ich mit einer sechsten Klasse, die ich in Deutsch unterrichte, in der Dreiuhrvorstellung im Kino. Wir haben uns den neuen Film von Til Schweiger „Kokowääh“ angesehen. Dienstags ist das immer sehr günstig, da ist Kinotag, und man kommt zu wirklich günstigen Preisen ins Kino. Ich mache das ab und an einmal, wenn ich mich bei den Kids bedanken will, weil sie so ordentlich gearbeitet haben und fleißig waren. Es sind in der Regel auch immer einige Eltern mit. 
In dem Film, den ich für einen sehr guten, gelungen, ja, ich bin sogar versucht zu sagen „pädagogisch wertvollen“ Film halte – ob das Prädikat nun passt oder nicht – geht es um die zentrale Frage: „Was ist ein Vater?“ Schweiger nennt das selbst in seiner Rolle als Drehbuchautor den „zentralen Konflikt“ seiner Geschichte. Diese Geschichte ist schnell erzählt. Ein 42-jähriger Drehbuchautor, der sein Singledasein genießt, massenhaft Affaire mit Frauen hat, deren Namen er oftmals nicht mehr weiß wird drastisch mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Zum einen taucht eine verflossene Freundin auf, die er verlassen hat und die mittlerweile zu Geld gekommen ist. Sie möchte ihn als Co-Autor für die Film-Adaptation ihres Erfolgsromans haben. Parallel dazu setzt ihm eine ehemalige Freundin, die er seit seiner Schulzeit kennt, und die er im Rahmen einer Affaire in Stockholm, als sie auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ist, geschwängert hat, seine 8-jährige Tochter vor die Tür, von der er bis dato noch nichts wusste.
Das dies Probleme aufwirft, lässt sich leicht vorstellen, denn der Lebemann und Gigolo kann nicht und will nicht mit Kindern. Verschärft wird der Konflikt noch, als der bisherige Vater der Kleinen, nachdem er erfahren hat, dass er nicht der leibliche Vater ist, auftaucht und Ansprüche anmeldet.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich ein Gespräch mit einer Mutter, die mich direkt ansprach, ob ich denn auch Kinder hätte. Überrascht verneinte ich und bemerkte ironisch, dass mir Gott diese Gnade versagt hätte. Freundlich aber bestimmt kam darauf die Frage: Noch nicht, oder?
Ich erklärte ihr flüsternd, dass ich in diesem Jahr neununddreißig würde, und dass ich mich langsam damit abfinden würde, dass ich wohl kein Vater mehr werden würde. Der Zug sei abgefahren oder das Ding sei durch und hinter'm Pflug wäre geackert.
Blödsinn, bekam ich zur Antwort, hier am Land wäre das wohl so, aber in einer Großstadt wie Berlin, Frankfurt oder München sei ich in diesem Alter ein relativ junger Single.
Ich bemerkte konsterniert, dass ich aber nun mal nicht sechzig sein wollte, wenn meine Kinder zwanzig wären. Sie sehen aber erstens nicht aus wie ein fast 40-Jähriger und außerdem hätten Männer doch kein Verfallsdatum. Die könnten immer. Das sähe bei Frauen doch ganz anders aus. Sie hätte sich auch nicht träumen lassen, einmal nur ein einziges Kind zu bekommen.
Dieses Gespräch veranlasst mich, heute einmal die wichtige Frage zu stellen, ob es wirklich einen gravierenden Unterschied zwischen Single sein auf dem Land und in der Großstadt gibt. Was das Kennen lernen betrifft, ist es wirklich so. Wenn man auf dem Land jemand treffen will, dann muss man gewisse Entfernungen in Kauf nehmen, was in der Stadt wesentlich erleichtert wird. Auf dem Land eine Disco zu finden ist schwieriger, es bleiben nur die Dorfkirmes, Feuerwehrfeste, Kommerze und solche Sachen.
Nun leben wir aber im Kommunikationszeitalter, was bedeutet, dass man im Durchschnitt die meisten Kontakte im Internet über sogenannte Single-Plattformen schließt. Das wirkt sich nicht nur auf die Art und Weise sondern auch auf die Qualität des Kennenlernens aus. Man kann heute alles mögliche über den potentiellen oder auch real existenten Partner erfahren, wenn man Plattformen wie Facebook oder wer-kennt-wen benutzt, oder vermittels Twitter oder Flickr alles mögliche in den Äther bläst, wovon man noch vor einigen Jahren gar nicht gewollt hätte, dass es jeder erfährt.
Leben wir also in einem Glaskasten und kann jeder unser Leben von überall her durchleuchten, ob und das passt oder nicht?
Es gibt viele junge Menschen, die derzeit geradezu einen Rückfall in die Steinzeit vollziehen, in dem sie auf sämtliche moderne Kommunikationsmedien verzichten. Sie besitzen kein Handy, keinen Computer, ja, oftmals noch nicht mal einen Fernseher. Sie sind ganz bewusst analoge Menschen in einer digitalen Welt. Sie gehen auch wieder in Bars und Kneipen, um mögliche Partner kennen zu lernen. Sie verlassen sich auf den Zufall, den Lebenspartner im Supermarkt an der Kasse zu treffen. 
Sicher sind beides Extreme. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, irgendwo in der Mitte.
Denken Sie mal darüber nach.

Montag, 14. Februar 2011

Verluste

Am Valentinstag 2011

Es heißt, wenn ein Mensch geht, geht er niemals so ganz. Er hinterlässt etwas, ein Stückchen, einen Bruchteil, einen Hauch von dem, was ihn ausgemacht hat. Nun kann ein Mensch aber auf verschiedene Art und Weise gehen. Er kann sterben, das ist, mal abgesehen von den unterschiedlichen Varianten des Todes, die absoluteste Form, ein Fluss ohne Wiederkehr, wenn man so will. Er kann aber auch einfach so beschließen, nicht mehr an deinem Leben teilzunehmen, einfach aus deinem Bekanntenkreis oder deinem intimen Umfeld zu verschwinden. Dieses Gehen ist die schlimmere Form, denn wenn jemand stirbt, hat das, neben der Trauer um ihn, auch den Effekt, dass man sicher sein kann, dass man ihm auch nie wieder begegnet. Klingt das jetzt sarkastisch?
Noch schlimmer macht es dieser Mensch, wenn er/sie ohne jegliche Begründung geht. Wenn er/sie dann noch einige wenige Vorwürfe fallen lässt, aus denen sich aber keine ausreichenden Rückschlüsse ziehen lassen, dann ist das mehr als unschön. Es bleibt dann dieses schale Gefühl zurück, dieses schlechte Gewissen, das man sich selber macht, obwohl man wohl wissentlich nichts verbrochen hat, oder besser, nichts verbrochen zu haben weiß oder glaubt.
Es kann sich dabei um Freunde handeln und um Partner; wenn Affairen gehen, stimmt einen das oft eher nicht traurig – sorry about that. Wenn Freunde gehen, kann man gewiss sein, es waren nicht wirklich Freunde, denn eine gute Freundschaft hält auch einmal ein reinigendes Gewitter, einen Wutanfall oder eine Ungerechtigkeit aus, sonst wäre es eben keine Freundschaft. Und somit hat man schon eine ganz passable Entschuldigung parat und der Wert dieses Kontakts wird nicht mehr so hoch angesetzt, was einen dann doch eher beruhigt zurücklässt.
Wenn ein Partner – eine Partnerin – geht, dann ist das schon heikler. Man fragt sich, was habe ich falsch gemacht – komischerweise fragt man sich das in einem solchen Fall zuerst. Man fragt sich nicht, was er/sie angestellt hat oder ob er/sie ein schlechtes Gewissen hat, unter dem er/sie leidet.
Warum nur tut es – egal, welchen Verlust man zu betrauern hat – immer so verdammt weh? Wieso sind es die wirklich bedeutenden Verluste, die einem schlaflose Nächte bereiten, die einen nicht wirklich zur Ruhe kommen lassen und die man sich selber vorwirft, auch wenn man sie gar nicht verschuldet hat?
Ich weiß es nicht und habe darauf auch keine Patentrezeptlösung! Aber es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken. Oder ist dieses Nachdenken schon Zeitverschwendung? Sollte man sich nicht lieber auf die Zukunft und auf neue Menschen konzentrieren, die einem begegnen und begegnen werden?
Denken Sie einmal darüber nach.

Montag, 7. Februar 2011

Auf der Durchreise

Ich bin auf der Durchreise. 
Ich bin es nun schon seit etlichen Jahren. 
Ich habe an verschiedenen Orten gewohnt und gearbeitet, allerdings habe ich mich nie wirklich irgendwo heimisch gefühlt. In der großen weiten Welt bin ich noch nicht wirklich viel herumgekommen. Wien, Paris, Dresden, Langeoog... das waren meine weitesten Ziele. Mein bisheriges Leben spielte sich in geographisch relativ kleinem Rahmen ab, alles so im Grenzgebiet zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen, mit einem kleinen Abstecher an die Mosel. 
Ich bin mit sechsundzwanzig, während dem Studium, daheim in einer Nacht- und Nebelaktion ausgezogen. Raus aus der relativen Sicherheit des elterlichen Wohnhauses und rein in die brutale Realität des Lebens! Zunächst wohnte ich in Koblenz, im Studentenwohnheim, bis ich meinen Abschluss hatte. Dann verschlug es mich für ein halbes Jahr an die Mosel. 
Im Anschluss daran kam ich nach Hessen, unweit der Grenze zu Rheinland-Pfalz in die Bistumshauptstadt. Dort blieb ich zwei Jahre. Danach war mein nächster Wohnsitz auf dem hohen Westerwald, wo ich nach vier Jahren, die angefüllt waren mit reichhaltigen Erfahrungen und einigen nachhaltigen Erfolgen, unsanft verstoßen und in die alte Heimat verschlagen wurde. Hier fand ich ein neues Domizil in einem kleinen Bauernhaus, in dem ich mich häuslich einrichtete. 
Doch egal, wo ich wohnte, überall war ich immer nur auf der Durchreise. Dieses Gefühl verließ mich nie, dass ich dort, wo ich hauste, nie wirklich zuhause war. Und das Allerschlimmste ist, dass ich mittlerweile auch in meinem Elternhaus, in dem ich sonst immer ein Gefühl von Heimat und Zuhause sein verspürte, nunmehr nur noch auf der Durchreise bin.